Sie machen sich nützlich

Aus Kairo berichtet in der heutigen FAZ Winand von Petersdorff. In einem Teil der Stadt leben Christen in einem Slum eines Slums von der Abfallverwertung. Es wäre ein schöner Zug, wenn die hiesigen Unterschicht-Orks sich daran ein Beispiel nehmen und sich irgendwie nützlich machen würden.

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Ein Slum zum Leben – wie Kairos Ärmste wirtschaften

In den Elendsquartieren der Welt herrscht Hunger, Arbeitslosigkeit und Depression. So die Vorstellung. Doch in Kairos Slums vibriert das Leben. Die Leute sind beschäftigt, Hunger ist selten, und jeder hat ein Handy.

Es ist schwierig, einen Slum zu loben, wenn man durch dessen stinkenden Unrat stakt. „Garbage City“, die Müllstadt, ist ein Quartier in Ägyptens Hauptstadt Kairo, das niemand geplant hat. Abfall säumt die Gassen, drängt sich an die Wände der armseligen Häuser und quillt aus den offenen Kellerlöchern. Eselfuhrwerke und Lastwagen mit fünf Meter hohen Abfallstapeln durchqueren das Viertel.

Hunde und Katzen tasten sich schnuppernd, wühlend durch den Unrat. Eine Ratte bringt sich schnell in einem Fallrohr in Sicherheit, als ein schwarzer Jeep Cherokee rumpelnd und hupend um die Ecke biegt. Die Gassen sind voller geschäftiger Leute: uniformierte Schulmädchen mustern Passanten, kleine Jungs suchen im Dreck nach Bierdosen und Plastikflaschen, ein Bäckerbote balanciert auf dem Kopf ein Brett mit Fladenbroten. Gebeugte Männer schleppen riesige Bündel mit Altpappe oder Plastiktüten. Auf groben Klötzen sitzen Väter beim Tee, ihre Frauen tragen einjährige Kinder auf der Schulter, die dreijährigen gehen an der Hand. Gezeter, Gehupe, Geschrei, Ziegengemecker, und einmal schreit ein Hahn. Man spürt, wie sich die versmogte Luft auf die Bronchien legt. Und über allem liegt ein Gestank nach Unrat, Auspuffabgasen, verbranntem Plastik und – Schwein.

Das Quartier wuselt und vibriert. Es ist ein Elendsviertel: informell und illegal, ohne nennenswerte staatliche Versorgung und ohne staatlichen Schutz. Steuern zahlt hier keiner. Ob hier 20 000 Menschen leben oder 70.000, weiß auch keiner so genau. „Garbage City“ ist nur ein kleiner Teil von Manshiyat Nasser, einem informellen Stadtteil Kairos, der 700.000 oder auch 1,3 Millionen Einwohner haben könnte.

Slums wie Manshiyat Nasser sind ein globales Phänomen. Ob in Indien, Brasilien, Nigeria oder Ägypten – überall entstehen urbane Konglomerate, über deren periphere Zonen die staatlichen Stellen längst die Kontrolle verloren haben. „Hier wohnen zwar Polizisten, aber sie arbeiten hier nicht“, sagt Hany El Miniawy, ein ägyptischer Stadtplaner.

Slums sind das Ergebnis der größten globalen Bewegung überhaupt: der Landflucht. Jede Woche verlassen genug Menschen ihre Dörfer, um eine Millionenstadt zu füllen. Pro Jahr kehren 70 Millionen Menschen ihren Dörfern den Rücken und suchen ihr Heil in einer Stadt. Die Menschenflut verwandelt die Welt der Bauern in eine Welt der Städter. Vor hundert Jahren lebten noch nicht einmal 20 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, jetzt sind es schon mehr als 50 Prozent.

Die neuen Städter landen allerdings nicht in Appartements oder Einfamilienhäusern, sondern in Slums, Favelas, Shantytowns oder Elendsviertelnl, wo sie versuchen, ein paar Quadratmeter für sich und ihre Familien zu besetzen und zu verteidigen.

Gesund ist das Leben nicht, zu beschönigen gibt es auch nichts. Aber für die Landflüchtlinge sind die Slums Sehnsuchtsorte. Sie verbinden sie nicht mit Armut, Hunger, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und dumpfer Depression, sondern zu allererst mit Hoffnung.

