Dipl. Mulla

Der „Theologe“ Ömer Özsoy, Direktor des Institutes für Studien der Kultur und Religion des Islam an der Goethe-Universität Frankfurt, hat in der gestrigen FAZ seine Position zu dem Plan dargelegt, an deutschen Universitäten Institute für Islamstudien einzurichten.

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Frankfurter Modell für den Reformislam?

Der Wissenschaftsrat empfiehlt Islamische Theologie als neues Fach an deutschen Universitäten. Doch droht nun, nach langer Ignoranz, willkürliche Fächeranarchie.

Der Wissenschaftsrat hat den Fokus seiner Empfehlungen für den Aus- und Aufbau islamischer Studien auf die Frage konzentriert, wie die religiöse Pluralisierung in Deutschland, der auch der hiesige Islam und seine Theologie Rechnung tragen muss, auf einem anerkannten wissenschaftlichen Niveau in universitärer Forschung und Lehre sichergestellt werden kann. Die Bedeutung einer verlässlichen theologischen Basis für den interreligiösen Dialog und die Ausbildung von Wissenschaftlern und Praktikern im Land liegt auf der Hand. Doch muss nach jahrelanger Ignoranz dieser Notwendigkeit vor aktionistischen Schnellschüssen gewarnt werden. Sie könnten zu einer willkürlichen Fächeranarchie innerhalb des Bereichs der Islamischen Theologie führen, und die große Chance wäre damit verspielt.

Die Öffentlichkeit und politische Entscheidungsträger nehmen den Themenkomplex „Islamische Theologie“ in Deutschland vor allem vor dem Hintergrund des akuten Bedarfs einer Imam- und Lehrerausbildung wahr. Doch wer schon jetzt auf die gewünschten Resultate schielt, zäumt das Pferd von hinten auf, weil die Vorbedingung, eine wissenschaftlich ebenbürtige Islamische Theologie zu etablieren, keine schnell überwindbare Nebensächlichkeit ist. Eine vorschnelle Verwendung und Vergabe des Labels „Islamische Theologie“ würde die längerfristigen praktischen Ziele gefährden.

Es gilt, an der Universität keine geringere Aufgabe zu bewältigen, als eine von der Mehrheit der Muslime in Deutschland anerkannte und gleichzeitig wissenschaftlich nachhaltige Forschung und Lehre auf Augenhöhe mit den anderen Fächern zu betreiben. Dabei muss der eigenen muslimischen Tradition mit ihrem klassischen Kanon und ihren etablierten Methoden eine ebenso entscheidende Rolle zukommen wie der wissenschaftlichen Methodenvielfalt der Universität. Zum klassischen Fächerkanon der Islamischen Theologie gehören die folgenden Disziplinen: Koranexegese, Hadithwissenschaft, Islamisches Recht und seine Methodik, rationale beziehungsweise systematische Theologie, die Kenntnis der Prophetenbiographie, die Geschichte des Islam sowie die Ideengeschichte des Islam (Islamische Philosophie, Mystik und Ethik). Ein Lehrangebot unterhalb dieses Mindestkanons wird sich schwerlich als Theologie erkennen lassen und auch unter Muslimen kaum Anerkennung finden. Verantwortliche tun der Sache keinen Gefallen, wenn sie davon ausgehen, mit einer oder zwei Professuren, für die nicht einmal notwendige theologische und sprachliche Kompetenzen zur Erschließung des Islam vorausgesetzt werden, sondern primär die Religionszugehörigkeit ausreichen soll, den ganzen Fächerkanon abdecken zu können.

Vermittelt werden müssen die Analyse und das kritische Hinterfragen des skizzierten klassischen Wissens auf der Grundlage von Primärquellen und mit etablierten wissenschaftlichen Standards und Forschungsmethoden. Es gilt, die klassischen Methoden der einzelnen Grunddisziplinen auch im Kontext neuerer hermeneutischer und historisch-kritischer Methoden zu untersuchen und zu diskutieren, um dem Bedürfnis einer Kontextualisierung und Vergegenwärtigung des islamischen Erbes auch innerhalb der europäischen wertepluralen Mehrheitsgesellschaft Rechnung zu tragen.

