Türkischer Realismus

Erdogan allein zu Haus

Kommen die Türken zu einer vernünftigen Betrachtung z.B. in der Frage ihres EU-Beitritts? Eine Aussage des türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül scheint darauf hinzuweisen, wie Wolfgang Günther Lerch in der heutigen FAZ berichtete.

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Klar und wahr

Wichtiger als eine EU-Mitgliedschaft der Türkei sei die Fortsetzung des demokratischen Reformprozesses im Land. Das hat der türkische Staatspräsident Abdullah Gül gegenüber der vielgelesenen Zeitung „Hürriyet“ (1) geäußert. Es sind klare und wahre Worte. Aus den Äußerungen vieler türkischer Politiker und Repräsentanten konnte man in der Vergangenheit bisweilen schließen, die angestrebte Verwirklichung von Reformen diene nur dem Ziel der Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Doch nun hat Gül dankenswerterweise darauf hingewiesen, dass die europäischen Werte, denen man nacheifern will, in erster Linie um ihrer selbst willen und zum Nutzen des Landes anzustreben sind. Demokratie, Pluralismus und Menschenrechte sind für alle Menschen wertvoll, unabhängig davon, ob man Mitglied in irgendeinem politischen Zusammenschluss oder einem sonstigen Bündnis ist. Es gibt demokratische Musterländer, etwa Norwegen, die nicht der EU angehören. Güls Worte sollten um der Türkei willen beherzigt werden, nicht wegen Brüssel.

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So sehr ich WGL zustimme, so sehr zweifle ich an der Wahrhaftigkeit von Gül. Die Türken verschlingen Kreide aus Leidenschaft, und die Politik der türkischen Regierung weist in die entgegengesetzte Richtung. Ein sehr wichtiger, fundamentaler Prüfstein ist die Armenierfrage. Hierbei geht es nicht nur darum, den Opfern gerecht zu werden, die Wolfgang Günter Lerch leichthändig und in voller Absicht von 1,5 Millionen (2) auf 1 Million herunterrechnet. Es geht auch nicht nur darum, die Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien bzw. zwischen Türken und Armeniern zu verbessern. Es geht dabei m.E. vor allem auch darum, dass die Türkei sich endlich anschickt, die mohammedanistische Schamkultur, in der sie gefangen ist, wenigstens teilweise zu verlassen, die Fakten anzuerkennen und also zu einer wahrhaftigen Betrachtung der Welt zu kommen.

Wiki (3): „In einer Schamkultur muss sich der Geschädigte selber um Wiedergutmachung kümmern. Scham hat zu empfinden, dessen Normverstöße auffallen, und, wem man ungeahndet öffentlich Unrecht antun kann. In einer schamorientierten Kultur gilt nicht ein ruhiges Gewissen, sondern die öffentliche Wertschätzung als höchstes Gut. Demzufolge sind Vergehen, die niemand bemerkt, kein Grund, sich zu schämen.“

Leider leugnet die türkische Führung auch heutzutage immer wieder das schreckliche Verbrechen obwohl die Beweise evident sind und verdeutlicht der nichtorkischen Welt damit, dass sie nicht bereit ist, ihr ersponnenes mohammedanistisches Paralleluniversum zu verlassen und zum Realismus zu finden. Erdogan: „Von einem Völkermord an den Armeniern kann keine Rede sein (4).“ In der türkischen Bevölkerung scheint es indessen Bewegung zu geben, wie Wolfgang Günther Lerch heute berichtete.

