Permanent – und auf ewig

Marco Seliger berichtet in der heutigen FAZ aus Baghlan/Kundus/Afghanistan.

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Im permanenten Kampfeinsatz

Die Bundeswehr gerät in Afghanistan an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Das wissen auch die Taliban und ihre Verbündeten nur allzu gut.

Kurz bevor sich der Selbstmordattentäter in die Luft sprengt, redet er mit Florian Pauli. Weil der 26 Jahre alte Oberfeldwebel den afghanischen Bauern nicht versteht, ruft er einen Dolmetscher herbei, der sich mit den übrigen Soldaten in der einige Meter entfernten Wagenburg, der provisorischen Lagerstatt eines Fallschirmjägerzuges aus dem norddeutschen Seedorf, aufhält. Als der Übersetzer vorgehen will, explodiert der Sprengsatz. Der Attentäter hatte ihn mit Metallkugeln gespickt und unter seiner Tracht am Körper getragen. Der Schutzwall aus Fahrzeugen rettet den meisten Soldaten das Leben; drei von ihnen erleiden Splitterverletzungen. Florian Pauli hat aber keine Überlebenschance. Die von deutschen Pionieren erst einige Tage zuvor verlegte Brücke nahe der Ortschaft Aka-Khel, an der er am 7. Oktober Wache hielt, trägt jetzt seinen Namen. Der Sanitätsfeldwebel aus Halle/Saale wurde gestern beerdigt. Er ist der 44. Gefallene der Bundeswehr in Afghanistan.

Als Florian Pauli stirbt, greifen die Taliban an. Und sie machen das sehr professionell. Ihr Ziel sind deutsche und amerikanische Soldaten sowie deren afghanischen Partner, wenige Kilometer von Pul-i-Khumri entfernt, der Hauptstadt der südlich von Kundus gelegenen Provinz Baghlan. Deutsche Kampfeinheiten aus Fallschirm- und Gebirgsjägern halten hier mehrere provisorische Außenposten. Von dort überwachen sie einen der bedeutendsten strategischen Punkte in Nordafghanistan. Am sogenannten Highway-Triangle teilt sich die Hauptverkehrsstraße von Kabul in die Trassen nach Kundus und Mazar-i-Sharif. Seitdem die Versorgung der internationalen Truppen zunehmend über Zentralasien abgewickelt wird, erlangt die Nord-Süd-Route wachsende Bedeutung. Für sie gilt, was für alle großen Straßen in Afghanistan gilt: Wer sie beherrscht, kontrolliert das Land.

Jahrelang konnten die Taliban und andere aufständische Gruppen in dieser fruchtbaren, von den Flüssen Kundus und Baghlan durchzogenen Gegend ihr Unwesen treiben. Sie errichteten illegale Kontrollpunkte an den Straßen und trieben Schutzgeld von den Lastwagenfahrern ein, die die Isaf-Truppen im Süden mit Kraftstoff und Lebensmitteln sowie die Bevölkerung mit Waren aller Art versorgen. Die wenigen Isaf-Soldaten konnten dagegen nichts ausrichten, die oftmals unfähigen, korrupten und kriminellen einheimischen Sicherheitskräfte in Baghlan waren auch keine Hilfe. Die Taliban verschanzten sich in den Dörfern und zwangsrekrutierten Hilfskräfte für den Kampf.

Im Frühjahr dieses Jahres startete die Isaf in der Region die Operation „Taohid“. Mehrere hundert Bundeswehrsoldaten der in Mazar-i-Sharif stationierten Schnellen Eingreiftruppe (Quick Reaction Force) gingen gemeinsam mit der afghanischen Armee in die Offensive. In wochenlangen Kämpfen eroberten sie die Dörfer am Highway-Triangle von den Taliban zurück. Um der Bevölkerung am Kundus-Fluss Handel und Austausch zu erleichtern, errichteten und reparierten die Soldaten Brücken. Die Übergänge sind wichtig, denn die eine Seite des Flussufers kontrollierten eine geraume Zeit lang die Taliban. Dort trieben sie Schutzgeld ein und zwangen die Menschen zur Zusammenarbeit.

Die andere Flussseite befand sich in der Hand einer Dorfmiliz des Terrorfürsten Gulbuddin Hekmatyar, auf dessen Konto zahlreiche Angriffe auf Isaf-Truppen in Afghanistan gehen. Die Miliz hat inzwischen mutmaßlich die Fronten gewechselt. Ihre Führer haben Präsident Hamid Karzai die Treue geschworen, ihre Kämpfer werden nun von amerikanischen Soldaten ausgerüstet, ausgebildet und betreut. Dieses Vorgehen ist Teil der Nato-Strategie zur Bekämpfung Aufständischer am Hindukusch. Danach sollen lokale Milizen, die es zu Hunderten in Afghanistan gibt, für die Regierung gegen die Taliban und ihre Verbündeten kämpfen. Karzai hat ihren Mitgliedern Amnestie sowie die spätere Eingliederung in die offiziellen Polizeikräfte angeboten.

