Alles läuft rund in Afghanistan

Zum Thema Afghanistan hat Friederike Böge in der heutigen FAZ einen ihrer wie stets sehr interessanten Aufsätze abgeliefert.

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Was treibt Hamid Karzai?

Die Beziehungen zwischen dem Präsidenten und dem Westen sind zerrüttet. Nicht nur in Kabul rätselt man über seine Absichten. Und seinen Geisteszustand.

Wer in diesen Tagen mit Mitarbeitern des afghanischen Präsidialamtes redet, trifft auf Männer, die nervös zur Tür schauen und das Thema wechseln, sobald ein Kollege sich nähert. Verdächtige Worte wie „Präsident“ oder „Karzai“ meiden sie und sprechen stattdessen von „dem Mann da oben“. Der Geheimdienst, so sagt einer, beobachte genau, mit wem Regierungsmitarbeiter Kontakt hätten. Das Misstrauen gegenüber Amerika und Großbritannien sei so groß, dass er einen schriftlichen Antrag stellen müsse, wenn er Vertreter der beiden Botschaften treffen wolle. Die Paranoia der afghanischen Führung trat vor kurzem in einem Gerücht zutage, das in Kabuler Regierungskreisen die Runde machte. Innenminister Hanif Atmar, ein Liebling der Briten, sei vom amerikanischen CIA beauftragt, Präsident Hamid Karzai zu ermorden. Es war nur eine von vielen Verschwörungstheorien, doch immerhin soll der Minister daraufhin seinen Rücktritt angeboten haben.

Die Beziehungen zwischen Karzai und seinen westlichen Verbündeten sind seit Monaten zerrüttet. In den vergangenen Tagen hat der Präsident sie mit erstaunlichen Äußerungen auf eine neue Probe gestellt. Er behauptete, die massiven Fälschungen bei der Präsidentschaftswahl seien von Ausländern organisiert worden. Er erklärte, „die Ausländer“ wollten ihn und das Parlament schwächen. In Kandahar stellte er vor Stammesältesten die wichtige Nato-Offensive auf das Kernland der Taliban in Frage. In Gesprächen mit Abgeordneten soll er sogar gesagt haben, er werde sich den Aufständischen anschließen, wenn der Westen ihm weiter in seine Regierungsgeschäfte pfusche.

Das sagt ein Mann, dessen Regierung nach Ansicht vieler innerhalb kurzer Zeit zusammenbrechen würde, wenn die westlichen Truppen morgen abzögen. Dessen Sicherheitsapparat zu großen Teilen vom Ausland finanziert wird. Ist der Präsident auf Drogen, wie der einstige UN-Gesandte in Kabul, Peter Galbraith, im amerikanischen Fernsehen nahelegte? Ist er gar verrückt geworden, wie der Arzt und Oppositionspolitiker Abdullah Abdullah diagnostizierte? Oder verfolgt er mit seinem Konfrontationskurs eine Strategie?

Zweifel am Geisteszustand des Präsidenten sind nicht neu. Oft schon ist er als überarbeitet, erratisch, divenhaft, sprunghaft und paranoid beschrieben worden. Karzai brauche Urlaub, sagen Diplomaten seit Jahren. Er selbst hat in einem Interview einmal gesagt: „Ich bin eine erschöpfte Person. Ich mache das nicht erst seit sieben Jahren, sondern seit ich 22 Jahre alt bin.“

Besonders anstrengend sind wohl die vergangenen Monate gewesen. Das Gerangel um die gefälschte Präsidentschaftswahl 2009 hat ihn, den stolzen Paschtunen, tief gedemütigt. Seit dem Amtsantritt von Barack Obama hat er, der jeden Morgen die amerikanische Presse studiert, nur noch selten Schmeichelhaftes über sich lesen dürfen. In Kabul heißt es, er sei überzeugt, man wolle ihn loswerden. Kaum weniger demütigend war der jüngste Besuch Obamas, bei dem er Karzai für die Korruption rügte. Wütend, so heißt es, sei man im Präsidentenpalast, auch darüber, dass Amerika in der Afghanistan-Politik immer stärker auf pakistanische Interessen eingehe. Und vollends platzte Karzai offenbar der Kragen, als das afghanische Parlament seine Wahlrechtsreform ablehnte. Damit wollte er wohl sicherstellen, dass genügend loyale Kräfte gewählt werden. Die braucht er dringender denn je, seit sich erstmals eine wirksame Opposition im Unterhaus zu bilden scheint.

