Gemach, gemach, junger Freund!

Gestern noch wurden sie von einem grausamen Irren drangsaliert, dessen Söhne als Sadisten weltbekannt waren, heute stellen sich den Irakern verschiedene Parteien zur Wahl. Dass Wahlkampf nicht umsonst geführt werden kann, sondern dass es dazu vieler Plakate und Werbespots bedarf, mag einem der ewigen Nörgler als Geldverschwendung erscheinen. Für mich sind die Wahlen im Irak Anlass, hier ausnahmsweise mal drei bekopftuchte Damen zu bringen, die charmant, stolz und gut gelaunt ihre tintigen Wahlfinger zeigen. Das Land ist auf dem richtigen Weg, George sei Dank. Alles Gute, Irak! Alles Gute, Frauen des Irak!

Lesen Sie aber nun die m.E. etwas kleinliche Sicht des irakischen Schriftstellers Abbas Khider (*1973) aus der gestrigen FAZ:

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Staat im Kerzenschein

Die irakische Wahl ist eine Farce

Neulich telefonierte ich mit einem engen Freund aus Bagdad, um mich nach seiner Meinung zu den aktuellen Parlamentswahlen bei dem allgegenwärtigen Terror zu erkundigen. Statt direkt zu antworten, erzählte er von seiner Mutter.

Die alte Dame hatte fünf Jahre zuvor, bei den ersten irakischen Parlamentswahlen nach dem Sturz Saddams, ihre Stimme einer Koalition aus mehreren schiitischen Parteien gegeben, die sich die „Vereinigte Irakische Allianz“ nannte. Dieses Jahr jedoch, bei den zweiten Parlamentswahlen, weigerte sie sich rundheraus, ihr Kreuz zu machen: Die „Kerze des Glaubens“ an die Politik sei erloschen, sagte sie. Damals waren auf dem Plakat besagter Allianz eine Kerze und ein Foto ihres geistigen Führers, des Großajatollahs Ali al Sistani, zu sehen gewesen. Die tiefgläubige Seniorin wünscht sich eine Heimat, die von den heiligen Nachkommen des Propheten Ali al Sistani regiert wird und im Glanz des Glaubens erstrahlt. Bei den diesjährigen Parlamentswahlen jedoch fiel diese Hoffnung in sich zusammen wie ein Kartenhaus: Die Allianz hatte sich in den letzten Jahren zerstritten und war an inneren Streitigkeiten zerbrochen – und mit ihr ihr ideelles Symbol, die lodernde Kerze. Die schiitischen Parteien und sonstigen Gruppierungen schlossen neue Bündnisse, und der Großajatollah verbot seinen Anhängern, seinen Namen und sein Gesicht für politische Zwecke zu missbrauchen.

Propagandistische Bilder scheinen heute so wichtig für die irakischen Politiker wie zu Zeiten der Diktatur, als das Porträt Saddams allgegenwärtig im Lande war. Millionen und Abermillionen Dollar wurden während des diesjährigen Wahlkampfes für vermutlich ebenso viele Plakate verpulvert, mit teils grotesken Ergebnissen: Ein irakischer Journalist schickte mir kürzlich eine E-Mail, in deren Anhang sich ein seltsames Plakat befand, auf dem ein Mann zu sehen war, obwohl für eine Politikerin geworben werden sollte. Die Frau, erklärte man mir, wolle ihr Bild aus religiösen Gründen nicht öffentlich machen und damit ihre Integrität beweisen, um mehr Stimmen unter den Gläubigen zu gewinnen. So musste das Gesicht ihres Ehemannes als Zugpferd der Kampagne herhalten.

Die Mutter meines Freundes, die weder lesen noch schreiben kann, ist völlig auf die Bildbotschaften angewiesen – und mit ihr ein Großteil der irakischen Bevölkerung. Viele werden auf diese Weise mit einfachsten Mitteln manipuliert. Einige Iraker sind zutiefst gottesfürchtig und glauben blind daran, dass die religiösen Führer automatisch für islamische Werte, dauerhafte Sicherheit und öffentliche Dienstleistungen stehen. In der irdischen Politik aber besitze eben niemand einen Heiligenschein, sagte ein in Berlin lebender Iraker zu mir, als er mir stolz seinen von der Wahltinte blaugefärbten Finger zeigte – Beweis, dass er dennoch gewählt hatte. Man müsse pragmatisch denken, wenn man dem Land wieder auf die Beine helfen wolle, belehrte er mich. Dieses Mal habe er deshalb darauf verzichtet, für eine schiitische Partei zu stimmen, und seine Stimme stattdessen einer neuen, vielversprechenden Koalition aus schiitischen, sunnitischen, kurdischen und vielen weiteren Gruppen gegeben. Was die politischen Ziele dieser Allianz sind, konnte mir der Berliner Iraker indes nicht genau sagen. Politische Programme seien für ihn nebensächlich. Er erwarte von den Politikern nur eines: dass alle irakischen Parteien und Gruppierungen Toleranz übten und gemeinsam regierten, um endlich der Gewalt Einhalt zu gebieten.

Die irakischen Politiker jedoch kümmern sich zurzeit mehr darum, das Land mit einer nichtssagenden Werbewelle zu überschwemmen, als die Menschen über ihre tatsächlichen politischen Ziele aufzuklären. Sucht man auf den Websites der Wahlkämpfenden nach ausführlichen Parteiprogrammen, wird man enttäuscht. Statt konkreter Vorschläge etwa zum Aus- und Aufbau des Gesundheits- und Bildungswesens die immer gleichen Platituden: dauerhafter Schutz vor Terroristen und bewaffneten Milizen, unzählige Arbeitsplätze, eine funktionierende Infrastruktur. Wie das alles erreicht werden soll, wird nicht geschildert. Während die marode Hauptstadt zunehmend einer Müllhalde ähnelt und ihre hungernden Bewohner noch immer kein sauberes Trinkwasser haben, wird ein Vermögen in einen nichtssagenden Wahlkampf gesteckt. Ob eine neue Regierung die Probleme des Landes angehen wird, ist daher zutiefst fragwürdig. Eines ist jedoch sicher: Will der Irak endlich zur Ruhe kommen, müssen sich alle ethnischen, religiösen und nationalistischen Vereinigungen an einem Tisch zusammenfinden und einander zuhören.

Nun sitzen viele Iraker wegen der stundenlangen Stromausfälle abends um das schwache Licht der Kerzen. Der Kerzenglanz ist für sie jedoch nicht länger heilig. Die vermeintlichen Lichtgestalten, die von den Plakaten schauen, können dem Volk bislang nicht einmal das künstliche Licht einer Glühbirne bescheren. Doch selbst wenn der neuen Regierung das Wunder gelänge – was werden die Menschen denken, wenn im kalten, grellen Licht der Glühbirnen das Ausmaß der Zerstörung klar und deutlich erkennbar wird? Darüber müssen die Staatsmänner und -frauen im Irak sich endlich Gedanken machen und erklären, wie sie für Trinkwasser, saubere Straßen, Gewaltfreiheit und demokratisches Denken sorgen wollen. Das sind die eigentlichen Themen, die die Iraker heute und noch in ferner Zukunft bewegen werden.

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Time am 18. März 2010

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