Unser Philipp

Der Weltkarte der Religionen (zum Vergrößern anklicken) kann man entnehmen, dass die Länder protestantischer Prägung (blau) zu den am höchsten entwickelten und wohlhabendsten der Erde gehören (Ääh… nun gut, Afrika versaut unsere Bilanz ein wenig). Einer der Begründer des Protestantismus jedenfalls, Philipp Melanchthon, starb heute vor 450 Jahren. Heike Schmoll erinnerte an ihn in der FAZ vom 17. April.

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Gelehrter und Lehrer

Der „kleine Grieche“, wie Luther ihn nannte, war Philologe mit Leib und Seele und nicht nur einer der besten Gräzisten seiner Zeit, sondern auch ein Theologe von Rang, der viel zur Unterscheidung von Glauben und Wissen beigetragen hat. Kaum eine Schule oder Universität in der Zeit der Reformation wurde ohne seine Mitwirkung gegründet. Ohne Philipp Melanchthon, der vor 450 Jahren starb, gäbe es den Protestantismus wohl nicht mehr.

Er war es, der Martin Luther dazu anregte, auf der Wartburg mit der Übersetzung der Bibel zu beginnen. Denn Melanchthon genügte es nicht, dass in deutscher Sprache gepredigt und Gottesdienst gehalten wurde. Der einfache Christ sollte die Bibel lesen und hören können, um selbst zu entscheiden, was eigentlich schriftgemäß ist. Wochenlang ging Melanchthon nach Luthers Rückkehr von der Wartburg Wort für Wort mit ihm durch, überprüfte das damals noch unvollständige Manuskript auf philologische Richtigkeit und ergänzte es. „Dieser kleine Grieche übertrifft mich sogar in der Theologie“, hatte Luther nur vier Monate nach der ersten Begegnung mit dem schmächtigen Gelehrten in Wittenberg gesagt. In der Tat war Melanchthon, der sich zeitlebens weigerte, in die theologische Fakultät zu wechseln, und mit Leib und Seele Philologe und akademischer Lehrer blieb, eine Verkörperung des reformatorischen Prinzips des Priestertums aller Gläubigen.

Melanchthon galt neben Erasmus von Rotterdam, der eine griechisch-lateinische Ausgabe des Neuen Testaments ediert hatte, als einer der besten Gräzisten seiner Zeit. Bildungs- und wissenschaftsgeschichtlich kann seine Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, auch wenn die Theologiegeschichte ihn lange im Schatten Luthers ansiedelte und ihn geradezu als Verderber der lutherischen Rechtfertigungslehre schmähte. Kaum eine Schule oder Universität zur Reformationszeit wurde ohne Melanchthons Mitwirkung gegründet. „Qui Philippum non agnoscit praeceptorem, der muss ein rechter Esel und Bachant sein, den der Dunckel gebissen hat“, sagte Luther über den „Praeceptor Germaniae“, den Lehrer Deutschlands.

Philipp Melanchthon wurde am 16. Februar 1497 in der badischen Stadt Bretten geboren, damals direkt an einer Handelsstraße vom Rhein bis zum mittleren Neckar gelegen. Der Vater, Georg Schwartzerdt, war ein begabter Waffenschmied. Kurfürst Philipp der Aufrichtige von der Pfalz beförderte ihn als jungen Mann zu seinem Rüstmeister. Es war der Kurfürst selbst, der die Ehe zwischen seinem 35 Jahre alten Rüstmeister und der 16 Jahre alten Barbara Reuter, der Tochter eines wohlhabenden Textilhändlers aus Bretten, vermittelte. Zu Ehren des Kurfürsten nannten die Eltern ihren ersten Sohn Philipp. Der Vater hielt sich – wie viele Gebildete der damaligen Zeit – an die Astrologie. Gleich nach der Geburt seines Sohnes hatte er ein Horoskop anfertigen lassen, in dem es hieß, der Sohn solle sich vor der Ostsee hüten, denn er könne dort Schiffbruch erleiden. Melanchthon hielt sich zeitlebens daran, schlug Einladungen nach England, Kopenhagen oder Riga aus, weil er sich nicht auf See begeben wollte.