Sind also einfach nur die Pferde mit dem Präsidenten durchgegangen? Der Kabuler Analyst Harun Mir sieht keine „rationale Erklärung“ für die Äußerungen Karzais. Er sei isoliert und frustriert. Ohne Hoffnung. Andererseits: Aus Karzais Sicht ist seine Distanz zu den engsten Verbündeten keineswegs so irrational, wie sie scheint. Er mag vom Westen abhängig sein, doch auch er, Karzai, ist für den Erfolg der amerikanischen Strategie in Afghanistan vorerst unverzichtbar. Aus Sicht des Westens gibt es derzeit keine Alternative zu Karzai. Sein stärkster Herausforderer Abdullah gilt als Iran-nah und wirkt wegen seiner Rolle im Bürgerkrieg für viele Afghanen wie ein rotes Tuch. Der bei Diplomaten beliebte Ashraf Ghani kam bei der Wahl über ein paar Tausend Stimmen nicht hinaus. Wohl auch deshalb hatten die westlichen Botschaften es nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl 2009 zunächst gar nicht eilig, den Wahlbetrug anzuprangern. Erst als Medienberichte das ganze Ausmaß der Manipulation zutage förderten, hagelte es Kritik aus Washington, London und Berlin.

Trotz des Drucks hat Präsident Karzai bislang kaum erkennen lassen, dass er ernsthaft gegen die Korruption vorgeht. Ein Beispiel: Zum stellvertretenden Chef der Anti-Korruptions-Behörde ernannte er den Bruder seines ehemaligen Stabschefs. Einen Mann, der weithin als inkompetent gilt. Bislang hat die afghanische Regierung kaum die Erfahrung gemacht, dass sich Korruptionsbekämpfung für sie lohnen würde. Trotz wachsender Misswirtschaft ist das Volumen internationaler Hilfsgelder für Afghanistan in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Ebenso wie im Nachbarland Pakistan, wo Milliardenhilfen aus Washington jahrelang ohne strikte Konditionen flossen. Der amerikanische Botschafter in Kabul, Karl Eikenberry, hat es kommen sehen. Nach einem Bericht der „Washington Post“ hatte der Diplomat sich in einem internen Memo im November gegen Truppenaufstockung ausgesprochen. Der Grund: Washington mache sich abhängig von einem unberechenbaren, korrupten Partner.

Der Vorwurf, Ausländer hätten die Wahlen gefälscht, mag für westliche Ohren lächerlich klingen. Für das verschwörungstheoretisch geschulte afghanische Publikum ist das keineswegs undenkbar. Tatsächlich gab es etwa im paschtunischen Osten viele Stimmen, die die Kritik an den Wahlfälschungen als westliches Komplott gegen den paschtunischen Präsidenten ansahen. Das mag verständlich sein angesichts westlicher Medienberichte, der einstige UN-Gesandte Galbraith habe offen über eine Ablösung Karzais sinniert.

Der Präsident hat schon früher versucht, mit Kritik am Westen seinen Ruf als Marionette loszuwerden. Punkten konnte er damit nur bedingt. Die Unbeliebtheit seiner Regierung hat kaum mit seiner Abhängigkeit vom Ausland zu tun, sondern vor allem mit Korruption und Machtmissbrauch. In den vergangenen Monaten hat Karzai sich zudem auffällig intensiv um zusätzliche Bündnispartner bemüht. Er reiste nach China und Iran. Er drohte, Russland um Rüstungshilfe nachzusuchen, wenn der Westen ihm keine Kampfflugzeuge bereitstelle. Karzai wäre nicht der erste Herrscher in Kabul, der dem Druck seiner Verbündeten auszuweichen sucht, indem er zusätzliche Türen öffnet. Zudem wird er auf gute Beziehungen zu den Nachbarn China und Iran – und eine Aussöhnung mit den Taliban – angewiesen sein, wenn die westlichen Truppen Afghanistan in einigen Jahren verlassen werden.

Vor diesem Hintergrund, so meinen Beobachter in Kabul, müssten auch die jüngsten rhetorischen Einlassungen Karzais verstanden werden. Die Heftigkeit seiner Ausbrüche hat allerdings selbst seine engeren Mitarbeiter überrascht. Er sei ernsthaft besorgt, sagt der Mann aus dem Präsidialamt.

