Sie sind nicht wie sie

Werden in der Regel ermordet: mohammedanistische Reformer.
Im Bild Selim III. Oben links sehen Sie sein Siegel.

Bekanntlich hat Klo H. Metzel die Vernichtung der Türken gefordert, wie aus diversen Hadithen hervorgeht (1). Kein Wunder und sehr vorteilhaft für uns ist, dass die Feindschaft beider Gruppen gegeneinander tief sitzt. In der heutigen FAZ nimmt Armagan Kilic die Gelegenheit wahr, die Unterschiedlichkeit zwischen der Türkei und den Arabern herauszustellen sowie die Turkeys  zu bejubeln.

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Schon mit Selim III. fing es an

Zum Artikel „Fern von der Türkei“ (F.A.Z. vom 4. November): Bei der Darstellung der forcierten Bemühungen um die Etablierung eines säkular-reformierten und somit „europakompatiblen“ Islam („Euro-Islam“) weist Wolfgang Günter Lerch dankenswerterweise auf zwei wichtige Tatsachen hin, die in der massenmedialen Reflexion dieses Themas leider allzu oft unterschlagen werden.

Zunächst einmal das „Glück“ Deutschlands im Hinblick auf Integration und kollektive Verankerung eines modernen „Euro-Islam“ gerade wegen seiner überwiegend aus der Türkei stammenden Muslime im Gegensatz zu den mehrheitlich arabischstämmigen Muslimen in Frankreich oder den Benelux-Staaten. Dieser Hinweis ist deshalb so bedeutsam, weil es weder das homogene Kollektiv der Muslime noch den Islam als monolithischen Block gibt. Die Realität ist vielmehr ein zivilisatorisches, kulturell-religiöses und erst recht ethnisches Pluriversum, das völlig unzutreffend und grob vereinfachend in weiten Teilen der westlichen Medien zur „islamischen Welt“ zwangsvereinigt wird. Natürlich gibt es religiös grundierte Solidarität oder Sympathie, aber vielfach sind die Unterschiede und Antagonismen stärker ausgeprägt. Diese Feststellung ist nicht nur von kultur- oder völkerkundlicher Bedeutung, sondern im Europa der Migration von immenser gesellschaftspolitischer Relevanz.

Wer sich die migrationsspezifischen Probleme in Frankreich, den Niederlanden oder auch Großbritannien anschaut, wo muslimisch-arabische Parallelgesellschaften fast schon Autonomiestatus für sich reklamieren und der „Islam“ oft genug seine hässlichste Seite zeigt, gerade in der jungen Migranten-Generation, wird erkennen, dass hierzulande bei allen unleugbaren Schwierigkeiten Integration wesentlich besser gelungen ist. Der Grund hierfür ist eben auch, wie Lerch dokumentiert, dass der türkische Islam liberaler und moderner ist als der dogmatisch-orthodoxe Islam der Araber, gerade auch in der historischen Betrachtung. Vor allem aber, dass die Türkei zivilisatorisch eine Ausnahmestellung in der islamischen Staatengemeinschaft beanspruchen kann; Staat und Gesellschaft sind trotz so mancher Defizite modern, säkular und dynamisch. Und dies führt zur zweiten Tatsache, die Lerch mit der Formulierung „… anders als in den arabischen Ländern, die keinen Atatürk hervorgebracht haben…“ treffend benennt, nämlich die Modernisierungs- und Säkularisierungshistorie der Türkei, die weit in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückreicht. Nicht Atatürk hat die moderne Türkei hervorgebracht, sondern richtiger wäre, eine hinreichend modernisierungsbereite und -fähige Türkei hat einen solch imposanten Staatsmann und Kulturrevolutionär im besten europäischen Sinne wie Atatürk erst hervorbringen können.

Schon mit Sultan Selim III. begann der Modernisierungsdrang der Türken zu Beginn des 19. Jahrhunderts und setzte sich mit seinem Nachfolger Mahmud II. über die Tanzimat-Reformen bis hin zu den Jungtürken und der osmanischen Konstitutionsbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fort. Atatürk ist gewissermaßen ein Produkt dieses Geistes, den es in dieser Form weder im arabischen noch persischen Kulturraum gab.