Weil der Vater oft auf Reisen war, wuchs Philipp mit seiner Mutter und den Geschwistern im Haus des Großvaters auf. Der erkannte bald die enorme Sprachbegabung seines Enkels. Wie Luther kam Melanchthon mit vier Jahren in die Schule. Als der Großvater von der Syphilis-Erkrankung des Schulmeisters erfuhr, behielt er seinen Enkel zu Hause und übergab ihn einem Hauslehrer, der Melanchthon schnell über die Anfangsgründe des Lateinischen hinausführte.

Der Tod des Großvaters und des Vaters binnen weniger Wochen war ein tiefer Einschnitt im Leben des Elfjährigen, der nun die Lateinschule in Pforzheim besuchte und bei der Schwester des Humanisten Johannes Reuchlin wohnte. Wegen seiner Studien zur Textkritik, zu Grammatiken und Lexika sowie zahlreicher Veröffentlichungen über griechische und hebräische Schriften galt Reuchlin als der Humanist, der sich die gesamte geistige Welt der Antike eigenständig anzueignen vermocht hatte. Er wurde Melanchthons Vorbild; Reuchlin verfolgte interessiert die Fortschritte des Zwölfjährigen. Als Anerkennung für einige lateinische Verse schenkte Reuchlin ihm am 15. März 1509 die griechische Grammatik des Konstantin Laskaris mit einer lateinischen Widmung. Die Schenkung kam einer Humanistentaufe gleich. Denn aus Schwartzerdt wurde nun Melanchthon – aus den Genitivformen von „melanos“ für schwarz und „chthonos“ für Erde.

Vermutlich auf Reuchlins Rat immatrikulierte er sich mit zwölf Jahren an der Universität Heidelberg, wo er bei Reuchlins Freund, dem Theologieprofessor Pallas Spangel, wohnte und diesem als Famulus diente. Wie an der mittelalterlichen Universität üblich, absolvierte Melanchthon zunächst das Grundstudium, also die sieben freien Künste, bestehend aus dem Trivium (Grammatik, Dialektik, Rhetorik) und dem Quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik). Der Stoff wurde durch offiziell festgelegte Lehrbücher vermittelt. Im Sommer 1512, nach dem Tod seines Gönners Spangel, ging Melanchthon nach Tübingen, um dort das Quadrivium zu beginnen und mit dem Magistergrad abzuschließen. Er wohnte und arbeitete in der Burse am Rand der Altstadt. Wichtiger als theologische Vorlesungen, die er als öde empfand, waren ihm seine Lektüre, vor allem die Schriften des Erasmus von Rotterdam, die Perfektionierung seiner griechischen Sprachkenntnisse sowie die geistigen Anregungen Reuchlins.

Schon im Mai 1518 veröffentlichte Melanchthon eine eigene griechische Grammatik, die ganz offenkundig aus seinen Lehrveranstaltungen in Tübingen hervorgegangen war. Sie folgt insofern einem neuen pädagogischen Genus, als sich Melanchthon zugleich als Lehrender wie Lernender begreift und ein Lehrbuch aus der Perspektive des Lernenden schreibt.

Trotz seiner pädagogischen Erfolge strebte er fort. Die Tübinger Lehrtätigkeit hinderte ihn an freier Wissenschaft. Reuchlin wusste von der Unzufriedenheit seines Schützlings. Als der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise ihn nach einem Gräzisten für den neuen Lehrstuhl der 1502 gegründeten Universität in Wittenberg fragte, verwies er auf Melanchthon, der nächst dem Holländer Erasmus der begabteste Gelehrte sei. Luther und andere hätten lieber den Leipziger Gräzisten Petrus Mosellanus nach Wittenberg berufen, doch der Kurfürst hielt sich an Reuchlins Empfehlung und holte Melanchthon. Schon Ende Juli 1518 trennte er sich von seinem Förderer und brach zu einer vierwöchigen Reise ins das mehr als 700 Kilometer entfernte Wittenberg auf.