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Angesichts des gräßlichen Endes seines Vorgängers Mohammed Nadschibullah (1) wäre es wirklich kein Wunder, wenn Karzai allmählich der A*sch auf Grundeis ginge. Es ist m.E. vernünftig und logisch, dass er sich aufgrund der Tatsache, dass in den letzten Jahren das Talibanübel nicht beseitigt worden ist, viele verschiedene Optionen offen halten will. Es gibt durchaus „rationale Erklärungen“ für sein Verhalten, so wie Frau Böge diese ja auch darstellt.

In ihren Augen besteht der Kern des afghanischen Problems in der Korruption der Regierung Karzai. Es sollte also theoretisch lösbar sein, legt dies nahe. Aber vielleicht ist eine mohammedanistische Gesellschaft ohne Korruption ein Widerspruch in sich? Den Taliban wird nachgesagt, sie seien nicht korrupt gewesen, aber ob dies zutrifft, ist unter dem Leichenberg, den sie hinterlassen haben, schwer festzustellen (2).

Folgt man der Auffassung von Frau Böge, sollte ein Hauptinteresse des Westens darin bestehen, die Regierung Karzai durch eine andere zu ersetzen. Das ist nicht so einfach, da man sich demokratischen Regeln verschrieben hat, die wiederum in vieler Hinsicht rein praktisch gar nicht zu realisieren sind. Diesen Gedanken denkt sicher auch Karzai zuende, aber er scheint nicht bereit zu sein, sich auf Hawaii zur Ruhe zu setzen. Daher spielt er in Gedanken sicher auch ein Vorgehen westlicher Dienste gegen sich selbst durch.

Grundsätzlich pessimistisch wird die afghanische Situation neuerdings offenbar von Thomas Speckmann gesehen, der warnend an die Niederlage der Sowjets erinnert. Seine militärtheoretischen Ausführungen in der FAZ sind im allgemeinen mit Gewinn zu lesen. Sein letzter Aufsatz in der FAZ vom 7. April erscheint mir jedoch arg defätistisch. Vielleicht sollte er über seinen Betrachtungen von Kriegen als „alte“ und „neue“ dazu übergehen (3), auch „ganz neue“ Kriege ins Kalkül zu ziehen oder aber auch „ganz alte“.

Als „ganz neuen“ könnte man, wie ich schon häufiger ausgeführt habe, den Afghanistan-Krieg insofern betrachten, als dass sein Sinn nicht unbedingt darin bestehen muss, Territorium zu erobern oder den Gegner niederzuzwingen oder zu eliminieren, sondern einfach darin, ihn auf Trab zu halten bzw. ihn in Achgharnichtsklappt zu trappen (trap = engl.: Falle), wenn es sein muss auch 1.000 oder 2.000 Jahre lang. Denn ein „ganz alter“ Krieg wiederum ist der Jihad, der 1.400-jährige Krieg der Mohammedanisten gegen den Rest der Welt, welcher heutzutage von nur wenigen Menschen als solcher erkannt wird.

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Déjà-vu am Hindukusch

Die Chronik eines Debakels in Afghanistan

Eine Supermacht interveniert: Elitesoldaten von Luftlandedivisionen nehmen Flughäfen und andere Schlüsselobjekte in Besitz. Kurz darauf folgen motorisierte Bodentruppen. Ihr Vormarsch trifft nur in wenigen Städten auf Widerstand. Nennenswerte Verluste sind nicht zu beklagen. Ein leichter, schneller Sieg, auf den ersten Blick. Auf den zweiten zeigt sich bald, dass die Interventionsstreitmacht von 80 000 Mann lediglich dazu in der Lage ist, Städte und wichtige Verkehrsverbindungen oder Nachschublinien zu sichern. Die eingesetzten Kräfte reichen nicht aus, um flächendeckend die Provinzen des Landes zu überwachen. Ein blutiger Guerrillakrieg zwischen den Interventionstruppen und der Armee der neuen Regierung auf der einen sowie Aufständischen auf der anderen Seite ist die Folge.

Was sich wie eine Zusammenfassung der Ereignisse in Afghanistan seit Beginn der amerikanischen Intervention 2001 liest, ist die komprimierte Einleitung von Bernhard Chiaris luzider Analyse des Debakels der Sowjetunion am Hindukusch. Ohne dass der Wissenschaftliche Direktor am Militärgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam Analogieschlüsse zöge, erscheinen seine Beobachtungen nicht nur als Déjà-vu der heutigen Situation am Hindukusch. Sie legen auch den Finger auf die wunden Punkte des westlichen Vorgehens seit 2001 („Kabul, 1979: Militärische Intervention und das Scheitern der sowjetischen Dritte-Welt-Politik in Afghanistan“, in: „Die Sowjetunion und die Dritte Welt“, Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Band 99, hrsg. von Andreas Hilger, München 2009).