Ein Atatürk wäre in Iran genauso gescheitert wie in fast jedem anderen muslimisch geprägten Land, nur in der Türkei fand er den Humus für sein kulturrevolutionäres Modernisierungsprojekt. In diesem Zusammenhang ist es fast schon ein Treppenwitz der Weltgeschichte, dass der heute so unsäglich agierende Wahhabismus, von den Saudis bis zu Al Qaida, einst im 18. Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel als puristisch-fundamentalistische Eifererbewegung arabischer Nomadenstämme gegen die als zu liberal und „unislamisch“ empfundenen Osmanen entstand. Als Produkt dieser fast zweihundertjährigen türkischen Modernisierungsgeschichte steht heute eine säkulare, zivilgesellschaftlich ausdifferenzierte, ökonomisch boomende und selbstbewusste türkische Republik an der geostrategisch bedeutenden Schnittstelle Eurasiens.

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Es stimmt doch immer wieder froh und optimistisch zu bemerken, wie hoch der (nach oben hin offene) Feindschaftsgrad der Orks untereinander ist.

Ich stimme mit Herrn Kilic überein, dass wir noch von Glück sagen können, dass wir von Türken und nicht von Arabern überflutet werden.

Allein der Klang der Sprachen: Dem eleganten und heiteren Klang des Türkischen steht dass aggressive Bellen des Arabischen gegenüber, welches zumindest in mir stets spontanen Ekel hervorruft.

Lieber als Türken wären mir allerdings – wenn wir schon dabei sind – Iraner. Ich habe, überwiegend im akademischen Rahmen, Angehörige verschiedener iranischer Volksgruppen kennengelernt und sie als Kollegen und Freunde schätzen gelernt. Allesamt waren sie säkular bzw. atheistisch eingestellt.

Ich denke auch, dass der Iran heute, wenn Mohammad Reza Schah Pahlavi seine Modernisierungspläne hätte durchsetzen können, ein stolzer und weitaus wichtigerer Partner für Europa und den Westen wäre, als es die Türkei je sein wird.

Über Selim III. (2) habe ich übrigens nicht viel Negatives gefunden, er soll sich für Malerei und Poesie interessiert haben und wollte in der Tat die Türkei reformieren, weshalb er ermordet wurde, wobei Unklarheit darüber herrscht, ob er erdrosselt, erstochen oder mit dem Schwert niedergehauen wurde (3).

Über seinen Nachfolger Mahmud II. aber hätte Herr Kilic seine überwiegend christlichen Leser besser aufklären können (4). Dieser hatte nämlich die entsetzlichen Massaker von Chios und Psara mit 50.000 Ermordeten und 50.000 Versklavten zu verantworten (5). Wiki (6): „Obwohl der Patriarch Gregorius von Konstantinopel die Aufständischen exkommunizierte und so die Treue zum osmanischen Thron demonstrierte, wurde er hingerichtet. In Teilen des Reiches wurden weitere einflussreiche griechische Personen getötet.“

Das passt natürlich nicht in das Bild, welches Herr Kilic uns vermitteln will. Aber die „Reformpolitik“ der mohammedanistischen Türken ging genauso weiter:

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1842-1846: Ermordung von 10.000 christlichen Assyrern durch die Türken.
1894-1896: Ermordung von 150.000 armenischen Christen durch den türkischen Sultan Abdul Hamid.
1914-1923: Genozid an 300.000 bis 730.000 Griechen durch die Türken vor allem in der nordtürkischen Pontus-Region.
1915-1918: Genozid an den Armeniern. Die islamische Regierung der Türkei nutzt die Wirren des 1. Weltkriegs zur Auslöschung der christlichen Armenier. 1,5 – 2 Millionen Armenier werden in Todesmärschen, Gefangenenlagern und bei örtlichen Massakern abgeschlachtet. Zudem werden 750.000 christliche Assyrer im Irak von den Türken ermordet.
1933: Beim Massaker von Simmele/Irak ermorden die Türken 3.000 christliche Assyrer.
1955: „Pogrom von Istanbul“ (Izmir und Ankara), angeblich nur 15 Tote, Sachschaden bis zu 500 Mill. US-Dollar, Exodus von rund 100.000 Griechen aus der Türkei (verblieben 2.500).
1974: Ermordung von 4.000 christlichen Zyprioten im Auftrag des türkischen Präsidenten Fahri Koroturk.
1993: In Sivas in der Türkei wird ein Hotel in Brand gesteckt, in dem alevitische Intellektuelle aus Anlass eines Festes logieren. 37 verbrennen, während draußen Tausende von Sunniten ihren qualvollen Tod feiern.

