Vertraut ihnen niemals

Marco Seliger lieferte für die heutige FAZ einen aufwühlenden Bericht von einem Attentat auf unsere Soldaten in Afghanistan ab. Sein Text enthält keine Auswertung des Geschehens. Diese lautet: Die Mohammedanisten sind allesamt unsere Todfeinde, weil es der Sinn des Mohammedanismus ist, alles andere und schließlich sich selbst auszurotten. Man darf ihnen daher niemals vertrauen, keinem von ihnen!

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Neun  Sekunden

In der Uniform eines afghanischen Soldaten tötete Sayed Afzal drei deutsche Soldaten. Er hatte mit ihnen auf dem Standort „OP North“ gelebt, und sie hatten ihm vertraut.

Als die Rettungshubschrauber den „OP North“ verlassen hatten, lag der Attentäter Sayed Afzal noch immer dort, wo ihn der junge Oberstabsgefreite Kai Wilhelm (Name geändert) erschossen hatte. Innerhalb von Sekunden war ihm gelungen, was seine Terrorverbündeten in fünf Monaten nicht geschafft hatten. Angetan mit der Uniform eines afghanischen Soldaten tötete er drei Deutsche und zerstörte das Vertrauen der Bundeswehr in ihre einheimischen Partner. Es war ein heimtückischer Angriff, dem leicht zehn deutsche Soldaten zum Opfer hätten fallen können. Nur einem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass Wilhelm seine eigene Ermordung und die seiner Kameraden verhindern konnte.

Die 182 Glieder einer Panzerkette sind jeweils mit zwei Gummis gepolstert. In Afghanistan müssen die Polster des Schützenpanzers „Marder“ alle zweihundert Kilometer gewechselt werden, weil sie auf den Schotterpisten schnell porös werden. Beim „Kettenklopfen“ wird jedes Polster mit Brechstange und Vorschlaghammer aus der Verankerung gelöst. Es ist Knochenarbeit. Um schneller fertig zu werden, haben sich am Vormittag des 18. Februar dieses Jahres gleich zehn Grenadiere auf dem afghanischen Außenposten „OP North“ um einen „Marder“ versammelt. Sie sind im süddeutschen Regen stationiert und seit mehr als fünf Monaten am Hindukusch eingesetzt. In wochenlangen Kämpfen haben sie als Teil eines 600 Mann starken Kampfverbands die Aufständischen im sogenannten Autobahndreieck in der Provinz Baghlan vertrieben. Stets kämpften sie dabei Seite an Seite mit afghanischen Soldaten. Sie teilten ihr Wasser, mitunter auch ihr Essen mit den Kameraden. Die Mission der Panzergrenadiere ist nun bald zu Ende, in zwei Wochen sollen sie nach Hause fliegen.

Der „Marder“ steht am Rand eines sandigen Parkplatzes am Fuß des „OP North“. Das „OP North“ ist ein Hügel, von dem gekieste Straßen abgehen, die vor wenigen Monaten erst in den Berg gefräst wurden. Die Wege schlängeln sich um den Berg bis zur Spitze. Dort befinden sich der deutsche Gefechtsstand samt Hubschrauberlandeplatz und die Zelte der Kompanien und Züge. Afghanische Soldaten bewachen die Zufahrt zu dem provisorischen Außenposten, es ist der einzige befahrbare Eingang zum „OP North“. Den einzigen Schatten spendet ein fensterloses Gebäude, das „weiße Haus“. Es dient den afghanischen Soldaten als Gefechtsstand und Lagerstatt.

Deutsche und Afghanen leben gemeinsam auf dem Stützpunkt, und sie vertrauen einander. Die zehn Panzergrenadiere tragen deswegen weder Helme noch Schutzwesten, als sie mit dem „Kettenklopfen“ beginnen. Es handelt sich um erfahrene Fahrer, Bordschützen und Panzerkommandanten, die schon Dutzende Ketten geklopft haben. Georg Missulia muss kaum eingreifen. Der 30 Jahre alte Hauptfeldwebel ist stellvertretender Führer des Charly-Zuges, einer Einheit, die aus acht Schützenpanzern und ihren dreiköpfigen Besatzungen besteht. Die Soldaten schätzen Missulia als professionellen und zuverlässigen Vorgesetzten, der sich um seine Untergebenen kümmert. Die Soldaten scherzen und lachen, als sie mit den Vorschlaghämmern auf die Abschlagdornen der Gummipolster eindreschen. Der Krieg liegt bald hinter ihnen, sie haben es fast geschafft.

