Die Bekehrung

„Die Bekehrung des Saulus“ von Caravaggio (1), 1600

Seit vielen Jahren beobachte ich schon den belesenen Orientalisten und FAZ-Journalisten Wolfgang Günter Lerch (2). Ursprünglich war er ein großer Gesundbeter des verrottenden Mohammedanismus, ein Dimmi-Einpeitscher. Diese schlimmen Zeiten sind vorbei.

Seine Bekehrung ist keine plötzliche, keine niederwerfende wie die des Saulus, aber in  guter westlicher Tradition nähert er sich nimmer müde immer weiter dem Kern der Wahrheit, das Objekt seiner Wissbegierde spiralisierend umkreisend.

Wer hätte gedacht, dass seiner Feder eine positive Kritik des aktuellen Buches von Hamed Abdel-Samad „Der Untergang der islamischen Welt“ (3) entfließen könnte. Da sehe ich ihm doch einstweilen noch seinen Glauben an die Spiritualität „der“ Sufis nach, von denen einige, das kann hier nicht verschwiegen werden, den Erfinder der Madrasas, Ulugh Beg, ermordeten, weil er ihnen zu wissenschaftlich orientiert war.

Herr Lerch legt dann auf derselben Seite nochmal nach mit einem irankritischen Kommentar, und er zeigt so beispielhaft für die westlichen Bürger, dass eine Bekehrung bei uns ein langsamer, vernunftorientierter Prozess eher ist als eine schockierende, unmittelbare Erleuchtung. Er zeigt auch etwas anderes: Er zeigt, dass die Mühe des Counterjihads Sinn hat.

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Der „Untergang der islamischen Welt“

Eine überraschende Analyse aus der Feder eines
muslimischen Wissenschaftlers

Woher rührt der Hass von Teilen der islamischen Welt gegenüber dem Westen? Liegt das nur an der falschen Politik der Amerikaner, am unglückseligen Irak-Krieg, den Kämpfen in Afghanistan oder dem ungelösten Palästina-Problem?

Der deutsche Politologe Hamed Abdel-Samad, selbst Muslim und aus Ägypten stammend, hat eine Antwort, welche die meisten Muslime nicht erfreuen dürfte: Er sieht im Islam eine untergehende Kultur, die sozusagen um sich schlägt, bevor sie stirbt.

Doch wie das? Ist nicht gerade der Islam die einzige Religion, die zunimmt, und zwar nicht nur wegen demographischer Entwicklungen? Hat er nicht zum Beispiel in Afrika eine Anziehungskraft auf viele, die andere Religionen nicht (mehr) ausüben? Macht nicht gerade der Islam den Eindruck aggressiver Stärke, vor der es deshalb viele ängstigt?

In seinem Buch „Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose“ kommt der Autor zu einem ganz anderen Ergebnis. Der Titel des Buches ist bewusst gewählt. Abdel-Samad las, als er nach Deutschland kam, Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlands“. In diesem Klassiker der Kulturphilosophie fand er zunächst seine Meinungen über den „dekadenten“ Westen, die er aus der Heimat mitgebracht hatte, bestätigt. Die elitäre, marmorne Sprache Spenglers blieb ihm freilich schwer verständlich, so dass er das Buch aus der Hand legte. Als er es später, intellektuell besser gerüstet, wieder zur Hand nahm, wurde ihm klar, dass Spenglers Analysen perfekt auf den Zustand seiner, der islamischen Kultur, zutrafen.

Abdel-Samad liegt auf einer Linie der radikalen Islam-Kritik, die der im Westen lebende pakistanische Dissident Ibn Warraq oder auch der französische, aus Tunesien stammende Autor Abdelwahhab Meddeb vorgegeben haben. Insgesamt ist er jedoch milder gestimmt als seine Vorgänger, plädiert für einen Islam ohne Scharia und Dschihad.

Die islamische Welt stellt sich ihm als unschöpferische Kultur dar, die heute keinerlei Innovationen für die Menschheit zu bieten hat. Im Unterschied zu den ersten drei Jahrhunderten ihrer Geschichte, wo sie alles Fremde geradezu enthusiastisch aufsog und eine Gesellschaft schuf, die geistig schöpferisch war und einen religiösen Pluralismus entwickelte, der individualistische, sogar hedonistische Lebensentwürfe zuließ, befindet sich der Islam heute in einer Phase kultureller Regression. Die Beschwörung der Glanzzeit des Islam – verstärkt durch das Überlegenheits-Bewusstsein, das jeder Muslim beigebracht bekommt – kontrastiert mit einem Dauer-Beleidigtsein und mit kollektiven Komplexen wegen des Überholt-Werdens durch den Westen, durch die europäisch-amerikanische Kultur. „Ich bin Muslim, also bin ich beleidigt“, lautet eine der drastischen Kapitel-Überschriften dieses Buches. Die Radikalisierung, die heute als Islamismus bezeichnet wird, ist nach Abdel-Samad kein neues Phänomen, sondern die Wiederauflage von ständig wiederkehrenden Wellen religiös-theologischer Rigidität, die ihren Nährboden in der Verfugung von unaufgeklärtem, autoritärem Gottesbild sowie autoritärer Machtausübung in Religion und Politik findet. Gehorsam, nicht eigenes Denken ist die erste Gläubigenpflicht. Das Opfer ist die gesamte islamische, in geistiger Öde erstarrte Kultur, Männer wie Frauen, die Frauen allerdings weitaus mehr.

