Counter-Jihad zur See

Stephen Decatur junior (1) war einer der ersten Helden der US-Navy. Das Bild zeigt ihn beim Aufbringen eines Kriegsschiffs der Jihad-Piraten von Algier. Decatur starb 1820, nicht von der Hand eines Mohammedanisten, sondern in einem jener idiotischen Duelle, die heutzutage so absurd wirken wie das Werfen von Hühnerknochen bei Vollmond. Das Bild wurde gemalt von dem Briten Dennis Malone Carter (1827-1881). Interessant: Die türkische Fahne im Hintergrund!

Die Leser der FAZ vom 19. Mai schreckte ein großformatiges Foto eines modernen somalischen Jihad-Piraten. Darunter folgte eine Buchbesprechung von Milos Vec über das Werk des Engländers Daniel Heller-Roazen „Der Feind aller“ (Der Pirat und das Recht. Aus dem Englischen von Horst Brühmann. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010. 348 S., geb., 22,95 Euro), die auf erschütternde Weise die Blindheit des durchschnittlichen MSM-Journalisten und seine an Konditionierung erinnernde Affektivität offenbart.

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Rechtlose auf den Weltmeeren

(Rechtlose? Offenbar geht es um ermordete oder geschändete Piratenopfer. Wir werden sehen…)

Von wegen Auslaufen und Einbuchten: Die Piraten sind als Bedrohung der Schifffahrt zurück. Daniel Heller-Roazen beschreibt ihre Rolle in der Rechtsgeschichte und gerät bei der Gegenwart ins Ungefähre.

(Aha, das Urteil wird gleich zu Beginn verkündet: Daumen runter!)

Die Piraten sind zurück, und die Wissenschaft gedenkt ihrer mit angenehmem Grauen. Mythische Erzählungen steigen auf, und sie verbinden sich mit der ambivalenten Fortschrittsgeschichte des Völkerrechts: Wo Räuber waren, sorgt nun das Seerecht für Ordnung. So jedenfalls hieß es einige befriedete Jahrzehnte lang, bis die Seefahrt wieder durch den Fluch der Meere eingeholt wurde. Daniel Heller-Roazen, Literaturprofessor in Princeton und vielgelobter Autor, hat eine Rechtsgeschichte der Piraten vorgelegt, in der sich tradierte Fakten mit naheliegenden Aktualisierungen verbinden.

(Es sind nicht Wissenschaftler, die ein „angenehmes Grauen“ spüren. Dieses Paradoxon zu empfinden gelingt nur MSM-Journalisten, welche es heutzutage als ihre Aufgabe ansehen, jeden Stoff und jeden Inhalt auf das Niveau einer TV-Show herunterzustutzen. Wissenschaftler forschen, emotionslos und nüchtern. „Mystische Erzählungen steigen“ nicht auf, und sie verbinden sich auch keineswegs mit dem Völkerrecht, so gern Herr Vec auch als mystischer Dichter verehrt werden würde. Indessen werden allgemeine Übereinstimmungen zwischen der heutigen Jihad-Piraterie und der Geschichte der Piraterie angekündigt, und man darf gespannt sein.)

Heller-Roazen erzählt diese Geschichte in lesbarer Chronologie. Antike, Mittelalter und Frühe Neuzeit werden auf Vorfälle und normative Konzepte hin abgeklopft. Er berichtet von Freibeutern, Korsaren und Seekamelen, vom Ende der Kaperei durch die Pariser Deklaration von 1856. Sein Fokus liegt perspektivisch auf der Frage, wer wen als „Pirat“ etikettiert und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Die politische Pointe dieser Untersuchung liegt, mancher ahnt es vielleicht schon, in der Frage der Exklusion: Welche dunklen Seiten haben politisch-juristische Definitionen und Integrationsprozesse, welche Ausgrenzungen sprechen sie aus?

(Die Frage, „wer wen als ‚Pirat‘ ettikettiert“ ist einigermaßen unsinnig, und wohl eher eine demagogisch-rhetorische Frage von Herrn Vec als eine von Herrn Heller-Roazen. Oder will er ernsthaft behaupten, die somalischen Piraten z.B. könnten die gekaperten westlichen Schiffe in der geringsten Hinsicht als Piratenschiffe deklarieren? Oder die Staaten, aus denen sie stammen? Ein Relativismus der borniertesten Art kündet sich an.)

