„Islamophobie“

Islamophobie

Die Grafik zeigt die Häufigkeit des Worts „Islamophobie“ in englischsprachigen Büchern von 1995 bis 2008. Sie wurde mit dem Google Ngram Viewer erstellt und basiert auf den Daten von Google Books. („Perlentaucher“)

Der MoT-Kommentator Jakobiner hatte gestern einen Artikel von Thomas von der Osten-Sacken und Oliver M. Piecha zum Thema des Propagandabegriffs „Islamophobie“ eingestellt (1), der 2011 bei „Perlentaucher“ veröffentlicht worden war. Eine der Thesen der beiden Autoren meint, dass der Begriff auch eingesetzt wird, um den Antijudaismus zu relativieren (2).

Ein aktueller Aufsatz des französischen Philosophen Pascal Bruckner (3) zum Thema erschien bei „Perlentaucher“ am 12. November 2013 (4).

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Für eine wohlwollende Indifferenz

Der Begriff der „Islamophobie“ rückt Kritik an einer Doktrin in Rassismus-Verdacht. Gestraft sind mit dem Begriff vor allem liberale Muslime.

Aus totalitären Regimes wissen wir, dass auch Sprachen krank werden können. „Islamophobie“ gehört zu jenen giftigen Wörtern, die das Vokabular vernebeln und verfälschen. Von den Verwaltern der französischen Kolonien am Anfang des 20. Jahrhunderts ersonnen, um ihre „Eingeborenen“ vorm Virus der Moderne zu schützen, taucht dieser missverständliche Ausdruck zur Zeit der iranischen Revolution wieder auf. Aber mit anderer Bedeutung: Er macht den Islam zu einem unantastbaren Objekt, entzieht ihn der Kritik und umstellt ihn mit Drohungen. Er träumt vom Status des Antisemitimus und ist Schutzschild eines Fundamentalismus, der sich ins Gewand des Opfers hüllt. Eine raffinierte Begriffsschöpfung, denn sie stellt das Delikt der Blasphemie gegenüber den großen Systemen des Glaubens wieder her. Akte religiöser Intoleranz – das Ansprayen von Moscheen, die Belästigung verschleierter Frauen, die in die Zuständigkeit der Gerichte fallen – und der freie Blick auf eine Doktrin werden gleichgesetzt.

Der Hauptwiderspruch des heutigen Antirassismus liegt darin, dass er in seinem Kampf gegen Diskriminierung  alles Mögliche mit „Rassen“ gleichsetzt  – Kulturen, sexuelle Neigungen, und auch die großen Religionen. Rassismus verfolgt Menschen für das, was sie sind – schwarz, arabisch, jüdisch, weiß – und legt sie darauf fest. Die Meinungen über bestimmte Bekenntnisse aber können wechseln und sind zurecht Gegenstand der Auslegung und der Interpretation. Man hat absolut das Recht, Konfessionen zu verabscheuen und das auch zu sagen, so wie man das Recht hat, nicht marxistisch, liberal oder sozialistisch zu sein. Verboten ist nur, Gläubige zu verfolgen oder anzugreifen und Anschläge auf ihre Besitztümer oder ihre Vertreter zu verüben. Seit der kemalistischen Revolution in der Türkei ist der Islam gespalten in Fortschrittliche und Traditionalisten. Die verlorene Größe des Islam erfüllt sie mit Trauer, aber auch mit Ressentiments und Hass. Diese Wunden wollen die Fundamentalisten möglichst rasch heilen, indem sie Kreuzrittern, Ungläubigen und Zionisten die Schuld geben, während die Reformer den Islam weiter  öffnen möchten, um einen Vitalitätsschub zu erreichen.

Der Begriff der „Islamophobie“ will westliche Schuldgefühle wecken. Aber in erster Linie dient er als Machtmittel gegen liberale Muslime, die es wagen, ihre Religion zu kritisieren, die eine Reform der Familienpolitik und Geschlechtergleichheit fordern und die sich das Recht anmaßen, nicht an Gott zu glauben oder den Ramadan mitzumachen.

Sie sollen bei ihren Glaubensbrüdern als Büttel des Kolonialismus angeprangert werden, um jegliche Hoffnung auf Veränderung im Keim zu ersticken. Mit Zustimmung  nützlicher Idioten von rechts und links, die stets auf der Lauer nach neuen Formen des Rassismus und neuen Unterdrückten liegen.

