Gott sei Dank säkular

Albrecht Dürer: „Betende Hände“

Manche „militante“ Atheisten glauben, sie würden der Religion des Christentums einen Schlag versetzen, wenn sie einen säkularen Staat fordern. Das Gegenteil ist der Fall, denn die Ideen von Theokratie und „Gottesstaat“ sind mit den Worten Jesu nicht vereinbar, der sagte: „So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist“ (Matth. 22/21) und „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Joh. 18/36).

Christen brauchen einen Staat, der Meinungsfreiheit garantiert, der sie sich versammeln lässt, der ihnen die vollen Bürgerrechte sichert, und der sie ihre Tüchtigkeit entfalten lässt, nicht einen, der im Namen Christi Macht ausübt. Der Staat ist für Christen nicht notwendig, um Jesu Worte zu verbreiten, das können sie selbst, und eher als dass der Mohammedanismus in einem Staatskirchenvertrag anerkannt würde (1), wäre für mich persönlich die generelle Abschaffung aller Staatskirchenvertrage und Konkordate vertretbar.

Was mich, obgleich ich selbst Christ bin, am Christentum in Deutschland häufig stört, sind selbstgefällige Pastoren, die in der Regel von der Schulbank auf die Kanzel wechselten, von der Realität keine Ahnung haben aber meinen, von oben herab mit salbungsvollen und gestelzten Reden sich selbst und ihr Amt spielen zu müssen. Das sind die Auswüchse eines Beamtenpredigertums, dessen Abschaffung dem Glauben möglicherweise sehr förderlich wäre. Die USA mögen da beispielhaft sein.

Die Ideen konservativer und nationalrevolutionärer Blogger im Umfeld des Counterjihad, die den fehlenden Gottesbezug in der EU-Verfassung (2) einfordern oder die flächendeckende Dekoration aller Schulklassenräume mit Kruzifixen, wären eine unzulässige Dominierung der Atheisten in Deutschland, die immerhin ein Drittel ausmachen, zielen letztlich auf die Errichtung autoritärer bzw. totalitärer Strukturen, haben aber m.E. mit dem Glauben nichts zu tun – sie benutzen ihn nur und schaden ihm.

Überlegungen in dieser Richtung sind in der FAZ im Zusammenhang mit den beiden verfehlten Reden unseres Noch-Bundespräsidenten in der letzten Zeit von verschiedenen Seiten vertreten worden. Da gab es einen exzellenten Text von Necla Kelek (3), einen ausgezeichneten Leserbrief von Dr. Frank-Bertolt Raith (4) sowie einen interessanten Aufsatz von Christian Lindner, dem Generalsekretär der FDP (5).

Im Folgenden bringe ich zwei weitere Wortmeldungen. Die erste stammt aus der gestrigen FAZ und ist von Dr. Ezhar Cezairli.

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Worauf auch wir Muslime hier stolz sein sollten

Zur Rede Bundespräsident Wulffs zum Tag der Deutschen Einheit (F.A.Z. vom 4. Oktober): Seit Beginn der „Deutschen Islamkonferenz“ 2006 sagten der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sowie viele andere Politiker immer wieder, dass „der Islam ein Teil Deutschlands“ sei. Angesichts der hier lebenden Muslime, deren Zahl kontinuierlich wächst, ist das eine Realität.

Bei der Debatte über die Aussagen unseres Bundespräsidenten, dass der Islam zu Deutschland gehöre, geht es darum, welcher Islam gemeint ist. Denn der Islam, der in Deutschland im Alltag wahrgenommen und von den meisten islamischen Verbänden vertreten wird, ist leider noch nicht den Herausforderungen einer aufgeklärten modernen Gesellschaftsordnung gewachsen, noch bereit, sie auf dieser unverrückbaren Grundlage mitzugestalten. Trotz der Warnungen von uns säkularen Muslimen werden die islamischen Verbände in ihrer Forderung unterstützt, als Religionsgemeinschaft und als Ansprechpartner und Vertreter „der Muslime“ verfassungsmäßig anerkannt zu werden. Damit wäre rechtlich die Gleichstellung mit den Kirchen vollzogen. Deshalb empfinde ich die Aufregung über die Aussage des Bundespräsidenten Wulff, der Islam gehöre zu Deutschland, als zwiespältig.

Die gesamte Integrationsdebatte der letzten Jahre ist eigentlich eine Diskussion um das Selbstverständnis des heutigen und zukünftigen Deutschlands.

