Bühne frei für den Counterjihad

Obgleich der Westen seit neun Jahren in den heißen Jihad verwickelt ist und sogar deutsche Soldaten z.B. in Afghanistan kämpfen, erscheint der Counterjihad bei uns kaum als Thema von Kunst und Kultur. Es gab 2006 hysterische Reaktionen wegen der Inszenierung von Mozarts „Idomeneo“ durch Hans Neuenfels (1), die letzteren seinen Job kosteten, es gab den einen oder anderen Krimi mit Schandmord. Von einer Reflexion aber, wie sie in Amerika stattfindet, das einen Film nach dem anderen zum Thema produziert, und wo grade der Irakfilm von Kathryn Bigelow sechs Oscars abgestaubt hat (2), ist man hierzulande weit entfernt. Allerdings, Publikumsmagneten sind derartige Filme auch in den USA nicht, wie Michael Althen für die FAZ vom Mittwoch berichtet hatte (3):

„Wer gedacht hat, der Sieg von ‚Hurt Locker‘ bei den Oscars würde die Neugier des Publikums auf Irak-Filme doch noch befeuern, ist an diesem Wochenende eines Besseren belehrt worden. Kathryn Bigelows Kriegsthriller war ja schon der Oscar-Gewinner mit dem niedrigsten Einspiel seit einem halben Jahrhundert – und auch ‚Green Zone‘ ist in Amerika noch schlechter als befürchtet gestartet, obwohl die Paarung von Regisseur Paul Greengrass und seinem Star Matt Damon nach ihrer Zusammenarbeit bei zwei Teilen der Jason-Bourne-Trilogie bei Produktionskosten um die hundert Millionen Dollar deutlich mehr anvisierte als die neunzehn, die das erste Wochenende einbrachte. Der Irak-Krieg bleibt also ein Thema, das die Amerikaner gern hinter sich lassen würden und dem sie sich sogar dann verweigern, wenn es ihnen als intelligentes Star-Action-Kino präsentiert wird.“

In der heutigen FAZ nun berichtet Gerhard Rohde von der Uraufführung einer counterjihadischen Oper in Osnabrück, die der iranische Komponist und Dirigent Nader Mashayekhi auf die Bühne bringt (Zum Glück haben wir diese Orkdissidenten, sonst wären wir dem Jihad völlig ahnungslos ausgeliefert).

_____

Die Frau ist keine Liebedienerin

Aus mittelalterlichen Versepen wird in Nader Mashayekhis Oper „Neda – Der Ruf“, uraufgeführt in Osnabrück, ein Stück über die iranische Gegenwart.

Am 20. Juni 2009 wird die Iranerin Neda Agha-Soltan bei einer Protestaktion gegen die Präsidentschaftswahlen in Teheran von einem Wachpolizisten erschossen. Der iranische Komponist und Dirigent Nader Mashayekhi sieht die Bilder im Fernsehen. Er arbeitet an einer Oper, die als Titel den Namen des persischen Dichters Nizami tragen soll. In Nizamis mittelalterlichen Versepen spielen Frauen eine ungewöhnlich gewichtige Rolle. Der Blick zurück vollzieht eine Wendung und landet in der Gegenwart, in Iran und immer noch vielen anderen Regionen, in denen Frauen um ihre Rechte in einer männlich beherrschten Realität kämpfen müssen.

Der Komponist sieht seinen Opernentwurf mit einer neuen Situation konfrontiert: Die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit der Gegenwart drängt sich in das Werk ein. Es erhält einen neuen Titel: „Neda – Der Ruf“. Der Tod der iranischen Frau verleiht der Oper eine ungeahnte Aktualität. Nader Mashayekhi ließ sich von der Musikwissenschaftlerin und Regisseurin Nadja Kayali und der Dramaturgin und Autorin Angelika Messner ein vielgestaltiges Libretto schreiben, das sehr geschickt die Zeit-und Handlungsebenen in drei Akten und einem Epilog miteinander verknüpft. In „Nizamis Traum“ verweigern sich drei Frauen, unter ihnen Turandot, dem männlichen Anspruch, ein „himmlisches Geschenk“ für die Frau zu sein. Weil dem Herrscher Nizamis Epos gefallen hat, schickt er ihm zur Belohnung die stolze Sklavin Apak. Nizami respektiert Apaks Anspruch auf Freiheit und will sie gehen lassen. Sie kann jetzt einen freien Entschluss treffen und bleibt bei Nizami.

Im zweiten Akt ist es Apak, die die Frauen zum Gebet ruft – ein unerhörter Frevel aus der Sicht der Männer. Nizami erzählt die Geschichte von der Sklavin Fitna, die sich weigert, die Schießkünste ihres Königs zu bewundern. Alles Übung, meint sie, zum Beweis trägt sie ein Stierkalb auf einen Berg, und das sieben Jahre lang. Als der König die gewachsenen Kräfte der Frau bewundernd erkennt, begreift er die Übungsmetapher. Im dritten Akt liegt die von aufgebrachten Männern vergiftete Apak im Sterben. Die Frauen drängen den Dichter, ihre Geschichten aufzuschreiben und weiterzutragen. Im Epilog erscheinen dann viele Frauen im heutigen Gewand, die nach der Zukunft fragen. Wohin geht der Weg? Komponist und Autorinnen richten den Blick auf die iranische Gegenwart, auf die vielen Gefährtinnen der erschossenen Neda. Das würde vielleicht doch recht plakativ wirken, wenn nicht die brutale Wirklichkeit dahinter aufschiene.

Nader Mashayekhis Komposition umgibt die mehrschichtige Handlung mit einem reichbestückten, vielfarbig glitzernden orchestralen Klang. Expressive Steigerungen und Ausbrüche werden ebenso effektvoll eingesetzt wie Augenblicke des Leisen, Verhaltenen, nach innen Lauschenden. Leicht konventionell bleibt die Stimmführung. Da scheint oft ein eher altmodischer Operntonfall auf, der durch den intensiven Einsatz der Sänger allerdings gleichsam konterkarierend durch vokale Expression überlagert wird. Marco Vassalli als Nizami, Anja Meyer als Apak, Lina Liu (Turandot), Eva Schneidereit (Nushabe) und Natalia Atamanchuk (Fitna) demonstrieren, auf welch hohem Niveau auch an mittleren Musikbühnen wie Osnabrück die Hausensembles stehen. Das gilt auch für das Orchester der Osnabrücker Oper und den von Peter Sommerer einstudierten Chor. Daniel Inbal reizte mit dem Orchester die instrumentalen Farben, aparte exotische Klangkontraste und eine lebendig komponierte musikalische Gestik eindrucksvoll aus.

Die Inszenierung Carin Marquardts (Bühnenbild und Kostüme: Martin Fischer) drängte sich nirgends vor das Werk und dessen Absichten. Die Figuren erscheinen lebendig geführt, die größeren Ensembles mit Chor oft leicht dekorativ arrangiert mit viel Bühnendampf. Man ist ja schon froh, wenn das Regisseurstheater wenigstens die Uraufführung eines Werkes nicht vernebelt.

_____

Time am 20. März 2010

_____

1) http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,439365,00.html

2) http://www.faz.net/s/Rub8A25A66CA9514B9892E0074EDE4E5AFA/Doc~E2B2AB01DC0FD4E7899084BEB5A7AF372~ATpl~Ecommon~Scontent.html

3) http://www.faz.net/s/Rub070B8E40FAFE40D1A7212BACEE9D55FD/Doc~EE598C1701A77462AA76A481B834B1519~ATpl~Ecommon~Sspezial.html

Schlagwörter: , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: