Ästhetik des Terrors?

Vor einem Monat hatte ich Auszüge aus einer Buchbesprechung von Friederike Böge von der FAZ gebracht, die die Biografie des Taliban Abdul Salam Zaeef zum Gegenstand hatte (1). Gestern brachte die FAZ einen Aufsatz von Nils Minkmar über dasselbe Buch. Herrn Minkmar macht sich mehr noch als Frau Böge die Behauptung Zaeefs zu eigen, die Taliban seien Kämpfer gegen die Korruption und selbst „unbestechlich“. Andererseits schreibt Böge: „So beschwert sich Zaeef, dass viele Vertreter seines Ministeriums vor allem damit befasst waren, die eigenen Taschen zu füllen.“

Ohne denjenigen das Wort reden zu wollen, die Terrorismus auf Armut zurückführen, bin ich doch der Ansicht, dass Armut Ungeist gebiert und etwas Schlechtes und zu Bekämpfendes ist. Die Mohammedanisten sind arm, weil sie Mohammedanisten sind, aber die Armut erschwert ihnen auch das Erkennen von Klo H. Metzels abgrundtiefer Perversion. Minkmar: „Mit der Zeit wird er alt genug, gegen die ungläubigen sowjetischen Besatzer zu kämpfen – eine wirkliche Alternative gibt es auch nicht in einer Region ohne Wirtschaft oder Wissenschaft.“

Quantara bringt ein Interview mit der ägyptischen Frauenrechtlerin Mariz Tadros (2). Sie sagt: „Wenn beispielsweise Frauen oder Mädchen bis zum Alter von 16 Jahren heiraten, gilt dies in Ägypten als Gesetzesverstoß. Die Idee dahinter ist der Schutz der Kinderrechte. Prinzipiell ist dieses Gesetz also sinnvoll. Doch sind die Familien oft so arm und so verzweifelt, dass sie ihre Töchter überzeugen können, dass es in ihrem besten Sinne ist, zu heiraten. In diesen Fällen fällt es ihnen leicht, ihre Ausweise zu fälschen, so dass die Mädchen bereits mit 13 oder 14 Jahren heiraten können, wenn die von ihnen vorgelegten Dokumente sie als 16jährig ausweisen. Für viele Familien ist dies der einzige Weg, mit der Armut umzugehen – indem die ‚Last‘ jemand anderem aufgebürdet wird.“

Vielleicht sind einige Taliban wirklich so gehirngewaschen, dass sie den Jihad um jeden Preis führen wollen, aber meist wird doch der alte Spruch gelten: „Jeder ist käuflich, es kommt auf den Preis an“. Und es ist allemal sinnvoll, den Jungs eine Alternative zu bieten bzw. sie zu kaufen, bevor sie Taliban werden.

Bedenklich finde ich die unverhohlene Sympthie, die Herr Minkmar den Fussels entgegenbringt, und die ungleich größer ist als die gegenüber der gewählten Regierung. Im folgenden Text werden Sie sehen, wie er die Bezeichnung der Entscheidung zum Jihad als einer „ästhetischen Entscheidung“ unreflektiert übernimmt, und sich damit ziemlich nahe zu Mammut Gardinenstange bringt, der von der „Kunst“ des Selbstmordattentats faselte (3). Nun ja, wenn wir solcherart zu einer „ästhetischen“ Auseinandersetzung gezwungen werden, wird sich zeigen, dass wir auch dort über die besseren Argumente verfügen bzw. über eine überlegene „Ästhetik“. Und es wird sich zeigen, ob sich die „Werke“ der „Ästhetik des Terrors“ auf Dauer ökonomischen Kriterien entziehen können, falls dies überhaupt je der Fall gewesen sein sollte. Auf dem Foto oben sehen Sie übrigens ein paar Tommies mitten in der Debatte.

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Mäßigung als Verrat

Wie wird man eigentlich zum Taliban? Abdul Salam Zaeef, einst Mitglied der afghanischen Regierung und Häftling in Guantánamo, hat zwei amerikanischen Wissenschaftlern sein Leben erzählt – Selbstlosigkeit, Opferbereitschaft, Frömmigkeit – lauter TUGENDEN, die wir aus der ANTIKE kennen. Zaeefs Leben beginnt 1968, die historischen Umstände seiner  Kindheit passen aber eher ins Jahr 1648.