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Dass die arabischen Orks noch schlimmer sind, heißt doch nicht, dass man nun die Türken gut finden könnte, und es heißt ganz besonders nicht, dass sie irgendwann in die EU eintreten sollten. Das sollen sie ganz gewiss nicht, denn dann würde ich jedenfalls aus der EU austreten.

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Time am 9. November 2010
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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/12/28/alla-fordert-turkenvernichtung/
2) http://de.wikipedia.org/wiki/Selim_III.
3) http://en.wikipedia.org/wiki/Selim_III
4) http://de.wikipedia.org/wiki/Mahmud_II.
5) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/04/23/unvollstandige-chronologie/
6) s. 4)

Weitere lesenswerte Links:

Mina Ahadi zur bevorstehenden Hinrichtung von Sakineh Ashtiani unter
http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E95FBC7E0AC134E04A39F9FE7B3E3FB63~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Necla Keleks Dankesrede anlässlich der Verleihung des Freiheitspreises der Naumann-Stiftung an sie unter
http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~ECA34B76019A043AD9DB78D697F62CEAF~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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2 Antworten to “Sie sind nicht wie sie”

  1. L. Says:

    In der Liste fehlt das Pogrom von 1955: http://de.wikipedia.org/wiki/Pogrom_von_Istanbul

    Was zeigt das Beispiel von der Türkei und dem Iran in doch überraschender Parallelität?
    In beiden Ländern wurde der Islam unterschiedlich lange jeweils mit vorgehaltener Pistole in Schach gehalten. Und der Schah im Iran hat auch einiges mehr als nur seinen (viel zu wenig) brutalen Geheimdienst gehabt. Dies habe ich in http://parisi1.livejournal.com/52820.html mal zusammengefaßt.

    Hat aber in beiden Fällen nicht geholfen, weil es schwierig bis unmöglich ist, über lange – und unabsehbar lange – Zeit gegen den Volkswillen zu regieren. Und der Schah hat nun wirklich alle Register gezogen.
    Er hat halt zu wenig Leute umgebracht. Wenn man in so einer – eigentlich nicht beneidenswerten – Lage ist, mit Mordaufträgen nicht zurückhaltend sein. es geht doch nichts über eine ordentliche Bartholomäusnacht.

    Und dasselbe gilt auch für die Türkei. Der Schein einer Scheindemokratie war offensichtlich nicht genug. Nach 80 Jahren Pause sind die Hardcoremuslime wieder am Ruder.

    „…die Modernisierungs- und Säkularisierungshistorie der Türkei, die weit in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückreicht.“ Ich frage mich was er damit überhaupt meint. Das Modernste war doch die mit deutscher Hilfe errichtete Bagdad-Bahn und die ebenfalls mit deutscher Hilfe auf Vordermann gebrachte türkische Armee. Atatürk ist immerhin der lebende Beweis, daß auch eine Schnapsdrossel einen veritablen Völkermord begehen kann – wenn ihm Deutsche zur Seite stehen. Ansonsten hat er in the long run ebenso versagt wie der Schah.

    Die Antwort auf die Frage „was machen wenn ich plötzlich Diktator über ein muslimisches Volk werde?“ steht noch aus.
    Vielleicht sollte dieser Blog daran konzeptionell arbeiten…

  2. Time Says:

    Hallo L.,

    done!

    Willkommen MB.

    Der Rest des Heftes ist Schrott (auf kultiviertem Niveau). DzW ist mir vor Jahren schon mal aufgefallen.

    https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/23/entweder-islam-oder-die-bombe-2/

    Gruß,

    Time

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