Nur wenige Tage nach seiner Ankunft, am Samstag, den 28. August, hielt Melanchthon vor Luther und einem großen Auditorium in der Schlosskirche seine Antrittsvorlesung „Über die Studienreform“ („De corrigendis adulescentiae studiis“). Der schmale und schüchtern wirkende junge Mann mit seiner hängenden Schulter, mit der schnarrenden Stimme und leicht lispelnden Redeweise zeigte sich als Vorkämpfer der Renaissance und versetzte seine Hörer in Begeisterung. Melanchthon kritisierte die scholastische Philosophie, das veräußerlichte Zeremonienwesen der Kirche und geißelte die Unkenntnis der alten Sprachen, die ihm als Unbildung und Barbarei erschien: Die Studenten der Artistenfakultät wollten keine Grammatik und Logik mehr lernen, sondern sofort die brennenden Heilsfragen studieren, die aber einer der obersten Fakultäten – der Theologie – vorbehalten waren und ohne die nötigen Grundkenntnisse geradewegs in die Schwärmerei führten. Wer nichts von der Sprachwissenschaft wissen wolle, „renne wie ein Schwein in die Rosen“, sagte Melanchthon später. Und er war davon überzeugt, dass Barbarei und Unglaube einander bedingten.

Griechisch zu lernen galt damaligen Studenten als arrogant, das Hebräische als unsicher, überhaupt erschien die Mühe den meisten größer als der Nutzen. In den Wirren des Übergangs zur Neuzeit waren mit dem Zerfall der Studiendisziplin auch die akademischen Grade verpönt: „Jetzt sind alle jene Grade zerbrochen, und man treibt es ohne Ordnung. Wie Pilze schießen plötzlich Theologen, Juristen und Mediziner auf, ohne Grammatik, ohne Dialektik, ohne Plan im Lernen“, kritisierte Melanchthon. Den Studenten legte er nahe, zu den Quellen zurückzukehren und sich nicht mit Sekundärtexten zu begnügen. Denn die „Missachtung des Griechischen, die Unkenntnis der Mathematik und die Verwahrlosung der Theologie gehen Hand in Hand“. Diese Erkenntnis war die Grundlage für die Entwicklung des reformatorischen Schriftprinzips.

Leitend für die umfassende Bildung, die er Studenten der Artistenfakultät nahelegte, war das gezielte Studium der Quellen: „Aus den besten Autoren wähle das Beste, sowohl was die Kenntnis der Natur als auch die Bildung der Persönlichkeit betrifft.“ Melanchthon verdammte das maßlose Hören und Lesen, weil es die Urteilsfähigkeit trübe. Stattdessen legte er den Studenten nahe, ihren Verstand durch einen klaren Stil zu schärfen. Pietas und Eruditio, Glaube und Bildung, wurden durch ihn zu einer unaufgebbaren Einheit. Melanchthon machte die Unterscheidung von Glauben und Wissen handhabbar – und das war für die Geschichte der Theologie so wichtig wie die von ihm initiierte akademische Ausbildung der Pfarrer.

An die theologische Fakultät wollte er nicht wechseln, obwohl ihm Luther und andere nahelegten, den untersten theologischen Grad, den Baccalaureus biblicus, zu erwerben, der ihn verpflichtete, biblische Bücher im Überblick zu behandeln. In seinem zu dieser Prüfung formulierten Syllogismus begründete Melanchthon die alleinige Geltung der Bibel für die Lehre der Kirche: „Ein Katholik muss keine anderen Lehrsätze glauben, als die von der Schrift bezeugt werden. Die Autorität der Konzile steht unter der Autorität der Schrift. Also ist es noch keine Ketzerei, wenn man nicht an das unauslöschliche Siegel (der Taufe und der Priesterweihe), an die Wandlung (von Brot und Wein in der Eucharistie) und an dergleichen glaubt.“ Das sei „kühn, aber wahr“, kommentierte Luther, denn sein „Graeculus“ hatte damit zwei Grundpfeiler katholischer Frömmigkeit erschüttert: das Priestertum und den Messgottesdienst.

Promoviert wurde Melanchthon nicht. Er zog es vor, als Magister an der Artistenfakultät für eine breite Grundbildung zu sorgen. Spätestens da wurde klar, dass Melanchthon sich ganz der reformatorischen Bewegung Wittenbergs verschrieben hatte. Einem letzten Versuch Reuchlins, ihn dem Zentrum des Protestantismus zu entziehen und für eine Berufung nach Ingolstadt zu gewinnen, begegnete Melanchthon mit den Worten: „Ich muss bei allem mehr ins Auge fassen, wohin mich Christus zieht, als wohin mich mein Verlangen rufen möchte.“ Als sein humanistischer Lehrer 1522 als treuer Katholik in Stuttgart starb, hatte er Melanchthon, dem ursprünglich seine kostbare Bibliothek zugedacht war, enterbt.

