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Naipaul

In seinem Reisebericht „Eine islamische Reise“ (1) beschreibt der Literaturnobelpreisträger Sir Vidiadhar Suraiprasad Naipaul (2) einen Roman der Iranerin Nahid Rachlin, die sich eindrucksvoll damit auseinandersetzt, was es heißen kann, im Westen fremd zu sein.

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(…) Aus einem vorzüglichen iranischen Roman, den ich um diese Zeit las, erfuhr ich mehr. Hinter direkten Erklärungen können Menschen sich verstecken, die Fiktion kann durch ihre scheinbare Indirektheit verborgene Impulse ans Tageslicht bringen. Der Roman „Fremd“, von seinem amerikanischen Verleger als der erste Romen eines Iraners in englischer Sprache bezeichnet, war von einer jungen Frau, Nahid Rachlin. Er wurde 1978, noch zur Herrschaft des Schahs, veröffentlicht. Er vermeidet jede politische Stellungnahme. Sein Protest ist verhüllter, die politische Konstruktion treibt die Erregung tiefer; und trotz seines unschuldigen Gebarens ist der Roman ein Roman der Vergewaltigung, Hilflosigkeit und Niederlage.

Die Erzählerin ist Feri, eine zweiunddreißigjährige Iranerin‚ die in Boston lebt. Sie hat in den Vereinigten Staaten studiert, ist mit einem amerikanischen Universitätsdozenten verheiratet und arbeitet als Biologin in einem Forschungsinstitut. Einer plötzlichen Regung folgend fährt Feri für einen zweiwöchigen Urlaub zurück nach Teheran. Die Stadt, in die sie zurückkommt, ist voll von Autos und „westlichen” Gebäuden („westlich” anstelle von „neu” oder „modern“ lautet der merkwürdige Begriff, den die Erzählerin benutzt); aber es ist keine verlockende Stadt. Die Straßen können räuberisch sein; und das Familienleben in den versteckten Höfen alter Häuser ist beengt und verwahrlost.

Feri erinnert das an inzestuöse Annäherungen, Frauengespräche über Menstruation und Vergewaltigung, es erinnert sie an Frauen, die jeden Monat einmal der Predigt eines Muslim-Priesters zu hören und wehklagen, wenn sie wieder einmal von den Tragödien der Schia-Helden des Iran hören. Das Leben ihrer eigenen Familie ist für Feri unvollkommen. Ihre Mutter lebt mit einem anderen Mann in einer anderen Stadt; ihr Vater hat wieder geheiratet. Feri beschließt, ihren Urlaub abzubrechen und nach Boston zurückzufahren. Um das zu tun, braucht sie ein iranisches Ausreisevisum, und um das zu bekommen, braucht sie die Einwilligung ihres Mannes. Allmählich sieht es so aus, als habe sie sich selbst gefangengesetzt und würde nie wieder in die Klarheit und Helligkeit des vorstädtischen Boston zurückkehren.

Sie begibt sich auf die Suche nach ihrer Mutter, und in einer verfallenen Provinzstadt findet sie eine traurige, verfallene Mutter. Die Mutter braucht Hilfe; aber Feri, die Biologin aus Boston, bedarf der Liebe mehr. Als sie ihre Mutter findet, wird sie wieder wie ein Kind; sie wird krank. Sie wird ins örtliche Krankenhaus gebracht. Sie ist beunruhigt über sein Niveau, aber der verantwortliche Arzt beruhigt sie. Die Ausstattung sei modern, sagt er, und er selbst sei in den Vereinigten Staaten ausgebildet. Er hätte dort bleiben können, sei aber – aus Gründen, die er nicht angeben kann, außer dass Iraner, die in die Vereinigten Staaten gehen, aus dem Gleichgewicht gebracht werden – lieber zurückgekommen; und einen Monat lang, sagt er, habe er sich damit getröstet, Moscheen und Heiligtümer zu besuchen.

Feri ist von der Einsicht des Arztes halb verführt und denkt im Krankenhaus über ihre eigene Zeit in den Vereinigten Staaten nach. Sie war dort immer eine Fremde, einsam trotz ihres Ehemanns und ihrer Freunde, sexuell und gesellschaftlich immer unsicher; sie kann nicht sagen, warum sie etwas getan hat, warum sie das amerikanische Leben gelebt hat. Sie hat schwer gearbeitet, aber jetzt scheint sogar diese Arbeit – die Experimente und Forschungen – sinnlos zu sein, Arbeit um der Arbeit willen, Arbeit, um sich anzupassen. Ihre Zeit in den USA war trotz des Studiums, der Arbeit und des Ehemanns eine leere Zeit. Und dann teilt der Arzt Feri mit, dass ihre Magenschmerzen von einem alten Magengeschwür herrühren. „Sie haben es mitgebracht“, sagt der Arzt. „Nun haben Sie kein Recht, vor dem Krankenhaus, vor mir oder Ihrem Land Angst zu haben. Was Sie haben, ist eine westliche Krankheit.“

Feris amerikanischer Ehemann, der vorher herbeigerufen wurde, trifft ein, um sie mit zurückzunehmen. Er wird als Fremder, aber fair gesehen (und diese Fairness macht einen Teil der Wirkung des Romans aus): ein Mann der Arbeit und des Verstandes, eher zurückgezogen als abgesondert, selbstgenügsam, ein Mann, den eine andere Zivilisation geformt hat und dessen Ehe mit einer Iranerin seine einzige unkonventionelle Handlung war.

Feri ist es unmöglich, mit jemandem, der so grundverschieden ist, in die amerikanische Leere zurückzugehen. Sie wird ihren Forschungsauftrag verlieren. Aber das ist ihr egal. Sie wird tatsächlich dieses angespannte, ganz nach außen gerichtete Leben der Arbeit und des Verstandes aufgeben. Sie wird dasselbe tun wie der Arzt; sie wird Moscheen und Heiligtümer besuchen, und um das zu tun, wird sie den Chador anlegen. Sie hat das Gefühl, nie wirklich richtig glücklich gewesen zu sein. Indem sie alles von sich weist, befällt sie eine große Ruhe (und sie hat merkwürdigerweise – ein guter Einfall der Romanschreiberin – Ideen für ihre Forschung, die sie nun nie ausführen wird).

Und es sieht so aus (obwohl die Autorin das nicht ausdrücklich sagt), als hätten sich Feri und der Arzt, indem sie sich vom Leben des Verstandes und des Strebens abwenden, in einem iranischen Todespakt vereinigt. In den Gefühlen ihrer Schia-Religion, die so sehr ihre eigenen sind, werden sie ihre Selbstschätzung und Ganzheit wiederentdecken und unversehrt sein.

Sie werden nicht mehr einfach anderen nachfolgen müssen, ohne zu wissen, wohin der Zug mit ihnen fährt. Sie werden nicht mehr die letzten oder auch die zweiten sein müssen. Und das Leben wird weitergehen.

Andere Menschen in geistig verödeten Ländern werden weiterhin die Geräte produzieren, die zu besitzen der Arzt so stolz ist, und die medizinischen Zeitschriften, die zu lesen er so stolz ist. Diese Erwartung – dass andere weiterhin schöpferisch sind, dass die fremde, notwendige Zivilisation weiterhin fortbesteht – ist in den Akt der Entsagung eingeschlossen, und das ist sein großes Manko.

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Time am 29. Dezember 2013

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1) Vidiadhar Suraiprasad Naipaul, „Eine islamische Reise“, DTV, 1993, S. 29-32,
http://www.amazon.de/Eine-islamische-Reise-Unter-Gläubigen/dp/3423117346/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1388316853&sr=8-2&keywords=Eine+islamische+Reise
2) http://de.wikipedia.org/wiki/Naipaul

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