Credo

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Ausstellungs-Besucher
vor dem berühmten Paulus-Brief an die Römer

In der heutigen FAZ berichtete Dirk Schümer über eine Ausstellung in Paderborn (1). Es wird deutlich, dass das Christentum entgegen dem Inhalt der Lehre als grausames Machtinstrument missbraucht werden konnte. Um wie viel grausamer und mächtiger eine Ideologie wirken kann, die Macht und Grausamkeit sogar verherrlicht, sehen wir an der beklagenswerten Geschichte der mohammedanistischen Sphäre.

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Der Triumph der Galiläer

Das Kreuz mit den nördlichen Stämmen: Wie kam es, dass das Abendland christlich wurde? Eine epochale Ausstellung in Paderborn gibt Antworten.

Christliches Abendland. Dieser Begriff taugt als nüchterne Beschreibung unserer Kultur wie als Kampfbegriff. Ohne Christentum kein Europa. Doch wann und wie ist Europa überhaupt christlich geworden? War das ein langer Prozess oder eine schlagartige Bekehrung? Geschah es durch Überredung oder mit Gewalt? Und vor allem: Warum setzte sich die obskure Sekte aus Galiläa nicht nur im hochzivilisierten Weltreich Rom durch, sondern am Ende auch bei slawischen Waldläufern und grönländischen Wikingern, bei blutgierigen germanischen Kämpfern wie bei feinsinnigen römischen Patrizierinnen? Diese Kernfrage unserer Zivilisation nicht zu beantworten, sondern überhaupt erst zu stellen hat sich bisher noch niemals eine Ausstellung getraut. „Credo“, in der sehr christlichen, aber nicht gerade zentralabendländischen Metropole Paderborn, unternimmt das Wagnis auf grandiose Weise. Und gibt Antworten.

Im Diözesanmuseum auf dem Gelände der einst karolingisch-ottonischen Kirchenburg empfangen Prunkstücke aus der christlichsten aller Städte die Besucher, und das ist nicht Jerusalem. Die ganze Grazie des antiken Formenkanons ist in den jugendlichen Hirten mit Schaf auf dem Buckel geflossen, als den die frühen Christen ihren Heiland in Rom personifizierten. Gar nicht so fern vom strahlenden Stierschlachter Mithras, dessen Kult beinahe das römische Soldatenreich mit demselben Schwung geeint hätte. Der feine Unterschied, der bis heute jeden von uns angeht, liegt in einem DIN-A5-kleinen Papyrusfragment des Paulinischen Römerbriefs: „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?“ Dieser Text aus der Chester Beatty Library in Dublin zeigt nicht mehr und nicht weniger als die älteste testamentarische Überlieferung, verfasst um das Jahr 200 von fleißig korrigierenden und schreibenden Gemeindechristen, die es mit dem Wort Gottes – oder seines Knechtes Paulus – sehr genau nahmen. Dieser Text war am Ende mächtiger als alle antiken Götterbilder, die gleich daneben unsere Ehrfurcht wollen.

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Eine Seite des sogenannten „Karlsepos“,
einer bedeutenden karolingischen Handschrift.

Nicht dass die frühen Christen sich dem Wettkampf mit der antiken Schaupracht verweigerten: unfassbar, was aus Rom und den größten Sammlungen an frühchristlichen Kameen, Sarkophagen, Elfenbeinaltärchen, Glasamuletten und bebilderten Epitaphien nach Ostwestfalen ausgeliehen wurde. Am beeindruckendsten vielleicht eine Terrakottalampe (aus Berlin) mit dem Christushirten und winzigen Bibelszenen – ganz frühe christliche Belehrung für den Nachttisch des Neubekehrten. So bescheiden fing die Kirche in namhafter Konkurrenz mit den hochentwickelten jüdischen Symbolen und Texten, die natürlich auch anwesend sind, einst an.

Das Kreuz, das wir heute trotz seines makabren Foltergehalts als Christensymbol selbstverständlich finden, kommt frühestens vom vierten Jahrhundert an in Mode. Der Nahost-Kult musste erst unter und nach Konstantin triumphieren und dann schrittweise vor den Barbaren kapitulieren, bis der tragische Verliereraspekt dieser merkwürdigen Himmelfahrtsreligion im Volk angenommen wurde. Ein Loser am Kreuz machte lange Zeit keinen Stich gegen Jupiter und Co. und wurde deshalb anfangs diskret gegen einen jugendlichen Muskelphilosophen ausgetauscht.