Seit gut zwanzig Jahren erleben wir, wie ein Meinungsdelikt konstruiert wird, ganz ähnlich wie es einst die  Sowjetunion mit den „Feindes des Volkes“ machte. Es soll Frauen stigmatisieren, die sich danach sehnen, den Schleier abzulegen und ohne Scham barhäuptig durch die Straßen zu laufen, die aus Liebe, und nicht aus Zwang heiraten wollen. Man zielt auf Franzosen, Deutsche und Engländer maghrebinischer, afrikanischer oder türkischer Herkunft , die das Recht auf religiöse Indifferenz fordern und sich von ihrer Herkunft lösen wollen. Kurz: Man verschiebt die Frage aus einem intellektuellen oder theologischen Kontext in den der Strafe: Jeder Einwand, jeder Scherz, jedes Zögern wird mit Sanktionen bewehrt.

Ein schlagendes  Gegenbeispiel: Obwohl christliche Minderheiten in Ländern des Islam verfolgt, getötet und zur Flucht gezwungen werden, gibt es das Wort „Christianophobie“ nicht und wird es auch nie geben. Seltsamerweise fällt es uns schwer, das Christentum nicht als eine Religion der Eroberung zu denken, selbst wenn sie ein Martyrium erlebt, zumindest im Nahen Orient. In Frankreich, einem Land mit antiklerikaler Tradition, darf man sich über Moses, Jesus und den Papst lustig machen und sie in allen möglichen obszönen Posen zeigen, aber unter keinen Umständen soll man über den Islam lachen. Nur er soll der Schande und dem Spott entzogen sein. Welche Anmaßung! Zumal antireligiöse Handlungen in Frankreich eher Christen treffen, obgleich sie auch gegenüber Juden und Muslimen zunehmen. Gerade weil das laizistische Frankreich seine muslimischen Bürger als gleichberechtigt ansieht, hat es für das Kopftuchgesetz gestimmt: Man hätte sie natürlich auch wie die Briten (die anfangen, ihre Meinung zu ändern) auf ihre Andersartigkeit und ihre archaischen Sitten festlegen und sich der Verantwortung entziehen können.

Der Islam gehört zu Frankreich und Europa und hat ein Recht auf freie Religionsausübung, angemessene Gotteshäuser und Respekt. Vorausgesetzt, er respektiert die republikanischen Regeln, verlangt keinen extraterritorialen Status, spezielle Rechte, Geschlechtertrennung in Schwimmbädern, beim Unterricht und in Kantinen und andere Gefälligkeiten. Was man dem Islam wünschen mag , ist nicht „Phobie“ oder „Philie“, sondern eine wohlwollende Indifferenz auf einem Markt der Spiritualität, der für alle Glaubensrichtungen offen ist. Aber genau diese Indifferenz wollen die Fundamentalisten nicht. Denn das hieße, dass der Islam eine Religion unter vielen ist, und das finden sie unerträglich. Er soll nicht gleich sein, denn er ist allen überlegen. Da liegt das Problem!

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Time am 14. Dezember 2013

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2013/12/12/der-rattenkorridor/#comment-6196
2) http://www.perlentaucher.de/essay/islamophobie-parallele-in-den-abgrund.html
3) http://de.wikipedia.org/wiki/Pascal_Bruckner
4) http://www.perlentaucher.de/essay/fuer-eine-wohlwollende-indifferenz.html

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Eine Antwort to “„Islamophobie“”

  1. Jakobiner Says:

    Pascal Bruckners Artikel kann ich voll unterstützen.Indifferenz ist wohl die richtige Forderung und dies nicht nur in Richtung der Erhaltung des Säkularismus und als Kritik am Multikultarismus, sondern auch noch auf Hinblick, dass der Islamophobie-Kampfbegriff sich eben nicht nur gegen den laizistischen und säkularen Westen richtet, sondern auch gegen alle liberale Muslime und Muslime, die den Islam hinter sich lassen wollen.Pascal Bruckner ist neben Finkelkraut, Glucksmann und Henry-Levi auch Mitglied der Nouvelle Philosophie, einer französischen Philosophengruppen, die ihre eigene zum Teil maoistisch-totalitäre Herkunft und den toatlitären Satre in Frankreich infrage stellte. Ganz konsequent ist Bruckner aber nicht, da die NP-Mitglieder fast allesamt Unterstützer des Irakkrieges von Bush jr. und seiner Neocons waren, obwohl gerade Saddam Hussein ein säkularer Herrscher war und sein Sturz eher die Macht der Islamisten und auch des Irans gestärkt hat.Außenpolitisch sind die NPs französische Neocons und schütten zumal das Kind mit dem Bade (nicht Klaus Bade) aus.

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