Najem Wali: Palmen

Palma Sola am See Genezareth

Mit diesem Beitrag möchte ich meinen Streifzug durch Najem Walis interessantes und selbstredend über die von mir gebrachten Textstellen hinaus (hier S. 115 ff.) sehr lesenswertes Buch „Reise in das Herz des Feindes“ beenden.

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Im Kibbuz gab es einige Palmen. Die auffälligste stand ganz für sich in der Mitte eines kleinen Feldes in der Nähe des Hauses von Avram und Hagar. Es war eine dicke kurze Palme, nicht so hoch gewachsen wie die Palmen, die ich aus meiner Kindheit kenne. Sie war anders. Ihr Wuchs erinnerte mich an die Palme, die ich einmal zum Protagonisten in einem Roman machen wollte, der Palma Sola – die einzige Palme – heißen sollte. Auch jene Palme war eine besondere unter all den anderen, die stets nebeneinander wachsen und einander brauchen. Je dichter sie zusammenstehen, desto höher und schneller wachsen sie. Und diese Palme? War sie so kurz, weil sie so weit weg von den anderen Palmen gepflanzt worden war? Oder hatte sie sich während all der Jahre fremd gefühlt und begonnen, sich immer mehr von ihren Geschwistern, von den anderen Palmen zu entfernen, die schön aufeinander abgestimmt in Reih und Glied die Straßen des Kibbuz säumten? Vielleicht wollte sich ja die alleinstehende Palme zurückziehen. Es war März. Die Früchte, die die Palme trug, waren noch klein und grün, fast gelb; im Irak nennen wir sie challal. „Diese Palme ist beeindruckend“, sagte ich zu Avram, als wir am Nachmittag des ersten Tages nach unserer Ankunft spazieren gingen. „Hier gibt’s viele“, erwiderte Avram und meinte damit die anderen Palmen. Ich wollte ihm sagen, dass ich die eine, einzigartige Palme und keine andere gemeint hätte, aber stattdessen verfiel ich während unseres Streifzugs durch die benachbarten Felder in einen inneren Monolog…

(…)

Alles an dieser Palme war sonderbar. Ich redete mir ein, dass es „Palma Sola“ sei, eine von Einsamkeit zerrissene, von Traurigkeit bedrohte Palme. „Man vermutet, sie sei sehr alt“, sagte Avram, der meine Gedanken wohl erahnt hatte. „Aber das stimmt gar nicht. Sie steht dort erst seit ungefähr fünfzig Jahren und ist jünger als Israel.“ Wie gern hätte ich ihr all die Geschichten erzählt, die ich von den Palmen wusste. Aber ich fragte nur mich selbst: Warum beschwere ich seinen Kopf mit solchen Geschichten? Und ich beschloss, die Geschichten bei mir zu behalten, wenigstens bis zum zweiten Abend, als wir ein Konzert in einer kleinen Stadt Nahlal in der Nähe von Mizra besuchten.

Nahlal ist eng mit dem Namen Moshe Dayan verknüpft, dem israelischen Verteidigungsminister, der bei den Arabern berühmt wurde, als er sie im Sechstagekrieg am 5. Juni 1967 besiegte. In meiner Erinnerung ist der Ort seit jenem Konzertabend mit einer Geschichte verknüpft, die ich nach der Darbietung im Saal der öffentlichen Bücherei hörte. Bei dem Konzert waren nur sehr wenige Gäste anwesend, die meisten waren Ehepaare im fortgeschrittenen Alter. Als wit nach dem Konzert von den Musikern eine CD der eben gespielten Stücke kauften, näherte sich uns ein Bekannter Avrams. Er war etwa Mitte vierzig oder älter und arbeitete als Lehrer in Nahlal. Er begrüßte uns, als würde er uns schon lange kennen, und stellte uns seine Familie vor, seine Frau und seine Tochter. Die Geschichte, die er mir in jener Nacht erzählte, ließ mich viele andere Begebenheiten und Geschichten vergessen. Er äußerte, er sei sehr froh, dass ich in Basra geboren sei. Es sei für ihn unvermeidlich, mich kennenzulernen, weil alles, was mit Basra zu tun habe, ihn unendlich glücklich mache. Als ich ihn fragte, ob seine Familie ursprünglich aus Basra stamme, erwiderte er mit einem breiten Lächeln auf den Lippen: „Nein, das wäre nicht Grund genug! Wegen der Palmen in unserer Gegend“, rief er. „Jede Palme hier stammt aus Basra. Nicht nur in den Gärten der Kibbuze, sondern alle Palmen, die Sie hier im Norden Israels, in Galiläa, sehen, stammen aus Basra.“ „Auch die Palmen in Mizra?“, fragte ich ihn. „Vor allem in Mizra.“ Daraufhin erzählte er mir eine Geschichte, die Geschichte seines Großvaters.