Melanchthons Hauptwerk jener Zeit, „Allgemeine Grundbegriffe theologischer Sachverhalte oder theologische Entwürfe“ („Loci communes rerum theologicarum seu hypotyposes theologicae“) genannt, bündelte systematisch die reformatorische Verkündigung und Lehre auf biblischer Grundlage. Im Zentrum stand die reformatorische Lehre von der Rechtfertigung. Die „Loci“ waren ein großer Erfolg. Nach der ersten Drucklegung 1521 folgten 18 Nachdrucke. Melanchthon war damit als theologische Autorität neben Luther getreten, der ihm entsprechenden Respekt entgegenbrachte: „Wer heute Theologe werden will, hat zwei große Vorteile: Zum Ersten hat er die Bibel, die er nun ohne große Hindernisse lesen kann. Daneben hat er die Loci von Philippus. Er lese sie fleißig und gründlich, so dass er sie ganz im Kopf hat. Wenn er die zwei hat, dann ist er ein Theologe, dem weder der Teufel noch ein Ketzer etwas abbrechen kann“, sagte Luther bei Tisch.

In Wittenberg kümmerte sich Melanchthon allerdings nicht nur um die Theologie, sondern auch um die Förderung der Naturwissenschaften, um Physik, Astronomie, Mathematik und Medizin. Das ging nicht ohne hervorragende Griechischkenntnisse, denn die gesamte Naturwissenschaft war durch griechischsprachige Autoren repräsentiert. Um für die Naturwissenschaften zu werben, ließ Melanchthon einmal im Monat über entsprechende Themen disputieren. Er selbst sammelte Landkarten und pflegte nicht nur historische, sondern auch geographische Interessen – er war es, der Geographie als Schulfach etablierte.

Melanchthons Vorlesungen waren bald besser besucht als die Luthers. Er war ein begabter Pädagoge, der eine Mischform zwischen Vorlesung und Übung in der Lehre einführte, Fragen aufzunehmen versuchte, praktische Hilfen anbot und den Stoff so anschaulich wie möglich vermittelte. Er verfügte, modern ausgedrückt, über eine hohe fachdidaktische Begabung. Fortwährende Forschung befruchtete seine Lehre. Kurz nach seiner Heirat gründete er 1519/20 eine Privatschule. Die oft noch sehr jungen Studenten wohnten, lernten, lebten und aßen im Haus des Lehrers, der für einen fast klösterlich-festgelegten Ablauf des Tages mit Vorlesungen, Übungen und Zeiten zum eigenständigen Lernen sorgte. Weil er sich nicht nur begabte Studenten aussuchen konnte, sondern auch die Kinder angesehener Persönlichkeiten aufnehmen musste, hatte er es mit einer äußerst gemischten Gruppe zu tun. Für die Studenten mit Minimalkenntnissen verfasste er kurzerhand ein Handbuch für den Elementarunterricht („Enchiridion elementorum puerilium“) mit Vaterunser, Glaubensbekenntnis, Bibeltexten und den Aussprüchen der klassischen Antike.

Als Rektor der Wittenberger Universität setzte Melanchthon 1523/24 eine neue Studienordnung für die Artistenfakultät durch, die im Bologna-Zeitalter geradezu neuzeitlich wirkt. Jeder Student bekam einen Tutor, einen Pädagogen, der seinen individuellen Studienplan festlegte, ihm antike Schlüsseltexte für seine intellektuelle und persönliche Entwicklung vorschrieb, die Fortschritte überprüfte, schriftliche Übungen korrigierte und auf die Lebensführung seines Studenten achtete. Zweimal im Monat gab es Deklamationen (Redeübungen).

Während seines Rektorats ordnete Melanchthon die Verwaltung, die Studienorganisation, die Leistungsnachweise und die Berufung von Hochschullehrern neu, wobei er wiederum dafür sorgte, dass die naturwissenschaftlichen und medizinischen Fächer gut vertreten waren. Er selbst las montags Dialektik, dienstags über Ciceros „De officiis“, mittwochs und samstags Geschichte, am Donnerstag über den Kolosserbrief, am Freitag über das Konzil von Nikaia. An den Sonn- und Feiertagen legte er das Tagesevangelium vor dem Gottesdienst lateinisch aus. Nach seinem Tod mussten die Vorlesungen auf mehrere Kollegen verteilt werden.