Als Rom dann 411 von den Goten geplündert war, als die Nord- und Ostprovinzen reihenweise den Barbaren überlassen wurden, als Augustinus den Gottesstaat für den besseren Bauplatz hielt und fromme Leute aus Furcht vor neuen Kindern ins Zölibat flüchteten, da triumphierte das Christentum als Glaube durch und gegen die Angst. Und merkwürdigerweise wurden auch die attackierenden Franken, Goten, Alamannen, Vandalen sehr schnell christlich, um schließlich mit den rauchenden Resten der Hochkultur zu verschmelzen, die sie gerade erledigt hatten. Die „Goldscheibe von Limons“ aus Paris führt den Synkretismus von archaisch ornamentierter Sonnenscheibe und rationalem Kruzifix exemplarisch vor. Jesus war nun ein Franke oder Brite. Und die auf Gotisch verfasste Bibelseite des Bischofs Ulfila mit ihrem Purpurgrund ist so einzig, dass sie nur zwanzig Minuten täglich als Original aus dem Schrank kommt.

“Credo“, das am morgigen Freitag mit Bedacht der sehr abendländisch-christliche Bundespräsident Gauck eröffnen wird, kann unendlich kostbare Textflachware vorführen, die seit Generationen kaum ein öffentliches Auge erschaut hat: merowingische Chroniken, Bekehrungsbriefe von Papst Gregor dem Großen – er empfiehlt, alte Tempel nicht gleich abzureißen, sondern aus Kostengründen lieber christlich umzuwidmen. Wir bestaunen ein altsächsisches, heute noch verständliches Taufgelöbnis, ja sogar handschriftliche Apokalypsen-Kommentare des Deutschen-Apostels Bonifatius. Doch kommen diese Sensationen, in denen die konkreten Akte des Übertritts zur neuen Religion formell geregelt werden, kaum an gegen die bildliche Überzeugungskraft von antiken Statuen aus Ephesus, welche die ersten Christen mit einer simplen Kreuzritzung an der Stirn in christliche Weihefiguren umwidmeten: In diesem Zeichen darfst du bleiben. Oder gegen ein Kruzifix, das wie zur Sicherheit im sechsten Jahrhundert in der Gegend von Lausanne noch mit heidnischen Abrakadabrasprüchen gerahmt wurde. Man weiß ja nie.

Die faszinierendsten Zeugnisse dieses langen Akkulturationsprozesses stammen ohnehin von den Zweiflern: etwa vom angelsächsischen Adligen von Prittlewell, der – frisch ausgegraben und erstmals in Kontinentaleuropa zu sehen – sich um 700 christliche Blattgoldkreuze auf die Augen legen ließ, dann aber von einem heidnischen Jenseitsschatz mit Leier, Proviant und Waffen umgeben war. Damit war der Mann sowohl im Paradies wie in Walhall bestens ausgestattet. Wir können gegen solchen Synkretismus in Paderborn das harte Geschäft des Missionars ganz handgreiflich nachvollziehen: Die schwere Handglocke, mit der im germanischen Wald den Heiden imponiert wurde, war ebenso im Gepäck der Columban und Co. wie rührende Minireliqiuare mit Heiligenknöchelchen, welche die wackeren Bibelkämpfer offenbar auch aus persönlicher Angst vorm Martyrium um den Hals trugen.

Und die Bekehrten? Von ihnen, die keine Schrift kannten, kündet keine Zeile, weshalb ihre Verliererposition notgedrungen in der Historie schlecht wegkommt. Doch die zahlreichen Neufunde vorchristlicher Kultgegenstände machen die eigentliche Sensation dieser ohnehin fabulösen Schau aus. All diese Wotans- und Odins-Gläubigen bekommen mehr denn je ein Gesicht, wenn wir ihre winzigen, aber großartig ziselierten Götterfiguren bestaunen. Sehr suggestiv präsentiert die Ausstellung zum ersten Mal überhaupt Funde aus dem schwedischen Heiligtum Uppåkra bei Lund, wo bis etwa 900 die, nennen wir sie: „Germanen“ ihrem nordischen Olymp wundervolle Becher, winzige Goldblechgötzen, Waffen, Tiere im Boden opferten. Die schwedischen Überirdischen akzeptierten als Gaben sogar Kruzifixe, vielleicht einem ungeschickten Missionar entrissen. In Irland kam erst jüngst ein Evangeliar bei Baggerarbeiten zutage, das Heiden damals in einem Ledersack im Moor versenkten. Geholfen hat es nichts.

