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Tempel der Bahai in Langenhain, Deutschland

Und wieder (1) ein ausgezeichneter Artikel von Wolfgang Günter Lerch in der heutigen FAZ. Er lenkt den Blick des Lesers nach Iran und zu den Bahai, die dort grausam verfolgt werden.

Die Bahai kamen in diesem Blog schon mehrfach zur Sprache (2). Mein Wissen ist seitdem nicht wesentlich gewachsen, aber ich hatte vormals den Eindruck gewonnen, dass es sich um eine Häresie handelt, die gewisse kulturelle und rituelle Elemente des Mohammedanismus bewahren will, dessen Zentralthemen Jihad und Unterdrückung („Alla, der Herr der Stufen“ (3) liebt Sklavenhalterei und Frauenunterdrückung) jedoch ablehnt.

Wie ich nicht ohne Widerspruch meiner Freunde darlegte (4), bin ich der Ansicht, dass gegen den Jihad- und Schariamohammedanismus jeder Ork gestärkt werden muss, der diese ablehnt (5), Häresien wie Aleviten und Bahai natürlich ganz besonders. Dies nicht nur, weil sie die Orks spalten und ihnen vernünftige und menschenfreundliche Alternativen zur Klo-H.-Metzel-Ideologie bieten, die aus ihrer eigenen Kultur entstanden sind, sondern auch, weil ihr Leid unser Mitgefühl und unsere Hilfe verdient.

Denn während Ayman „Heulsuse“ Mazyek eine Bedrohung der Orks und ein hasserfülltes Klima „der Angst“ gegen sie fantasiert (6), denn während bei uns ein feister Orkfunktionär wie Kolat die Erfassung antimohammedanistischer Straftaten fordert (7), worunter tatsächlich aber maximal zu verstehen ist, das ein deutsch-deutscher Schüler nicht gleich einer türkisch-deutschen Schleieroma in der Straßenbahn seinen Sitzplatz überlassen hat, dann geht es dementgegen für die Bahai im Iran um Gefängnis, Folter und Tod.

Und wenn sie dann noch so freundlich wie diese daherkommen, könnte ich mir vorstellen, dass sie nicht nur unsere „Geschäftspartner“, sondern sogar unsere Freunde sein könnten. Hier ein Ausschnitt aus einem Bericht der christlich-freikirchlichen „Tempelgesellschaft“ über ein Sommerfest mit den Bahai in Langenhain (8):

„ (…) Die Andacht war sehr bewegend, es wurden Texte aus den heiligen Schriften der Hochreligionen gelesen: aus den Baha’i-Schriften ein Gebet, aus dem Alten Testament Psalm 96,1-13, aus dem Neuen Testament Epheser 1, 3-10, Gebete und Meditation aus den Schriften Baha’u-llahs, eine Auswahl aus den Schriften des Bab, ein gesungenes Gebet in persischer Sprache. Der Bahai-Chor ‚Stimmen Bahas’ sang wunderschön, die einmalige Akustik klang noch lange in mir nach. (…)“

Da ihr Chor sich wunderschön angehört hat, müssen sich die Bahai allerdings sehr weit von den arabischen und türkischen Eroberern entfernt haben. Auch ihre Architektur (s.o.) hat das Bizarre der mohammedanistischen abgelegt und demonstriert Transparenz, Transzendenz und Zerbrechlichkeit.

Sehr schön: Außer Bahai-Texten und persischen Texten wurden zu Ehren der Gäste auch Schriften aus dem Neuen und in Kenntnis des Wesens des Christentums, das m.E. eine jüdische Häresie ist, Texte aus dem Alten Testament gelesen. Unter den Texten der „Hochreligionen“ waren völlig zu Recht keine mohammedanistischen vertreten. Lesen Sie jetzt den Text von Wolfgang Günter Lerch:

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Fast wie Freiwild

Die deutschen Bahai schauen mit wachsender Sorge
auf die Entwicklung in Iran

Es sind nur wenige tausend Menschen, die sich in Deutschland zu der Weltreligion der Bahai mit ihren ungefähr sechs Millionen Anhängern bekennen; doch sie nehmen besonders regen Anteil am Weltgeschehen, was auch an dem in der Regel hohen Bildungsstand der Anhänger dieser Religionsgemeinschaft liegt. Insbesondere interessiert sie natürlich die politische Lage in Iran, wo ihre Religion im 19. Jahrhundert entstand und wo die Bahai-Gläubigen immer wieder schweren Verfolgungen ausgesetzt waren und sind.

