Zu Gast bei Crazy Barty

Über ein deutsch-türkisches Literaturtreffen in Istanbul berichtete Felicitas von Lovenberg in der heutigen FAZ. Brennende Fragen wie die Anerkennung des Völkermordes der mohammedanistischen Türken an den christlichen Armeniern 1915 oder wie die Ermordung dreier Christen im April 2007 in Malatya (1) blieben im Wesentlichen ungestellt, aber alle hatten eine Menge Spaß.

Mit von der Partie war auch Crazy Bartholomaios I. (2), „Oberhaupt von dreihundert Millionen (300.000.000, T.) orthodoxen Christen“, der den Beitritt der Türkei zur EU unterstützt, damit es, so seine worauf auch immer gegründete Erwartung, die 4.000 (in Worten: viertausend) in der Türkei verbliebenen Christen leichter hätten. Immerhin, die Dinge sind im Fluss, und wie wimmerte ein Polit-Schmachtfetzen der Achtziger Jahre doch gleich (3): „Das weiche Wasser bricht den Stein.“ Der Kommunismus ist allerdings nicht von Winselstuten und mit Weichspülern in die Knie gewungen worden…

_____

Über viele Brücken muss der Bär gehen

Redefreiheit mit kleinen Einschränkungen: Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung traf in Istanbul auf  die geballte Frauenpower der türkischen  Literaturszene.

Einem türkischen Sprichwort zufolge muss man, bis man es über die Brücke geschafft hat, zum Bär Onkel sagen. Die Überquerung mancher Brücken kann sehr lange dauern. Vor fast vierzig Jahren wurde das Priesterseminar des Patriarchats von Konstantinopel, dem historischen Zentrum der orthodoxen Christenheit, von der türkischen Regierung geschlossen; so ist die Ausbildung von Klerikern dem Patriarchat verwehrt. Die Gemeinde in der Türkei, vor den Pogromen von 1955 mehr als 120.000 Mitglieder, ist auf weniger als viertausend geschrumpft.

Angeführt von Präsident Klaus Reichert, machte eine Delegation der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, darunter Ilma Rakusa, Sibylle Lewitscharoff, László Földény und Martin Mosebach, Bartholomaios I. zum Abschluss der diesjährigen Frühjahrstagung in Istanbul ihre Aufwartung. Das Oberhaupt von dreihundert Millionen orthodoxen Christen begrüßte die Gäste nach der Liturgie in fließendem Deutsch im Thronsaal des Patriarchats. Im anschließenden Gespräch in seinem Arbeitszimmer, dessen Schreibtisch auch ein Bild von Benedikt XVI. zeigt, äußerte der kleine Mann mit dem blütenweißen Bart die Hoffnung, dass das Priesterseminar bald wieder eröffnet würde; es gebe neue Bemühungen zwischen der Türkei und Griechenland. Solange sich die Politik nicht einmische, könnten die Religionen friedlich nebeneinander leben.

Der Patriarch ist nicht der Einzige, der sich von einem möglichen EU-Beitritt bessere Bedingung nicht nur für die religiösen Minderheiten verspricht und dementsprechend dafür wirbt. Das war in den vorangegangenen Tagen und Gesprächen immer wieder deutlich geworden – und hatte höchstens beiläufig mit einem gewissen wirtschaftlichen Überlegenheitsgefühl in der Türkei angesichts der Griechenland-Krise zu tun. Wie die meisten heiklen Themen bei diesem Austausch kamen auch die Bedenken gegen einen solchen Schritt allerdings eher indirekt zur Sprache, etwa als Martin Vialon von der Yeditepe Universität in einem Vortrag aus den Briefen Erich Auerbachs zitierte. Der legendäre deutsche Literaturwissenschaftler, der 1936 als jüdischer Exilant von seinem Doktorvater und Mentor, dem Romanisten Leo Spitzer, an die neugegründete Universität Istanbul berufen worden war, wo er viele Jahre wirkte, beschrieb seinem Freund Walter Benjamin kurz nach seiner Ankunft die Zustände in der Türkei: „Ein fanatischer antitraditioneller Nationalismus: Ablehnung aller bestehenden mohammedanischen Kulturüberlieferung, Anknüpfung an ein phantastisches Urtürkentum, technische Modernisierung im europäischen Verstande, um das verhasste und bewunderte Europa mit den eigenen Waffen zu schlagen“. Auerbach erkannte die widersprüchliche Natur des Doppelstaates mit seiner Sehnsucht, „zugleich modern und rein türkisch“ zu sein, und diagnostizierte „eine geistige Richtungslosigkeit, die äußerst gefährlich ist“. Dass ausgerechnet sein hier entstandenes Hauptwerk „Mimesis“ bis heute nicht in türkischer Übersetzung vorliegt, gehört zu den Ironien der Literaturgeschichte.

In ihren einstigen Büros in der Fakultät der Westlichen Philologien erinnert heute kein Porträt und keine Plakette an Auerbach und Spitzer. Dass ihr Geist in diesen Tagen dennoch immer wieder spürbar war, verdankte sich vor allem zwei ihrer einstigen Studentinnen. Die Wirkung jener Entwicklung, die zu Auerbachs Zeit zumal an den Universitäten begann und die noch lange zu Ende ist, erlebten die diesmal besonders zahlreich angereisten Akademiemitglieder während ihres fünftägigen Besuchs geballt: Die Energie des türkischen Literaturbetriebs ist weiblich.