Melanchthon war ein Polyhistor, der die gesamte Bildung seiner Zeit zu bündeln wusste. Bei der Gründung der Universitäten in Marburg 1527, in Königsberg 1544 und den Universitätsreformen in Tübingen (1535), Leipzig (1539), Frankfurt an der Oder (1540) und Heidelberg (1557) wurde der Wittenberger zu Rate gezogen. Melanchthon war kein weltfremder Stubenhocker, sondern ging während und nach dem Bauernkrieg daran, städtische Lateinschulen zu gründen oder neu zu organisieren. Die erste Schule entstand in Eisleben, die nächste in Magdeburg, es folgte eine Stadt nach der anderen, darunter Goslar, Lüneburg und Nürnberg. In Nürnberg sollte die Lateinschule das gesamte Programm der Artistenfakultät vermitteln.

An den übrigen Schulen teilte Melanchthon die Schüler in drei „Haufen“ ein. In der ersten Stufe wurden Lesen, Schreiben und Latein gelehrt, in der zweiten Stufe die lateinische Grammatik, einfache lateinische Texte sowie das Schreiben lateinischer Verse und Reden mit viel Auswendiglernen. Auf allen Stufen dienten Musik und Bewegung zur Auflockerung des Unterrichts. In der dritten Gruppe mussten die Schüler lateinische Gedichte und Reden verfassen, Rhetorik und Dialektik wurden gelehrt, Vergil, Ovid, Cicero gelesen und neben Musik auch Mathematik unterrichtet. Wer wollte, konnte auch Griechisch und Hebräisch erlernen. Es ging Melanchthon nicht nur um die Eliten, sondern um die Bildung der breiten Masse, auch um die Bildung der Mädchen – um Bildung und Kultur im umfassenden Sinn.

„Deshalb kann kein Zweifel bestehen, dass der Lebensform des Lehrens und Lernens das größte Wohlgefallen Gottes gilt und dass den Schulen im Blick darauf der Vorrang vor Kirchen und Fürstenhöfen gebührt, weil man in ihnen mit größerem Einsatz nach der Wahrheit strebt“, äußerte Melanchthon. Dieser Überzeugung entsprach die Rede Luthers „An die Ratsherren aller Städte deutsches Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“ (1524). Es war nur konsequent, dass Melanchthon nicht nur Leitfragen für schulische Visitationen entwickelte, sondern auch für die Visitation der Pfarrer. Manche unter ihnen waren halbe Analphabeten, die einfach die Messliturgie auswendig gelernt hatten, aber zu keinem theologischen Gedanken fähig waren. Viele Pfarrer lebten im Konkubinat und waren dem Alkohol verfallen.

Als Intellektueller setzte er auf Argumente und litt darunter, in die unvermeidlichen theologischen Dispute der Zeit hineingezogen zu werden. Was er etwa vom ewigen Streit über die richtige Abendmahlsauffassung zwischen Luther und Zwingli im Jahre 1529 hielt, gab er deutlich zu erkennen: „Die beiden Männer, Luther und Zwingli, können nicht übereinstimmen, welches doch mein sehnlichster Wunsch wäre. Da disputieren sie über das Abendmahl, gleich als ob sie in den Himmel gesehen und Jesum gefragt hätten, wie er die Worte ,Das ist mein Leib‘ verstanden habe. Sie werden es hier auf Erden doch nicht ausmachen, und es gehört auch wohl nicht für uns Schwache, alles ergrübeln und erforschen zu wollen. Genug, wenn wir nur wissen und glauben, was zu unserem Heil nötig ist. Das Übrige macht nur krank, woran der Herr keinen Gefallen hat.“

Melanchthon blieb nichts anderes übrig, als bis zu seinem Tod von einem Reichstag zum nächsten Religionsgespräch zu hetzen und zu disputieren. Die von den evangelischen Ständen 1530 auf dem Reichstag in Augsburg vorgelegte Confessio Augustana ist sein Werk. In seinem Ringen um die Einheit der Christenheit ist er am Ende gescheitert. Der Auseinandersetzungen auch im eigenen Lager überdrüssig, sehnte er den Tod herbei.

