Im präoperationalen Stadium

Das Jaffa-Tor in Jerusalem

In der gestrigen FAZ bekam Joseph Croitoru wieder einmal die Gelegenheit, zahnlos gegen Israel zu granteln.

_____

Fünfjahresplan für Patrioten

Israel will Schülern und Einwanderern die Helden von früher ins Gedächtnis rufen und verdrängt dabei die palästinensische Geschichte

Benjamin Netanjahu hat eine kulturpolitische Vision. Er will geschichtsvergessene Israelis zur Vaterlandsliebe erziehen und das Band zwischen dem jüdischen Volk und dem Land der Bibel enger knüpfen. Vor dem Hintergrund der ohnehin ziemlich militarisierten israelischen Nationalkultur bedeutet dies die Rückkehr zur früheren zionistischen Heldenverehrung. Schülern wurden bis in die siebziger Jahre hinein die Sterbensworte des schwerverwundeten Nationalhelden Joseph Trumpeldor (1880 bis 1920) eingebleut: „Es ist gut, für unser Land zu sterben.“

In den folgenden Jahrzehnten distanzierte man sich von dieser Heldenfigur, deren Vermächtnis nach der kritischen Auseinandersetzung mit den Gründungsmythen Israels unzeitgemäß erschien. Die jetzige israelische Regierung ist anderer Auffassung. So wählte Netanjahu unlängst für die Bekanntmachung eines Projekts zur Erneuerung historisch und archäologisch wichtiger Kulturdenkmäler, Museen und Archive einen geschichtsträchtigen Ort: das Tel-Hai-Museum in Obergaliläa, wo sich das Kabinett Ende Februar zu einer medial  inszenierten Sondersitzung traf, um den Projektstart zu verkünden. Dies geschah wenige Tage vor Trumpeldors neunzigstem Todestag, dessen Verteidigungskampf in Tel Hai 1920 gegen die arabischen Angreifer die Schau im Museum verherrlicht.

Der Öffentlichkeit wurde eine fünfzigseitige Beschreibung vorgestellt, die emphatisch den „Entscheidungskampf um die Zukunft des Zionismus“ ankündigt. Dem Konsumismus, den Netanjahu übrigens selbst früher als Finanzminister durch eine neoliberale Marktpolitik stark gefördert hat, wird die Schuld für eine Wertekrise zugewiesen, die die Identität gefährde. Eine ganze Generation, so die Verfasser, sei in einem Umfeld kultureller Seichtheit, Wissens- und Geistesverdünnung groß geworden. Ihre Bindung an den Zionismus sei verloren.

Und genau diese will der Fünfjahresplan der Regierung wiederbeleben. So soll das Nationalbewusstsein mit Kulturdenkmälern gestärkt werden. Besonders Schulkindern, aber auch ausdrücklich der über eine Million Bürger zählenden Einwanderergruppe aus der ehemaligen Sowjetunion will man den patriotischen Gedanken nahebringen. Entlang dieser Kulturstätten hat man zwei Besichtigungsrouten konzipiert. Die eine ist den älteren historischen Spuren jüdischen Lebens gewidmet, die andere konzentriert sich auf die zionistische und israelische Epoche. Die Karten dieser Routen stimmen allerdings bedenklich: Sie durchqueren wie selbstverständlich besetztes Gebiet im Westjordanland und auf den Golanhöhen und blenden arabische Ortschaften aus – es sei denn, diese markierten Siege der eigenen Streitkräfte wie etwa den in Latrun auf der Strecke von Tel Aviv nach Jerusalem.

Dass hier zum ersten Mal auch mit kulturpolitischen Mitteln die Realität der israelischen Besatzung zementiert werden soll, daran kann es kaum noch einen Zweifel geben. Jedenfalls nicht mehr, seitdem Netanjahu auf die Einwände der Siedler, die die Liste der förderungswürdigen Denkmäler als unvollständig kritisierten, umgehend reagierte; er versprach, auch das bei Bethlehem gelegene Rachel-Grab und das Grab der Patriarchen in Hebron darin aufzunehmen. Während diese Erklärung für Unruhe in den Palästinensergebieten und Proteste bei der palästinensischen Autonomiebehörde und der Unesco sorgte, steigerte sie noch die Ambitionen der Eiferer: Sie wollen auch den Tempelberg aufgenommen wissen.

Solche Wünsche entstehen nicht im leeren Raum – ist doch mit dem kulturpolitischen Fünfjahresplan der Regierung Netanjahu das Ausblenden des arabischen und islamischen Erbes des Landes geradezu Programm geworden. Doch damit nicht genug: In umgekehrter Richtung soll die Erinnerung an das Kriegsschicksal der Palästinenser im Jahr 1948 gesetzlich erschwert werden. So wurde Mitte März die abgemilderte Version der umstrittenen, im Volksmund „Anti-Nakba-Gesetz“ genannten Initiative in erster Lesung verabschiedet; die endgültige Verabschiedung darf als sicher gelten, auch wenn ein Termin noch nicht bestimmt ist.