Jeder hat eine Meinung zu den Taliban, aber wer kennt deren Meinung über uns? Wer hat je einen gesprochen oder auch nur sprechen hören? Unzählige Meinungen, Berichte und Kommentare über Afghanistan sind über uns hereingebrochen, aber wie viele davon stammten von Afghanen? Wie viel gar von entscheidenden Akteuren? Die Taliban haben die Welt erschreckt, dann wähnte man sie besiegt, und nun, nach neun Jahren Krieg, beherrschen sie wieder die politische Bühne Afghanistans. Jetzt ist man sich im Westen einig darüber, dass sie „eingebunden“ werden sollen, findet plötzlich, dass sie uns die Last ihres Landes abnehmen könnten. Jedenfalls die „gemäßigten“ unter ihnen. Aber was versteht ein Taliban unter dem rechten Maß?

Zum ersten Mal gibt es nun ein Buch, das ausführlich das Leben, Haltungen und Werte eines hohen Taliban wiedergibt. Den in Kandahar lebenden amerikanischen Wissenschaftlern Alex Strick van Linschoten und Felix Kuehn ist es gelungen, Abdul Salam Zaeef dazu zu bewegen, ihnen die Geschichte seines Lebens zu erzählen. Daraus haben sie ein wissenschaftlich annotiertes Werk gemacht, das augenblicklich zur Pflichtlektüre aller Politikplaner, Militärstäbe und interessierten Bürger avanciert, denn auf Leuten wie Zaeef ruht gegenwärtig die gesamte Afghanistan-Strategie. Zaeef gehört zu den Gründungsmitgliedern der Bewegung und gab ihr, als afghanischer Botschafter in Pakistan, ein Gesicht. Er war der einzige Repräsentant des Regimes, der sich überhaupt internationalen Journalisten stellte. Später wurde er festgenommen und jahrelang in Guantánamo inhaftiert. 2005 wurde er freigelassen, ohne dass je Anklage gegen ihn erhoben worden wäre. Heute lebt er in Kabul, gilt nach wie vor als Schnittstelle zwischen den Taliban und der Welt und wurde auch als der Talib mit dem iPhone bekannt.

Sein Leben beginnt in dem Jahr, das wir 1968 nennen, die historischen Umstände seiner Kindheit passen eher ins Jahr 1648, in die wüste und fromme Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg, vor der Wissenschaft und der Aufklärung. An diesem Leben kann man studieren, wie sich jemand fühlt, der aus einem fernen Jahrhundert in die globalisierte Postmoderne purzelt: Er staunt, hat oft Kopfschmerzen und klammert sich, weil er nicht verrückt werden will, an bestimmte Werte. Der Weg, den Zaeef zurückgelegt hat, ist mit keiner westlichen Biographie zu vergleichen. Er kommt aus der Zeit, aus der unsere Märchen stammen: Die Mutter stirbt früh, der Vater ist da schon alt und als Geistlicher überfordert, die vier Kinder durchzubringen. Er arbeitet lange Tage in der Moschee. Verwandte und Freunde stecken ihm gegen seinen Willen etwas Geld in die Tasche, das jedoch nie reicht. Das Dorf, in dem der Vater als Mullah amtiert, hat weder Strom noch Wasser. Wenn er auf Reisen muss, sind die Kinder alleine zu Hause. In der Nacht hören sie die Wölfe heulen, die immer näher kommen. Eines morgens betet der Vater heftiger und lauter als gewohnt. Die Kinder werden wach davon, eilen zu ihm. Stunden später stirbt er. Da ist Abdul Zaeef sieben Jahre alt. Er und seine Geschwister sind allein, ihre entferntere Familie muss erst umständlich von Nachbarn verständigt werden. Telefone gibt es nicht. Dann werden die Kinder auf verschiedene Zweige der Familie verteilt. Abdul kommt zu einem finsteren Onkel, dem ein zusätzliches Kind gerade noch gefehlt hat. Er wird geschlagen. Nach dem Einmarsch der Sowjets muss die fragmentierte Familie nach Pakistan fliehen.