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Ursprünglich im Kunsthistorischen Museum Wiens beheimatet: Goldene Schale aus dem Schatz von Nagyszentmiklós (sog. „Awarenschatz“) aus dem 7.-9. Jh.

Doch wer waren letztlich die Barbaren? Dass gerade die siegreichen Christen beim Bekehren keineswegs zimperlich waren, führt der zweite Teil der Schau in der frühromanischen Kaiserpfalz vor. Hier stehen wir bewundernd vor Holztotems und heidnischen Menschenopferknochen, Zeugnissen der Zähigkeit der vorchristliche Kulte, die sich nach dem Slawenaufstand von 983 immerhin in weiten Teilen Ostelbiens die Christen für fast zweihundert Jahre vom Halse halten konnten. Was wir heute durch Archäologie von slawischen Rundlingsburgen, ihrer ziselierten Metallkunst, ihren Waffen wissen, stärkt nur den Respekt.

Anfangs verhalf nur die blutige Bekehrung mit dem Schwert durch den fränkischen König Karl, den man später dafür den „Großen“ taufte, dem stockenden Christentum zum Sieg. Nicht einmal dessen Hofintellektuellen Alkuin gefiel dieses Killerchristentum, das gleichwohl in Rom gut ankam. Am längsten konnten, wie neuere Ausgrabungen von Wotansanhängern in Gräbern des fünfzehnten Jahrhunderts beweisen, die sturen Litauer die Frohbotschaft verschmähen.

Irgendwann danach, das führt uns diese epochale Ausstellung unwiderleglich vor, war das Abendland dann tatsächlich christlich geworden und trug seine ansteckende Konfession mit Bibel, Bazille und Schwert weiter in die Welt. Mag man den Triumph der Galiläer, in welcher Überlieferung und Abwandlung durch Römer und Barbaren auch immer, für Gottes Werk oder für eine brutale Planierung spannender Kulturvielfalt erachten – wir überblicken da eine sehr lange, sehr komplexe Historie, die nun abgeschlossen ist. Heute – und das ist die Pointe von „Credo“ – ist das christliche Abendland nämlich Geschichte.

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Time am 26. Juli 2013

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/ausstellung-credo-in-paderborn-der-triumph-der-galilaeer-12294809.html

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Eine Antwort to “Credo”

  1. Tangsir Says:

    Das Christentum hatte am Anfang tatsächlich eine frohe Botschaft und war darüberhinaus stolz darauf vom Staat unabhängig zu sein. Die frühen Bischöfe waren es, die jeweils für ihre christliche Weltanschauung, sich der Politik und der römischen Kaiser bedienten, um mit ihnen und mit ihrer Hilfe die einzig gültige „Wahrheit“ zu verkünden. Dieses Beharren auf die „Wahrheit“, obwohl die Hauptbotschaft aller Christen fast die gleiche war, trieb sie in die Hände des Staates und der Kaiser und diese bestimmten von da an was „chistlicher Glaube und Wahrheit“ sein soll. Obwohl sich wenige Bischöfe damals wehrten, gab es doch genug Opportunisten unter ihnen, dass sie auf die Wörter des Kaisers hörten und selbst in Kriegen das Prinzip des Pazifismus fallen liessen. Es fragt sich aber wie sehr diese Prinzipien schon vorher beherzigt wurden, und wenn man die zahlreichen und blutigen Kämpfe unter den Christen der Frühzeit beobachtet, sieht man, dass dieses Prinzip nicht gegen den Absolutheitsanspruch der Christen bestehen konnte. An sich ein neues Konzept, zeigt dieser Absolutheitsanspruch, dass selbst in Gebieten, die von einer einzigen christlichen „Sekte“ dominiert wurden, der Frieden und der Pazifismus gänzlich verloren gingen, denn schliesslich muss dieser Anspruch ja auch bis in aller Ewigkeit gesichert werden. Ein Glaube und die Dezimierung aller anderen Kulte und Glaubenssysteme hat eben nicht den ersehnten Frieden gebracht, denn der Mensch neigt dazu sich zu diversifizieren. Eine einfache menschliche Eigenschaft, die kein Gottesglaube und auch kein blutiges Massaker den Menschen bis heute je austreiben konnte.

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