Kai Wilhelm dient seit mehr als vier Jahren bei den Panzergrenadieren. Während des Einsatzes hat er sich einen blonden Vollbart stehen lassen. Er liebt seinen Beruf, in den er hineingewachsen ist, nachdem er zunächst nur den neunmonatigen Grundwehrdienst leisten wollte. Wilhelm steht als einziger der zehn Soldaten auf der anderen Seite des „Marder“ und begutachtet die Gummipolster, die gewechselt werden sollen, wenn sie mit der ersten Kette fertig sind. Sayed Afzal, ein afghanischer Soldat, neunzehn Jahre alt, schlendert vom Abstellplatz zu ihnen hinüber. Sein Gewehr hängt über der Schulter, ein M-16 aus amerikanischen Beständen. Wilhelm sieht ihn in seiner grünen Uniform näher kommen. Er denkt sich nichts dabei, denn der Mann könnte auf dem Weg zu einem der Wachtposten sein, die oben auf dem Hügel liegen.

Tagsüber besetzen die Afghanen diese Posten; nachts sind die Deutschen dran, die haben Nachtsichtgeräte. Wie seine Kameraden führt auch Wilhelm nur eine Pistole mit sich. Sie steckt in einem Halfter am rechten Oberschenkel. Die Waffe ist teilgeladen, wie immer, das Magazin befindet sich also im Schaft, die Kugel aber noch nicht im Lauf. Wilhelm braucht für gewöhnlich ungefähr drei Sekunden, um die Pistole zu ziehen, durchzuladen, zu entsichern und abzudrücken. Sayed Afzal passiert den „Marder“ und blickt auf die Soldaten. Sie stehen alle mit dem Rücken zu ihm und bemerken ihn kaum. Als er hinter dem Heck des Panzers hervortritt, bemerkt Wilhelm aus dem Augenwinkel, wie der Mann die Grenadiere noch immer mustert. Das macht ihn misstrauisch.

Es ist 11.49 Uhr, als Sayed Afzal einen Schritt Richtung „Marder“ macht und sein M-16 von der Schulter nimmt. Danach folgen neun Sekunden des Mordens und Tötens. Erste Sekunde: Der Afghane lädt die Waffe durch, während Wilhelm schreiend seine Pistole zieht. Er will die Kameraden warnen, doch dazu ist es zu spät. Zweite Sekunde: Der Attentäter legt den rechten Zeigefinger an den Abzug und krümmt ihn. Zwölf Kugeln rasen aus dem Lauf, schlagen funkensprühend gegen Stahl, bohren sich in die Rücken der Soldaten. Wilhelm zieht den Ladeschlitten seiner Pistole nach hinten. Dritte Sekunde: Noch immer hält der afghanische Soldat den Finger am Abzug, feuert weitere acht Kugeln auf die Grenadiere. Dann endet das Feuer abrupt. Sein Magazin ist leer. Wilhelm stellt den Sicherungshebel der Pistole mit der linken Hand auf F wie Feuer. Vierte Sekunde: Der Attentäter senkt die Waffe, betätigt mit der linken Hand den Auswurfhebel, das Magazin fällt heraus. Wilhelm tritt einen Schritt hinter dem „Marder“ vor und hält die Pistole auf Augenhöhe. Fünfte Sekunde: Der Attentäter greift mit der linken Hand nach einem neuen Magazin. Wilhelm krümmt den Zeigefinger der rechten Hand, ein Schuss löst sich. Er krümmt ihn ein zweites Mal, wieder ein Schuss. Sechste Sekunde: Er schießt weitere vier Mal, insgesamt also sechs Schüsse auf den Oberkörper des Mannes. Alle treffen. Siebte Sekunde: Der Afghane schlägt der Länge nach hin. Achte Sekunde: Er versucht, sich wieder aufzuraffen. Neunte Sekunde: Wilhelm feuert drei weitere Kugeln ab. Sayed Afzal, ein Schläfer der Taliban, rührt sich nicht mehr.

Der regungslose Körper liegt zehn Meter vom „Marder“ entfernt. Wilhelm geht zu ihm hin und sieht, dass der Mann tot ist. Er steckt die Pistole wieder in das Halfter, im Magazin befinden sich noch sechs Kugeln. Links von ihm liegen seine Kameraden, er zieht sein Funkgerät aus der Tasche, drückt die Sprechtaste und brüllt hinein: „Anschlag am weißen Haus. Neun Verwundete.“