Der Koran und die Frömmigkeit werden zum Refugium des Jungen. Er äußert einen starken Widerwillen gegen die Machtspiele der Erwachsenen, ihre Interessen und gewalttätigen Praktiken. ZURÜCKHALTUNG, DEMUT und FRÖMMIGKEIT sind die Züge, die er am meisten bewundert und an sich pflegt. Mit der Zeit wird er ALT GENUG, gegen die ungläubigen sowjetischen Besatzer zu kämpfen – eine WIRKLICHE Alternative gibt es auch nicht in einer Region ohne Wirtschaft oder Wissenschaft. Zaeef führt ein Leben mit beständiger Kampf- und Gewalterfahrung. Es lässt sich nicht zählen, wie oft er beschossen, geschlagen und verletzt wird. Mehrmals gerät er in unmittelbare Lebensgefahr, wobei er nie von einer Gefahr sprechen würde, sondern stets davon, dass sein Wunsch, als Märtyrer zu sterben, kurz vor der Realisierung stand.

Die HINGABE an einen religiös motivierten, nationalen Befreiungskampf, an den Dschihad gegen die Sowjets, ist auch eine moralische und ÄSTHETISCHE Entscheidung. Selbstlosigkeit, Opferbereitschaft, Tapferkeit und Frömmigkeit – es sind TUGENDEN, die wir aus der klassischen Antike kennen, welche die späteren Taliban motivieren. In der Praxis sind sie nicht zu trennen von Handlungen, die wir als Diskriminierung und Grausamkeit verurteilen (gut! T.), die für die Taliban aber der Ausweis konsequenten, unverdorbenen Handelns sind (Nein, sie SIND grausam und verbrecherisch, T.). Sie verstehen sich von Anfang an auch als eine ÄSTHETISCHE Bewegung. Die Taliban, schwärmt Zaeef über die Jahre ihres Erfolgs, haben „dem öden Land eine SCHÖNHEIT verliehen“.

Zaeef schildert sehr detailliert, wie sich in den neunziger Jahren die religiös motivierten, ehemaligen Mudschahedin erst lokal, dann regional formieren, um gegen die endemische Landstraßenpiraterie der Warlords vorzugehen und – wie Tyrannen immer ihre Gewaltherrschaft begründen (gut! T.) – Frauen und Knaben vor sexueller Gewalt zu schützen. Zaeef ist dabei, als in der „weißen Moschee“ von Sangisar Mullah Omar als Anführer bestimmt wird, er schwört ihm dort ewige Treue. Die himmlische Motivation der Taliban und ihr Rückhalt in der Bevölkerung führen sie von Sieg zu Sieg.

Nach Jahren des Kampfes kommt ein entscheidender Moment: Da hat sich Zaeef in einem Gefecht mit einer rivalisierenden Truppe verheddert. Dummerweise haben die anderen eine kleine Kanone, was ihnen einen entscheidenden Vorteil verschafft; Zaeefs Truppe verfügt nur über Kalaschnikows. Also läuft er zu seinem regionalen Befehlshaber und bittet um bessere Waffen, woraufhin der ihn nur auslacht: „Warum nimmst du dir nicht einen Panzer? Oder besser gleich drei?“ Denn unterdessen hatten die Taliban das Land erobert und die Kasernen unter ihre Gewalt gebracht. Zum ersten Mal in seinem Leben war Zaeef in einer dominierenden Position.

So beginnen die Jahre der Macht, die zugleich auch den schwierigen Kontakt mit der weiten Welt bedingen. Die meisten Länder FÜHLTEN sich den kaum gebildeten Taliban überlegen, die aber hielten sich für eine FROMME und ASKETISCHE Elite. Besonders schlecht weg kommt bei Zaeef der deutsche Botschafter in der pakistanischen Hauptstadt. Das sei ein arroganter Mann gewesen, der ihm immer mit so ärgerlichen Themen wie den Frauenrechten gekommen sei. Damit hat es der Autor gar nicht. Wenn er besonders gemeine Übergriffe schildern will, dann haben die damit zu tun, dass jemand in seiner Anwesenheit Lieder einer Sängerin spielt, womöglich noch auf Urdu, dann ist der stolze Paschtune so richtig bedient.