Nur so können die Absolventen ihrer fachlichen und gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden. Eine schnell zusammengeschusterte Theologie würde diesem Projekt einen Bärendienst erweisen. Es umzusetzen wäre die Aufgabe der gesamten Universität, da nur eine in ihre Strukturen integrierte Islamische Theologie gute Arbeit leisten kann.

Spannungen sind vorgezeichnet, zum Beispiel bei der Anwendung der historisch-kritischen Methode auf den Islam, die unter Muslimen in Deutschland noch nicht ausreichend diskutiert wurde und daher eher skeptisch betrachtet wird. Doch weder sind solche Ansätze im Islam grundsätzlich unmöglich, noch ist ein solches Denken der abendländischen Tradition vorbehalten. In der deutschsprachigen Rezeption der zeitgenössischen Islamischen Theologie wird jedoch der spezifisch europäische Gehalt überbetont, dessen Aufklärungsmomente nicht selten christlich-theologisch monopolisiert werden. Eine europäische Wissenschaft und Kultur im humanistischen Sinne kann das geistige Erbe des Islam und seine Texte nicht ausklammern, will sie sich ernst nehmen. Arbeiten dazu wie die des Wissenschaftshistorikers Fuat Sezgin oder der Forschungsansatz des von Angelika Neuwirth geleiteten Projektes „Corpus Coranicum“ an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gehen oft unter.

Das historisch-kritische Hinterfragen stellt von Anfang an ein konstituierendes Element der klassischen islamischen Disziplinen dar. Ohne eine historisch-kontextuelle Einordnung und analytische Reflexion wären ein Verständnis der Genese und Exegese der schriftlichen Quellen und eine kritische Authentizitätsüberprüfung von Überlieferungen des Propheten unmöglich. Diese Fähigkeit hat es muslimischen Gelehrten wie Ibn Hazm (994 bis 1064) sogar ermöglicht, historische Bibelkritik zu praktizieren. Sie war zwar polemisch geprägt, ging aber durchaus wissenschaftlich vor. Dieses historische Bewusstsein wiederzubeleben und weiterzuentwickeln ist nicht einem apologetischen Bedürfnis geschuldet, sondern wissenschaftlicher Neugier unter Muslimen zur Erforschung ihrer Tradition.

Als zweites Kernelement der Empfehlungen des Wissenschaftsrates muss die Fachautonomie der Islamischen Theologie diskutiert werden. Wie sind die elementaren Bestandteile einer autonomen Universitätstheologie, die Freiheit der Forschung und die Authentizität der Lehre miteinander in Einklang zu bringen? In Ermangelung einer institutionalisierten Kontrollinstanz hat sich eine historisch vielschichtige und diskussionsfreudige wissenschaftliche Kultur in der islamischen Theologietradition entwickelt, die außerfachliche Kenntnisse integrierte und deren Pluralismus selbst heutige Betrachter erstaunen mag. Eigentlich sollte das Fehlen einer Kontrollinstanz im Islam die Unabhängigkeit der Theologie erleichtern, doch fühlen sich derzeit Fachfremde dazu berufen, dieses vermeintliche Defizit durch ihr Eingreifen und das Proklamieren einfacher Lösungen zu füllen.

Als Exeget fände ich es begrüßenswert und sachdienlich, wenn man sich bei der Durchsetzung der Empfehlungen des Wissenschaftsrates an deren Geist hielte: Er empfiehlt zum Beispiel die Bildung theologisch kompetenter Beiräte, die in der islamischen Welt kein Vorbild haben, als einen unter deutschen Verhältnissen denkbaren Garanten für die Fachautonomie der Islamischen Theologie.