„In der Zeit vor dem Suez-Krieg reiste mein Großvater in besonderem Auftrag in den Iran, in die Stadt Muhamra, um genau zu sein. Von dort brachte ihn heimlich ein Schmuggler mit einem Boot nach Basra, da er als Israeli nicht offiziell einreisen konnte. Er gab sich als französischer Kaufmann aus. Die Aufgaben, die auf seinen Schultern lasteten, waren gewiss nicht leicht, aber er bestand darauf, auch noch Palmschößlinge von dort mitzubringen. Stellen Sie sich das vor: siebzigtausend Palmschößlinge von einer guten Sorte! Zweifellos wusste er, dass es in Jordanien und im Süden Israels – in der Negev-Wüste oder in der Westbank – Palmen gibt. Aber ich habe ihn oftmals sagen hören: ‚Es gibt nur einen Baum auf der Welt, der den Namen Palme verdient, und das sind die Palmen, die im Irak wachsen, in Basra.‘ Er liebte die Palmen dort, die Palmen Basras. Und es gelang ihm, seinen Auftrag auszuführen, allen Gefahren, denen er ausgesetzt war, zum Trotz. Innerhalb weniger Wochen konnte mein Großvater siebzigtausend Schößlinge kaufen. Er verfrachtete sie heimlich auf ein Schiff, das unter zyprischer Flagge fuhr. Nicht unter französischer Flagge und als französischer Kaufmann, wie ursprünglich geplant. Es war, als hätte er die über dem Suez-Kanal heraufziehende Krise erahnt: Die ägyptische Regierung hatte französischen und britischen Reedereien den Zugang zum Suez-Kanal verwehrt. Die Schößlinge aber kamen wohlbehalten in Israel an.

Die dortigen Palmenexperten interessierten sich ganz besonders für sie und erwogen, eine eigene Zucht aufzubauen. Man müsse nur ein paar notwendige Bedingungen erfüllen, die sie zum Leben brauchten, so dachten sie. Dann könnten sie dieselben Früchte tragen wie im Irak. Doch einige erzählten, dass die irakische Palme so störrisch sei wie ihre Urbesitzer – es falle ihr nicht leicht, sich in der neuen Heimat zu akklimatisieren. Als wegen dieser Schwierigkeiten viele Bauern die Schößlinge zurückgeben wollten, entstanden neue Probleme. Weder die Spezialisten noch die Bauern waren sich bewusst, dass die Palme – wenn man sie zweimal entwurzelt – es nicht erträgt, weit weg von denjenigen zu wachsen, die mit ihr aus demselben Boden Wasser tranken und mit denen sie durch das Salz der Erde verbunden war. Mein Großvater pflegte zu bemerken, dass es sich dabei um eine Art Liebe handle, die nur die Liebenden kennen würden. Daher ließen die Bauern ihn stets holen wenn sie vor einer neuen Schwierigkeit standen. Er sollte erneut die Register inspizieren und ein weiteres Mal die Nummern der Schößlinge vergleichen, um sicherzugehen, dass man sie allesamt nebeneinander gepflanzt hatte. Diese Angelegenheit betrieb man durchaus mit einem Fünkchen Humor, mein Großvater aber war immer mit Eifer bei der Sache. Schließlich waren es seine Schößlinge, die von weither herangeholt worden waren. Sie mussten ja gedeihen. Sobald ein Problem auftauchte, fanden die Spezialisten und Bauern mit Hilfe meines Großvaters die Schößlinge, die sich einen Platz teilten – mit Ausnahme eines einzigen.“

Hier hielt der Mann inne und blickte lächelnd in Avrams Gesicht. „Für den Schößling, der zu der dicken Palme heranwuchs, zu der Palme, die für sich allein neben Avrams und Hagars Haus steht – hat man zwei Monate lang nach einem Partner gesucht, aber vergeblich. Es war, als sei sie schon im Irak allein gewachsen und plötzlich entwurzelt worden. Vielleicht hatte der Wind ihren Samen mit der Luft fortgetragen und am erstbesten Ort in Basra fallenlassen, ehe man sie herausriss und nach Mizra brachte. Vielleicht war es ihr Schicksal, zweimal allein zu wachsen. „Es ist schwer, die Fremde zweimal zu ertragen“, hörte ich meinen Großvater (mütterlicherseits) einmal sagen. Vielleicht hat dies dazu geführt, dass sich die dicke Palme schließlich in ihrem Aussehen von den anderen unterschied.

(…)

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Time am 23. März 2010

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PS.: Einen sehr lesenswerten, aktuellen  Artikel über eine saudi-arabische Dichterin finden Sie unter
http://www.tagesspiegel.de/politik/international/Saudi-Arabien-Islamismus;art123,3064827

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