Boyun egme

Torkei

Beugt euch nicht!

Der „Spiegel“ hat einen Bericht über die Unruhen in der Torkei auf torkisch gebracht. Die Reaktionen der Torks darauf waren erwartungsgemäß wutschäumend. Lesen Sie einen Bericht aus der heutigen FAZ von Karen Krüger (1).

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Reaktionen auf türkischen Spiegel-Titel

Schon kommt die nächste Verschwörungstheorie

„Der Spiegel“ bringt eine Titelgeschichte auf türkisch, Erdogans Regierung und ihr hörige Medien schäumen. Sachliche Kritik bleibt bisher die Ausnahme.

In der vergangenen Woche, die Proteste gegen die Regierung Erdogan waren da gerade etwas abgeflaut, hat der „Spiegel“ zum ersten Mal eine Titelgeschichte auch in türkischer Sprache herausgebracht: Auf zehn Seiten wurden die Proteste gegen die Zerstörung des Istanbuler Gezi-Parks und gegen die Regierung Erdogan beleuchtet. Der Verlag begründete die Ausgabe damit, ein Zeichen setzen zu wollen, dass das brutale Vorgehen des türkischen Staates gegen friedliche Demonstranten nicht nur Türken etwas angehe, sondern auch Deutsche, Europäer. Das Cover zeigte das Foto einer türkischen Aktivistin, die ein Schild mit einem Slogan in der Hand hält, dem man in den vergangenen Wochen in der Türkei häufig begegnete: „Boyun Egme“ – „Beugt euch nicht“.

Es war eine Premiere, die für Aufregung gesorgt hat: Deutsch-Türken, von denen sich Hunderttausende zu friedlichen Solidaritätskundgebungen in verschiedenen deutschen Städten versammelt hatten, haben die Aktion weitgehend positiv aufgenommen. Nämlich als Zeichen, dass die türkische Bevölkerung in Deutschland nicht nur in der politischen Kultur des Landes, sondern auch in der Kulturpolitik deutscher Medien angekommen ist – so der Tenor in einigen Internetforen. In der Türkei hingegen dominierte Ablehnung die öffentlichen Reaktionen (Aktivisten der Gezi-Park-Bewegung kamen allerdings nicht zu Wort).

Ein verzerrtes Porträt des Nachrichtenmagazins

In einer Fernsehansprache stellte der stellvertretende türkische Ministerpräsident Bekir Bozdag die rhetorische Frage, wen der „Spiegel“ mit „Beugt euch nicht“ meine: „Sie rufen diejenigen dazu auf, die unter dem Vorwand des Gezi-Parks demonstrieren, und sie rufen diejenigen dazu auf, die angeblich unpolitisch sind aber politische Demonstrationen abhalten. Wem werden sie sich beugen? Der BBC, CNN oder dieser Schlagzeile? In der Türkei gibt es Demokratie und einen Rechtsstaat. Was aber drückt diese Schlagzeile aus? Gebt den Protest nicht auf und euch niemals geschlagen.“ Die Zeitung „Sabah“ reagierte mit einem Artikel unter der Überschrift „Der Spiegel veröffentlicht Anti-Türkeibericht“.

Der „Spiegel“ wird darin als Magazin porträtiert, das mit seinen Titelgeschichten über Muslime und Türken schon mehrfach Kontroversen ausgelöst habe. Zudem sei die falsche Berichterstattung über die Opfer der NSU-Morde eine Beleidigung der Opferfamilien gewesen. Die türkische Titelgeschichte und die damit verbundenen Äußerungen des stellvertretenden Chefredakteurs Klaus Brinkbäumer zeigten, dass man beim „Spiegel“ die Deutschkenntnisse der in Deutschland lebenden Türken für äußerst ungenügend halte. Die inhaltliche Kritik von „Sabah“ richtet sich vor allem dagegen, dass die Türkei als Land dargestellt werde, dass gespalten sei zwischen „Erdogans konservativen Anhängern“ und „Demonstranten aus allen Bevölkerungsschichten“.

Direkt an die Türkei adressiert?

Die Zeitung „Today‘s Zaman“ wiederum zitierte in ihrer Online-Ausgabe einen namentlich nicht genannten Diplomaten des türkischen Außenministeriums mit den Worten: „Unglücklicherweise ist die Berichterstattung des ,Spiegel’ über die Gezi-Park-Proteste von Anfang an weit entfernt von einer ausgewogen Reflexion und von verantwortungsvollem Journalismus gewesen.“

Die türkischsprachige Titelgeschichte lege den Eindruck nahe, dass das Magazin sich nicht an die deutsche Gesellschaft richte oder an Türken, die in Deutschland leben, sondern an die Türkei selbst. Ähnlich bewertet es Eyten Mahcuphyan, einer der Kolumnisten von „Today‘s Zaman“. Er schreibt, die Ausgabe werde von vielen Türken als Zeichen gewertet, dass das Magazin unlautere Absichten habe und politische Ziele verfolge anstatt Journalismus zu betreiben.

Im Zusammenhang mit Merkels Blockadeversuch der EU-Beitrittsgespräche entstünde bei vielen der Eindruck, die „Spiegel“-Ausgabe sei Teil einer „größeren politischen Verschwörung“. Auch Faruk Sen, der ehemalige Leiter des Zentrums für Türkeistudien in Essen, der inzwischen als Präsident der Deutsch-Türkischen Stiftung für Bildung und wissenschaftliche Forschung fungiert, hat sich in der Zeitung zu Wort gemeldet: Was der „Spiegel“ gemacht habe, sei nicht hinnehmbar. Die Titelgeschichte sei durch den „tiefen deutschen Staat“ veranlasst worden, um die deutsche Elite gegen die Türkei aufzubringen. Weiterhin behauptetet er gegenüber „Today‘s Zaman“, dass der „Spiegel“ seine Auflage aus diesem Grund in der vergangenen Woche erhöht habe.

Seine Auflage hatte das Magazin für die deutsch-türkische Ausgabe tatsächlich erhöht. Allerdings nicht, wie Sen vermutet, um dem „tiefen deutschen Staat“ Folge zu leisten. Maximilian Popp, einer der Autoren der „Spiegel“-Geschichte schreibt dazu auf Facebook: „Wir können unseren Lesern versichern: Wüsste der ,Spiegel’ von der Existenz eines ,tiefen Staats‘ in Deutschland, er hätte längst ausführlich darüber berichtet.“

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Time am 1. Juli 2013

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/reaktionen-auf-tuerkischen-spiegel-titel-schon-kommt-die-naechste-verschwoerungstheorie-12265879.html

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