Im Interview: Hans Michael Heinig

Heinig

In den „Deutsch Türkischen Nachrichten“ gibt es heute ein Interview mit dem Kirchenrechtler Hans Michael Heinig zum Thema „Khorchide“ (1).

Wieder einmal wird eins der gravierendsten Probleme genannt, die die deutsche Gesellschaft mit den Orkverbänden hat: Diese weigern sich nach wie vor, rechtlich relevante Strukturen anzunehmen. Kein Mensch weiß, wie viele Menschen jeweils in ihnen organisiert sind, und für wen sie eigentlich sprechen. Ich hatte am 6. Juli geschrieben (2):

„Über ihre Mitgliederschaft scheinen mohammedanistische Vereine grundsätzlich nicht im Bilde zu sein, und es ist zu fragen, warum sie überhaupt als eingetragene Vereine agieren dürfen. So heißt es beim ,Islamrat’, er habe 80.000 – 140.000 Mitglieder, beim ,Zentralrat der Muslime’, er habe 20.000 – 30.000 Mitglieder, bei der ,DITIB’, sie habe 110.000 – 140.000 Mitglieder und beim ,VIKZ’, er habe 24.000 – 30.000 Mitglieder. Die vier fünften Kolonnen der Orks haben also zwischen 234.000 und 340.000 Mitglieder. (…) Von 340.000 sind 234.000 68,8%, da fehlen zu 100% genau 31,2%. Und 31,2% wiederum sind von 68,8% exakt 45,3%, also fast die Hälfte. Ob man die Hälfte der Mitglieder mehr oder weniger hat, interessiert die mohammedanistischen Verbände nicht besonders. In deutschen Parteien und Vereinen aber kennt man ganz genau jedes einzelne Mitglied. Nehmen wir mal die größere Zahl: 340.000 sind von vier Millionen nur 8,5%, und von sechs Millionen nur noch 5,6%, knapp über der ,Fünf-Prozent-Hürde’. Nehmen wir die kleinere: 234.000 sind von vier Millionen nur 5,85% und von sechs Millionen nur noch 3,9%. Deutschland hat eine Einwohnerzahl von 80,4 Millionen Menschen. Hiervon sind 340.000 Menschen 0,42% und 234.000 Menschen 0,29%. Bei 0,3% lag in den 70er- und 80er-Jahren das Wahlergebnis der bolschewistischen ,Deutschen kommunistischen Partei’ (DKP). Sie war eine fünfte Kolonne der ,DDR’ aber weniger irrational und verfassungsfeindlich als der Kloran. Dennoch sind die selbsternannten Orkvertreter im Gegensatz zu den Bolschewisten Ansprechpartner unserer Regierung.“

So ist anzunehmen, dass auch die niedrigsten Mitgliederzahlen noch weit übertrieben sind. Beim Erfassen jeder einzelnen lebenden Person würde sich mit Sicherheit ergeben, dass die Orkverbände, die durch besonders lautes Krakeelen, besonders unverschämte Forderungen, einen besonders unflätigen Ton und besonders hässliche Vorsitzende auffallen, kaum mehr als einige Dutzend Mitglieder auf sich vereinen können und daher als Ansprechpartner völlig indiskutabel sind.

Mit Händen, Füßen und Hauern wehren sie sich derzeit gegen eine andere Maßnahme der Verifikation, nämlich die Einführung eines mohammedanistischen Instituts an einer deutschen Universität, das sich nicht an den Vorgaben der Ork-Kommissare orientieren soll, sondern an westlichen wissenschaftlichen Standards. Ohne hier viel Hoffnung auf Herrn Khorchide setzen zu wollen, meine ich, dass er das kleinere Übel ist.

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Islam: Wissenschaft kann Religion gewaltfrei machen

An der Uni Münster ist ein Streit um die Einführung der islamischen Theologie entbrannt. Herr Khorchide und die Islamverbände zanken sich. Das jedenfalls bleibt den meisten Menschen im Gedächtnis. Doch für den Göttinger Kirchenrechtler Hans Michael Heinig muss die Diskussion auf einer rechtlichen Ebene verlaufen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Worum geht es rechtlich und inhaltlich bei dem Streit? Handelt es sich hierbei um eine Auseinandersetzung um Kompetenzen?