Unter den Bedingungen der außerhalb von Kabul weitgehend traditionell organisierten Stammesgesellschaften erklärte die afghanische Regierung im Oktober 1978 die gesetzliche Gleichstellung von Mann und Frau. Jugendliche Aktivisten aus Schulen und Hochschulen, die die traditionellen Spielregeln des Lebens nicht einmal kannten, wurden in die Dörfer geschickt, um dort die Segnungen des Kommunismus zu verkünden. In ihrem Bestreben, unterprivilegierten Bevölkerungsgruppen Zugang zu Bildung und Boden durch eine Landreform zu verschaffen, ignorierten die afghanischen Kommunisten die Überlieferungen: Zwangen Repräsentanten der Regierung eine Bäuerin in eine Grundschule, so entehrten sie damit deren Ehemann. In den Dörfern setzten sich die Männer dagegen zur Wehr.

Die Politik der Regierung in Kabul rief den Widerstand breiter Bevölkerungsschichten und bewaffnete Aufstände islamischer Gotteskrieger hervor. Im März 1979 lieferten sich Bewohner von Herat, Bauern der umliegenden Dörfer und Soldaten der örtlichen Garnison vier Tage lang Gefechte mit afghanischen Regierungstruppen. Die Märzunruhen forderten 5000 Tote, darunter 150 bis 200 sowjetische Militärberater und ihre Familienangehörigen. Die Aufständischen vernichteten Panzer der Armee und Jeeps des KGB mitsamt ihren Insassen. Anders als bei früheren, rasch niedergeschlagenen Meutereien in Mazar-i-Sharif und Kabul konnten die Aufständischen Herat eine Woche lang halten. Die Rebellion offenbarte den spontanen Volkszorn in den afghanischen Provinzen. Er war aber gerade daher für die Regierung und ihre sowjetischen Verbündeten viel erschreckender als vereinzelte Attentate der bis zu diesem Zeitpunkt noch kaum organisierten Islamisten, die 1978 nur geringen Rückhalt in der Bevölkerung fanden.

Moskaus Militärs rieten mit Blick auf eine mögliche Intervention zur Vorsicht. Bei der Analyse des Aufstandes von Herat und der Taktik der Mudschahedin fiel immer wieder der Ausdruck „Partisanenkrieg“, seit dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion ein beinahe mythischer Begriff. Höheren Funktionären in Partei und Armee, meist selbst der Kriegsgeneration angehörig, war klar, welche Probleme die Ausweitung der militärischen Operationen gegen die afghanischen Aufständischen mit sich bringen mussten. Der Chef des sowjetischen Generalstabs, Marschall Ogarkow, warnte dringlich, eine Invasion würde dem Islamismus in der gesamten Region Auftrieb geben.

Am Ende waren es Leonid Breschnew und Politbüro-Mitglieder wie KGB-Chef Andropow, die alle Bedenken zurückstellten. Die Führung der UdSSR hoffte darauf, Afghanistan mit Hilfe einer neuen Regierung zu stabilisieren, um dann das eigene militärische Engagement rasch verringern zu können. Eine Hoffnung, die sich nicht nur damals als ebenso irrig erwies wie der Versuch, den ausufernden Konflikt mit Gewalt zugunsten der Kabuler Regierung zu entscheiden. Helmut Schmidt, der zur Zeit des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan Bundeskanzler war, hat Mitte März in einem Gespräch mit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg gemahnt: „Es wird langsam Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass man den Krieg irgendwann wird abbrechen müssen.“ Die Sowjetunion tat dies nach mehr als neun Jahren.