Wir müssen uns entscheiden, welches Selbstverständnis wir, unter Berücksichtigung der demographischen Verschiebungen zugunsten der stärkeren Zunahme von Muslimen, den heutigen und zukünftigen Generationen vermitteln wollen: Entweder definieren wir uns über die Religionen: Christentum und Judentum („christlich-jüdisch-abendländische Kultur“), die sicherlich sehr stark die deutsche Identität geprägt haben – dann werden wir jedoch den Islam nicht ausschließen können; oder aber wir definieren uns über eine gemeinsame Wertebasis, die von allen hier lebenden Menschen unterschiedlichster ethnischer, kultureller und religiöser Zugehörigkeit angenommen wird. Es geht darum, zu definieren, worauf sich unsere moderne, freiheitlich-demokratische Gesellschaftsordnung tatsächlich gründet und welche Errungenschaften dazu geführt haben, dass sich eben Deutschland und Europa von anderen Staaten, insbesondere von den Herkunftsländern der meisten Migranten, unterscheiden.

Viele Länder, gerade des Nahen und Fernen Ostens und die Türkei, sind auch geprägt von jüdischer, christlicher und islamischer Geschichte und Kultur (auch von anderen Religionen), teilweise stärker, als es Deutschland und Europa sind. Ich selbst stamme aus „Antiochia“ – heute: „Antakya“ -, einer Stadt im südöstlichen Mittelmeergebiet der Türkei, die seit Jahrtausenden geprägt ist von der Koexistenz dieser Religionen.

Das, was Deutschland und Europa von den meisten dieser Länder unterscheidet, ist aber die Tatsache, dass sie nicht nur vom Christentum und Judentum geprägt wurden, sondern eben auch von den Werten der Aufklärung und des Humanismus, welche die Moderne und den Fortschritt ermöglicht haben; das ist die Demokratie, die individuelle Selbstbestimmung und Freiheit, Pluralität, Gleichberechtigung der Geschlechter, die universellen Menschenrechte und der Säkularismus, der sowohl die individuelle als auch die Religionsfreiheit garantiert.

Darauf können und sollten alle hier lebenden Menschen stolz sein.

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Ich gehe davon aus, dass Dr. Cezairli dies ebenso konsequent in der mohammedanistischen Community vertritt. Der zweite Beitrag stammt von Hartmut Peltz und ist der heutigen FAZ entnommen.
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So verrät Wulff sich und andere

Zum Beitrag „Wulffs Republik der Gläubigen“ (F.A.Z.-Feuilleton vom 22. Oktober): Necla Kelek erwähnt in ihrer Replik auf die Rede des Bundespräsidenten eine bedeutsame Tatsache nicht. Der, wie sie schreibt, „Pro-Christ-Katholik Christian Wulff“ ist geschieden. Er hat damit die Möglichkeit der Lösung der Ehe ergriffen, die in langen Auseinandersetzungen gegen eine bestimmte, vor allem klerikal orientierte Lesart des christlichen Glaubens erkämpft werden musste. Ich gehe davon aus, dass der Christ Christian Wulff die Vorteile dieser Möglichkeit – bei allen Kosten, die sie mit sich bringt – zu schätzen weiß.

Dass die neuen Liebhaber ganz gleich welcher Religion deren Kosten, Härten und Unmenschlichkeiten vergessen und die Leistungen des Säkularismus und der Aufklärung bei gleichzeitigem Genuss in einem Zuge unterschlagen und verraten, gehört zu einer neuen, von vielen gepflegten Weltanschauung. Sie ist zugleich antichristlich wie antiaufklärerisch. Sie ist antichristlich, da, um bei dem Beispiel zu bleiben, der Stifter des Christentums bei aller Betonung des göttlichen Willens (keine Scheidung!) der christlichen Gemeinde die Kompetenz, zu binden und zu lösen, überträgt und die Unterscheidung von Kirche und Welt, Letztem und Vorletztem, einschärft. Bei dem evangelischen Christen Dietrich Bonhoeffer kann der Katholik Wulff nachlesen, warum Mündigkeit, ein zentrales Wort der Aufklärung, eine christliche Tugend ist.

Der Bundespräsident -, oder vielmehr seine Redenschreiber, – kennt und kennen sich leider weder in der politischen noch in der christlichen Tradition Europas aus. So verrät er sich und andere.