Denn dass der Pirat ein vielfach Geächteter unter den Geschöpfen dieser Erde ist, daran lassen Heller-Roazens Belegstücke keinen Zweifel. Bei Cicero erscheint er in einer legendären Stelle als „communis hostis omnium“, als gemeinsamer Feind aller, oder – so eine frühneuzeitliche Formel – gar als Feind des Menschengeschlechts, „hostis generis humani“. Gegen ihn gilt es sich zu verbünden, ihn musste man von den Küsten und Seestraßen fernhalten, verfolgen und zur Strecke bringen. Bis zu einer Seepolizei freilich ist der Weg noch lang, Auslaufen und Einbuchten ein frommer Wunsch, zumal auch die Piraten ausgeschlafene Bürschchen sind, die sich technisch zu helfen wissen.

(Vec macht aus seiner Sympathy zu diesen Devils kein Hehl, nicht weil sie ihre Verbrechen zur See verüben, sondern weil sie sich gegen die Staatengemeinschaft, die Idee des Staates und also der Idee der konstruktiven Zusammenarbeit stellen. „Bis zu einer Seepolizei freilich ist der Weg noch lang“, freut er sich, seit 2.000 Jahren verteidigen sie nach seiner Ansicht seinen (perversen) Begriff von Freiheit.)

Heller-Roazens Geschichte gewinnt ihre Aktualität also aus der Wiederkehr einer Kriminalitätsform auf den Weltmeeren, die man noch vor einigen Jahrzehnten für erledigt hielt. Das Buch wäre insofern das Musterbeispiel für die Neuerzählung der Geschichte unter dem Vorzeichen einer unerwarteten Auferstehung. Als solche freilich überzeugt sie nur in Maßen, denn wirklich Neues fördert Heller-Roazen weder in Recht noch in Geschichte zutage. Seine Kompilation bedient sich vielmehr solide der bekannten Forschungen und fügte diese, manchmal sogar etwas hölzern, ins Genre eines Sachbuchs mit essayistischen Zügen.

(Den Vorwurf an Heller-Roazen, er habe nichts Neues zutage gefördert, halte ich für anmaßend. Nicht jeder Wissenschaftler muss notwendigerweise Feldforscher sein und z.B. im vorliegenden Fall im Taucheranzug versenkte Galeonen untersuchen. Der Vergleich „Piraterie einst – Piraterie heutzutage“ ist an sich völlig legitim und eine ausreichend anspruchsvolle Aufgabe. Der Vorwurf geht ins Leere, und sollte wohl auch nicht mehr als ein solcher sein bzw. die Überleitung des schriftstellernden MSM-Journalisten zu seinem Lieblingsthema, dem G- äh, nein, dem „theoretischen Punkt“. Was das ist, ein „theoretischer Punkt“? Haben Sie etwa keinen? Schade, sonst könnten wir die tauschen, die wir doppelt haben. Übrigens gibt es für drei „theoretische Punkte“ einen „Bonus-Punkt“. Und für drei Bonuspunkte wiederum gibt es das Sammelheft, wo all die Punkte eingeklebt werden…)

Interessanter dürfte Heller-Roazens theoretischer Punkt sein. Es ist das Philosophieren anhand des historischen Materials über die Figur des Anderen, des aus der Gemeinschaft Ausgeschlossenen: Der Pirat wird zum Paradigma. Hier entwickelt das Buch einen anderen, untergründigen Erzählstrang, für den der Agamben-Übersetzer (2) Heller-Roazen die Piraten Vattels und Wolffs nicht nur mit Melville und Poe, sondern mit den Vordenkern des Ausnahmezustands und der juristisch organisierten Rechtlosigkeit zusammenbringt. Der Kunstgriff der Ausschließung beinhaltet die Selbstermächtigung zur Treulosigkeit, zum Wortbruch, kurz: zu weiteren piratengleichen Grenzüberschreitungen.

(„Sind nicht wir alle Piraten“, meint dies, wir Wortbrecher, wir Treulosen?)