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Churchill hatte über die afghanische Gesellschaft geschrieben (4):

„Außer zur Erntezeit, wenn die Selbsterhaltung einen temporären Waffenstillstand erzwingt, sind die Pathanenstämme immer mit kleinen oder großen Kriegen beschäftigt. Jeder Mann ist Krieger, Politiker und Theologe. Jedes große Haus ist eine echt feudale Festung, zwar nur aus sonnengebackenem Lehm, aber mit Befestigungen, Kuppeln, Scharten, Ecktürmen, Zugbrücken, etc., wo nichts fehlt. Jedes Dorf hat seine Verteidigung. Jede Familie kultiviert ihre Vendetta; jeder Clan seine Fehde. Die zahlreichen Stämme und die Koalitionen von Stämmen haben alle ihre offenen Rechnungen, die gegeneinander beglichen werden müssen. Nichts wird je vergessen, und nur ganz wenige Schulden bleiben unbezahlt.“

Das Debakel der Sowjets rührte aus ihrem Versuch, die archaische und aus unserer Sicht verbrecherische Orkgesellschaft in die Welt des 20. Jahrhunderts liften zu wollen. Diesen Fehler brauchen wir nicht zu wiederholen, aber diese Erkenntnis verlangt nicht den Truppenabzug – im Gegenteil. Meine eigene Sicht der Dinge in Bezug auf den Afghanistankrieg, seine Ursachen und seinen Sinn, scheinen Silvio Berlusconi und Nicolas Sarkozy eher zu teilen als Böge/Speckmann. Michaela Wiegel berichtete in der gestrigen FAZ:

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„(…) Einen italienisch-französischen Schulterschluss führten Sarkozy und Berlusconi auch bei der militärischen Zusammenarbeit vor. In Paris wurde die Gründung einer französisch-italienischen Brigade nach dem Vorbild der deutsch-französischen Brigade beschlossen. Angestrebt wird zunächst eine Gebirgsjägerbrigade, die gemeinsam für einen möglichen Einsatz in Afghanistan trainiert. Der italienische Außenminister Frattini forderte in der Zeitung „Le Figaro“ Deutschland auf, sich der Brigade anzuschließen. Auch Spanien solle darüber nachdenken. Es gehe darum, die europäischen Interventionsfähigkeiten zu verstärken. Nach dem Tod eines französischen Soldaten am Donnerstag in Afghanistan rechtfertigte der französische Verteidigungsminister Morin von neuem den Militäreinsatz. Ein schneller Abzug wäre unverantwortlich, sagte Morin.“

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In der Tat, so ist es, und daher ist auch das Gewinsel von Günther Nonnenmacher in der gestrigen FAZ m.E. recht unverantwortlich (5):

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Niemand kann die Angehörigen, die Freunde und Kameraden von Niels Bruns, Robert Hartert und Martin Augustiniak über ihren Verlust hinwegtrösten. Die öffentliche Trauerfeier in Selsingen, im Nachbarort der Fallschirmjägerkaserne von Seedorf, war Dank und Ehrung für die drei Bundeswehrsoldaten, die am Karfreitag in Afghanistan im Dienst für ihr Vaterland gefallen sind. Die Anerkennung für die Toten und ihre Würdigung – ausgesprochen im Namen aller Staatsbürger – können den persönlichen Schmerz nicht auslöschen. Öffentliches Gedenken und Anwesenheit höchster Repräsentanten des Staates bei der Trauerfeier sind nicht mehr als der Versuch, dem gewaltsamen, dem tragischen Tod der drei jungen Männer einen Sinn abzugewinnen.

Sinngebung des Sinnlosen? Die Frage richtet sich im Fall des Soldatentodes, diesseits von Glaube und Hoffnung, an die Politik. Denn sie trägt die Verantwortung für den 2001 beschlossenen Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch, und damit tragen die Politiker auch die letzte Verantwortung für den Tod von 39 deutschen Soldaten, die seither in Afghanistan gefallen sind. Zu dieser Verantwortung hätte es gehört, rechtzeitig und offen darüber zu sprechen, dass in Afghanistan seit geraumer Zeit Krieg herrscht – wie immer die völkerrechtlichen Umschreibungen dafür lauten mögen.

Das hätte den Ernst der Lage deutlich gemacht, nicht nur den Soldaten im Einsatz, die ihn ohnehin Tag für Tag erleben, sondern auch der deutschen Gesellschaft, die sich zu lange mit dem Gedanken beschwichtigt hat, es gehe um politische Stabilisierung, humanitäre Hilfe und Wiederaufbau eines zerstörten Landes.

Die einzig politisch tragfähige und damit verantwortungsvolle Rechtfertigung für den Einsatz in Afghanistan hat der frühere Verteidigungsminister Struck gegeben mit dem Satz, Deutschlands Freiheit und Sicherheit würden auch am Hindukusch verteidigt. Bundeskanzlerin Merkel hat ihn bei der Trauerfeier in Selsingen sinngemäß wiederholt und damit bekräftigt. Sie hat aber auch von Zweifeln gesprochen, die jeden Abgeordneten schon geplagt hätten.