Gegenwärtig sorgen sie sich um sieben ihrer Glaubensgenossen, die bereits im vorigen Jahr in Iran festgenommen und unter anderem wegen „Spionage für Israel“ und wegen „Krieg gegen Gott“ angeklagt worden waren. Die sieben repräsentierten auf informelle Weise – jedoch mit Wissen und Duldung des iranischen Regimes – die etwa 300.000 iranischen Bahai, deren offizielles Gremium, der gewählte Nationale Geistige Rat, schon kurz nach dem Sieg der islamischen Revolution ausgelöscht worden war. Prozess und Verurteilung der sieben beruhten auf Vorwänden. Und die willkürlichen Festnahmen dauern an.

Langenhain im Taunus ist das sichtbare Zentrum der deutschen Bahai, erkennbar an dem attraktiven, kuppelgekrönten Tempel, der freilich für alle Bahai in Europa (wie in der Welt) offen ist. Auf jedem der fünf Kontinente gibt es einen. Im Rhein-Main-Gebiet leben besonders viele deutsche Bahai, manche von ihnen sind iranischen Ursprungs und mit deutschen Partnern verheiratet, nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland gekommen und hier geblieben; doch auch mancher deutsche Akademiker findet seinen Weg zu diesem Glauben, der auf zwei aus Iran stammende Stifter („Offenbarer“) zurückgeht: Ali Muhammad, genannt der „Bab“ (etwa: die spirituelle Pforte), durch dessen Wirken die Babi-Bewegung entstand, und Mirza Hussein Ali Nuri, der unter dem Namen Bahaullah (etwa: Glanz Gottes) als eigentlicher Stifter des Bahai-Glaubens verehrt wird. Dieser Glaube hat seine Wurzeln in einer endzeitlichen schiitischen Bewegung, entwickelte sich jedoch zu einer eigenständigen Religion, die ihren Ursprung im Islam nicht verleugnen kann noch will, doch in Lehre und Praxis moderne Wege eingeschlagen hat. Berühmte Orientalisten wie Edward Granville Browne oder Alessandro Bausani haben darüber geschrieben.

Es gibt keinen Klerus, die Moderne wird ebenso akzeptiert wie die Regeln der zeitgenössischen Zivilgesellschaft. Dies heißt andererseits nicht, dass die Bahai nicht strikte ethische Prinzipien hätten. Besonders viel bedeutet den Bahai das Prinzip der immer wieder erneuerten Offenbarung: Die Botschaft des Monotheismus findet – der veränderten Umstände wegen – immer wieder neue Verkünder. Weltzentrum des Glaubens ist das Universale Haus der Gerechtigkeit in Haifa. Bei den Vereinten Nationen sind die Bahai längst akkreditiert. Und ihr Büro in Berlin hält den Kontakt mit der deutschen Politik; da geht es zumeist um die Verletzung der Menschenrechte in Iran und anderswo.

„Wir enthalten uns jeglicher Einmischungen in die Tagespolitik, dies gehört ausdrücklich zu den Lehren unserer Religion“, sagt Ingo Hofmann, der gegenwärtige Sprecher der deutschen Bahai-Gemeinde für die Menschenrechte. „Um so grotesker sind die Anklagen, die das iranische Regime gegen uns vorbringt.“ Hofmann, Jahrgang 1943, dessen Sprache unverkennbar süddeutsch gefärbt ist, ist jetzt gefragter denn je, seitdem die Islamische Republik den Kurs gegen die Bahai wieder verschärft hat. Eine Zeitlang hatte man sie „nur“ diskriminiert, aber weitgehend in Ruhe gelassen, doch nun gibt es wieder Einschüchterungskampagnen, zu denen offenkundig auch die Festnahme und Verurteilung der sieben, fünf Männer und zwei Frauen, gehörten. Hofmann war bis zu seiner Emeritierung Professor für Physik in Frankfurt, hatte davor jedoch auch insgesamt ein Jahr am CERN in Genf gearbeitet, dem riesigen Teilchenbeschleuniger. „Gräber, Plätze und Häuser, die den Bahai aus ihrer Geschichte heraus heilig sind, wurden in jüngerer Vergangenheit in Iran zerstört und geschändet“, teilt er mit. Und er kritisiert Leute, die das gegenwärtige iranische System zu relativieren suchen: „Religionsfreiheit gibt es für die Bahai nicht.“