In Baghlan zeigen sich erste Erfolge. Die ehemalige Hekmatyar-Miliz hat, wie Bundeswehrsoldaten berichten, maßgeblich zur Vertreibung der Taliban aus den Dörfern beigetragen. Die Deutschen operieren heute mit diesen Kämpfern, die ihnen vor kurzem noch Selbstmordattentäter schickten und sie in Hinterhalte lockten.

Die Operation „Taohid“ dauert bis heute an. Um die Bad Reichenhaller Gebirgsjäger der „Quick Reaction Force“ an der wackeligen Guerrillafront zu unterstützen, schickte das Isaf-Kommando in Mazar-i-Sharif Mitte September die Fallschirmjäger aus Kundus nach Baghlan. Seitdem sich die Seedorfer Einheit in der Region befindet, steht sie im permanenten Kampfeinsatz. Der 7. Oktober steht exemplarisch für den in Deutschland nach wie vor weitestgehend unbekannten Kriegsalltag der Truppen.

Nach dem Selbstmordanschlag, bei dem Florian Pauli sein Leben ließ, greifen etwa 100 Taliban zwei Außenposten der Deutschen und der Amerikaner an. Die Aufständischen setzen dabei auch mehrere Mörser ein, über die in Nordafghanistan bislang nur die Isaf-Truppen verfügten. Die Gefahr für die Soldaten droht nun nicht mehr nur von unten (Straßenbomben) und von der Seite (Gewehrkugeln und Panzerfaustgranaten), sondern auch von oben. Während des Kampfes werden mehrere Bundeswehrfahrzeuge schwer beschädigt. Dann gehen die Soldaten zum Gegenangriff über. Mit Schützenpanzern und unterstützt von amerikanischen Kampfhubschraubern und Flugzeugen reiben sie den Taliban-Verband nahezu vollständig auf. Dabei werden mehrere Dutzend Aufständische getötet.

Seit Monaten tobt der Kampf zwischen der Bundeswehr und den Taliban in Baghlan. Von Aufständischen befreite Dörfer werden von den deutschen Soldaten an die afghanische Polizei übergeben und bald darauf wieder von den Taliban besetzt. Die Polizisten sind der Schwachpunkt der Nato-Strategie. Sie sollen die freigekämpften Ortschaften halten, doch fehlen ihnen dazu Ausrüstung, Ausbildung, Motivation und finanzieller Anreiz. Eher laufen sie zu den Aufständischen über, eher geben sie ihre Stellungen kampflos auf, als dass sie sich überrennen und von den Taliban massakrieren lassen. Mehrfach musste die Bundeswehr gegen die Taliban um bereits einmal eroberte Ortschaften in Baghlan kämpfen.

Die große Strategie zur Aufstandsbekämpfung der Militärplaner in Washington, Brüssel und Kabul stößt deshalb an ihre Grenzen. Das allerdings veranlasst die Nato-Mitgliedstaaten nicht dazu, stärker in die Polizeiausbildung zu investieren. Dabei gilt sie als der Schlüssel zur erfolgreichen Aufstandsbekämpfung, so steht es zumindest im Afghanistankonzept der Allianz. Der Oberbefehlshaber der Nato, Admiral James Stavridis, bat die europäischen Verbündeten im September nachdrücklich, weitere 800 Polizeiausbilder nach Afghanistan zu schicken. Doch von London bis Tallinn erntete er nur den Hinweis, jetzt seien erst einmal die anderen dran.

Ohne eine wirksame Polizei wird die Bundeswehr wohl noch monatelang in Baghlan bleiben müssen. Dabei werden ihre Kampfverbände ebenso dringend in den Distrikten um Kundus gebraucht. Am Rand der Provinzhauptstadt sind knapp 1500 deutsche Soldaten in einem Feldlager stationiert. Und die Taliban und ihre Verbündeten sind gerade dabei, die Stadt zu umzingeln. Doch die Bundeswehr kann einfach nicht mehr leisten, muss sich auf ein Aufstandsgebiet konzentrieren. Das wissen die Taliban und ihre Verbündeten. Deshalb brauchen sie nur abzuwarten. Wenn die Bundeswehr sich für einen Einsatzschwerpunkt entschieden hat, müssen sie ihren eigenen Operationsraum nur verschieben. So geht das seit Monaten im Guerrillakrieg am Hindukusch. Und das wird sich so schnell auch nicht ändern.

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Time am 17. Oktober 2010

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