Denn bei allen Rücksichten auf überpersönliche und übernationale Aspekte, wie etwa die Verpflichtungen in einem Bündnis: Politiker, die angesichts der Gefallenen keine Zweifel verspürten, wären im Deutschen Bundestag fehl am Platz.

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Selbstverständlich ist der Verlust von 39 gefallenen Mitbürgern sehr schmerzlich. Er ist aber nicht „tragisch“ oder „sinnlos“. Er ist nicht tragisch, weil die Toten aus freien Stücken den Soldatenberuf ergriffen und das Risiko des gewaltsamen Todes auf sich genommen haben. Das war in hohem Maße mutig, opferbereit und daher heldenhaft. Er ist nicht sinnlos, weil unsere Truppen zweifellos den Jihad von unseren eigenen Nationen in das Land des Feindes getragen haben und diesen dort binden.

Dass nicht jeder gute Politiker stets und immer wieder mit der treffenden Parole von Struck hausieren geht, und also die nackte Wahrheit ausspricht, ist vor allem Dimmis wie Nonnenmacher geschuldet, die die Parole nicht verstanden haben (wie Nonnenmachers Wortwahl zeigt), und die lange von einer demokratischen Zivilgesellschaft Afghanistan träumten (bzw. gegen die Intervention waren). Die Aufbauhilfe war sicher weniger für die Afghanen als vielmehr für die deutsche Heimatfront bestimmt, Nonnenmacher eingeschlossen.

Als FAZ-Redakteur hätte er es doch in der Hand gehabt, die Angelegenheit von vornherein „Krieg“ zu nennen und gegen den Jihad zu schreiben. Aber in der FAZ muss ja auf jeden counterjihadischen Artikel ein fieslahmverstehender folgen. Jetzt mit dem Finger auf „DIE“ Politiker zu weisen, ist mehr als wohlfeil. Aufgabe der Politik ist es, den Willen der Bürger zu exekutieren. Für die Formulierung dieses Willens, für die Meinungsbildung aber sind in hohem Maße die Medien, ist Nonnenmacher selbst verantwortlich.

Angebliche Zweifel müssen gewisse Politiker einräumen, um die Dimmis und PC-Geblendeten hier nicht zu verschrecken, um die Reihen langsam zu schließen und um bürgerlichen Gepflogenheiten gerecht zu werden. Wenn unsere Kanzlerin könnte, würde sie entschlossener vorgehen, da bin ich sicher. Aber es stehen derzeit einfach zu viele Günther Nonnenmachers im Weg rum.

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Time am 11. April 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/12/hell-aint-the-worst-place-to-be/
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/04/we’re-only-in-it-for-the-money/
3) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/17/guter-alter-„neuer-krieg“/
4) http://kewil.myblog.de/kewil/art/176462276/
5) http://www.faz.net/s/Rub7FC5BF30C45B402F96E964EF8CE790E1/Doc~E0C84F875FDE44FA8902B6E4268104789~ATpl~Ecommon~Scontent.html

auch:
https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/01/21/nur-keine-eile/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/09/14/wir-sollten-bleiben-fur-immer/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/09/30/fort-pointing-man/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/01/02/hohle-und-andere-nusse/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/01/11/verantwortung-wem-gegenuber/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/10/28/ich-bin-verdrossen/
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PS.: Apropos „Trap“, als Soundtrack AC/DC‘s „Fly on the Wall“:
http://www.youtube.com/watch?v=7DIHfaDzp50
live: http://www.youtube.com/watch?v=s33ocNT8yAo&feature=related

Hier der Text (mit leichter Modifikation; gewidmet Mohammed Atta):

Fly on the Wall

You can dance
through the night
Rock ‚n‘ roll music
(itchin‘ to fight)
Makin‘ love
drunk or stoned
Lookin‘ for dollars
get broken-boned
It‘s a game
too tough to tame
Ends up the same
sweatin‘ out rain

I was TRAPPED
like a fly on the wall
I was caged
like a zoo animal
No escape from the fate
that you make
You‘re a snake
I‘ve had all I can take
Watch out
there‘s a fly on the wall

Take a chance
take a bite
ALLA, ALLA
take me tonight
Like a bitch
makin‘ heat
Beatin‘ on my chest
lickin‘ at my feet
It‘s a game
too tough to tame
Ending up the same,
sweatin‘ in the rain
So watch out
there‘s a fly on the wall


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