Die FAZ wird damoliniert

Sehen aus wie aufgeblasene Ochsenfrösche, sind aber nach Auskunft der FAZ Helden: Von den Israelis freigelassene „Free-Gaza“-Journalisten auf dem Weg zur Israelflaggenverbrennung

Die FAZ scheint wild entschlossen, ihren guten Ruf zu damolinieren und „das Eisen zu schmieden, solange es noch heiß ist.“ So erhält der unsägliche Herr Damolin, der sich äußerlich als fest im Fleische stehender 68er erweist, und der aufgrund seiner literarischen Produktion zweifelsfrei in eben diese Ecke gestellt werden darf (1), heute von der FAZ erneut Raum, eine 2/3-Seite, um sie mit vielen Worten über nichts zu füllen.

Ganz offensichtlich hat sich Herr Damolin seinerzeit um die in linken Kreisen verbindlichen Demonstrationen an der Startbahn West und in Gorleben gedrückt. Auch wenn ich immer gegen Ökopaxe und Anti-AKW-Bewegung war, will ich doch feststellen, dass die Demonstranten in Gorleben z.B. weit härter angefasst wurden als diese Hamasfreunde von den Israelis. Herr Damolin hätte eine ihrerzeit derartig robuste Behandlung mit Sicherheit nicht ohne schwere psychische Schäden überstanden. Aber vermutlich wird er von der FAZ nach Wortmenge entlohnt, und das erklärt die zu Mammutgröße aufgeblasene Mücke, die er durch die mediale Arena scheuchen will – wie auch den seltsamen Wechsel seiner Perspektive nach seinem ersten Artikel (2): Es sind eben Auftragsarbeiten. Immerhin war er nun quasi nebenbei endlich mal auf einer „Mutter aller Demonstrationen“, was seinen Status in linken Kreisen drastisch steigern dürfte.

Unter der Überschrift „Chaos, Lügen und Heldentum“ erfahren wir viel über das Chaos in seinem Kopf und seine Willfährigkeit, den mohammedanistischen Hamas-Lügnern zuzuarbeiten, allein das Heldentum bleibt aus. Obwohl wie alle Gefangenen gut versorgt und zuvorkommend behandelt, geht Cheforganisator Khalid Turaani beispielsweise ganz offensichtlich der A*sch auf Grundeis, als er zum Verhör gebeten wird, und das Wort Held erhält eine völlig neue Bedeutung.

Kreativ wie Linke bekanntermaßen sind, starten die Gefangenen alberne Aktionen wie einen Jogging-Wettbewerb, und einer bittet per Münztelefon sogar die örtliche Polizeiwache um Hilfe, ist das nicht wahnsinnig witzig?

Und dann kommt auch der alltägliche Rassismus des „Gut“menschen durch, als Damolin schreibt: „Sie stehen hier nicht Palästinensern gegenüber, sondern selbstbewussten Europäern“ – der europäische Übermensch, wie er lebt und vor allem leibt.

Ungeheuerlich: Den Gefangenen wird nicht etwa Mineralwasser gereicht, die perfiden Juden „empfehlen, den Durst am WASCHBECKEN zu löschen.“ Todesmutig aus dem Wasserhahn zu trinken, vor soviel Heldenmut erstarre ich erfürchtig.

Sich selbst feiern die freigelassenen „Aktivisten“ denn auch über einen Zeitraum von sage und schreibe 10 Stunden: „Nach und nach füllt sich die Maschine, immer wieder von frenetischem Beifall und ‚Allahu akbar‘-Rufen begleitet. Aber es dauert lange: Um 13.30 Uhr sind die Ersten eingestiegen, kurz vor 24 Uhr kommt der Letzte…“

The Fuhrergan zeigt sich übrigens ein weiteres Mal erkenntlich: „Der türkische Ministerpräsident Erdogan hat sich erboten, alle Gefangenen der Gaza-Flottille nach Istanbul ausfliegen zu lassen. Auch die Weiterflüge in die Heimatländer mit der türkischen Fluglinie sollen von der Regierung übernommen werden.“

Beim Empfang im mohammedanistisch besetzten Konstantinopel werden israelische Flaggen verbrannt, aber Dimmi-Damolin schafft es immer noch nicht, ein kleines bisschen Ordnung in seinen Kopf zu kriegen. Vielleicht hat er einfach nur wieder Hunger…

Am Ende seiner Ausführungen, die die Qualität eines durchschnittlichen Schüleraufsatzes nicht erreichen, erscheint die IDF als Räuberhorde: „… mein Laptop ist weg, ebenso wie das Handy und der Fotoapparat. Seit unserer Gefangennahme war uns stetig versichert worden, unser Gepäck sei in Ordnung, alles würde zurückgegeben. Faraggi beklagt einen Verlust von rund 12.000 Euro. Eine Journalistin aus Australien läuft vorbei und berichtet, dass ihre Kreditkarten, Bargeld und alle technischen Geräte verschwunden seien.“

Ich könnte mir eher denken, dass sich die verschwundenen Dinge in der Türkei befinden. Was für eine bescheuerte Idee, Wertsachen in Höhe von 12.000 Euro auf eine illegale und aggressive Aktion mitzunehmen. Andererseits ist Damolin schon drei lange Artikel an die FAZ losgeworden, da kann er sich gleich einen neuen Laptop kaufen. Aber diesmal nimmt er sicher einen mit Snackbar.

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Chaos, Lügen und Heldentum

Nach der Kaperung von sechs Schiffen der Gaza-Hilfsflotte landeten Passagiere und Mannschaften in einem neuen Trakt des Gefängnisses in Beerscheva. Die Wärter hatten dort mit den selbstbewussten Häftlingen so ihre Schwierigkeiten.

Der stählerne Kasten mit den vergitterten Fenstern ist nach einstündigem Warten und fast zweistündiger Fahrt endlich am Ziel. In der Hafenstadt Aschdod hatte man uns in den stickig-heißen Gefängnistransporter gezwängt, auf Eisenbänke, die Klimaanlage war erst spät eingeschaltet worden. Eine Bild wie aus einem alten Polit-Thriller. Vangelis Pissias, Chef des Schiffes „Eleftheri Mesogeios“ (Freies Mittelmeer), sitzt zusammengekrümmt in der ersten Reihe. Man hatte ihn in Aschdod geschlagen, weil er sich weigerte, Fingerabdrücke zu geben. Er hat Schmerzen, auch wegen einer Wunde am Fuß, die er durch die israelischen Marinesoldaten bei der Kaperung seines Schiffes erlitten hat. Fuß- und Rippenbruch wird später bei ihm diagnostiziert werden.

Jetzt, so erhoffen wir, wenn auch im Gefängnis, ein wenig Ruhe, keine Blitzlichter von Fotoapparaten, keine Filmteams oder private Camcorder. Doch auch hier in Beerscheva gibt es das unbezähmbare Verlangen nach Trophäen – als ob wir nicht schon dutzendfach fotografiert, gefilmt, katalogisiert wären. Da stehen sie wieder und drücken auf ihre Auslöser, ohne auch nur eine Sekunde auf unsere Proteste zu reagieren. „Es ist nicht für die Öffentlichkeit“, meint einer ganz unschuldig. Nur für das Heimkino.

Das Gefängnis Beerscheva, südlich der Stadt, ist ein Hochsicherheitstrakt in der Negev-Wüste, der jetzt gerade ausgebaut wurde: für Schwerkriminelle, Mörder, Attentäter, renitente Palästinenser. In Beerscheva soll auch der Mörder von Jitzhak Rabin sitzen. Im langen Gang, der zu Block 5 führt, stehen wieder Fotografen und Kameraleute, es ist etwa zehn Uhr abends am 31. Mai. Erst nach lautstarken Protesten lassen sie es sein. Sie sind enttäuscht, denn wir sind diejenigen, die den nagelneuen Block 5 einweihen werden.

Nach zwei Schleusen erreichen wir den Hauptraum des Baus im Erdgeschoss, mehreckig, funktional, leicht überblickbar. Links, abgetrennt, die Abteilung für das Personal, Büroräume, ein Raum mit Fotoanlage, einige Geheimdienstleute – sie sind leicht zu identifizieren – lehnen an der Wand. Linker Hand, weiter vorne dann eine Art kleiner Küchenbereich mit Spülwannen, danach beginnen die Zellen im Erdgeschoss. Ganz rechts, neben dem Eingang, Duschen in offenen Kabinen, über jeder Dusche ist eine Kamera angebracht. An der Wand daneben eine Reihe Münztelefone. Im letzten Drittel dieses unteren Bereichs sind die Sitzflächen für die Gefangenen, jeweils vier an einen Metalltisch geschweißt. Auf einem der Tische prangt der Stempel von TÜV Rheinland. Wir erhalten zwei kleine Stücke Seife, drei Päckchen Shampoo, eine Zahnbürste, Zahnpasta, ein Handtuch, eine Plastiktasse und ein Esstablett.

Über eine Treppe kommt man in den ersten Stock mit weiteren Zellen: jeweils vier Betten, ein Tisch mit angeschweißter Sitzfläche, ein Schrank mit vier Abteilungen. Die Toilette hinter einer Tür, die oben und unten Freiraum lässt. Die Spülung macht einen Lärm wie ein Presslufthammer. Schlafraum und Toilette sind mit Überwachungskameras bestückt. Oben an der Wand ein Ventilator, der Kühlung spenden soll. Aus dem vergitterten Fenster sieht man hinter den großflächigen Gefängnisbauten die Wüste Negev.

Zelle 5115 im ersten Stock ist von jetzt an unsere Unterkunft: Insassen sind neben mir Marcello Faraggi, italienischer Journalist aus Brüssel, Bilal Abdul Aziz, Englischlehrer aus Großbritannien, Manolis Matchioulakis, Solarenergie-Fachmann aus Athen. Der Ventilator unserer Zelle funktioniert nicht, aber in einer Ecke steht ein Paket mit allen Einzelteilen. Faraggi hat das Gerät in dreißig Minuten auf die Platte an der Wand montiert. Dass dieser Trakt in aller Eile bereitgestellt wurde, merkt man an dem Putz, der auf dem Zellenboden liegt, den Matratzen, die noch eingeschweißt sind, und dem Vogelkot auf den Geländern – offenbar lagerten die noch vor kurzem im Freien, und keiner hat sie bisher gereinigt.

Im Erdgeschoss werden Wasserflaschen hereingebracht, Nahrungsmittel – Brot, Gurken, Paprika -, dann öffnen sich die Türen über einen Zentralmechanismus. Alle kommen heraus, in unserem Trakt sind von rund sechzig Personen mindestens zwölf Medienleute: Filmemacher, schreibende Journalisten, Fotografen aus der Tschechischen Republik, Italien, Frankreich, Irland, Australien, der Türkei, Jordanien. In der starken griechischen Gruppe gibt es zwei Professoren, Gewerkschafter, Ingenieure, Facharbeiter, einen Studenten aus Zürich und Naim Elghandour, den Schiffskoch der „Eleftheri Mesogeios“, einen gemütlichen Exil-Ägypter mit griechischem Pass. Die Griechen sind laut, offensiv und witzig zugleich – kaum zu bremsen. Die türkische Gruppe stammt hauptsächlich von den Frachtschiffen der IHH, einer türkischen Hilfsorganisation, die in manchen Ländern als radikalislamistisch eingestuft wird.

Schon am ersten Abend wird klar, dass die Vollzugsmitarbeiter es nicht leicht haben werden. Laut wird nach Rechtsanwälten und Diplomaten gerufen, einige wollen telefonieren – ein Durcheinander sondergleichen. Die israelischen Gefängniswärter schauen erstaunt auf das Chaos. Einer von höherem Rang tritt vor und bittet um Ruhe, dann dürften wir morgen auch telefonieren. Geschrei und Gelächter. Wir seien keine Gefangenen, sagt der Israeli, sondern Besucher, ja Gäste, und schon ruft einer aus dem Hintergrund: „One Cappuccino please!“ Die Angelsachsen sind mit Whisky-Bestellungen dabei. Vangelis Pissias ruft: „Ich bin ein politischer Gefangener.“

Die Organisation im Gefängnis ist chaotisch, das Personal nicht geschult, die Ressourcen sind mangelhaft. Gefangene, die Medizin benötigen, werden kaum angehört, es gibt zu wenig (schlechtes) Essen, am Morgen nach der Einlieferung kein Frühstück, es fehlt Wasser. Die Wärter empfehlen, den Durst am Waschbecken zu löschen. Manche schöpfen das Essen mit Tassen aus den großen Behältern und essen mit der Hand, weil Besteck fehlt.

Bei manchen Gefängnisbediensteten spürt man den ansteigenden Adrenalinspiegel. Sie stehen hier nicht Palästinensern gegenüber, sondern selbstbewussten Europäern, die sich nicht einschüchtern lassen und auf die Einhaltung der Menschenrechte pochen. Auch der Versuch, die Gäste-Gefangenen zum Zweck der Zählung in Reih und Glied aufstellen zu lassen, scheitert kläglich. Alle in die Zellen zurück, heißt es dann, keiner geht, einer der Beamten fängt an zu schreien. Am ersten Morgen wählen wir Sprecher, die unsere Forderungen gegenüber der Gefängnisleitung vertreten sollen. Das Gefängnispersonal reagiert verwirrt. Die Autorität ist hin, das macht sie aggressiver – allerdings nicht alle. Ein dunkelhäutiger Vollzugsbeamter, angeblich ein Beduine aus der Gegend um Beerscheva, ist freundlich, zeigt eine Bärenruhe und hört zu. Wenn er Dienst hat, gibt es keine Konflikte. Auf die Frage nach den versprochenen frischen T-Shirts und Socken wiegt er nachdenklich den Kopf und winkt mich zu einem Karton mit abgepacktem Toastbrot. Er fasst tief hinein und holt, verschmitzt lächelnd, zwei Plastikhüllen mit Trainingsanzügen heraus.

Am ersten Morgen wird ein Versuch gestartet, uns nach Nationalitäten zu trennen, doch die Gruppe lässt sich nicht spalten. Khalid Turaani, geboren in einem palästinensischen Flüchtlingscamp in Jordanien, amerikanischer Staatsbürger, ist einer der Organisatoren der „Freedom Flotilla“. Er soll zu einer separaten Anhörung abgeführt werden. Er wehrt sich, hat sichtbar Angst, einer härteren Behandlung unterzogen zu werden. Den ganzen zweiten Tag sind Anhörungen vor dem Haftrichter, doch nicht jeder wird vorgeladen, ein System ist dabei allerdings nicht zu erkennen. Ein schwedischer Staatsbürger kommt zurück und berichtet, der Richter habe ihn angeschrien, weil er seinen Namen nicht nennen wollte, weil er das schon Dutzende Mal getan habe. Dreißig Tage Haft seien ihm angedroht worden.

Am zweiten Tag kommen gegen 14 Uhr Botschaftsmitarbeiter aller beteiligten Länder in das Erdgeschoss. Eine deutsche Konsulin mit ihrer Kollegin aus Tel Aviv ist da, das beruhigt. Sie geben Informationen über das israelische Abschieberecht und über ihre Möglichkeiten der Intervention. Sollte ich immer noch keine Erklärung unterschreiben, dass ich illegal nach Israel eingereist sei und zustimme, ausgewiesen zu werden, könnte das Konsequenzen haben: Beginn eines womöglich längeren Verfahrens. Ich teile den beiden mit, dass ich nicht gewillt sei, diese falsche Aussage zu unterschreiben, und bitte, meine Familie zu unterrichten. Am Ende kann ich aus einer Dokumentenmappe des Auswärtigen Amts die aktuelle Ausgabe der israelischen Zeitung „Haaretz“ nehmen – sie wird zum Schlager und ausgiebig gelesen.

Der Besuch der Konsulatsmitarbeiter und anschließend einiger Rechtsanwälte stimmt die Gefangenen optimistisch. Beim abendlichen Zählen nach dem Essen – wieder viel zu wenig für alle – drehen der Amerikaner Gene und Manolo, der römische Fernsehjournalist, unter anfeuerndem Beifall einige Jogging-Runden. Die Vollzugsbeamten haben resigniert, sie hindern Manolo auch nicht daran, an ein Münztelefon zu gehen. Er wählt die Nummer 100 und bekommt tatsächlich eine Verbindung zum Polizeirevier in Beerscheva. Er erzählt, er sei Italiener und entführt worden und wolle befreit werden. Der Polizist am anderen Ende der Leitung notiert alles. Erst als Manolo sagt, er sei im Gefängnis, legt der Polizist auf.

Plötzlich Aufregung. Am Dienstagabend kommen Beamte und wollen Khalid Turaani und den Journalisten von Al Dschazira zur Ausweisung nach Jordanien abholen. Die energische amerikanische Konsularbeamtin ist dabei. Sie ist schon am Morgen sehr entschieden aufgetreten. Turaani lässt sich überreden und verabschiedet sich. Am nächsten Morgen, gegen sieben Uhr, einige sind schon aufgestanden und warten auf Essen, ruft ein Beamter Khalid Turaani auf. Er erntet ein Gelächter.

Eine Viertelstunde später geht alles sehr schnell. Beamte schleppen Kartons heran mit Plastikfolien, in denen unsere Ausweise und die Aufnahmeformulare des Gefängnisses stecken. „We will finish this morning“, sagt einer der Beamten fast erleichtert. Immer mehr Gefangene aus anderen Blocks kommen herbei. Gruppen werden aufgerufen und in den vorderen Teil von Block 5 geführt. In einem stickigen, nicht belüftbaren Raum warten wir, während Vollzugsbeamte und Soldaten ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen: fotografieren.

Auch draußen im Hof, wo ein Reisebus auf uns wartet, klicken die Fotoapparate. Ein Beamter gibt Wasser, Brot und Käse aus, dann geht es los zum Flughafen Tel Aviv. Während der Fahrt stehen an Ampeln und Kreuzungen Menschen, die laut schimpfen und drohend die Fäuste recken. Kinder in einem vorbeifahrenden Schulbus machen das Victory-Zeichen. Am Flughafen angekommen, kurz nach Mittag, heißt es wieder warten – mehr als eine Stunde im Bus. Alexander, der tschechische Fotograf, will auf die Toilette gehen, was ihm wie anderen danach verweigert wird. Alexander bietet Geld für einen Toilettengang, es kommt zu heftigen Diskussionen. Draußen auf dem Flughafengelände stehen schwerbewaffnete Spezialkräfte, das Flughafengebäude ist voll mit Uniformierten.

Wir werden einzeln von einem Beamten nach oben geführt, wo wir unsere Pässe erhalten. Petre vom tschechischen Fernsehen hat Pech. Sein Pass ist im Chaos verlorengegangen, er erhält ein Ersatzpapier. Kein Bedauern, keine Entschuldigung. In einem Bus werden wir auf das Rollfeld gefahren, wo drei Flugzeuge der „Turkish Airlines“ warten. Der türkische Ministerpräsident Erdogan hat sich erboten, alle Gefangenen der Gaza-Flottille nach Istanbul ausfliegen zu lassen. Auch die Weiterflüge in die Heimatländer mit der türkischen Fluglinie sollen von der Regierung übernommen werden.

In dem Flugzeug werden wir mit Beifall empfangen: Das Personal sind Türkinnen mit Kopftuch, eine Italienerin, eine Amerikanerin, eine Schwedin. Nach und nach füllt sich die Maschine, immer wieder von frenetischem Beifall und „Allahu akbar“-Rufen begleitet. Aber es dauert lange: Um 13.30 Uhr sind die Ersten eingestiegen, kurz vor 24 Uhr kommt der Letzte, der Chef der Hilfsorganisation IHH, der einer besonderen Befragung unterzogen wurde. Ein Gerücht geht um: Vangelis Pissias, der Grieche, sei wieder im Gefängnis, weil er nicht ohne sein Schiff ausreisen wolle. Nach fast zwölf Stunden Wartezeit hebt das Flugzeug gegen 0.45 Uhr ab.

In Istanbul wollen alle so schnell wie möglich aussteigen. Doch das ist anders geplant. Nach der medialen Inszenierung durch die Militär- und Polizeikräfte in Israel beginnt in Istanbul die neue Inszenierung als Heldenepos. Durch die dichtgefüllten Gänge des Flugzeugs kämpfen sich zuerst zwei türkische Kamerateams, begleitet von Reportern, die Interviews mit türkischen Teilnehmern machen. Dann kommt eine Karawane in Anzügen: türkische Honoratioren, die einen Teil des Ruhms abbekommen wollen. Sie schütteln jedem die Hände, ob man will oder nicht.

Draußen vor dem Flugfeld stehen Tausende Menschen mit türkischen oder palästinensischen Fahnen. Eine israelische Flagge wird verbrannt. Ein deutscher Konsulatsvertreter fährt Marcello Faraggi und mich aus dem Trubel heraus zu einem weit entfernten Gebäude, dem Gerichtsmedizinischen Institut in Istanbul. Dort sollen sich unsere Gepäckstücke befinden. In langen Gängen liegen dort auf dem Boden verstreut Taschen, Koffer, Rucksäcke – ein unsägliches Chaos. Hunderte irren von Gang zu Gang und suchen ihre Habseligkeiten. Nach einer Stunde finden wir Faraggis Kameratasche und meine Reisetasche, zwei von sechs Gepäckstücken. Unsere erste Freude verfliegt schnell: In den Taschen finden wir nur Lumpen, zerschnittene Teppiche, schmutzige Handtücher, zerrissene Plastiksandalen – keine Kamera, weder Hosen noch Hemden. Auch mein Laptop ist weg, ebenso wie das Handy und der Fotoapparat. Seit unserer Gefangennahme war uns stetig versichert worden, unser Gepäck sei in Ordnung, alles würde zurückgegeben. Faraggi beklagt einen Verlust von rund 12.000 Euro. Eine Journalistin aus Australien läuft vorbei und berichtet, dass ihre Kreditkarten, Bargeld und alle technischen Geräte verschwunden seien. Sie hat Galgenhumor: Vielleicht war alles nur ein bewaffneter Raubüberfall mit Todesfolgen.

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Time am 7. Juni 2010

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1) http://damolin-film.com/
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/05/31/seahad/

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PS.: Apropos „aufgeblasene Ochsenfrösche“, hier als Soundtrack der „Bullfrog-Blues“ von Rory Gallagher
http://www.youtube.com/watch?v=33Jaodra7AY

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