Armin Eshraghi, bisher Dozent für Persisch an der Universität, der aber künftig an der Theologenschule St. Georgen in Frankfurt Arabisch unterrichten wird, kann nicht verstehen, dass unlängst eine Delegation des Deutschen Bundestages aus Iran zurückkam und die Ungestörtheit der Religionsausübung hervorhob. Er weist darauf hin, dass dies allenfalls für die von der islamischen Verfassung Irans anerkannten religiösen Minderheiten der Parsen, Christen und Juden gelte, die der Islam als seine „Schutzbefohlenen“ sieht. „Wir Bahai hingegen sind im Grunde wie Freiwild.“ Den Mullahs gelten sie tatsächlich seit jeher als Abtrünnige vom Islam. Wie anderswo in diesen Breiten existiert eine Religionsfreiheit nach westlichem Verständnis nicht in Iran. Ein Wechsel der Religion, vom Islam zu einer anderen, ist nicht möglich; die negative Religionsfreiheit erst recht nicht. Und die zu Beginn der fünfziger Jahre gegründete theologische Richtung der Hodschatijeh wurde ins Leben gerufen, um die Bahai zu bekämpfen. Dies war noch zu Zeiten des Schahs Mohammed Reza Pahlewi, der dies duldete; augenblicklich hat die Hodschatijeh in Iran ihre Aktivität wieder verstärkt, Schikanen nehmen zu. So nimmt es nicht wunder, dass Ingo Hofmann immer wieder in Sachen Verletzung der Menschenrechte Stellung beziehen muss. Auch in Ägypten etwa machen die Bahai – es sind nur etwa tausend – nicht nur positive Erfahrungen mit dem dortigen Regime und ihrer muslimischen Umwelt. Tausend Bahai scheinen eine „schreckliche Gefahr“ für die achtzig Millionen Ägypter zu sein, muss man sarkastisch daraus schließen.

Die deutschen Bahai beteiligen sich, wenn sie dazu geladen werden, lebhaft am interreligiösen Dialog. Dafür sind sie auch dank ihres intellektuellen Niveaus bestens gerüstet. Vor allem Udo Schäfer, gewissermaßen der Spiritus Rector der Gemeinde in Deutschland, hat mit seinen Büchern viel zur Erläuterung der Bahai-Lehren beigetragen. Schäfer, Jahrgang 1926 und bis zu seiner Pensionierung als Oberstaatsanwalt dreißig Jahre im deutschen Justizwesen tätig, ist nicht nur Fachmann für die Geschichte, Theologie und Ethik des Bahai-Glaubens, sondern vor allem für die Beziehungen zwischen den Vorstellungen der Bahai und dem deutschen Recht. Auch über den Islam hat er eines der einsichtigsten Bücher geschrieben. Die ersten Bahai-Gemeinden in Deutschland gab es übrigens vor 105 Jahren im Schwäbischen, in Stuttgart, Esslingen und Bad Mergentheim. Abdul Baha, der Sohn Bahaullahs, besuchte die Gemeinden schon 1913.

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Time am 25. November 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/11/17/die-bekehrung/
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/01/10/licht-aus-dem-pferch-in-den-pferch/
3) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/23/kloran-7-uber-despotismus-rang-und-herrschaft/
4) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/11/21/counterjihadisch-bloggen/
5) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/11/18/steinigung-inakzeptabel-fur-kloran/
6) http://www.pi-news.net/2010/09/mazyek-islamfeindlichkeit-bekaempfen/
7) http://www.pi-news.net/2010/11/kolat-will-erfassung-muslimfeindlicher-straftaten/
8- http://www.tempelgesellschaft.de/index.html?Hauptbereich=/zeitschrift/warte_07/jahresrueckblick_2007.html

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