Großer Fang für Bibelmuseum

Lutherbibel, Wittenberg 1541,
mit Holzschnitten von Lucas Cranach d.Ä.

Oliver Jungen berichtet in der heutigen FAZ von der Übergabe der größten privaten Bibelsammlung Europas an das Bibelmuseum der Universität Münster.

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Schatz aus dem Westerwald

Im Schlagschatten des Sonnenkönigs verbarg sich die Repression: Die kurze Ruhephase, welche den französischen Hugenotten nach der harten ersten Verfolgungswelle vergönnt war, endete mit der Aufhebung des Edikts von Nantes durch Ludwig XIV. im Jahre 1685. Mit schweren Strafen wurde etwa die Bibellesung belegt. Das aber führte keineswegs zur Auflösung des Protestantismus, sondern zu einer geradezu existentiellen Identifikation mit der Heiligen Schrift, welche die Zeiten überdauerte. So erklärte jetzt der Jurist und Antiquar Walter Remy, der einer der ältesten Hugenottenfamilien auf deutschem Boden entstammt, Bibeln seien bis heute seine Heimat. Diese Liebe zur Schrift habe er von seinen Eltern geerbt.

Das klingt beinahe untertrieben, hält man sich vor Augen, dass Remy in Betzdorf bei Siegen in über sechzigjähriger Arbeit die bedeutendste Bibel-Privatsammlung Europas aufgebaut hat, vergleichbar den Beständen der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Den wertvollsten Teil derselben, 652 mehrheitlich lateinische, viele griechische und einige syrische, hebräische und polyglotte (mehrsprachige) Bibeln, die zwischen dem fünfzehnten und dem achtzehnten Jahrhundert entstanden sind, hat der fünfundsiebzigjährige Sammler jetzt der Universität Münster überantwortet.

Jahrelange Verhandlungen sind dem vorausgegangen, über die Ankaufsumme wurde Stillschweigen vereinbart. Allerdings unterschreite diese – von bis zu einer halben Million Euro ist inoffiziell die Rede – bei weitem den Wert der Sammlung, wie die Rektorin der Westfälischen Wilhelms-Universität, Ursula Nelles, bei der Entgegennahme der Werke betonte. In wissenschaftlicher Hinsicht, so Holger Strutwolf, der Direktor des für die Erschließung zuständigen Instituts für neutestamentliche Textforschung (INTF) sowie des angeschlossenen Bibelmuseums, sei das Konvolut geradezu „unbezahlbar“.

Der Bestand des Bibelmuseums, das in naher Zukunft umgebaut und vergrößert werden soll, hat sich damit auf einen Schlag mehr als verdoppelt. Die neuen Schätze werden hier nach und nach der Öffentlichkeit präsentiert. Der Fokus des INTF bleibt allerdings wie bisher auf die griechische Ursprache des Neuen Testaments konzentriert. Zur Erschließung des neuen, zu einem guten Teil lateinisch-katholischen Bestands sind externe Forscher eingeladen, vor allem auch katholische Theologen. Finanziell erheblich am Ankauf beteiligt waren die Kulturstiftung der Länder, die Kunststiftung des Landes Nordrhein-Westfalen, die Staatskanzlei NRW und der Münsteraner Exzellenzcluster „Religion und Politik“. Dieser geisteswissenschaftliche Vorzeige-Verbund ist denn auch begierig, sich analytisch auf die „bedeutsamen Forschungsgegenstände“ zu stürzen, wie sein Sprecher Gerd Althoff deutlich machte.

Zu den zentralen Stücken der Sammlung zählen dreiundzwanzig Inkunabeln aus den Jahren 1475 bis 1497, darunter die erste in Venedig gedruckte Bibel. Unter den regulären Drucken ragen eine Ausgabe von Jan Henten, ein Exemplar der Londoner Polyglotte von Brian Walton aus der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sowie drei Drucke der Vulgata Sixto-Clementina, der gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts umfassend revidierten Vulgata-Fassung, hervor. Weiterhin bereichern wertvolle griechische Bibeln die Münsteraner Sammlung, so die Erstausgabe des Neuen Testaments von Erasmus von Rotterdam und die Erstausgabe einer Vollbibel bei Aldus Manutius aus dem Jahre 1518.

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Time am 28. April 2010

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