Warum das so ist, lehrt „Garbage City“. Es ist ein Elendsviertel mit einem Geschäftsmodell. Hier leben vor allem koptische Christen, die Zabaleen. Ihre Familien sammeln in großen Teilen Kairos den Abfall ein, trennen ihn und verkaufen brauchbare Teile. Die Väter ziehen mit ihren Söhnen herunter in die Stadt und holen den Abfall. Die Frauen und Mädchen trennen im zur Straße hin offenen Erdgeschoss ihrer Häuser den Müll in verschiedene Fraktionen – in der Etage darüber wohnen sie.

Die Clans haben sich auf verschiedene Müllfraktionen spezialisiert, die einen auf Pappe, andere auf Metalle, dritte auf Plastik. Das beste Geschäft aber war bis vor anderthalb Jahren der organische Abfall. Mit ihm wurden Schweine gefüttert. Die Zabaleen mästeten Zehntausende Schweine. Das Fleisch verkauften sie an christliche Metzger rund um Kairo – bis die Regierung die Schweine töten ließ, vorgeblich um die Schweinegrippe zu verhindern. Vielen Familien war das Einkommen geraubt. Das war schlimm.

„Mir blutet das Herz, wenn ich daran denke“, sagt der Architekt Hany El Miniawy. Er hatte vergeblich versucht, die Schweinemast in ein neues Gelände auszulagern. Jetzt stehen in den Ställen Ziegen, Bullen oder gar kein Tier. Einige hundert Schweine haben die Zabaleen aber in dunklen Verschlägen versteckt. Man sieht sie nicht, aber man riecht sie.

Mit anorganischem Abfall läuft das Geschäft besser. Die Zabaleen klettern die Wertschöpfungskette des Recycling hinauf. Auf einem Wertstoffhof werden Plastikabfälle geschmolzen und in Granulat für Kunststofffabriken umgewandelt. Von den Bier- und Coladosen wird der Deckel abgeschnitten. Der Aluminium-Korpus geht zusammengepresst nach China, für Eisendeckel finden sich andere Händler.

Der Slum ist integriert in die globale Arbeitsteilung und bildet die informelle Basis einer formalen Ökonomie. Die Zabaleen sind oft Subunternehmer von offiziellen, oft von Beduinen gegründeten Unternehmen, die von der Stadt Kairo Lizenzen zum Müllsammeln haben.

Der Konnex zwischen schwarzer und weißer Ökonomie wird am Stadtbild vieler Megacitys deutlich. Oft liegen die bitterarmen Quartiere direkt neben den Vierteln der Reichen, die Arbeitgeber des günstigen Dienstpersonals und Kunden fahrender Händler sind. Wohlhabende indische Familien etwa lassen sich von sechs bis acht Dienstboten die Mühsal des Kochens, Putzens, der Kinderversorgung und des Einkaufens abnehmen.

Heute schon lebt jeder sechste Mensch in Vierteln wie Manshiyat Nasser, 2030 wird es jeder vierte sein. Städte wie Mumbai (das frühere Bombay), Rio de Janeiro, Nairobi oder Kairo bestehen zu 30 bis 40 Prozent aus informellen Vierteln, die über die alten kartierten Stadtgrenzen hinauswuchern.

Der Westen hatte immer eine schnelle Antwort auf die Frage, warum es arme Leute armer Länder in die unwirtlichen Städte zieht: Illusionen, die bunten Verlockungen und falschen Versprechen der großen Stadt. In dieser Analyse steckt die Herablassung der reichen Länder, die arme Landflüchtlinge in Schwellenländern als dumm und Slums als Horte der Hoffnungslosigkeit abgebucht haben, während sie das Dorfleben als urwüchsig, authentisch, gesund und anständig idealisieren. 

„Ich teile all die romantischen Vorstellungen, die mit einem Dorf verbunden werden, weil ich nie in einem gelebt habe“, spottet der amerikanische Umweltschützer und Zukunftsforscher Stewart Brandt. „In einem Dorf bleibt einer Frau nichts, als ihrem Mann und ihren Verwandten zu gehorchen, Hirse zu stampfen und zu singen“, konstatiert die indische Feministin Kavita Ramdas, die den „Global Fund for Women“ leitet, eine Organisation, die Frauenrechte in aller Welt voranbringen will. In der Stadt dagegen könne eine Frau Arbeit finden, ein Geschäft gründen und ihre Kinder zur Schule schicken. Ein Slum, das ist die primitive Quintessenz, ist besser als ein Dorf.