Theologisch-wissenschaftliche Expertise in den Beiräten tut not, weil diese den Empfehlungen zufolge durch ihr Mitspracherecht über die Lehrenden und die Inhalte der Islamischen Theologie mitbestimmen. Es muss deshalb sichergestellt werden, dass nicht am Ende interessierte, letztlich aber fachfremde Laien darüber im Alleingang entscheiden, wer Theologe und was wissenschaftliche Theologie ist. Es besteht der dringende Bedarf an ausgefeilten Modellen, die die Fachautonomie und Forschungsfreiheit besser gewährleisten. Einfach wird das nicht.

Mir ist bewusst, dass unser „Frankfurter Modell“, oftmals aus einem eigennützigen Interesse heraus, mit Seitenhieben traktiert wird. Doch jeder, der ernsthaft an einer tragfähigen Lösung dieser Zukunftsaufgabe interessiert ist, sollte auf das blicken, was in Frankfurt bereits geformt und betrieben wurde, und nicht pauschal von „ausländischer Bildungspolitik“ an deutschen Universitäten reden.

Eine fundierte, anderen Fächern offenstehende, ausbaufähige Ausbildung in deutscher Sprache (mit zur Zeit 130 Studierenden), unzählige öffentliche Veranstaltungen von großer theoretisch-methodologischer Bandbreite, die öffentliche Diskussion von kontroversen wissenschaftlichen Positionen, wie sie bislang weder in der islamischen Welt noch im Westen möglich war, sind beste Beweise dafür, dass weder die Lehrstuhl-Stifterin (das Religionspräsidium der Türkei, Diyanet) noch die Goethe-Universität der Fachautonomie und Wissenschaftsfreiheit Schranken auferlegen.

Gerade als jemand, der sich nicht scheut, auch unbequeme Ansichten zu vertreten, betrachte ich es als meine Pflicht, beide Institutionen von der unberechtigten, geradezu verleumderischen Kritik an unserem Projekt zu befreien. Die Stifterin Diyanet hatte ihre Unterstützung für einen Impuls, islamische Studien, also eine Islamische Theologie in Deutschland zu entwickeln, bereits vor mehreren Jahren zugesichert. Damals stand dies noch nicht auf der politischen Tagesordnung, und es war die Goethe-Universität in Frankfurt, die diese Stiftung wertschätzend angenommen und der Islamischen Theologie ihre Türen geöffnet hat.

Diesen Institutionen gebührt Dank und Respekt dafür, dass sie, als es noch kein öffentliches Bewusstsein für die Notwendigkeit eines solchen Projektes gab und keine öffentlichen Mittel dafür in Aussicht gestellt waren, mit der Pionierarbeit begonnen haben. Die begrüßenswerte Unterstützung der Empfehlungen des Wissenschaftsrates durch die Bundesbildungsministerin Annette Schavan führt offenbar dazu, dass einzelne Universitäten sich mit vorschnell proklamierten Zusagen gegenseitig zu überbieten suchen. Hier ist doch kein Tauziehen angebracht, sondern enge Kooperation und die Bündelung von Kompetenzen; eine rationale Erwägung also, die aus jahrelangen Erfahrungen abgeleitete fachliche sowie organisatorische Überlegungen und Grundvoraussetzungen nicht als sekundär abtut. Die Empfehlungen des Wissenschaftsrats weisen grundsätzlich den richtigen Weg, den es nunmehr gilt, mit besonnenen Schritten zu gehen.