Um 1540 war er in eine der größten Krisen seines Lebens geraten. Gemeinsam mit Luther hatte er Landgraf Philipp von Hessen die von ihm gewünschte Doppelehe mit einer 17 Jahre alten Hofdame genehmigt, obwohl auf Bigamie nach dem Reichsrecht die Todesstrafe stand. Im Gegensatz zu Luther erkannte Melanchthon, wie unglaubwürdig die Sache der Reformatoren dadurch geworden war. Denn geheim halten ließ sich das nicht. Hinzu kamen die Sorgen um die unglücklich mit seinem ehemaligen Schüler, dem Gründungsrektor der Königsberger Universität, Georg Sabinus, verheiratete Tochter, die mit 24 Jahren nach der Geburt ihres sechsten Kindes starb.

Von der „rabies theologorum“, der Wut der Theologen, befreit, „werde ich gern aus diesem Leben scheiden, wenn Gott es will, und wie der nächtliche Wanderer das Morgenrot ersehnt, so erwarte ich begierig das Licht der himmlischen Akademie“, schrieb Melanchthon resigniert vor seinem Tod. Doch er musste noch eine Weile weiter streiten. Vor 450 Jahren, am 19. April 1560, starb Melanchthon in Wittenberg.

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Wilhelm Schwendemann schreibt überdies (1): „Philipp Melanchthon hatte keine Probleme mit der Literatur des Judentums und dem zeitgenössischen Judentum selbst. Das ist für die Reformationszeit, man erinnere sich an Luthers Schriften gegen die Juden, keinesfalls selbstverständlich. (…) Die jüdische Mystik (Kabbala) war in ihrer Semantik Melanchthon fremd, obwohl er durchaus die Kabbala positiv beurteilen konnte. Seine rhetorischen Vorbilder waren eher Cicero, Terenz oder Livius… Trotzdem praktizierte Melanchthon eine für die Reformationszeit auffällige Toleranz: Er gehört zu den wenigen Menschen des 16. Jahrhunderts, die gegen Judenverfolgungen waren. (…) … was von ihm bleibt, ist eine Uridee von Toleranz und gemeinsamer Solidarität, die im christlichen Humanismus und in den Reformationsschriften Luthers aus dem Jahr 1520 wurzeln. Die Auslegung der hebräischen Bibel nötigt dem Humanisten und Reformator Melanchthon tiefen Respekt ab und fordert zur Vergegenwärtigung einer gemeinsamen Geschichte von Juden und Christen auf. Ein Gedanke dämmert bei Melanchthon auf, der verlorengegangen ist und auch im heutigen jüdisch-christlichen Dialog keine Rolle spielt, daß Judentum und Christentum eine gemeinsame Wurzel haben, nämlich das biblische Israel.“

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Time am 19. April 2010

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1) http://www.die-badner.de/artikel/badenser_melanchton_juden.html
auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Melanchton

Das Melanchthonportrait (Ausschnitt) ist von Lucas Cranach d.Ä. v. 1548.

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2 Antworten to “Unser Philipp”

  1. noch ein Bremer Says:

    Ebenfalls auffällig ist dass diejenigen islamischen Länder am weitesten entwickelt sind, in denen der Islamisierungsprozess noch nicht vollständig abgeschlossen ist, also Indonesien und Malaysia. In den beiden Ländern sind es natürlich wiedermal Nicht-Muslime die wirtschaftlich besonders erfolgreich sind.

  2. Time Says:

    Hallo Nocheinbremer,

    das ist eine interessante Beobachtung. Vielleicht liegt der Tatsache, dass es diese ehemaligen Kolonien zu Schwellenländern bzw. Industriestaaten gebracht haben auch jene zugrunde, dass sie nicht nur vor relativ kurzer Zeit (Indonesien und Malaysia ab ca.1500) islamisiert wurde, sondern dass sie zuvor von „soliden“ anderen Religionen (Buddismus, Hinduismus) geprägt worden sind. Gegenbeispiel das im Kern animistische Afrika: In ihrer Überheblichkeit und dem Unwillen sich zu vergleichen häufig den Mohammedanisten einig, scheint es fraglich, dass die Afrikaner mit der globalen Entwicklung mithalten können werden. In der heutigen FAZ gibt es dazu einen offenbar interessanten Aufsatz des amerikanischen Historikers Frederick Cooper, den ich, wenn ich es schaffe, am Abend bringen werde.

    Ich grüße Sie herzlich,

    Time

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