„In unserem Dorf gab es nichts mehr“, erzählt eine freundliche Frau in einem der schlimmeren Armutsviertel Kairos. Sie sitzt mit anderen Frauen im Stadtteil Misr el Qadima in einem Schulungsraum, den eine lokale Hilfsorganisation angemietet hat. Das Quartier liegt wenige hundert Meter vom Koptischen Museum entfernt, einer bedeutenden, herausgeputzten Sehenswürdigkeit Kairos. Das Elendsviertel ist nur durch eine große Schnellstraße vom Nil getrennt. Die Behausungen aus unverputzten brüchigen Ziegeln sind auf sumpfigem Uferland gebaut. Einige sinken ab, brechen zusammen. Das Viertel ist komplett illegal wie 200 bis 300 andere in der 17-Millionen-Stadt Kairo. Die Stadt hat hier weder Wasserleitungen, Abwasserkanäle noch Stromleitungen oder Straßen gelegt. Die Leute klemmen sich Strom und Kabelfernsehen illegal ab, sie verzweigen offizielle Wasserleitungen, und sie bauen Sickergruben für die Fäkalien.
 


Die Familien kommen immer nach dem gleichen Muster in die Slums, und das gilt global. Der Mann wird vorausgeschickt, sucht einen Platz zum Leben für sich und seine Familie und Arbeit. Nach einer Weile folgt die Familie, dann kommen Cousins, Nachbarn, Freunde nach, bis sich die alte Dorfgemeinschaft neu versammelt hat. 

In Misr el Qadima besetzen die Leute ein Stückchen Land, bauen ein Zimmer. Wenn niemand einschreitet, werden die Häuser vergrößert, erst in die Fläche, dann in die Höhe, vier, fünf Stockwerke. Die Gebäude sind zerbrechlich, die Wände tragen Risse, manches Mauerwerk ragt bedrohlich schief in die Gassen hinein. In einem Haus ist die Frontwand weggebrochen, die Leute haben einen großen Schrank vor das Loch geschoben und wohnen dort weiter. Sie haben keine Ziegelsteine, das Loch zu füllen. In den Häusern ist es so eng, dass die Familien schichtweise schlafen, erst die Kinder, dann die Eltern, dann andere Verwandte. Sie leben als Tagelöhner, als Händler, als Brotverkäufer, die Bessergestellten haben Kioske oder eine Kneipe.

„Täglich kommen neue Leute“, sagen die Bewohner. Eine alte Frau zeigt ihr Haus. Es geht vorbei an Gerümpel über eine enge, grob aus Stein gehauene Treppe ganz nach oben. Unterwegs auf den Zwischenetagen stehen neugierige, schmuddelige, aber freundliche Kinder. Ganz oben im Schlafraum warten zwei Überraschungen: Das Haus hat kein Dach, stattdessen schützen Kartonpappe und aufgerissene Plastiktüten notdürftig vor Regen und Wind.

Die zweite Überraschung ist größer: Ein mächtiger Kühlschrank, Marke Alaska, steht im Schlafraum. Das ist nicht der einzige Luxus der Familie. Im Wohnraum flimmert ein kleiner Fernseher, und Handys hat die Familie auch. „Fast jeder hat hier Handys, selbst die Kinder, oft sogar die neuen Modelle“, sagt Islam Sharaf von der ägyptischen Organisation Adew, die armen Frauen helfen will.

Natürlich fehlt Geld, und Banken gibt es in Slums nicht. Die meisten Bewohner nehmen an einer Organisation namens Gamiyat teil für größere Anschaffungen: Das sind Sparvereine, in die Leute einige Monate Geld einzahlen, um irgendwann eine große Summe zu bekommen für eine Hochzeit, einen Kühlschrank oder ein Handy.

Das Handy ist wichtiger als das Essen, murrt der Entwicklungshelfer Islam. Ob Hunger ein Thema ist, werden die Frauen gefragt. Ist es nicht, aber sie haben fast nie Fleisch, beklagen die Frauen. Nur jetzt ist eine Ausnahme. In diesen Wochen vor den ägyptischen Parlamentswahlen kommen regelmäßig Kandidaten ins Viertel, um mit Fleisch Stimmen zu kaufen. Sonst sieht man hier nie Politiker und kaum Fleisch.

