Gespenster-Treff

Ein Spuk besonderer Art muss vor ein paar Tagen in Berlin stattgefunden haben, wie Jochen-Martin Gutsch in der für dieses Journal typischen Ein-bißchen-dafür-ein-bißchen-dagegen-aber-der-Größte-bin-ich-Manier im aktuellen „Spiegel“ (#9) mitspukend darstellte. Mit von der Partie: die Mega-Schreckschraube Naika Foroutan. Der Text spricht für sich, ich werde mich jedes Kommentars enthalten, nur ein bißchen hervorheben, viel „Spaß“!

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Worte aus dem Verbandskasten

Ortstermin: In Berlin stellen Autoren mit muslimischem Hintergrund ein Gegenbuch zu Thilo Sarrazins Bestseller vor.

Auf der Bühne steht ein schmaler Mann mit Vogelnestfrisur. Der Mann heißt Wolfgang Farkas und ist Chef des Blumenbar Verlags. Er soll erklären, warum es dieses Buch gibt. Das „Manifest der Vielen“.

Farkas sagt, das Buch sei eine Art Gegengift.

Zuerst habe er an einen Essay gedacht. Eine scharfe Erwiderung auf ein anderes Buch, das gerade Deutschland verrückt machte. Hilal Sezgin sollte den Essay schreiben. Eine deutsche Autorin und Journalistin mit muslimischem Religionshintergrund. Hilal Sezgin wollte das aber nicht allein machen. Vielleicht schafft man das auceh nicht allein. Das andere Buch, geschrieben von Thilo Sarrazin, war durchsetzt von Niedertracht, aber unglaublich populär – unbesiegbar eigentlich.

Wolfgang Farkas dachte um. Er brauchte mehr Autoren, mehr Gegenstimmen. So entstand das „Manifest der Vielen“. Es sammelt Geschichten und Kommentare von 30 Autoren mit muslimischem Religionshintergrund. Mal mehr, mal weniger. Feridun Zaimoglu, Hatice Akyün, Imran Ayata viele, die man kennt, sind dabei.

Sarrazins Buch trägt den Titel: „Deutschland schafft sich ab“. Farkas Buch trägt den Untertitel: „Deutschland erfindet sich neu“. Das eine Buch setzt auf die Angst. Das andere Buch will die Angst nehmen. Keine schlechte Idee, eigentlich.

Thilo Sarrazin ist nicht gekommen an diesem Abend, er war aber auch nicht eingeladen. Gekommen sind zur Buchpremiere vor allem Freunde und Bekannte der Autoren, Leute aus der „Community“. Community ist ein Wort, das oft fällt an diesem Abend. Was schade ist, weil in der Community ja sowieso schon alle davon überzeugt sind, dass der Islam Deutschland erst mal nicht abschafft. So bleibt man im vollen Saal des Maxim Gorki Theaters weitgehend unter sich. Ein Manifest der vielen, geschrieben für eine Community der wenigen.

Wahrscheinlich ist es schwer, ein Gegenbuch zu schreiben. Ein Buch zum Buch. Man wird die Debatte nicht mehr gewinnen. Man kann nur die Stimme erheben. So wie die Journalistin Mely Kiyak, die den schönsten Text des Abends vorliest. Er handelt von Befreiung und Befreiem. Das sagen Islam-Kritiker ja oft: dass sie eigentlich befreien möchten. Vor allem die unterdrückte muslimische Frau. „Frauen befreien, dass ich nicht lache. Frauen in Afghanistan befreien, dass ich nicht noch mehr lache. Islamische Symbole verbieten, Religion verbieten, Moscheen, verbieten, verbieten, verbieten und dann alles befreien“, liest Mely Kiyak. „Die meisten Befreier, die ich kenne, sind voller Verachtung, manchen platzt der Hass schon aus den Ohren. Man muss lieben, was man befreien will.“

Ein Gegengift hatte Wolfgang Farkas, der Verleger, angekündigt. Aber das Buch ist doch eher ein Verbandskasten. Man zeigt und pflegt die Wunden, die Sarrazin schlug.

Hatice Akyün, die Autorin, sagt, dass sie, im Zuge der Debatte, ans Weggehen dachte. Nach Istanbul vielleicht. Sie fühlte sich in Sippenhaft genommen. Für Ehrenmorde oder Zwangsverheiratungen oder Integrationsverweigerung oder andere Dinge, mit denen sie nichts zu tun hat. „Ich erkläre und erkläre. Irgendwann wird man müde davon.“

Es geht oft um dieses Gefühl an diesem Abend. Um die Mühsal des Andersseins, obwohl man sich nicht anders fühlt. „Ich komme aus Duisburg„, sagt Hatice Akyün. Es geht um die eigene, von außen forcierte „Muslimisierung“. Man wird zum Vertreter einer Gruppe, obwohl es diese Gruppe gar nicht gibt. Den Muslim, den Türken, den Ostdeutschen. Gibt es alles nicht. Und gibt es doch. In den Debatten.

Wahrscheinlich hat die Sarrazin-Debatte das Muslim-Sein verstärkt. Genauso wie all die Ostdebatten das Ostdeutschsein verstärkt haben. So gesehen ist dieser Abend, auch wenn es seltsam klingt, ein sehr ostdeutscher Abend mit muslimischen Protagonisten.

Es gibt sogar eine ähnliche, sozusagen ostdeutsche Strategie, mit Angriffen umzugehen: den Rückzug. Verbunden mit dem Gefühl: Egal was ich mache – ihr werdet nie wissen, woher ich komme, wie ich denke, wer ich bin. Weil ihr es gar nicht wissen wollt.

Ihr habt euer Bild. Wir haben unser Bild.

So sitzen sie in ihrer Ecke wie ein angeschlagener Boxer. Und fühlen sich doch ganz wohl.

Diese Haltung durchweht den Abend.

30 Autoren schreiben im „Manifest der Vielen“. Aber niemand beschäftigt sich mit der Frage: Warum hat Sarrazin Erfolg? Warum ist ausgerechnet sein Bild von den Muslimen das Bild, das Millionen Deutsche mit dem Islam verbinden? Wie konnte das passieren? Diese Katastrophe?

Dazu hätten die Manifest-Autoren sich umschauen müssen in der Community – Vor allem aber hätten sie Sarrazin ernst nehmen müssen. Das macht wenig Spaß, ist unappetitlich, aber am Ende leider unerlässlich.

Nicht weil Sarrazins Thesen klug sind oder wahr. Sondern weil sie geglaubt werden.

„Wie blickt man in zehn Jahren auf diese Debatte zurück? Mit Scham?“, fragt der Moderator die Migrationsforscherin Naika Foroutan am Ende.

„Oh, ich glaube, das ist jetzt schon so“, sagt Foroutan.

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Unglaublich, doch so steht es geschrieben…

Time am 2. März 2011

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