Marjams Geschichten

Die „Zeit“: „Junge Frauen am Beiruter Strand. Die Frauen der arabischen Welt brechen in der Literatur die sexuellen Tabus.“ (1)

Am 21. Juni hatte Stefan Weidner in der FAZ sehr empathisch über den 2002 erschienenen Roman „Marjams Geschichten“ der Libanesin Alawiyya Sobh berichtet (Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 475 S., geb., 34,- Euro). Alawiyya Sobh, geboren 1955 in Beirut, ist Chefredakteurin der Zeitschrift Snob Hasna.

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Sex und die arabische City

Dies ist der schonungsloseste Frauenroman der arabischen  Literatur. Deshalb sollte  man ihn lesen – vor allem im Westen: „Marjams Geschichten“ von Alawiyya Sobh.

Kein Zweifel: Das ist ein Buch für Frauen. Kein Zweifel aber auch: Es ist ein Buch, das Männer lesen müssen, gerade deshalb. Nun mangelt es auch in den arabisch-islamischen Literaturen schon länger nicht mehr an weiblichen Stimmen. Traten einst die Frauen nur als Dichterinnen in Erscheinung, ist der Emanzipationsroman seit Laila Baalabakkis „Ich lebe“ von 1958 ein fest etabliertes Genre. Der Libanon, auch Baalabakkis Heimat, hat dabei immer eine Vorreiterrolle eingenommen, bildet das Verlags- und Pressezentrum der arabischen Welt und bot den Frauen am ehesten die Chance, die aus Paris herüberschwappenden Träume von der Selbstverwirklichung zu realisieren. Das Scheitern dabei, ein Scheitern an den Männern, an den gesellschaftlichen Umständen, aber auch an der eigenen Inkonsequenz und Halbherzigkeit, ist dieser Literatur ebenfalls seit „Ich lebe“ eingeschrieben. Soziologisch interessant dabei ist nicht zuletzt, dass viele dieser Autorinnen aus der gesellschaftlich am meisten benachteiligten der drei großen libanesischen Glaubensgemeinschaften stammen, der der Schiiten, derjenigen Religionsgemeinschaft, aus der sich heute auch die Hizbullah rekrutiert, die als einzige der Bürgerkriegsmilizen noch offen aktiv ist. Neben Baalabakki wären die ebenfalls mit mehreren Büchern auf Deutsch vertretene Hanan al-Shaykh zu nennen und nun Alawiyya Sobh, deren Erfolgsroman „Marjams Geschichten“ die deutschen Leserinnen (und Leser!) jetzt in der makellosen Übersetzung von Laila Chammaa entdecken können.

Und es ist eine Entdeckung! Dass die gegenwärtige arabische Literatur mit allen Wassern der Moderne gewaschen ist, hat sie zur Genüge bewiesen. Nun ist es zum Glück wieder erlaubt, die postmoderne Erzählflamme kleiner zu drehen, wie Alaa Al-Aswani, der ägyptische Bestsellerautor, mit „Der Jakubian-Bau“ vorgemacht hat. Die Leser danken es, sogar die bis dahin so lesefaulen arabischen. Aber nicht blumigen Stil finden wir in dieser Literatur, sondern große, handfeste authentische Stoffe, Charaktere, die vielleicht aus grobem Holz geschnitzt sind, aber dafür umso lebendiger. Bei Alawiyya Sobh heißen sie Marjam, Alawiyya, Jasmin und Ibtisam. Der Gedanke, dass es sich bei allen vieren um das Alter Ego ein und derselben Person handelt, liegt nah und verliert sich doch in der Fülle der vielen anderen hier erzählten Frauenschicksale von Freundinnen und Verwandten. Sie alle sind, könnte fast man sagen, ein Stamm, ein Volk: die Frauen des Libanon, auf die brutalste Weise in die Moderne geschleudert, aufgerieben von der Weltgeschichte, beginnend mit der großen Hungersnot im Ersten Weltkrieg bis zum fünfzehnjährigen Bürgerkrieg, deren Verlauf diese Frauen von Revolutionärinnen mit dem Gewehr in der Hand zu Wesen macht, die ein letztes Heil nur noch in der Religion finden und am Ende wie Jasmin ihren Scheich fragen, ob überhaupt und wie bekleidet sie sich am Frauenbadestrand zeigen dürfen.

All das wird erzählt und doch nie am großen äußeren Geschehen entlang, so wenig, dass man den Lesern wünscht, sich vorher ein paar Eckdaten der jüngeren libanesischen Geschichte in Erinnerung zu rufen. Die Entdeckung, die dieses Buch uns bereitet, sein absolut Besonderes ist etwas anderes, es ist der schonungslose, noch für den weit entfernten gegenwärtigen mitteleuropäischen Leser schmerzhafte Einblick in die intimsten Zonen seiner Figuren, in die qualvollen Mechanismen ihrer Selbstbilder, Verirrungen und Weltanschauungen, in den stets sexuell grundierten, aber zur Heillosigkeit verurteilten, triebgesteuerten Unterbau dieser Gesellschaft, in eine zunehmende, unausweichliche Verwahrlosung, eine Not, in welcher Geist und Vernunft sich, wenn überhaupt, nur wie Schiffbrüchige am Rettungsring halten, von den Wellen umspült und hin und her geschleudert, ohne Aussicht auf die finale Rettung.

Ibtisam, die linke Idealistin, die Revolutionärin, nicht ohne sexuelle Erfahrung, entdeckt eines Nachts die Einsamkeit ihres Körpers und beschließt, endlich zu heiraten. Aber für die Frauen in diesem Buch – und nach der Lektüre will man denken: für alle Frauen im Libanon und in der arabischen Welt – ist der Mann allein um den Preis der Erniedrigung wirklich zu haben. Eine Begegnung auf Augenhöhe findet paradoxerweise nur dort statt, wo sie gesellschaftlich geächtet ist, im Seitensprung, im vorehelichen Sex oder in der unmöglichen Liebe zwischen Muslimen und Christen. Ausgerechnet hier gibt es auch Liebe und sexuelle Erfüllung. Während Marjam ein Verhältnis mit dem verheirateten Abbas hat, pflegt Ibtisam eine Liebesbeziehung zu dem Christen Ahmad. Er geht als Gastarbeiter nach Saudi-Arabien, und Ibtisam wartet. Mitten in der israelischen Belagerung im Sommer 1982 kehrt er überraschend zurück, schläft mit ihr, die noch Jungfrau ist, nur um ihr anschließend zu verkünden, dass er in sein Dorf fährt, um dort eine Christin zu heiraten. Dschalal, den sie dann heiratet, akzeptiert zwar, dass sie keine Jungfrau mehr ist, aber schon als sie beim gemeinsamen Fernsehen nebenbei einen Schauspieler lobt, nennt er sie Flittchen. Der Psychoterror beginnt, und am Ende lebt Ibtisam genau die bürgerlichen Konventionen und Verlogenheiten, die sie als junge Frau über alles verachtete.

Auch Jasmin, einst nicht weniger revolutionär, fürchtet sich nach ihrer Heirat plötzlich vor allem, was den Ruch des Unkonventionellen hat, und wird religiös, zum Verdruss ihres Mannes, des Arztes Karim, der seinen Idealismus als Armendoktor so weit treibt, dass er von seinem Beruf kaum mehr leben kann. Die Frustration darüber, dass er an den Zuständen im Land – und an der Einfalt seiner Patienten – nichts ändern kann, wandelt sich in Verachtung, schließlich redet er seine Patienten nur noch als „Vieh“ an. Die neoislamische Verdummung seiner Frau nimmt unterdessen groteske Züge an: Der Geburtstag des Propheten wird von den strenggläubigen Freundinnen zu einer vor den Augen der Männer verborgenen Walpurgisnacht: „Am Ende schminkten sich alle gründlich ab, zogen die aufreizenden Fetzen aus und gingen streng verhüllt wieder heim.“

Der Bürgerkrieg hat seinen Anteil an der Verkommenheit, gewiss. Aber dort kulminiert sie nur. Die Ursachen liegen tiefer, sind im Intimen, Privateren angesiedelt, und Alawiyya Sobh meißelt sie aus den Steinbrüchen der libanesischen Frauenschicksale schonungslos heraus. Am Beispiel von Marjams Mutter wird die Gewalt bis zu ihren Wurzeln in Familie und Sexualität zurückerzählt.

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In seiner Rezension für „Deutschlandradio Kultur“ vom 19. Mai hatte Stefan Weidner hier folgende Passage eingeschoben (2):

Im Alter von zehn an einen unreifen Jungen verheiratet, kennt sie die Sexualität nur als Form der Gewalt, wird 18-mal schwanger und rächt sich im Alter an ihrem Mann, indem sie ihn nach Strich und Faden bloßstellt – und ihre Töchter aufs Gymnasium schickt. Die Erfahrung des häuslichen Hasses, von allen Freundinnen mehr oder weniger geteilt, ist nicht nur eindrücklich und manchmal verzweifelt komisch zu lesen. Indem es davon redet, wird das Buch vielmehr auch zu einem Fanal, das erahnen lässt, was einer Gesellschaft blüht, in deren Familien sich der Virus der Gewalt flächendeckend eingenistet hat.

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Weiter mit seinem FAZ-Text:

Der Mittelteil des Buches ist dieser Recherche in der eigenen biographischen Vorgeschichte gewidmet, und das Ergebnis ist eine bewegende Hommage an, wir dürfen das vermuten, ohne der Autorin zu nahe zu treten, die eigene Mutter.

Alawiyya Sobhs Roman ist eines jener Bücher, vor deren Reichtum an Geschichten und Einblicken, an Wahrhaftigkeit und chaotischer Lebensfülle der Rezensent den Hut zieht und die Waffen streckt. Sicher gibt es Texte, die werden ökonomischer erzählt, kunstfertiger aufgebaut, auch in der arabischen Literatur. Aber wenige sind so ehrlich und authentisch. Hinzu kommt, dass die Autorin bar jeder ideologischen oder politischen Voreingenommenheit erzählt, so sehr, dass Marjam es sogar wagt, gegen den menschenverachtenden Märtyrerkult der libanesischen Milizen festzustellen, dass die Israelis ihre Toten höher schätzen als die Araber ihre Lebenden. Alawiyya Sobh biedert sich niemandem an. Und wäre bei Jelinek oder Streeruwitz die kritische Stoßrichtung nicht längst zur Ideologie verhärtet, die deutsche Literatur könnte sich rühmen, mit ähnlich schonungslosen Autorinnen gesegnet zu sein.

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Time am 23. Juli 2010

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1) http://www.zeit.de/2010/22/L-B-Sobh
2) http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1185776/

weitere Rezensionen unter:

http://www.sf-magazin.de/alawiyya-sobh-marjams-geschichten,283.html
http://www.perlentaucher.de/autoren/24325/Alawiyya_Sobh.html
http://www.eaifl.com/alawiyyasobh

Ein Interview mit Alawiyya Sobh unter:
http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-299/_nr-799/i.html

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