Die Frauen, die durch die Gassen führen, haben sich herausgeputzt. Sie sind die informellen Führer des Viertels, jeweils zuständig für ein paar Straßen. Wenn es Konflikte zwischen Familien, Probleme mit Behörden oder pure Not gibt, springen die Frauen ein. Sie ersetzen die Gerichte, die Polizei und manchmal die Lehrer.

Wo der Staat ausfällt, helfen sich die Menschen selbst, beim Hausbau, bei der Versorgung von Kranken, bei Konflikten mit Behörden. Die Hilfsbereitschaft, auf die die Menschen hier bauen können, ist wie Kapital, nur dass kein Geld fließt. Feste spielen eine große Rolle für die Armen, sie stimulieren die Solidarität der Nachbarn und Verwandten. Damit wirken sie wie Versicherungen. Und ein Geschäft sind die Feste auch. So trifft man im Armenviertel von Misr el Qadima Unternehmer, die den Verleih von Tischen und Stühlen zum Geschäft gemacht haben.

In den Slums der Welt bilden sich soziale Hierarchien heraus, an deren Spitze Geschäftsleute, Mafiabosse, Clanchefs oder andere Führungspersönlichkeiten stehen. Sie sorgen, wenn sie gut sind, für sozialen Ausgleich, Gerechtigkeit und Nothilfe. In Manshiyat Nasser haben sich auf unterster Ebene sogenannte „Raptas“ organisiert, Clans von Leuten, die ursprünglich aus einer Gegend kommen. Sie helfen bei der Organisation von Hochzeiten und schlichten Konflikte.

Um zum informellen Führer eines ganzen Viertels zu werden, bedarf es mehr als natürlicher Autorität. In Kairos „Garbage City“ regiert Vater Ibrahim Samaan, ein koptischer Priester, so sagen die Leute mit Ehrfurcht. „Hier regiert Gott“, sagt Vater Samaan. Er sei nichts als ein Werkzeug in der Hand des Heiligen Geistes. Der Mann wirkt freundlich, angestrengt und vergeistigt. Er sitzt im Kontor einer Tischlereifabrik, die in eine Felswand hineingehauen wurde. Sie fertigt oberhalb von „Garbage City“ Möbel.

Hier lernen Jugendliche die Holzbearbeitung. Viele hatten ihre Arbeit verloren, als die Regierung die Schweine schlachten ließ. Später können sie sich dann vielleicht als Tischler selbständig machen. Vater Sanaan lässt hier Stühle und Bänke für seine Gottesdienste bauen. Das Holz importiert der Vater aus Schweden und Serbien, das Geld dafür stammt aus Spenden.

Die Tischlerei ist nur ein Beispiel für die ungezügelte Energie des Priesters und seiner Mitstreiter. Er hat hier oben eine Arena für Gottesdienste in den Felsen schlagen lassen, die Platz für mehrere 1000 Besucher bietet, außerdem einen Versammlungsraum, in dem Hochzeiten stattfinden können. Ob Kindergärten, Schulen, Weiterbildungseinrichtungen – ohne den Segen des Vaters läuft hier gar nichts. Wer Geld braucht, um eine Firma zu gründen, kommt zu Vater Sanaan, wer Streit hat oder wer krank wird, sowieso.

Manche Leute in Manshiyat Nasser sind richtiggehend wohlhabend geworden, sagt Hany El Miniawy. Aber sie wollen nicht wegziehen. Sie bleiben im Müll wohnen, dort, wo sie jeden kennen. Die soziale Mobilität findet geographische Grenzen. Die Menschen entwachsen selten den Slums. Sie wachsen mit den Slums.

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Time am 28. November 2010

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Eine Antwort to “Sie machen sich nützlich”

  1. L. Says:

    eine leicht andere Sicht: http://gatesofvienna.blogspot.com/2010/11/just-what-is-ghetto-really.html

    und wie andere damit fertig werden: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,731367,00.html
    so nämlich: http://f.i.uol.com.br/fotografia/2010/11/25/29075-970×600-1.jpeg

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