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Time am 28. Oktober 2010

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Staatskirchenvertrag
2) http://de.wikipedia.org/wiki/Gottesbezug#Gottesbezug_in_der_Europ.C3.A4ischen_Verfassung
3) http://www.faz.net/s/Rub9B4326FE2669456BAC0CF17E0C7E9105/Doc~E6300B4C6C101487A8B1583348B868D0B~ATpl~Ecommon~Scontent.html
4) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/10/12/leserbrief-counterjihad-6/
5) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/10/18/so-gebet-dem-kaiser/

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P.S., Jihad-Piraten reingelegt, Interview mit Reeder:
http://www.faz.net/s/RubD16E1F55D21144C4AE3F9DDF52B6E1D9/Doc~E4EC0D25DD20A49928B8D855B94334792~ATpl~Ecommon~Scontent.html

 

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5 Antworten to “Gott sei Dank säkular”

  1. Tangsir Says:

    Eine kleine Fehlerkorrektur mein Freund: Es müsste doch Entdekoration von Kruzifixen heissen oder?

    Zum anderen bin ich dafür dass die Kruzifixe aus Schulen verschwinden, denn dort haben sie nichts zu suchen. Nichtsdestotrotz finde ich viel wichtiger die Kirchen endlich zu enteignen und sie nicht mehr staatlicherseits zu subventionieren oder zu privilegieren. Ansonsten würde mir nie im Traum einfallen dir deine Religion oder deine Glaubenspraxis diktieren zu wollen. Es ist sowieso ein heikles Thema, aber wichtiger als dies alles ist immer noch der Kampf gegen und die endgültige weltweite Vernichtung des größten Verursacher von Gehirnkrebs par excellence: Den Schislam

    Ich hoffe du siehst mir meine martialische Wortwahl nach 😀

  2. Time Says:

    Lieber Tangsir,

    Enteignungen sind im Wesentlichen kommunistische Maßnahmen, die ich ablehne.

    Ich bin der Ansicht, dass die Kirchen (und auch die Orkgemeinden) rechtmäßige Eigentümer ihrer Besitztümer (Immobilien, Bibliotheken, Kunstsammlungen, Krankenhäuser, Kindergärten…) sind, solange bis das Gegenteil bewiesen werden kann.

    Ich denke auch, dass die Kirchen eine wichtige Rolle in der sozialen Versorgung spielen und dass die von ihnen gehaltenen Einrichtungen weit überwiegend von hoher Qualität sind.

    Es ist ein „internes“ (und zugegebenermaßen nicht Dein Problem), wenn ich hier meine Kritik am deutschen Pastorentum anmerke. Ich bin – anders als Du (was Dein Recht ist) – nicht in einer Kampfposition gegen die Kirchen und das Christentum, ich habe nur den Eindruck, dass unter der ganzen Sozialarbeit und dem Wirtschaften und dem Beamtentum der Glauben (und die Predigt) zu sehr begraben wurde.

    Diesen sehe ich auch bei den erwähnten nationalrevolutionären Counterjihadis nicht, die zwar den Gottesbezug in der EU-Verfassung einfordern und auch die Maßnahme, dass in jeder Klasse ein Kreuz an die Wand gehängt wird, die dies aber nur als totalitäres Idol nutzen wollen, dem jeder zu huldigen hat („Heil Jesus“), ohne dass sie die Botschaft Jesu annehmen würden. Diese Haltung kann m.E. im Blog „Manfreds Korrektheiten“ auf hohem Niveau verfolgt werden (1) wie auch auf dessen Subblog „Counterjihad“ (2).

    „Dekoration“ (nicht „Entdekoration“) ist also zutreffend. Diese wollen jene, weil sie Macht demonstrieren wollen. Ich will sie nicht, weil ich zwar Macht demonstrieren will, die des demokratischen Bürgerstaates nämlich, Jesus aber nicht. Deshalb soll er m.E. aus der Machtdemonstration herausgehalten werden.

    Ich stimme Dir also zu: keine Kruzifixe in staatlichen Gebäuden – außer wenn sie historisch-museal begründet sind, dort MÜSSEN sie stehenbleiben, weil sie unseren Weg zeigen, Teil unserer speziellen kulturellen Identität und Erinnerung sind.