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Insofern er vor „aktionistischen Schnellschüssen“ warnt, ist Herrn Özsoy m.E. Recht zu geben. Falls intendiert ist, an den Instituten für Islamstudien eine moderne mohammedanistische Theologie zu entwickeln, die der historisch-kritischen Methode gegenüber aufgeschlossen ist, die den gewaltsamen Jihad und die Auffassung vom Kloran als originalem, vollkommenen und in allem völlig unveränderbaren Wort des Schöpfers allen Seins ablehnt sowie die Verfassungen der westlichen bürgerlichen Demokratien als unbedingt verbindlich akzeptiert, und falls hier also ein Gegenstand für Mohammedanisten entwickelt werden soll, ist zweifellos ein bestimmter Fächerkanon unabdingbar. Es ist im Interesse seiner Akzeptanz durch die Mehrheit der Mohammedanisten auch sinnvoll, wenn der „Gegenstand für Mohammedanisten“ nicht nur von (objektiven) Wissenschaftlern entwickelt wird, sondern zumindest z.T. auch von ihnen selbst.

Ebenso muss aber m.E. garantiert werden, dass sich Wissenschaft auch wissenschaftlicher Methoden bedient und nicht als das pseudo-gelehrte Geschwätz des Dr. Mammut Gardinenstange daherkommt. Ich stimme Herrn Özsoy grundsätzlich zu, wenn er schreibt: „Es muss deshalb sichergestellt werden, dass nicht am Ende interessierte, letztlich aber fachfremde Laien darüber im Alleingang entscheiden, wer Theologe und was wissenschaftliche Theologie ist“. Ich meine aber, dass Bürger, die vielleicht auf dem Gebiet mohammedanistischer „Theologie“ Laien sind, als Profis auf anderen Gebieten, wenn sie denn z.B. Wissenschaftler sind, durchaus kompetent die Arbeit der zu schaffenden Institute beurteilen und lenken können. Ganz sicher sind sie dazu eher geeignet als das, was an aus der Türkei zu uns entsandten durchgeknallten Mullas zu erwarten ist.

„Jahrelange Ignoranz dieser Notwendigkeit“ von Fieslahminstituten zu konstatieren, ist aus meiner Sicht eine typische Unverschämtheit und Anmaßung der kleinen Minderheit der Mohammedanisten. Der Fieslahm wurde nicht ignoriert, im Gegenteil. Unser Wissen über ihn ist ganz sicher erheblich größer als das Wissen der mohammedanistischen Welt über uns. Nur war der Mohammedanismus kein gravierendes Problem – bis zum Fanal des 11. September. Insofern ist m.E. nun aber auch zu fragen, ob wir bei uns Institute „von Mohammedanisten für Mohammedanisten“ unterhalten sollten, oder nicht eher welche „von Nicht-Mohammedanisten GEGEN Mohammedanisten“. Aber vielleicht ist es sinnvoll, auf verschiedenen Ebenen zu agieren. In diesem Fall vermisse ich jedoch den Gedanken, dann bitte auch Institute mit eindeutiger Ausrichtung gegen den Jihad zu gründen (welcher nach meiner Auffassung mit dem Mohammedanismus identisch bzw. sein inhärenter Aspekt ist) bzw. die deutsche Orientalistik von ihrer schamlosen Verehrung des Mohammedanismus zu reinigen und wieder zu verwissenschaftlichen.

Wie dem auch sein, völlig richtig liegt Özsoy mit seiner Bemerkung, dass es „mit einer oder zwei Professuren“ nicht getan ist. Es ist m.E. auch nicht mal mit ein oder zwei Professuren an jeder größeren Universität getan, falls es das Ziel sein sollte, in der Zukunft die Imamausbildung zu monopolisieren und alle auswärtigen bzw. unzertifizierten „Theologen“ zu marginalisieren oder gar zu kriminalisieren, so wie dies bei uns in Bezug auf die Mediziner beispielsweise von jeher praktiziert wird. Eine geschützte Berufsbezeichnung, also „Diplom-Mulla“, und die Sperrung des Marktes für alle anderen Bewerber ist m.E. jedenfalls das Mindeste, was aus den Bemühungen resultieren sollte.

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Time am 8. April 2010

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auch:
http://www.welt.de/politik/ausland/article7092820/Tuerkischer-Islam-will-Fesseln-des-Staates-sprengen.html

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