Unverzichtbar Beleg hierfür ist die Steilvorlage der unrühmlichen Verteidiger der US-amerikanischen „verschärften Verhörtechniken“. Sie beriefen sich in ihrer Rechtfertigung der rechtswidrigen Misshandlungen auf die Figur des Piraten als des Ausgeschlossenen aus jeder Rechtsgemeinschaft. So sprach es der Rechtsberater der amerikanischen Regierung, John Choon Yoo, bald nach dem 11. September aus und erinnerte an die „ungesetzlichen feindlichen Kombattanten“, deren Verhalten durch keine Kategorie des Rechtssystems abgedeckt sei. Diese zweite Wiederkehr macht den politischen Reiz des Buches aus, denn sie lässt manche Geschichte der Verfolgung in einem zivilisatorischen Zwielicht erscheinen: Der Staat und seine Vordenker bemächtigen sich der Definitionshoheit übers Meer und erklären kurzerhand den Gegner für vogelfrei.

(„Der Westen ist Abu Graib“, so lautet eine der aktuellsten antiwestlichen Parolen. Und sowas aber auch, der Staat behauptet einfach, das Meer sei dazu da, in fairem und geordneten Handel Waren in aller Welt zu verteilen. Dabei könnte man doch mit dem gleichen Recht behaupten, es sei dazu da, die Piraten zu ihrer Beute zu führen. Meint offenbar Herr Vec. Dieser Anwalt der Haifische hebt anklagend den Zeigefinger: „Der Staat und seine Vordenker BEMÄCHTIGEN sich der Definitionshoheit übers Meer.“ Wie bitte? Sind es nicht die Piraten, die sich der Waren, Schiffe und ehrbaren Seeleute bemächtigen, sie töten, verstümmeln, vergewaltigen und versklaven? Die rauben und morden? Die verhungern würden ohne ihre Opfer, weil sie zu dumm und grausam sind, um auf anständige Weise ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Die Hechte brauchen die Karpfen, aber die Karpfen brauchen doch die Hechte nicht!)

Vier wiederkehrende Elemente der Definition hat Heller-Roazen in seiner Genealogie des Piraten ausgemacht: ein Gebiet, in dem rechtliche Ausnahmeregeln gelten; der Akteur wird als universeller Feind definiert; in seiner Verfolgung verwischen die Grenzen von Strafrecht und Politik; der Begriff des Krieges wandelt sich. So weit, so schlüssig. Das sei, so meint Heller-Roazen aber, „heute ein Gegenstand von erheblicher, sogar äußerster Bedeutung“.

(Der Definition von Heller-Roazen nach wären, sofern sie von Vec richtig referiert werden, die somalischden Jihad-Piraten keine Piraten, denn sie werden erstens nicht als universeller Feind definiert. Da gibt es welche, die sie als arme Fischer darstellen, deren Fische der Westen gestohlen hat, da wird immer wieder betont, welchen Segen die Lösegelder für (das von den Mohammedanisten völlig verhunzte) Somalia bedeutet, welchen Rückhalt diese „Robin Hoods der Meere“ haben. Das Strafrecht wird zweitens leider peinlich genau eingehalten und alle ausser den Russen betrachten die Angelegenheit eher als jungmännisches Abenteurertum, anstatt dass man das Ziel verfolgt, Verbrecher unschädlich zu machen. Drittens, es gibt also auch kein Gebiet, in dem rechtliche Ausnahmeregeln gelten, und viertens: auch die Wandlung des Krieges ist hier – leider – noch nicht sichtbar.)

Doch was bedeutet diese Gleichsetzung der Ausgeschlossenen einst und jetzt? Ist der Pirat wirklich eine Schlüsselfigur unseres Denkens? Die Exklusion aus der Rechtsgemeinschaft zeitigt, das ist so weit klar, erbarmungslose Konsequenzen. Die Parallelführung trägt, wo andere einem rechtlichen Ausnahmestatus unterworfen werden. Heller-Roazen behauptet eine grassierende Verbreitung und huldigt damit einem politischen Alarmismus. Wo genau die Figuren „universeller Feindschaft“ juristisch praktiziert werden, möchte er nicht sagen, erst recht läge eine Analyse und Typologie jenseits der Ziele und Aufgaben des Buches. Diese Formel, oft eine kluge Selbstbeschränkung, überzeugt hier gerade nicht.