Hans Michael Heinig: In Münster streitet man über verschiedene Probleme: Die beteiligten islamischen Verbände hinterfragen die theologischen Positionen des Lehrstuhlinhabers. Parallel dazu findet eine Debatte über die Arbeitsfähigkeit des Beirates statt. Zwei Kandidaten für den Beirat wurden vom Verfassungsschutz als problematisch identifiziert. Deshalb ist der Beirat bislang nicht arbeitsfähig. Ein dritter Fragenkreis handelt davon, ob Lehrerinnen und Lehrer, die islamischen Religionsunterricht erteilen wollen, neben der Ausbildung an der Universität eine besondere Bescheinigung ihrer Tauglichkeit durch einen Beirat benötigen. Herr Korchide, aber auch andere Professoren plädieren dafür, auf das bei den Kirchen übliche Instrument der Erteilung einer speziellen Lehrbefugnis im Bereich des Islam zu verzichten.

Deutsch Türkische Nachrichten: Was genau ist der Beirat des islamisch-theologischen Zentrums an der Uni Münster? Was sind seine Zuständigkeiten bzw. Kompetenzen?

Hans Michael Heinig: Der deutsche Staat ist nach dem Grundgesetz religiös-weltanschaulich neutral. Er ist religiös inkompetent. Deshalb braucht er bei der Einrichtung eines Religionsunterrichts oder bekenntnisgebundener Wissenschaft einen religiös kompetenten Kooperationspartner. Das sind üblicherweise Religionsgemeinschaften. Der Beirat tritt an die Stelle einer voll kooperationsfähigen und kooperationswilligen Religionsgesellschaft und nimmt die Rechte wahr, die sie sonst ausübt. Zu diesen Rechten gehört insbesondere die Zustimmung zur Berufung des Hochschulpersonals und zu den Studien- und Prüfungsordnungen. So soll neben der religiös-weltanschaulichen Neutralität des Staates auch das religiöse Freiheitsrecht der betroffenen religiösen Organisationen gewahrt werden. Da die Muslime in Deutschland teils gar nicht, teils heterogen und dann nicht mit hinreichender Klarheit in einer mitgliedschaftlichen Struktur organisiert sind, hat man seitens des Wissenschaftsrates vorgeschlagen, einen Beirat zu etablieren, in dem islamische Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Verbandsvertreter zusammenwirken.

Deutsch Türkische Nachrichten: Das Verhältnis der Kirchen zum Staat ist in den Staatskirchen-Verträgen geregelt. Wo kann man aktuell den Islam in diesem rechtlichen Rahmen einordnen? Wo liegt der Unterschied zu den Kirchen?

Hans Michael Heinig: Die beiden großen christlichen Kirchen und die jüdischen Synagogengemeinden haben eine klare mitgliedschaftliche Struktur. Man weiß, wer dazugehört und wer nicht. Das hilft beim Schutz der negativen Religionsfreiheit. Und man weiß so, wer befugt ist im Namen einer konkret bezifferbaren Anzahl von Gläubigen zu sprechen. Diesen Mindestvoraussetzungen für Religionsgemeinschaften im Rechtssinne genügen ein Großteil der muslimischen Moscheegemeinden im Zusammenwirken mit den Dachverbänden noch nicht in hinreichender Klarheit. Deshalb sucht die Politik Behelfslösungen: Den Beirat bei der Theologie und beim Religionsunterricht oder eine Sonderform des Vertragsschlusses in Hamburg für die Zusammenarbeit mit den islamischen Verbänden. Der dortige Vertrag wurde nicht in Gesetzesform durch die Bürgerschaft ratifiziert; er hat damit auch keine erhöhte verfassungsrechtliche Bestandskraft. Man nimmt also insgesamt Anleihen bei den bisherigen Instrumentarien des staatlichen Religionsrechts und der vertraglichen Kooperation, unterläuft aber dabei das übliche Niveau in puncto Freiheitsschutz und Rechtssicherheit. Das ist für alle Seiten unbefriedigend. Der Staat strebt mitgliedsstarke Religionsgemeinschaften als Kooperationspartner an und der organisierte Islam in seiner jetzigen Gestalt will Gleichberechtigung mit den Kirchen. Beide Seiten müssen zwangsläufig Abstriche machen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wo liegt der Unterschied zur Ausbildung von jüdischen Theologen? Wie ist das geregelt?