Am 11. September 2001 verfolgt Zaeef die Berichte über den Anschlag im Fernsehen, doch während alle im Raum jubeln, fängt er an zu weinen. Nicht aus Mitgefühl für die unschuldigen Opfer, sondern weil er weiß, dass dieser Akt einen weiteren Krieg für seine Heimat und das Ende seiner Herrschaft bedeutet (Sie hätten A*schloch bin K*cken ausliefern können, sie hätten genauso wie Saddam den Krieg abwenden können, aber ihr orkischer Größenwahn machte sie blind für die Realität, T.). In dem Buch findet sich kaum eine Bemerkung zu Al Qaida und Usama Bin Ladin. Zwar betont Zaeef mehrmals die Bedeutung brüderlicher Hilfe unter Muslimen, macht aber genauso oft deutlich, dass er sich als lebenslanger Taliban versteht, also nie als Mitglied von Al Qaida. Man ahnt, dass er sie als unglückselige Ausländer verurteilt, die die Güte seines geliebten Mullah Omar ausgenutzt haben. Schreiben tut er es nicht. Besonderen Abscheu hegt er nämlich für Verräter aller Art, insbesondere für den pakistanischen Präsidenten Musharraf, der den Amerikanern gegen Geld Gefangene ausgeliefert und damit einen „Handel mit Glaubensbrüdern etabliert hat, die er verkauft hat, als wären sie Vieh“.

Die nach JEDEM Recht ILLEGALE Festnahme von Zaeef (behauptet Minkmar, aber ist sie das? Nach Kriegsrecht? Nach Recht des asymmetrischen Krieges? T.) und seine Jahre in Guantánamo bilden die bedrückendsten Kapitel in dem Buch. Außer seiner Funktion in der Talibanregierung kann ihm nichts vorgeworfen werden (Wieso kann man jemand nicht vorwerfen, Mitglied einer terroristischen „Regierung“ zu sein, bzw. ist das nicht an sich schlimm? T.). Pakistanische und amerikanische Soldaten prügeln und foltern ihn (würde ich angesichts der üblichen Lügengeschichten mit Vorsicht genießen, T. – 4), damit er den Aufenthaltsort von Mullah Omar verrät – dem Mann, dem Präsident Karzai nun Frieden anbietet. Die kriminellen Methoden und Verhältnisse in Guantánamo haben aus Zaeef nur insofern einen „gemäßigten“ Taliban gemacht, als er vermeiden möchte, noch mal dorthin zu kommen, und die Machtverhältnisse in einem Konflikt mit den Amerikanern nun realistisch einschätzt. Doch einen, der für seine religiösen und kulturellen Anschauungen so oft zusammengeschlagen wurde, der wiederholt lukrative Möglichkeiten zum Verrat ausgeschlagen hat, wird man weder mit Geld noch mit einer bloß formalen Machtbeteiligung befrieden können.

Die Einbindung der Taliban in die Regierung Afghanistans entbindet den Westen nicht, sondern setzt eine starke und langfristige Militärpräsenz voraus. Die ANDEREN Partner dort, Karzai voran, sind einfach zu KORRUPT, als dass die Taliban sich damit abfinden könnten. Mäßigung ist für diesen Talib jedenfalls ein anderes Wort für Verrat.

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Time am 15. März 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/17/guter-alter-„neuer-krieg“/
2) http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-1169/i.html
3) http://www.welt.de/print-welt/article176827/Kunst_des_Maertyrertums.html
4) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/30/the-fabulous-gitmo-freak-show/

Abdul Salam Zaeef: „My Life with the Taliban“. Edited by Alex Strick van Linschoten and Felix Kuehn. Columbia University Press, 330 Seiten, ca. 24 Euro

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