ArabQueen

Von Güner Balci stammt der Film „Kampf im Klassenzimmer“ über das Fortschreiten des Jihads in deutschen Schulen, welcher im Sommer von sich reden machte und auf YouTube angeschaut werden kann (1).  Das Volkstheater „Heimathafen Neukölln“ bringt jetzt ihren Roman „ArabQueen“ auf die Bretter. Harald Staun berichtet in der heutigen FAZ.

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Buschkowskys Königin

Güner Balcis Roman „Arabqueen“ auf der Bühne
im Heimathafen Neukölln

Berlin. Kaum hat man die U-Bahn verlassen, ist man schon mitten in der Parallelgesellschaft. Noch auf der Karl-Marx-Straße war alles wie gewohnt: Dönerbuden, Handyläden, 1-Euro-Shops, 2-Euro-Shops, Nail Studios, duftende Esskastanien am Straßenrand, türkische Jungs, türkische Wortfetzen, die ganz normale Neuköllner Migrationswelt. Aber man muss nur die Passage zum Hinterhof durchqueren, zum Foyer des Theaters Heimathafen, dort lauert der Kulturschock: vierzig, fünfzig Menschen haben sich dort versammelt, das Premierenpublikum für das Stück „Arabqueen“, ihre Hintergründe sind unklar, aber Migration scheint nicht dazuzugehören oder höchstens jene aus der nahen Kreuzberger Alternativszene in dem derzeit akut gentrifizierungsbedrohten Rollbergkiez. Manche Studenten tragen Bärte, manche Frauen kurze Haare, vermutlich mehr oder weniger freiwillig, ein Mann, das muss man sich mal vorstellen, hat sich einen Anzug angezogen und ein weißes Hemd. In einem Berliner Theater! Nur ganz vorne in der Schlange vor dem kleinen Studio des Theaters steht eine Gruppe türkischer Mädchen, acht oder zehn, nur eine mit Kopftuch, eine andere mit Haarband, aber das zählt nicht. Und dazwischen Heinz Buschkowsky, der weltberühmte Bürgermeister von Neukölln. Das also wären dann auch ungefähr die Milieus, die das junge Theater Heimathafen zusammenbringen will, und zwar indem man mit modernem Volkstheater den Geist von Rixdorf wiederbelebt, das Vergnügungsviertel also, das es einmal war, als sich die Karl-Marx-Straße noch als Boulevard im besten Sinne verstand.

Mit „Arabqueen oder Das andere Leben“ zeigt das Theater nun den letzten Teil der „Neukölln-Trilogie“. Das Stück beruht auf dem neuen Roman von Güner Balci, der Geschichte der jungen Migrantentochter Mariam, einer selbstbewussten Teenagerin in Berlin (der Schauplatz wurde logischerweise vom Wedding nach Neukölln verlegt), irgendwo zwischen Berliner Clubleben, Hartz IV und der Modernitätsverweigerung ihres strengen Vaters. Am Ende droht die Zwangsheirat.

Dass auf der Bühne viel, viel mehr von den Ambivalenzen eines solchen Lebens zu sehen ist als in Balcis eher auf Eindeutigkeiten abzielendem Buch, das liegt an Regisseurin Nicole Oder, der weniger an einer politischen Botschaft zu liegen scheint als daran, die Klischees von Kopftuchzwang und Integrationsverweigerung mit Leben zu füllen. Vor allem aber liegt es an den drei sensationellen Schauspielerinnen, die neben ihren Hauptrollen auch noch eine ganze Reihe von Nebenfiguren spielen: Tanya Erartsin, die sich als Mariam so glaubwürdig zwischen tougher Migrantenzicke und höriger Tochter bewegt; Inka Löwendorf, die nicht nur ihre Freundin Lena als Tochter freizügiger Künstlereltern, sondern auch die schnoddrige Neuköllner Friseuse mit jeweils passendem Temperament spielt; und Sascha Ö. Soydan, die als Mariams Schwester Fatme genauso einleuchtend ist wie als einer von Mariams machismobeladenen Brüdern.

Das ist auch deshalb so überzeugend, weil in der Wandelbarkeit der Darstellerinnen sehr deutlich wird, dass es sich bei all den Figuren der Integrationsdebatte immer auch um Posen handelt: die halbstarken Brüder, die weinenden Mütter, die Töchter, die schon wissen, welche Rolle sie für wen spielen müssen. Schon möglich, dass auch im sogenannten echten Leben gelegentlich ein Zwangsehemann über solche Mädchen kommt wie ein schlechter Drehbuchplot. Verglichen mit den starken „Arabqueens“ kommt einem dieser eher vor wie eine Witzfigur.

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Time am 14. November 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/07/21/offen-daruber-reden/

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