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Tabu-Knoten

Das Armenier-Massaker aus der Sicht der Türkei

„Wir sind alle Hrant“ und „Wir sind alle Armenier“ stand auf den Transparenten, welche die entsetzten Demonstranten damals mit sich führten. Am 19. Januar 2007 war der türkische Staatsbürger armenischer Abkunft Hrant Dink, Journalist und Autor, am helllichten Tag in Istanbul von einem aufgehetzten Siebzehnjährigen erschossen worden. Eine Schockwelle ging durch die Türkei. Sibylle Thelen, Turkologin und Journalistin, beginnt ihr Büchlein (5) nicht ohne Grund mit einer Anspielung auf diese Szenen: Die Gesellschaft in der Türkei ist bei der Bewältigung der Armenier-Massaker des Ersten Weltkrieges weiter als die offizielle Türkei, insbesondere die Bürokratie, das Militär, die „amtlichen“ Historiker und die Nationalisten.

Am 24. April 1915 wurden zunächst Istanbuls armenische Intellektuelle verhaftet. Dies war der Auftakt zu den Massendeportationen, Todesmärschen von Armeniern vornehmlich aus den östlichen Vilayets Anatoliens – später auch den westlichen – in die Wüsten Syriens und Mesopotamiens, an deren Ende nach Schätzungen eine Million tote Armenier zu beklagen waren. Bis heute verwahrt sich die Türkei dagegen, dass diese „Ereignisse“ Völkermord (soykirim) genannt werden, rechtfertigt das Vorgehen der damaligen osmanischen Regierung vielmehr als kriegsbedingte Aktion und militärisch gebotene „Antwort auf armenische Aufstände“ wie den von Van. Greueltaten armenischer Banden werden – etwa in dem Film „Sari Gelin“ (Die blonde Braut) – dokumentiert (Dokumentiert oder behauptet? T.) mit der klaren Botschaft: Im Grunde war es umgekehrt; und die damalige osmanische Führung, das Triumvirat von Talaat, Enver und Cemal Pascha, hat bis heute gewissermaßen einen historischen Ehrenplatz im türkischen Pantheon inne. Dies hinwiederum erbittert die Armenier in Armenien wie in der Diaspora.

Erst allmählich, so beschreibt es die Autorin in dem schmalen Bändchen, beginnt sich der Tabu-Knoten zu lösen, der auch mit dem Gründungsmythos der Republik zu tun hat, als sich die geschlagene und beinahe zerschlagene Türkei wie der Phönix aus der Asche unter Mustafa Kemal Pascha „Atatürk“ siegreich erhob. Das Vergessen der Ereignisse davor weicht langsam einer Bewusstwerdung in Teilen der Bevölkerung, weniger durch offenes Benennen – da winkte im Zweifel bis vor kurzem noch immer der Staatsanwalt wie im Falle des Autors Orhan Pamuk – als durch das Bekanntwerden alter Berichte, Bilder und Erzählungen in den Familien. Da erweist sich die Großmutter namens Fatma plötzlich als Armenierin, die damals mit dem Leben davonkam und zur Muslima bekehrt wurde. Die Autorin will „nicht anklagen, schon gar nicht verurteilen“, sondern dialogfördernd über die Empfindlichkeiten auf beiden Seiten aufklären.

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Das wäre nicht das erste Mal, dass das Volk der Führung als Avantgarde vorausläuft. FAZ-Leserin Muriel Mirak-Weissbach berichtet heute Ähnliches aus der Zeit des Völkermordes.

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Was zwischen Türken und Armeniern zu klären ist

Als Tochter zweier armenischer Waisenkinder, beide Opfer des Genozids der Jahre 1915 bis 1916, kann ich mich nur freuen, dass nach fünfundneunzig Jahren diese Tragödie in den deutschen Medien endlich ernsthaft thematisiert wird. Es überrascht mich allerdings sehr, dass der Inhalt des NDR-Dokumentarfilms „Aghet“ als große Entdeckung dargestellt wird.

