Täglicher Beweis

Auf dem Tempelberg vor der Klagemauer

Mit Blindheit geschlagen zu sein scheint Wilfried von Bredow, der in der heutigen FAZ ein Buch von Ron E. Hassner bespricht („War on Sacred Grounds“, Cornell University Press, Ithaca, N. Y. 2009. 222 S., 27,99 Euro). Schon der erste Satz macht das Desaster deutlich: „Die allermeisten Religionen verheißen den Gläubigen Frieden“. Das mag sein, aber bei der religiös motivierten Gewalt in Hassners Buch geht es – oh Zufall, oh Wunder – ausschließlich um Gewalt von Mohammedanisten bzw. (Ayodhya) Reaktionen auf Gewalt von Mohammedanisten (durch Hindus). Es gibt eben jene eine Religion, die den Gläubigen keinen Frieden verheißt, sondern sie zu Terror, Vergewaltigung, Sklaverei und Mord anstiftet, eben den Mohammedanismus. Eine Gleichsetzung mit anderen Religionen ist unsinnig und wird kein korrektes Resultat zeitigen.

Bredow verkennt (wie offenbar auch Hassner) weiterhin die besondere Bedeutung Israels und insbesondere der israelischen Kontrolle über Jerusalem, über die den Orks „drittheiligste“ Stadt, welche täglich auf’s neue beweisen, dass es keinen Alla gibt.

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Religiös motivierte Gewalt

Leicht zu mobilisieren, aber schwer zu schlichten

Die allermeisten Religionen verheißen den Gläubigen Frieden. Der Seelenfrieden geht aber leider nicht immer mit einem Verzicht auf physische Gewalt einher. Im Gegenteil: Die Geschichte aller Zivilisationen ist voll von Konflikten, Gewalt und Kriegen um Ziele, deren Notwendigkeit aus religiösen Vorschriften abgeleitet werden – und zu denen religiöse Führer aufrufen. Religiös motivierte Gewalt ist nicht selten besonders militant; in manchen Kulturen mehr als in anderen, gewiss. Das Verhältnis zwischen Religion und Politik hat sich in den letzten Jahrzehnten nun ganz anders entwickelt, als es die Anhänger von Säkularisierung und Aufklärung erhofft haben. Ausmaß und Intensität religiös motivierter Gewalt haben sich unter dem Vorzeichen der Globalisierung keineswegs verringert oder abgeschwächt. Warum ist das so, und was könnte dem entgegenwirken?

Der amerikanische Politikwissenschaftler Ron E. Hassner will einer Antwort auf diese Fragen näher kommen. In seiner elegant-kühlen, auch methodisch eindrucksvolle Studie konzentriert er sich auf Konflikte und Gewalt um heilige Stätten, auf die mehrere Religionen oder mehrere Denominationen innerhalb einer Religion Anspruch erheben. Als Beispiele dienen ihm der jüdisch-moslemische Streit um den Tempelberg in Jerusalem, die Niederschlagung eines Aufstandes gewalttätiger Sektierer, die sich in der Al-Haram-Moschee in Mekka verschanzt hatten, durch saudi-arabische Sicherheitskräfte 1979 sowie die Zerstörung der Babri-Moschee durch fundamentalistische Hindus im indischen Ayodhya Ende 1992. Religiös umstrittene heilige Stätten werden durch einen Übersetzungsakt, der so leicht ist wie ein Fingerschnipsen, auch zu politisch umstrittenen Orten. Beide Sphären durchdringen und instrumentalisieren einander. Zudem werden dieselben heiligen Stätten im Verlauf der Geschichte häufig von verschiedenen Religionen in Besitz genommen und auf ihre Art jeweils um- oder neu geweiht. Die Hagia Sophia in Istanbul war eine der wichtigsten Kathedralen der byzantinischen Kirche, bevor sie nach dem Fall Konstantinopels zu einer Moschee wurde. Solche Beispiele gibt es viele in aller Welt. Oft erwachsen aus solcher Geschichte gegensätzliche und einander ausschließende religiös-politische Ansprüche auf eine heilige Stätte. Im Fall der Hagia Sophia, heute ein bau- und religionsgeschichtliches Museum, konnte der Konflikt vermieden werden. Aber man findet nicht überall solche autoritative politische Klugheit, und die hier gefundene Lösung kommt nur ganz selten in Frage.

Weil heilige Orte eine besonders hohe symbolische Bedeutung für die Gläubigen haben, reagieren diese auf deren materielle oder ideelle Bedrohung besonders allergisch. Hinzu kommt das Problem der Unteilbarkeit solcher Orte: Es sind die Wohnstätten von oder die Begegnungsorte mit Göttern oder dem Heiligen, und so ist die Gefahr groß, dass Ungläubige sie fahrlässig oder in böser Absicht entweihen. Deshalb geht es um den exklusiven Besitz dieser Orte oder zumindest um die strikteste Kontrolle von Zugang und Aufenthalt. Hassner beleuchtet die in den letzten Amtswochen von Präsident Clinton gescheiterten israelisch-palästinensischen Friedensgespräche von Camp David und hebt dabei hervor, dass die Frage nach der Souveränität über den Tempelberg zum entscheidenden Stolperstein wurde. Von den politischen Führern Israels wurde dies übersehen, weil sie es im Vorfeld der Gespräche unterlassen hatten, die religiösen Entscheidungsträger im Lande zu konsultieren. Hassner erzählt die unwahrscheinlich klingende Geschichte des Arrangements Israels mit den Palästinensern für den Tempelberg nach dem Sechstagekrieg 1967. Die von der Mehrheit der jüdischen Rabbiner mühselig mitgetragene Entscheidung, den Zugang zum Tempelberg für Nichtmoslems zu sperren, gerade weil an diesem Ort der Tempel Salomos gestanden hat, konnte für zwei Jahrzehnte den Ausbruch von religiös motivierter Gewalt an dieser Stelle verhindern.

Laut Hassner bedarf es einer präzisen Verständigung zwischen religiösen und politischen Akteuren, wenn eine Lösung für einen Konflikt über eine heilige Stätte gefunden werden soll. Die Abgleichung von Ansprüchen und Interessen ist ein schwieriges Geschäft. Religiös motivierte Gewalt lässt sich relativ leicht mobilisieren. Sie zu schlichten gelingt nur unter großen Anstrengungen.

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Time am 22. November 2010

 

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