Anders als bei der ersten Variante, die man nach Protesten zurückzog, gab es diesmal kaum öffentliche Kritik. Das Gesetz, eine auf den ersten Blick unscheinbare Ergänzung zum Haushaltsrahmengesetz von 1985 unter dem Punkt „unzulässige Ausgaben“, betrifft jetzt nicht mehr Einzelpersonen. Diesen drohten in der ursprünglichen Version Haftstrafen, wenn sie den Unabhängigkeitstag Israels als „Trauertag“ zum Gedenken an die palästinensische Katastrophe (Nakba) begingen. Nun muss jede in welchem Umfang auch immer staatlich bezuschusste Organisation, die ebendieses tut, künftig mit Entzug der Zuschüsse und drakonischen Geldstrafen rechnen.

Im Klartext heißt dies, dass bald nur noch private Vereine an das palästinensische Schicksal von Vertreibung und Entrechtung werden erinnern können, was das öffentliche Gedenken an die Nakba stark einschränken dürfte. Doch nicht nur darauf zielt das Gesetz. Es soll auch jegliche Stellungnahmen von Institutionen und Organisationen ahnden, die den jüdischen wie demokratischen Charakter des Staates Israel in Frage stellen, nationale Symbole entehren, militärischen Kampf und Terrorismus gegen den Staat befürworten und, so wörtlich, zum Rassismus aufhetzen. Worauf sich der letzte Punkt genau bezieht, ist freilich nicht weiter präzisiert. Rassistische Ausfälle jüdischer Extremisten dürften kaum gemeint sein. Und so kann man es den Vertretern der arabischen Minderheit im Land nicht verdenken, wenn sie ihrerseits das Gesetz als rassistisch kritisieren. Sie ahnen wohl schon, mit welcher Art Gesinnungskontrolle sie in Zukunft werden rechnen müssen.

_____

Ist es nicht selbstverständlich, dass der Unabhängigkeitstag Israels in Israel als Freudenfest gefeiert wird? Und ist es nicht selbstverständlich, dass der israelische Staat Organisationen, die die Unabhängigkeit Israels als „Katastrophe“ verunglimpfen, lieber nicht mit Steuergeldern füttern will? Den größten Nutzen von der Unabhängigkeit Israels haben, verglichen mit ihren Mit-Mohammedanisten in allen anderen Ländern der Erde, doch die israelischen Araber, die sich der Rechte und Möglichkeiten dieser grandiosen Demokratie erfreuen dürfen – aber nichts Besseres zu tun haben, als ihr den „Dolch in den Rücken zu stechen“. „Fünfjahresplan“: Damit will Croitoru die israelische Regierung in die Nähe des mörderischen Diktators Stalin und in die Nähe des Bolschewismus rücken.

Heplev hatte am 27. April übrigens diesbezüglich einen Beitrag über die Restaurierung des Jaffa-Tores gebracht, welche die Kritik einiger Pallie-Offizieller auf sich gezogen hatte. Heplev (1):

„Israel verwendet Jahre und einen Haufen Geld darauf, einen historisch wichtigen Teil Jerusalems zu restaurieren – der von Muslimen gebaut wurde. Sie tun das mit der größtmöglichen Sensibilität gegenüber jedermann. Warum also sind die palästinensischen Araber aufgebracht, dass ein Teil dessen, was sie als ihr eigenes Erbe betrachten, gerettet wurde? ‚Es ist ein Versuch, das Wirtschaftsleben der Altstadt hart zu treffen, insbesondere das muslimische Viertel‘, sagte Hamet Abdel Qader, Berater von Palästinenserpräsdient Mahmud Abbas für Fragen Jerusalems. Ein prominenter palästinensisch-arabischer Führer und Berater von Mahmud Abbas sieht, was Israel tut – und nimmt reflexartig an, dass es getan wurde, um den Arabern zu schaden! (…)

Daher wurde Israel (nach Auffassung der Palaraber, T.) nicht gegründet, um die Selbstbestimmung des jüdischen Volkes zu realisieren: Es wurde ausschließlich gegründet, um ‚Palästinenser‘ zu vertreiben. An den Zweiten Tempel angrenzende Tunnel werden nicht wegen archäologischer Forschungen gegraben; sie werden gegraben, um eine Stadt zu ‚judaisieren‘. U-Bahnen und Straßenbahnen werden mit der ausdrücklichen Absicht gebaut, die Grundmauern einer Moschee zu schwächen. Und natürlich wird ein teures, mehrjähriges Projekt, mit dem Juden eine von Muslimen gebaute Stätte restaurieren, nur durchgeführt, um den Arabern Geschäfte wegzunehmen. Alles, was Juden tun, wird aus keinem anderen Grund gemacht, außer die Araber zu verletzen, belästigen und verärgern.“

Heplev diagnostiziert m.E. zu Recht eine kollektive geistige Behinderung der Pallies, insofern sie das „präoperationalen Stadium“ (nach Jean Piaget), welches den geistigen Horizont von zwei- bis siebenjährigen Kindern kennzeichnet, noch nicht hinter sich gelassen haben. Leider ist das offenbar auch bei zumindest einem Journalisten der besten Zeitung Deutschlands der Fall.

_____

Time am 30. April 2010

_____

1) http://heplev.wordpress.com/2010/04/27/die-palastinensischen-araber-und-piaget/

Schlagwörter: , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: