Die Lust des Blinden zu führen

„Der Blinde führt die Blinden“ von Walter Heckmann (1) 1991

Wolfgang Günther Lerch gedachte in der gestrigen FAZ des Orientalisten Gernot Rotter, der letzte Woche verstarb. Herr Rotter ist u.a. Übersetzer der „Sira“, also der Biografie von Klo H. Metzel (2).

Ob er ein guter Übersetzer ist, kann ich nicht beurteilen, aber es ist natürlich ein großes Verdienst, sich durch den gesammelten Schwachsinn des Lebens eines perversen Irren zu kämpfen, dessen böser Geist heutezutage zu einer Bedrohung für die ganze Welt geworden ist. Auch die beiden Vorworte Rotters zu verschiedenen Auflagen der Biografie sind sachlich.

Dubios mutet allerdings die Gesellschaft an, in die er sich bei der Veröffentlichung begeben hat. Sein Verleger Salim Spohr ist Konvertit, eingefleischer Demokratiefeind, sehr rührig und völlig durchgeknallt (3), was nicht heißt, dass er kein eingefleischter Geschäftsmann wäre (4). Den Klappentext der Sira hat er mit absurdem Gefasel gefüllt. Beim Mohammedanismus gehe es um die „Wiedererneuerung des Glaubens an den einen und einzigen Gott…“, oder: „Betrachtet ein Muslim das Leben seines Propheten in dessen Vielschichtigkeit und Fülle als unvergleichliches Geschenk eines über die Maßen barmherzigen Gottes an die Menschheit, so rühren ihn die vielbezeugte Vortrefflichkeit und Lauterkeit seines Charakters immer wieder zu Tränen“, oder: „das… wirkmächtige Leben dieses wunderbaren Mannes…“.

Dies sind alles andere als wissenschaftliche oder nüchterne Aussagen, das ist dumpfes, romantisches und verlogenes Gesabbel eines kostümierten Narren und angesichts des blutrünstigen Inhaltes der Sira im Grunde ein Skandal. Was man über diesen „wunderbaren“ Mann in der Sira lesen muss, ist die Beschreibung eines elend niedrigen Charakters und brutalen Verbrechers, der stolz auf seinen verkommenen Geist ist. Dass Herr Rotter hier nicht nur nicht auf einer Kommentierung bestanden hat, sondern sogar das schleimige Gesülze von „Sheik“ Spohr zuließ, sollte ihn der wissenschaftlichen Sphäre zutiefst suspekt machen.

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Er ließ Allahs Plagiator auffliegen

Streiter gegen ein verzerrtes Islam-Bild:
Zum Tod des Orientalisten Gernot Rotter

Drei Männer haben ihn maßgeblich beeinflusst: der Religionswissenschaftler Gustav Mensching, der marxistische Philosoph Ernst Bloch – der ihn in seiner religionsskeptischen Überzeugung prägte – und Josef van Ess, der Tübinger Orientalist, dessen Assistent er eine Zeitlang war. Gernot Rotter war bis zu seiner Emeritierung 1993 Professor für gegenwartsbezogene Orientwissenschaft am Orientalischen Seminar der Universität Hamburg. Er studierte in Bonn Islamwissenschaft zu einer Zeit, da dieses Fach fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit betrieben wurde – von einigen wenigen Leuten, die man damals gern als Exoten bezeichnete. Das hat sich radikal geändert, und Rotter, der sich immer auch für den modernen Orient und die Politik interessierte, war das gerade recht. Wer ihn in Tübingen im Seminar erlebte, schätzte seinen bisweilen an Sarkasmus grenzenden trockenen Humor.

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er mit einer publizistischen Arbeit bekannt: In dem Buch „Allahs Plagiator“ konnte er zeigen, dass der Journalist und Nahost-Reporter Gerhard Konzelmann in seiner Mohammed-Biographie seitenweise von ihm abgeschrieben hatte, ohne die Quelle anzugeben. Seitdem nahm er immer wieder Stellung zu aktuellen Ereignissen im Nahen Osten, zum Beispiel im Karikaturenstreit. Stets lag ihm dabei am Herzen, ein verzerrtes Islam-Bild im Westen zu korrigieren, gleichzeitig aber auch mit muslimischen Vorurteilen durchaus hart ins Gericht zu gehen.

Der mit einer Arbeit über die „Stellung des Negers in der arabisch-islamischen Gesellschaft bis zum 16. Jahrhundert“ bei Mensching promovierte und bei van Ess über die Dynastie der Omajjaden von Damaskus habilitierte Islamkundler kannte den modernen Orient gut, zumal aus den vier Jahren, die er als Direktor des deutschen Orient-Instituts in Beirut verbrachte. Als Orientalist lag sein Schwerpunkt – neben der aktuellen Entwicklung der islamischen Gesellschaften – im Historischen. Seine von ihm herausgegebene Bibliothek Arabischer Klassiker, für die er auch als Übersetzer tätig war, gehört zum Bestand jener Bücher, aus denen sich auch der Laie über klassische Originaltexte der muslimischen Kultur informieren kann. Dazu gehört eine Übertragung der berühmten „Sira rasul Allah“ des Ibn Ishaq, der zum Standard gewordenen Propheten-Biographie.

Rotter wurde 1941 in Troppau geboren und war der Sohn des Journalisten Walter Rotter. Mit seinem Bruder zusammen, dem Mittelalter-Historiker Ekkehart Rotter, veröffentlichte er das Werk „Venus, Maria, Fatima“ – eine Kritik der Frauenfeindlichkeit in Islam und Christentum. Politisch vorübergehend für die Grünen im Landtag von Rheinland-Pfalz engagiert, blieb er danach ein Ratgeber in Fragen der Migration und Integration muslimischer Menschen in Deutschland. In der vorigen Woche ist Gernot Rotter im Alter von 69 Jahren gestorben.

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Dass Menschen mit Blindheit geschlagen oder eingeschränkt sind, kommt vor. Warum aber drängt es so viele geistig eingeschränkte Menschen in Führungspositionen? Warum wollen sie mit Macht ihre Anschauungen wider den gesunden Menschenverstand oder jedwede Evidenz zur Norm erheben?

Steckt eine perverse Lust dahinter? Sind sie alle gekauft?

Ebenfalls in der gestrigen FAZ kritisierte Kermani-Verteidiger (5) Friedrich Wilhelm Graf (6) einen aktuellen Aufsatz (7) des Niederländers Ian Buruma (8), welcher Ayaan Hirsi Ali als „Fundamentalistin der Aufklärung“ bezeichnet hatte.

Buruma scheint Wissenschaft als Instrument zur Volkserziehung mißzuverstehen. Das Ergebnis der „wissenschaftlichen“ Untersuchung wird bei ihm zu Beginn festgelegt, und dann erstellt er eine Datensammlung in diesdem Interesse. Graf: „Buruma folgt einer klaren religionspolitischen Agenda. Er will die vielen Europäer, welche die wachsende Einwanderung aus dominant muslimischen Gesellschaften als Bedrohung europäischer Identität wahrnehmen und im Islam eine prinzipiell demokratiefeindliche Religion sehen, von der Demokratiefähigkeit der Korantreuen überzeugen.“ So wie Spohr, der auf dem Klappentext über die „Lauterkeit“ von Klos Charakter faseln kann, während der Text zwischen den Deckeln eine einzige Anhäufung von Scheußlichkeiten bietet, häuft Buruma einen Wortberg gegen das Offensichtliche an: Denn der Mohammedanismus ist immer gewalttätig, unfrei und expansiv. Selbstredend verweigert sich Buruma der Methode der Falsifikation.

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Wie lassen sich die Götter zähmen?

Ian Burumas neues Buch vergleicht auf drei Kontinenten das Verhältnis von Politik und Religion. Er betont die Demokratiefähigkeit der Korantreuen.

Der deutschen Öffentlichkeit ist Ian Buruma spätestens durch sein Buch „Mord in Amsterdam“, eine dichte Beschreibung des 2004 verübten Attentats auf den islamophoben Filmemacher Theo van Gogh, bekannt. Der Niederländer mit britischer Mutter, der inzwischen in New York lehrt und in den letzten Jahren zahlreiche Essays zu den neuen Religionskonflikten der Gegenwart veröffentlicht hat, ist stolz darauf, in Kindheit und Jugend von religiöser Sozialisation verschont geblieben zu sein, und bezeichnet sich als liberalen Agnostiker. Nach Abschluss eines kulturwissenschaftlichen Studiums mit Schwerpunkten in Chinesischer Literatur und Japanischem Film lebte er als Schauspieler und Tänzer in Tokio, bevor er als Dokumentarfilmer, Fotograf, Reiseschriftsteller und Journalist unterhaltsam über zahlreiche asiatische Gesellschaften berichtete. Als Feuilletonchef von „The Far Eastern Economic Review“ verstand er sich als Mittler zwischen Ost und West.

Auch sein neuester Essay über nun endlich zu zähmende Götter, hervorgegangen aus Vorlesungen in Princeton, demonstriert die seltene journalistische Fähigkeit, ebenso geistreich und ironisch über Religion in China und Japan zu plaudern wie über Glaubenskämpfe in den Vereinigten Staaten und in einigen europäischen Gesellschaften. Im Vergleich von Entwicklungen auf drei Kontinenten gelingen Buruma eine Reihe von originellen, überraschenden Beobachtungen. Aber der lockere Ton, in dem er seine Sicht der Glaubensdinge entfaltet, bringt es auch mit sich, dass oft nur Stereotypen reproduziert werden. Harte Arbeit am religionsanalytischen Begriff liegt Buruma fern. Zentrale Diskurse der modernen Religionskulturforschung kennt er nicht.

Mit großer Überzeugungskraft betont Buruma, dass man über Spannungen von Religion und Politik niemals allgemein, sondern sinnvoll nur mit Blick auf bestimmte geschichtlich geprägte Kontexte reden kann. Amerikaner hätten nun einmal ganz andere Vorstellungen der öffentlichen Rolle von Religion als viele europäische Denker entwickelt. Die meisten Amerikaner sähen in religiösen Organisationen Kräfte der aktiven Stärkung demokratischer Bürgertugend. Viele Europäer hingegen urteilten über die Fähigkeiten der Kirchen, demokratische Prozesse zu unterstützen, eher skeptisch, kritisch.

Besonders gut kennt Buruma sich natürlich in den Niederlanden aus. Hier kann er zeigen, dass der modische Multikulturalismus, der die Debatten um die Einwanderung von Muslimen lange Zeit prägte, nur die Fortschreibung der niederländischen Kolonialpolitik ist. Die Holländer hatten in ihren Kolonien, ähnlich wie die Briten, eine Politik indirekter Herrschaft verfolgt, mit entschiedener Trennung einheimischer ethnischer Gruppen, die man je einzeln und relativ isoliert effizienter kontrollieren und beherrschen konnte. Weniger überzeugend sind einige Aussagen über Religion und Politik in den Vereinigten Staaten. Zwar zitiert Buruma gern Tocquevilles „Demokratie in Amerika“ und Gründungsväter wie insbesondere Thomas Jefferson.

Doch nimmt er die hohe Vielfalt religiösen Lebens in den Vereinigten Staaten kaum zur Kenntnis. Nicht alle Evangelicals unterstützen die Republikaner, und die pauschale Rede von den „liberalen Säkularisten“ unterschlägt, dass es neben der Christian Right in den jüdischen wie protestantischen Lebenswelten vor allem der Ostküste immer auch wichtige Kräfte liberaler Religion gab und noch gibt. Mit der Behauptung, dass zwischen 1920 und 1970 religiöse Organisationen keinen relevanten Einfluss auf die amerikanische Politik genommen hätten, ignoriert Buruma die Bürgerrechtsbewegung, die entscheidend von protestantischen Black churches und Kirchenführern wie Martin Luther King getragen wurde.

Buruma folgt einer klaren religionspolitischen Agenda. Er will die vielen Europäer, welche die wachsende Einwanderung aus dominant muslimischen Gesellschaften als Bedrohung europäischer Identität wahrnehmen und im Islam eine prinzipiell demokratiefeindliche Religion sehen, von der Demokratiefähigkeit der Korantreuen überzeugen. Tocquevilles These, dass man mit der Religion des Propheten keine Demokratie gestalten könne, lehnt er ab. Die Prinzipien der parlamentarischen Demokratie seien Muslimen keineswegs fremd. In Indonesien hätten gerade muslimische Akteure, die gut 150 Millionen tief Gläubige repräsentieren, eine der wenigen halbwegs funktionierenden Demokratien Südostasiens aufgebaut und gestärkt. Für die autoritären Züge in der türkischen Politik seien keineswegs nur islamistisch orientierte Kräfte, sondern mindestens ebenso stark jene Säkularisten verantwortlich, die in blinder Treue zu Kemal Atatürk einen zutiefst illiberalen Laizismus predigten und alle Religion aus dem öffentlichen Raum zu verbannen suchten.

Für die europäischen Gesellschaften setzt Buruma deshalb auf eine entschieden liberale Religionspolitik. Die Europäer müssten neu lernen, die bürgerlichen Freiheitsrechte auch der ganz anderen, entschieden Frommen anzuerkennen, und es gelassen ertragen, wenn sie ihren Glauben im öffentlichen Raum demonstrativ bekunden; niemand werde ja gezwungen, sich ihre Glaubensvorstellungen zu eigen zu machen. Umgekehrt sollen die europäischen Muslime nach innen hin dafür werben und sorgen, dass gewaltbereite junge Islamisten der zweiten oder dritten Generation, die hier geboren und aufgewachsen sind, das Gewaltmonopol des weltanschaulich neutralen Verfassungsstaates zu akzeptieren lernen. Über pathetische Appelle und viel Sollensrhetorik gelangt Buruma hier nicht hinaus. Er ignoriert die Vielfalt der religionsrechtlichen Verhältnisse in Europa und sieht nicht, dass man zwar rechtlich prägnant Staat und Kirchen beziehungsweise Religionsgemeinschaften trennen kann, solche institutionelle Trennung aber keineswegs gleichbedeutend mit der Unterscheidung von Politischem und Religiösem ist. So bleibt er im Entscheidenden vage.

Mit dem Aufklärer Spinoza hofft er darauf, dass der Gottesglaube die Menschen freundlich und friedlich stimme. Spinoza ging davon aus, dass eine starke weltliche Obrigkeit die Glaubensgemeinschaften unter starker Kontrolle halten müsse. Dazu kann Buruma sich aus naheliegenden liberalen Gründen nicht entschließen. Er setzt auf die „Werte“ der Aufklärung, eine vage Toleranz, fordert aus Sicherheitsgründen aber zugleich, die globalen Kommunikationsnetze der Islamisten, speziell ihre Propaganda im Internet, zu überwachen und zu zerschlagen. Was denn zu tun sei, wenn ihr Glaube die Gottesfürchtigen unfreundlich, aggressiv und kriegerisch stimme, weiß er in einer zusammenhängenden Argumentation nicht zu sagen. So bekundet er, bei aller belehrenden Grenzüberschreitung zwischen Ost und West, Europa und den Vereinigten Staaten, Christentum und Islam, ungewollt auch viel Ratlosigkeit.

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Die Blindschleiche Buruma auf Führungsmission steckt den Kopf in den Sand und erwartet, dass wir es ihm alle nachmachen. Ein kräftiger A*schtritt könnte ihm evtl. das Augenlicht zurückgeben.

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Time am 18. Juni 2010

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Heckmann
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/22/sira-1-einfuhrung-und-massenmord/
3) http://www.islampress.de/2007/7/27/warum-wir-den-koenig-lieben
4) http://islam.de/2302.php
5) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/05/19/1075/
6) http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Wilhelm_Graf
7) Ian Buruma: „Taming the Gods“. Religion and Democracy on Three Continents. Princeton University Press, Princeton & Oxford 2010. 132 S., geb., 15,99 Euro.
8- http://de.wikipedia.org/wiki/Ian_Buruma

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