(Mir scheint, als ob Heller-Roazen, anders als Vec dies darstellt, nicht vier „Elemente der Definition“ des Piraten historisch belegt, sondern vielmehr Elemente der Definition des Kampfes gegen den Piraten. Der Pirat als solcher interessiert ihn (im Gegensatz zu Edelfeder Vec) nicht, er dikutiert Wege zu seiner Eliminierung – dies ist es, was dem romantischen Herrn Vec unangenehm auffällt. Es ist übrigens auch nicht der (westliche, demokratische) Staat, der irgendwen juristisch exkludiert, der schützt ja sogar Mörder vor der Lynchjustiz – im Sinne der Bibel übrigens (s. Mose 1/4,15) – es sind die Piraten und Jihadisten, die sich selbst außerhalb stellen. Dieses Faktum kann der Westen nur feststellen und darauf reagieren, und das gilt auch für Gruppen, die ganze Städte beherrschen. Die Frage, ob man sie als feindliche Armee oder als Verbrecherbande behandeln soll ist irrelevant. Relevant ist allein die Beseitigung der Gefahr.)

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Was mich an Vecs Text außer den getätigten Anmerkungen ein bißchen wundert ist, dass so sehr der aktuelle Bezug herausgestrichen wird, also die somalischen Piraten, und andererseits entlang des Buches von Heller-Roazen der historische Vergleich vorgenommen wird, dass dann aber als Kern die „Rechtlosigkeit“ der Piraten erscheint. Klar, es gab viele Piraten, die auf eigene Rechnung und völlig rechtlos agierten. Vielleicht waren sie auch die Mehrheit. Es gab aber immer auch Piraten oder gar Piratenflotten, die der einen oder anderen staatlichen Macht feindlich gesinnt waren, in den Häfen der anderen jedoch stets sichere Zuflucht fanden, wie z.B. Francis Drake, der deshalb kein Pirat sondern ein „Freibeuter“ war, wie wir bei Wiki erfahren (2):

„Sir Francis Drake (* um 1540 in Tavistock; † 28. Januar 1596) war ein englischer Freibeuter, Entdecker, Vizeadmiral und der erste englische Weltumsegler. Als Navigator und Seemann gilt er bis heute als eine der herausragenden Persönlichkeiten der englischen Seefahrt.“

Diese Piraten waren in der Tat eine historisch relevante, eine paramilitärische Kraft. Auch die Orks hatten natürlich herausragende Persönlichkeiten des Jihad zur See, sie waren sogar, wie viele Historiker meinen, nach den Engländern die zweitgrößte Bedrohung für die junge amerikanische Demokratie. Insofern wäre es m.E. erheblich interessanter, von den Historikern Untersuchungen darüber einzufordern, inwiefern Staaten Rechtsverletzungen oder Verbrechen tolerieren, sofern sie sich gegen Feinde, Gegner oder überhaupt andere richten. Drake beispielsweise erhielt von der Krone die schriftliche Erlaubnis, die Spanier zu massakrieren. Rechtsfrei?

Und die Jihad-Piraten? Ihr Merkmal ist doch auch nicht das Agieren im rechtsfreien Raum. Ihre Opfer waren und sind „Ungläubige“ oder „Nicht-ganz-so-Rechtgläubige-wie-sie“. Ihre Untaten sind also mitnichten rechtsfrei, sondern sie sind vielmehr sogar von deren allerhöchsten Instanz (die für uns die allerniedrigste ist), vom Kloran, abgesegnet.

Die Verlagerung von der Frage, inwiefern die Piraten „rechtlos“ sind hin zu der Frage „wessen Recht brechen sie, wessen Recht befolgen sie“ würde die Analysen in Bezug auf die somalische Jihad-Piraterie weg führen von Bloody Mary, Jack Sparrow und dem ganzen romantischen Unsinn hin zur nüchternen Feststellung: Der Jihad ist nicht nur global geworden, er hat auch das Schwimmen wieder erlernt.

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Time am 28. Mai 2010

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Stephen_Decatur
2) http://de.wikipedia.org/wiki/Agamben
3) http://de.wikipedia.org/wiki/Francis_Drake

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