Tatsächlich sind die Unterlagen des deutschen Archivs des Auswärtigen Amts aus dem Ersten Weltkrieg seit 1993 intensiv durchforstet und ausgewertet worden. Im Jahr 2005 hat der ehemalige „Spiegel“-Journalist Wolfgang Gust die wichtigsten Dokumente zu den Ereignissen in einem bahnbrechenden Geschichtswerk zusammengetragen. Sie lassen nur einen Schluss zu: Die Führung des deutschen Militärs und des Deutschen Reichs waren über die Genozid-Politik der Jungtürken bestens informiert. Aus machtpolitischem und militärstrategischem Kalkül wurde nicht nur weggeschaut, sondern man gab dem Verbündeten am Bosporus freie Hand. Die Aufarbeitung des Genozids an den Armeniern ist also nicht nur eine türkische, sondern auch eine deutsche.

Die armenischen Kinder wurden Gott sei Dank nicht alle ermordet. Laut Jakob Künzler, der in Urfa tätig war, haben bis zu 12.000 armenische Waisenkinder überlebt. Meine Mutter überlebte das Massaker von Frauen und Kindern in der Nähe von Arabkir, weil sie von einem türkischen Hirten lebendig unter einem Berg von Leichen gefunden und in Sicherheit gebracht wurde. Ein türkisches Ehepaar hat sie aufgenommen und gepflegt. Ihre Geschichte, wie die meines Vaters, der durch die Hilfe mehrerer türkischer Frauen gerettet wurde, dokumentiert, dass es keine Kollektivschuld gibt: Der Genozid an den Armeniern wurde von einer relativ kleinen jungtürkischen Clique und deren Sonderorganisation verübt. Internationale Unterstützung kam von den deutschen Verbündeten sowie von geopolitisch denkenden Kreisen in Frankreich und England, die das Osmanische Reich aufteilen wollten. Zahlreiche Geschichten von Überlebenden zeigen, dass viele normale türkische Bürger armenische Kinder aufgenommen und gerettet haben, oftmals unter Einsatz ihres Lebens.

Wer verstehen will, warum sich die türkische Regierung und Gesellschaft mit dieser Frage so schwer tut, sollte folgendes berücksichtigen: Die Jungtürken wurden zwar im Jahr 1919 in Abwesenheit verurteilt, aber später bei der Gründung der modernen türkischen Republik unter Atatürk wieder rehabilitiert. Es wurde unter Strafe gestellt, das „Türkentum“ zu beleidigen. Dazu zählte auch jeder Hinweis auf den Völkermord. Doch solche Tabus sind brüchig geworden in der Türkei, aber auch unter türkischstämmigen Mitbürgern in Deutschland. Ich habe mehrmals hier in Deutschland persönlich erfahren, dass sie die Wahrheit wissen wollen. Einige studieren das Buch von Wolfgang Gust oder gehen selbst in die Archive. Dann begreifen sie, was wirklich geschehen ist. Die geschichtlichen Lehrbücher an türkischen und deutschen Schulen geben jungen Schülern noch keine Chance, die Wahrheit zu erfahren. Aber selbst Hasan Djemal, ein Enkel von Djemal Pascha, einem Mitglied im „Dreierrat“ der Jungtürken, ist durch seine eigenen Recherchen zu dem Schluss gekommen, dass es sich um einen Völkermord gehandelt hat.

Wenn die historischen Fakten allen Bürgern zugänglich gemacht werden, wird der Weg frei für die eigentliche Herausforderung: für den Prozess der Versöhnung zwischen Türken und Armeniern.

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Time am 19. April 2010

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Hürriyet
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/04/03/aghet-ein-volkermord/
3) http://de.wikipedia.org/wiki/Schamkultur
4) http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,685947,00.html
5) Sibylle Thelen: Die Armenierfrage in der Türkei. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010. 94 S., 9,90 Euro.

auch:
https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/03/24/kalif-recep-i/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/04/03/aghet-ein-volkermord/

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PS.: Sehr lesenswertes Interview mit Afghanistan-Veteran Daniel Seibert unter
http://www.faz.net/s/Rub0CCA23BC3D3C4C78914F85BED3B53F3C/Doc~EB615B3F5AF6A4218820141A1038F1CA0~ATpl~Ecommon~Sspezial.html

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