Die heutige Misere wird beklagt, aber Verschwörungen des Westens zugeschrieben. Modernisierung bedeutet: dessen Errungenschaften einzukaufen, dessen wissenschaftlich-säkulares Denken, das sie erst ermöglicht hat, aber abzulehnen. Ägyptische Schulbücher, die der Autor auswertet, sprechen Bände über die reflexhaft zu nennende Suche nach dem Sündenbock in der Fremde. In völliger Unkenntnis der geistigen Prozesse, die sich seit der Renaissance in Europa ereignet haben, gilt die Behauptung, die Muslime holten sich ja nur zurück, was sie einmal der abendländischen Kultur gegeben hätten, als Rechtfertigung für dieses Verhalten. Der Autor leugnet die negativen Einflüsse des westlichen (allerdings auch osmanischen) Imperialismus auf die Araber nicht, sagt aber klar und deutlich, dass Letzterer nur zu gern zur kritiklosen „Selbstentlastung“ angeführt wird.

Abdel-Samads Prognose ist düster. Wenn sich die islamische Welt nicht reformiert, droht ihr der Zerfall, schafft sie sich ab. Nach dem Erdöl wird sich niemand mehr für sie interessieren, es sei denn, sie fände einen eigenen Weg aus selbstverschuldeter Schwäche: dem letztlich im unantastbaren Gottesgesetz wurzelnden Kult um Autorität und Gehorsam – vom Gottesbild über die patriarchale Familie und die restriktive, doch meistens heuchlerische Sexualmoral bis hin zum Staat und seiner Führung.

Kritiker werden diesem Autor Einseitigkeit und Pauschalisierungen vorwerfen. Er polarisiert und will das auch. Tatsächlich sagt er nichts über den spirituellen Islam der Sufis, der diese Kultur über Jahrhunderte hinweg prägte, und auch wenig über die rationalistischen Traditionen und Reformbewegungen; auch ist die islamische Staatenwelt zwischen Marokko, der Türkei und Malaysia in vielem doch differenzierter einzuschätzen. Doch ein wunder Punkt ist getroffen, der viele Muslime schmerzen, manche wohl empören wird. Und der Westen ist mit Ländern befreundet, in denen dieses „islamische System“ – mit lokalen Unterschieden – fast zur Perfektion getrieben worden ist.

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Vorgeführt

Der erste Gang ausländischer Journalisten nach ihrer Ankunft in Teheran führt normalerweise in das Ministerium für islamische Führung (Ershad). Dies, unter anderem, unterließen die beiden deutschen Journalisten, die als Touristen einreisten und in Täbriz festgenommen wurden, als sie Material über die Iranerin Sakineh Ashtiani sammelten, die zum Tod durch Steinigung verurteilt wurde. Ob das gegenwärtige Verhalten der iranischen Führung gegenüber den Festgenommenen geeignet ist, den üblen Ruf Irans aufzubessern, ist allerdings fraglich: Gut einen Monat nach ihrer Verhaftung ließ das Regime die beiden Deutschen jetzt im Fernsehen vorführen und angebliche „Geständnisse“ ablegen. Der gegen sie erhobene Vorwurf lautet: Spionage. So verhalten sich Diktaturen. Die Islamische Republik Iran sei ganz anders, als sie im Westen von den Medien, natürlich böswillig, dargestellt werde, hört man gelegentlich von Leuten, die das schlechte Image des Präsidenten Ahmadineschad aufpolieren wollen. Doch die demütigenden Fernsehbilder sprechen eine andere Sprache: die des Totalitarismus.

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Time am 17. November 2010

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Caravaggio
2) http://www.faz.net/s/RubD87FF48828064DAA974C2FF3CC5F6867/Doc~E4261B74935994063A0C13BEC3AAA5D4B~ATpl~Ecommon~Scontent.html
3) Hamed Abdel-Samad: Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose. Droemer Verlag, München 2010, 240 Seiten, 18 Euro.

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