    Ich grüße Dich,

    Time

    _____

    1) http://korrektheiten.com/2010/10/16/mein-neues-buch-die-liquidierung-der-zivilisation/
    2) http://fjordman.wordpress.com/

  3. Tangsir Says:

    Sehr gut mein Lieber. Vor allem den letzten Absatz kann ich voll und ganz zustimmen. Darüber sollte nicht mal debattiert werden. So kultursensibel sollte man gegenüber der eigenen Kultur schon sein. Da schlimmste wäre eine atheistisch-diktatorische Herrschaft. Aber weisst du lieber Time, ich will dass Kirchenoberen arbeiten gehen, Spenden sammeln, endlich mal was tun für ihr Geld. Das jetzige System ist nicht haltbar. Findest du nicht dass die Politik von Kourosh der Große die richtige war, in Bezug auf den Westen. Denn in einem Punkt sollten wir Übereinkunft erzielen, Im Westen herrscht kein wahrer Säkularismus. Kirchen in MEdien-Gremien geht gaaaar nücht, um es mal im schönen Prolldeutsch zu sagen.
    Ich bin ausserdem kritisch zu dem was du im ersten Teil geschrieben hast, finde die Differenz aber nicht so groß als dass ich mich mit dir darüber unterhalten möchte. Unser Antrieb und Energie sollte dem wahren Ziel gelten: Die Orks von ihrer Geisteskrankheit befreien, damit sie wieder vollwertige Menschen sein können. Du glaubst gar nicht wie dringend dieses Ansinnen ist.

  4. Flash Says:

    Grundsätzlich stimme ich dem Artikel zu: eine striktere Säkularisierung würde dem eigentlichen Anliegen der Kirche entgegenkommen. Und ich sage es radikal: eine regelrechte Unterdrückung der Kirche würde deren Anliegen geradezu rasant fördern!!

    Denn das trennt wieder die Spreu vom Weizen und macht Gläubige wieder zu Leuten, die sich nur auf Gottverlassen können und die nicht von Wohlstand und Ansehen korrumpiert sind.

    Aber zur Kreuzesdebatte zurück.

    Sicher heißt die Forderung, den öffentlichen Raum mit christlicher Symbolik zu dekorieren, das Pferd von hinten aufzuzäumen.

    Die Schüler werden ja nicht fromm, weil ihnen ein Kreuz vor der Nase hängt. Die Richter richten ja nicht recht, wenn ein Kreuz im Gerichtssaal hängt.

    Der Grund, daß über Jahrhunderte unwidersprochen die christliche Symbolik den öffentlichen Raum dekorierte, war ja, daß ein breiter Konsens herrschte! 98% der Menschen fanden es in Ordnung, daß ihre Gesellschaft von christlichen Grundsätzen und vom Einfluß der Kirche geprägt war, mögen auch manche „aufgeklärte“ Leute nicht ganz so fromm gewesen sein. (Europa ist damit nicht schlecht gefahren, ganz im Gegenteil).

    Man wollte, daß die Obrigkeit „unter dem Kreuz“ regierte, man war es zufrieden, daß sich Regierende zur Kirche bekannten. Es gab für 99% keinen Grund, daran Anstoß zu nehmen. Recht und Gesetz leiteten sich von der Ethik der Bibel ab, und das war gut so.

    Diese umfassende Prägung das Abendlandes ist aber vorbei! Die bewußte Gutheißung oder sogar Ausübung des christlichen Glaubens ist auf einen Prozentsatz von 20, wenn nicht gar 10 zusammengeschnurrt. (Ich denke, eher 10).

    Aus demokratischen Erwägungen heraus, aus liberalen sowieso, müssen daher die Kreuze verschwinden, muß auch der Gottesbezug aus den Verfassungen verschwinden. Die große Mehrheit kann damit nichts anfangen, ist sogar dagegen, tw. aggressiv dagegen!

    Europa war eben früher nicht liberal, es war christlich. (Man könnte hier mit Preußen kommen, vielleicht auch mit Frankreich der Revolutionszeit, aber….)

    Heute, da der Liberalismus und Relativismus die Hegemonie hat, kann man die Kreuze auch abnehmen. Das ist nur das Symptom, nicht die Ursache.

    Leider wird die Liberalität halt sofort ersetzt durch eine andere Hegemonie. Wir wissen ja, welche es derzeit ist.

  5. Das Katholikenproblem – Deutschland erwache! | Wirtschaft$Gott Says:

    […] Gott sei Dank: säkular […]

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