Wilhelms Funkspruch geht um 11.51 Uhr bei Hauptfeldwebel Daniel Friedrich (Name geändert) ein, dem Führer des Charly-Zuges. Friedrich verlässt gerade das Containergebäude der Gefechtszentrale, als er den verzweifelten Ruf seines Oberstabsgefreiten empfängt. Er rennt zurück in den Gefechtsstand und brüllt: „Die bringen meine Leute um!“ Die Offiziere im Container springen an einen Monitor, auf den die Bilder der Überwachungskameras übertragen werden. Die Luftaufnahme zeigt, dass zehn Leiber vor einem Schützenpanzer liegen. „IRF sofort runter, sichern Richtung weißes Haus!“ Dann: „Sofort alle Rettungssanitäter und Ersthelfer Bravo zum weißen Haus!“ Die IRF (Immediate Response Force) ist eine Alarmtruppe, die innerhalb einer halben Stunde ausrücken können muss. „Ersthelfer Bravo“ sind Soldaten der Kampftruppe, die eine überdurchschnittliche Erste-Hilfe-Ausbildung erhalten haben. Sie dürfen Spritzen und Venenverweilkanülen setzen sowie intubieren. Sie werden jetzt zusammen mit den beiden Ärzten und den Rettungsassistenten gebraucht. Die Soldaten der Alarmtruppe hasten in voller Ausrüstung den Hügel zum „weißen Haus“ hinunter. Zunächst nehmen sie an, es habe eine Schießerei zwischen afghanischen Soldaten gegeben. Dann heißt es, zwei Selbstmordattentäter seien in den Stützpunkt eingedrungen. Die Verwirrung ist komplett, als das Gerücht aufkommt, der Fahrer eines blauen Kieslasters, der in der Nähe des „Marders“ steht, habe auf deutsche Soldaten geschossen. Erst allmählich wird klar, was passiert ist. Sie sind wütend und wissen nicht, ob sie ihre Waffen jetzt gegen diejenigen richten sollen, mit denen sie monatelang zusammengearbeitet haben.

Am Tatort kämpfen mehr als dreißig Soldaten um das Leben der verwundeten Panzergrenadiere. Am Boden liegt Hauptfeldwebel Missulia, er ist von einer einzigen Kugel getroffen worden. Sechs Soldaten umringen ihn. 45 Minuten lang versuchen sie, ihn wiederzubeleben. Sie verabreichen ihm auch dann noch Blutkonserven, als die ersten Verwundeten schon mit dem Hubschrauber abtransportiert werden. Fünfzehn Minuten nach dem Angriff treffen zwei amerikanische Rettungshubschrauber ein. Weil jede Sekunde zählt, landen sie direkt vor dem „weißen Haus“ und nicht auf dem Landeplatz weiter oben. Um Missulia steht es schlecht. Neben ihm kämpfen die Sanitäter um das Leben von vier weiteren Soldaten. Sie werden in das Lazarett des nahe gelegenen ungarischen Feldlagers in Pol-e-Khomri geflogen. Dort stirbt der 21 Jahre alte Stabsgefreite Konstantin-Alexander Menz an einem Halsdurchschuss und der 22 Jahre alte Hauptgefreite Georg Kurat an einem Kopfschuss. Hauptfeldwebel Missulia schafft es nicht lebend in den Hubschrauber, er stirbt im Schatten eines Schützenpanzers. Die letzten beiden Schwerverletzten werden in das Feldlazarett Kundus geflogen, einer von ihnen hat sechs Schüsse in den Rücken abbekommen. Er hat starke innere Blutungen und dem Lazarett gehen die Blutkonserven aus. Die amerikanischen Hubschrauber starten wieder und schaffen aus dem amerikanischen Feldlager in Bagram Blutkonserven herbei. Es ist später Abend, als die Chirurgen den Operationsraum verlassen. „Der Soldat hat überlebt“, übermitteln sie nach Deutschland.

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Time am 19. Juni 2011 

Schlagwörter:

3 Antworten to “Vertraut ihnen niemals”

  1. gun nut Says:

    9 treffer aus der pistole? man sollte die 9mm erbsen echt abschaffen, damit kann man ja nicht in den krieg 0o

  2. Time Says:

    Hallo Gun,

    herzlich willkommen!

    Zentrales Problem ist m.E. nicht die Bewaffnung, die offenbar falsch ist, sondern vor allem die Fehleinschätzung des Feindes, den man immer noch für prinzipiell „verwandt“, also rational hält. Das ist, wie sich einmal mehr gezeigt hat, ein lebensgefährlicher Irrtum. Es fällt heutzutage – nach unserer grässlichen Nazi-Vergangenheit – schwer, Menschen aus der Gruppe der Menschen auszuschließen, bzw. festzustellen, dass es welche gibt, die voll und ganz anders ticken als wir, und die ferngesteuert werden können. Aber: Sie sind nicht wie wir – und wir sind nicht wie sie!

    Ich grüße Sie,

    Time

  3. Vertraut ihnen niemals! | Fakten-Fiktionen Says:

    […] Time/Madrasa of TIME Tweet […]

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