Hans Michael Heinig: Die Juden kennen kooperationsfähige Religionsgemeinschaften im Rechtssinne. Deshalb war die Einrichtung jüdischer Theologie recht unproblematisch möglich.

Deutsch Türkische Nachrichten: Warum ist die Ausbildung von islamischen Theologen an staatlichen Hochschulen so wichtig?

Hans Michael Heinig: Aus wissenschaftlicher und gesellschaftspolitischer Sicht wäre eine akademisch gesprächsfähige islamische Theologie eine große Bereicherung für die multireligiöse und kulturell heterogene Gesellschaft in Deutschland. Religionspolitisch erhofft man sich seitens der Politik zudem einen Beitrag zur Fundamentalismusprophylaxe: Wer mit wissenschaftlichen Methoden seinen Glauben reflektiert, gewinnt auch ein positives Verhältnis zur Moderne und lehnt Gewalt zur Austragung religiöser Konflikte ab. Doch auch die religiösen Gemeinschaften gewinnen: religionskulturelle Kompetenz und gesellschaftliche Sprachfähigkeit seitens der Imame, aber auch politischen Einfluss seitens der Verbände.

Deutsch Türkische Nachrichten: Glauben Sie, dass sich das Münsteraner Modell der islamischen Theologie durchsetzen wird?

Hans Michael Heinig: Das lässt sich nicht absehen. Ich hoffe es. Alle Beteiligten brauchen einen langen Atem. Bis sich ein neues akademisches Fach, islamische Theologie im Konzert mit anderen Formen der Religions- und Gesellschaftsforschung an einer säkularen Universität, richtig etabliert, können schnell 20 Jahre vergehen. Das Beiratsmodell funktioniert nur, wenn alle Beteiligten (Verbände, Lehrende, Universität, Ministerien) einen konstruktiven Beitrag erbringen. Dazu gehört seitens der Verbände auch eine gewisse Duldsamkeit. Das Beiratsmodell will Pluralität integrieren. Dann sollten „liberale“ Positionen wie die von Herrn Korchide nach Möglichkeit auch als eine Stimme unter vielen ertragen werden. Die Verbände sollten sich zudem schnellstmöglich eine mitgliedschaftliche Verfassung geben, die den Anforderungen des Grundgesetzes entspricht. Die Politik sollte keine überzogenen Erwartungen haben. Insbesondere sollte die Religionspolitik in der Sicherheitsfrage nicht zu sehr instrumentalisiert werden. Die Lehrenden sollte nicht die wohlbegründeten Mitwirkungsrechte der Beirate gleich in Frage stellen, sondern sich in dem gesetzten Rahmen einfügen. Und die verwandten Disziplinen an den Universitäten, etwa die Islamwissenschaft, die Religionswissenschaft oder die evangelische und katholische Theologie, sollten das neue Fach willkommen heißen und wohlwollend in kollegialer Verbundenheit fördern.

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Time am 5. Dezember 2013
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1) http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2013/12/495415/islam-wissenschaft-kann-religion-gewaltfrei-machen/
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2013/07/06/sie-sprechen-nur-fur-sich-selbst/

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Eine Antwort to “Im Interview: Hans Michael Heinig”

  1. charlie Says:

    Wie gehabt bei Musels: Streit über Streit bei jedem Sche…ß. Bei einer auffälligen Sache irrt Herr Heinig (Zitat: „Das sind üblicherweise Religionsgemeinschaften.“). Seit wann sind faschistoide Hass- und Mord-Ideologien Religionsgemeinschaften? Rätsel, zu deren Beantwortung das Universum noch Milliarden Jahre Zeit verschwenden darf.

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