Für viele war denn auch das temperamentvolle Gespräch zwischen der Shakespeare-Forscherin Suheyla Artemel, Müge Gürsoy Sökmen, in deren Metis-Verlag unter anderem Peter Handke, Ralf Rothmann und Juli Zeh erscheinen, und der imposanten, achtundachtzigjährigen Saffet Tanman, eine der ersten Studentinnen von Spitzer und Auerbach, ein Höhepunkt der Tagung. Doch nicht nur diese drei kündeten von der generationsübergreifenden Entschlossenheit gebildeter Istanbulerinnen, „die Haare im Wind flattern zu lassen“, wie Frau Tanman es nannte. Die im tiefen Anatolien spielende Erzählung über häusliche Gewalt gegen Frauen, welche die 1964 geborene Ayfer Tunç vortrug, machte eher thematisch als literarisch Eindruck – und hob sich dadurch markant von den blumigen Gedichten ihrer männlichen Landsleute beim parallel zur Tagung stattfindenden Istanbuler Poesie-Festival ab, dem Ulrike Draesner, Volker Braun, Durs Grünbein und Michael Krüger ihre Teilnahme nicht verwehren konnten.

Der eindrucksvollste und ganz unfeministische Beleg für die Bedeutung der weiblichen türkischen Intellektuellen für ihre Nachfahrinnen war die Germanistin Sara Sayin, die den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland entgegennahm. Dank der Reform des türkischen Hochschulwesens nach europäischen Vorbild habe ihre Generation „keine Probleme mit der Identität“ gehabt, sagte Sayin, die 1926 in Istanbul als Tochter des letzten osmanischen Hofhorologen geboren wurde. „Wir kannten nicht das Unbehaustsein des Europäers.“ Darum habe ihr auch die westliche Idee der kategorischen Trennung von Orient und Okzident nie eingeleuchtet.

Die Türkei sei ein freies Land, in dem jeder sagen und denken könne, was er wollte – „mit kleinen Einschränkungen“, sagt Sezer Duru, Übersetzerin von Thomas Bernhard, Vertreterin der S. Fischer Stiftung in der Türkei und selbsternannte „Königin von Istanbul“, deren wogend gutturales Lachen auf der vollbesetzten „Poetry Ferry“ den Lautsprecherklang der im Fahrtwind glücklich verwehenden Dichterlesungen ebenso übertönte wie die Bootsmotoren. Diese „kleinen“ Einschränkungen, die, wie die Sperrung von Youtube im türkischen Internet, auf den berüchtigten Paragraph 301 zurückgehen, der die Beleidigung der türkischen Nation bestraft, bedeuteten, viele Themen nur über Bande zu spielen.

Klaus Reichert würdigte den Elefanten im Raum gleich zu Beginn, als er jenes düstere Kapitel der deutsch-türkischen Vergangenheit ansprach, das auch in Deutschland, wo die Berichte über den Völkermord an den Armeniern wegen des Kriegsbündnisses zwischen dem Deutschen und dem Osmanischen Reich unterdrückt wurden, noch aufgearbeitet werden müsse. Claudia Hahn-Raabe, der Leiterin des Goethe-Instituts Istanbul zufolge, wird die Armenier-Frage heute offener diskutiert als noch vor einigen Jahren.

Davon war nicht viel zu spüren, dafür umso mehr Ausgelassenheit und Neugier, als Autoren wie Ingo Schulze, Martin Mosebach, Uwe Timm, Friedrich Christian Delius und Marcel Beyer an Schulen und Universitäten lasen. Während Schulze von den Studenten mit Fragen zu „Adam und Evelyn“ und seinem Leben in der DDR geradezu gelöchert wurde, fühlte sich mancher von Mosebachs Schilderung eines rituellen Festes im ländlichen Lykien im Roman „Die Türkin“ (1999) eher provoziert, doch jede Kritik wurde mit ausgesuchter Höflichkeit vorgetragen.

Was sich während des gemeinschaftlichen Besuchs dieser dynamischen, schlaflosen Stadt vielleicht am besten lernen ließ, war Geduld. Insofern passte es, dass die Verwirklichung der offiziellen Anlässe dafür, dass die Akademie mit dieser Tagung erstmals ihren angestammten mittel- und osteuropäischen Raum verließ – die Eröffnung der deutsch-türkischen Universität, die Verleihung eines neuen deutsch-türkischen Übersetzerpreises in Tarabya, der historischen Sommerresidenz des deutschen Botschafters, wo überdies eine Akademie nach Vorbild der Villa Massimo entstehen soll – noch auf sich warten lassen. Nicht jede Brücke überquert sich eben so rasch wie die zwei hiesigen zwischen Asien und Europa. Noch ein türkisches Sprichwort gefällig? „Der Bär hat vierzig Lieder. Alle handeln von der Holzbirne.“

_____

Crazy Bartholomaios I. hat offenbar nur ein Lied. Und eine Hartholzbirne.

_____

Time am 18. Mai 2010

_____

1) http://www.pi-news.net/2009/09/ermordete-christen-als-staatsfeinde-bespitzelt/
und http://www.pi-news.net/2007/04/tuerkei-vor-morden-stundenlange-grausame-folter/
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/05/02/beim-barte-des-bartholomaios/
3) http://www.youtube.com/watch?v=zgxwaqgOa38

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: