Binden sie UNS?

Ich habe in der Vergangenheit häufiger die Auffassung vertreten, wir sollten den Krieg in Afghanistan auf niedrigerem Niveau für unbegrenzte Zeit fortführen, um die Jihadisten dort zu binden. Es ist allerdings zu überlegen, ob eben dies nicht auch die Strategie der Mohammedanisten uns gegenüber sein könnte, die den Konflikt z.B. vielleicht fortführen, um von der „schleichenden Islamisierung“ (Giordano) des Westens abzulenken.

Übrigens, wann immer von Kollateralschäden unter der afghanischen „Zivil“-Bevölkerung die Rede ist, sollte man an die vielen Drogentoten (und Toten im Zusammenhang mit der organisierten Kriminalität in diesem Zusammenhang) im Westen erinnern. 2002 waren das in der EU z.B. ca. 9.000 und in den USA 17.000 (1). Ist es da nicht berechtigt, von einem Drogenkrieg gegen den Westen zu sprechen?

In der heutigen FAZ bespricht Nils Minkmar das Buch „Sturz ins Chaos. Afghanistan, Pakistan und die Rückkehr der Taliban“ von Ahmed Rashid (aus dem Englischen von Alexandra Steffes und Henning Hoff, Edition Weltkiosk, 340 Seiten, 19,90 Euro).

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Der afghanische Aufklärer

Ahmed Rashid schreibt die besten Bücher über Afghanistan.
Sein neues, alarmierendes Werk hatte schon politische Folgen.

Neun Jahre dauert der Krieg in Afghanistan, und er wird immer schlimmer. Dieser Juli war für die amerikanischen Kräfte der verlustreichste Monat seit Kriegsbeginn. Auch die deutschen Opfer werden immer größer, und ein Ende des Einsatzes scheint in weiter Ferne zu liegen.

Dennoch fällt es vielen schwer, die wesentlichen historischen und politischen Linien des Konflikts zu begreifen und sich eine Meinung zu bilden. Die Veröffentlichung der berühmten 90 000 Seiten vertraulicher militärischer Unterlagen auf der Internetseite Wikileaks zu Beginn der vergangenen Woche hat das Gefühl der Überforderung nur erhöht: Wer hat schon die Zeit und die Kenntnisse, das alles zu lesen und zu bewerten?

Der Vietnamkrieg hat Scharen von Studenten und angehenden Journalisten zu Südostasien- und Drittweltbegeisterten gemacht; im Afghanistankrieg bleibt solches Engagement aus. Weder steht eine mächtige Friedensbewegung auf den Straßen, noch ist die Emanzipation des afghanischen Volkes von der Terrorherrschaft der Taliban zur cause célèbre geworden. Fast scheint es, als würde die Privatisierung des Krieges, die das Kämpfen Söldnern und Profis überlässt, von den Bürgern intellektuell nachvollzogen, indem die Meinungsbildung einer kleinen Schar von Politikern und selbsternannten Experten überlassen wird. Gerade die deutsche Politik hat das auch jahrelang ganz gut gefunden, überzeugt davon, dass die pazifistischen Reflexe der eigenen Bevölkerung den komplizierten Realitäten der diplomatischen Verpflichtungen und realpolitischen Notwendigkeiten nicht standhalten würden. Um Afghanistan zu verstehen, das war der Eindruck, wenn man die öffentliche Debatte verfolgte, muss man entweder uralt sein, Paschtune oder vor Kandahar unter Feuer gelegen haben, am besten alles drei. So sitzt man dann auch nach einem Kriegsjahrzehnt ratlos vor den Fernsehnachrichten und misstraut den eigenen Aufwallungen. Doch den Luxus der ewigen Delegation unangenehmer Entscheidungen gibt es in einer parlamentarischen Demokratie nicht, und darum ist es höchste Zeit, die Gemütlichkeit hinter fernen Kriegsnebeln aufzugeben und sich aufzuklären, und das beste Mittel dazu ist immer noch ein gutes Buch. Es gibt kein besseres als Ahmed Rashids „Sturz ins Chaos.“

Die Pfiffigkeit und digitale Akrobatik der Wikileaks-Leute mag man ja bewundern, aber eigentlich bieten sie nur die Belege für die in Ahmed Rashids Büchern dargestellten Erkenntnisse. Ahmed Rashid schreibt und argumentiert wie ein aufgeklärter Historiker. Er verbindet seine persönliche Erfahrung aus jahrzehntelanger journalistischer Arbeit mit der Fähigkeit zur distanzierten und abwägenden Darstellung. Nach der Lektüre versteht man, dass die Verworrenheit und Undurchsichtigkeit der Verhältnisse in Afghanistan und Pakistan nicht etwa unserer geographischen und geistigen Entfernung vom Schauplatz geschuldet ist, sondern das Resultat einer politischen Strategie. Je schwerer sich der Westen damit tut durchzublicken, desto eher braucht er Partner am Ort – und wer bietet sich da charmanter an als der pakistanische Geheimdienst ISI? Der versteht von den Taliban sehr viel, nicht zuletzt, weil er sie erfunden, unterstützt und wiederbelebt hat. Zwischen pakistanischem Geheimdienst und den Taliban bestehen, so die Hauptthese von Rashids Buch, nicht nur starke persönliche und religiöse Bande, beide Gruppen sind auch durch handfeste materielle Interessen verbunden: Erst der Kampf gegen die Taliban beendete die Isolation Pakistans und ließ unvorstellbare Summen aus Amerika ins Land fließen. Pakistan hat ebenso wenig wie die Taliban ein Interesse an einer starken, säkularen afghanischen Zentralregierung. Schließlich teilen sich pakistanische und afghanische Taliban die Erlöse aus den Drogengeldern.

Die Taliban sind, das gilt es immer wieder zu betonen, keineswegs uralte, wilde Bergkrieger, die etwa schon gegen Alexander, Briten und Sowjets gekämpft hätten; sie sind ein ganz junges Phänomen. Sie entstanden, das ist in Rashids vorigem, nun auch als Taschenbuch wieder aufgelegtem Klassiker „Taliban“ nachzulesen, in den überfüllten Camps afghanischer Flüchtlinge in Pakistan und wurden für die Interessen der pakistanischen Dienste instrumentalisiert, um die siegreiche afghanische Widerstandsbewegung gegen die Sowjets zu spalten und die Bildung eines starken afghanischen Zentralstaats zu verhindern.

Nach der Lektüre von Rashids neuem Buch kann man viele intellektuelle Platzhalter, etwa die Phrase vom gemeinsamen Kampf gegen den Terror, nicht nur nicht mehr hören, man kann sie vor allem nicht mehr glauben: Terror in diesen Dimensionen gibt es ohne die Unterstützung durch Staaten nicht. So wie die jüngsten Forschungen zum Linksterrorismus der siebziger und achtziger Jahre die entscheidende Rolle östlicher Geheimdienste für Logistik, Finanzierung und Rekrutierung von Terroristen betonen, so macht auch Rashid klar, dass die Taliban ohne den pakistanischen Geheimdienst ISI nie diese seit 2006 zu beobachtende Renaissance erfahren hätten.

Wenn wir also die Sicherheit Deutschlands am Hindukusch verteidigen, tun wir das mit einem Partner, der ein starkes Interesse daran hat, unser Gefühl der Unsicherheit fortbestehen und zur Panik anschwellen zu lassen. Denn so bleibt der pakistanische Geheimdienst immer gefragt, wie ein Club pyromanischer Feuerwehrleute.

Wer Rashids Buch gelesen hat, versteht auch, dass es sich Oskar Lafontaine und der ihm ergebene politische Verein zu leicht machen, wenn sie in der Afghanistan-Frage mit dem Pathos früher Pazifisten verkünden, Krieg als Mittel der Politik abzulehnen, und eine einseitige Beendigung fordern, die, daran lässt Rashid keinen Zweifel, binnen kurzem die Wiedererrichtung der Talibanherrschaft in Kabul bedeuten würde. Die spricht allen linken Idealen Hohn. Damit trüge der Westen nicht allein eine Mitschuld am zu erwartenden Bürgerkrieg und Rachefeldzügen in der Dimension des Terrors der Roten Khmer, er würde bald auch selbst zum Ziel neuer und verbesserter Attentatstaktiken. Denn im Kleinen, Rashid erinnert daran, hat man solche lokalen Befriedungsaktionen und „Deals“ mit sogenannten gemäßigten Taliban bereits ausprobiert. Es gab mehrere Versuche pakistanischer Politiker, Talibanchefs gegen ihr Versprechen auf Waffenruhe einige Täler oder Provinzen zur autonomen Verwaltung zu überlassen. Sie alle führten dazu, dass die dort ansässige Bevölkerung floh und im Gegenzug Terrorlager entstanden. Fast alle in Europa geplanten oder durchgeführten Terroranschläge seit 2005 wurden in solchen mit pakistanischer Duldung bestehenden Talibanprovinzen vorbereitet.

Rashid ist insofern ein Aufklärer, als er die derzeitige Lage zwar angemessen düster schildert, aber auch zeigt, welche falschen Entscheidungen erst dazu geführt haben. Der Erfolg der Taliban ist kein Naturgesetz. Sie profitierten von den Fehlern des Westens. Der schwerste war wohl, die Geldströme aus dem Opiumanbau übersehen zu haben. Unter den Augen der Welt wurde Afghanistan zum Heroinproduzenten Nummer eins, der zuletzt 93 Prozent des weltweit erzeugten Stoffs lieferte. Es waren diese immensen Gewinne, die die Taliban nutzen konnten, um Waffen zu kaufen, Rekruten zu bezahlen und Selbstmordattentäter anzuwerben, deren Familien die Entschädigungen gut gebrauchen konnten. (Die Drogengelder sind nicht wesentlich. Die Taliban sind ein Teil des globalen Jihad, der alle Orks eint. Ohne Drogengelder würden sie eben im Ölgeld schwimmen, die Scheichs wissen doch gar nicht, wohin damit. T.)

Auch gegen Deutschland erhebt Rashid Vorwürfe. Jahrelang hätte sich die Bundeswehr vor Ort nur selbst beschützt und sich so verhalten müssen, als könnte der Krieg ohne Kampf gewonnen werden. Die Ausrüstung der Nato-Staaten sei so mangelhaft gewesen, dass sie in kritischen Fällen auf die amerikanischen Bomben zurückgreifen mussten, was unnötig Menschenleben gefordert hätte. Schließlich sei Deutschland bei der wichtigen Aufgabe der Ausbildung der afghanischen Polizei schlicht gescheitert.

Dennoch ist dies kein hoffnungsloses Buch. Zwar zeigt Rashid, wie der worst case aussehen könnte; das wäre der Sturz der pakistanischen Regierung durch die von ihnen geschaffenen Taliban, wodurch diese Feinde der Menschheit in den Besitz von rund hundert Atombomben kämen. Aber er legt auch überzeugend dar, wie eine entschlossene Talibanbekämpfungsstrategie aussehen müsste (Wie denn? T.). Der immense Erfolg seiner Bücher vor allem in den Vereinigten Staaten und Großbritannien blieb nicht ohne Auswirkungen auf die Politik der dortigen Regierungen. Obamas Truppenverstärkung, mit der er die absurden Reduzierungen eines Donald Rumsfeld (Nicht absurd sondern eine andere Strategie. T.) korrigiert, erscheint nach dieser Lektüre wie ein überfälliger Schritt und ganz und gar nicht wie eine Imitation des Vietnamkrieges. Und die drastische Äußerung des britischen Premierministers, Pakistan würde den Terror exportieren, ist auch mit der Rashid-Lektüre zu begründen.

Ahmed Rashids luzider und spannender „Sturz ins Chaos“ gehört in jeden Rucksack und auf jedes Regal.

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Time am 1. August 2010

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Drogentote

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