Im Interview: Olivier Roy

Olivier_Roy

Von Eren Güvercin war in diesem Blog schon häufiger die Rede. Lesen Sie ein Interview von ihm mit Olivier Roy, einem französischen Politikwissenschaftler und Professor am Robert Schuman Zentrum in Florenz aus dem heutigen „Tagesspiegel“ (1).

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Salafisten in Deutschland

Gottlose Radikalität

Besonders unter jungen Muslimen versuchen Salafisten in Deutschland Fuß zu fassen. Was macht ihre Lehre eigentlich so attraktiv?

Zunächst bietet der Salafismus muslimischen Jugendlichen und Konvertiten ein Islamverständnis an, das aus ihrer Dekulturalisierung etwas Positives macht. Der Salafismus ist in keiner Weise eine Ausprägung des traditionellen Islam, denn er lehnt das Konzept einer ‚muslimischen Kultur’ ab und verwandelt die Religion in ein detailliertes Regelwerk, in der nur Erlaubtes (halal) und Verbotenes (haram) existiert. Es ist eine Geisteshaltung, die besonders in der zweiten Generation der Migranten zu finden ist, die sowohl die dominante westliche Kultur wie die Kultur ihrer Eltern ablehnt. Dasselbe gilt für die Konvertiten. Konvertieren bedeutet auch hier den Bruch mit den Eltern, aber diese Konvertiten werden nicht zu Türken oder Arabern, sondern genießen die kulturüberwindende Haltung, die ihnen der Salafismus anbietet.

Nicht alle Salafisten wenden sich dem Dschihadismus zu.

Aber wenn sie es tun, können wir dieses Phänomen mit der Rote Armee Fraktion vergleichen. Die RAF war ebenfalls das Phänomen einer Generation, die ihre Eltern als Faschisten bezeichnete oder als Menschen, die ihre Seele dem Konsum opferten. Der Fehler, der gerade in Europa gemacht wird, ist, dass man im Salafismus eine Art Kampf der Kulturen statt eine eigenartige Radikalisierung einer westlichen oder verwestlichten Jugend. Dieses Missverständnis rührt daher, dass Europa die Rolle der Konvertiten einfach nicht versteht.

Auf der einen Seite lehnt die überwiegende Mehrheit der Muslime in Deutschland den Salafismus ab. Andererseits wird oft beklagt, dass die Muslime sich in der Öffentlichkeit nicht klar genug positionieren. Was können die muslimischen Gemeinden gegen solche ideologischen Gruppen machen?

Man muss erst einmal sagen, dass es die muslimische Gemeinschaft nicht gibt, sondern nur eine muslimische Bevölkerung. Das konnte man während der Debatten um das Beschneidungsverbot klar erkennen. Keine muslimische Autorität hat sich dabei in den Vordergrund begeben, es war die jüdische Gemeinde, die die Beschneidung öffentlich verteidigt hat. Das Paradoxe an den westlichen Regierungen ist, dass sie sowohl Angst davor haben, es mit einer einheitlichen muslimischen Gemeinschaft zu tun haben, die ihre Rechte einfordert, als auch den Wunsch, Vertreter der muslimischen Gemeinschaft zu finden, die man jederzeit zu Hilfe rufen kann.

Medien und Politiker warnen immer wieder vor der Gefahr, die von salafistischen Gruppen ausgeht. Dabei sprechen die Sicherheitsorgane nur von etwa 6000 Salafisten. In Deutschland leben aber rund vier Millionen Muslime. Wie beurteilen Sie die reale Bedrohung?

Ich möchte das wieder mit der RAF vergleichen. Menschen aus meiner Generation erinnern sich noch an die Panik der deutschen Behörden, die damals mit einigen hundert radikalen Linken, die keinerlei Unterstützung in der Arbeiterklasse genossen, konfrontiert wurden. Auch die jetzige Panik ist mehr ein Ausdruck der Angst der deutschen Gesellschaft vor sich selber und der eigenen Zukunft, als ein Spiegel der wahren Kräfteverhältnisse. Die meisten deutschen Muslime lehnen den Salafismus ab, weil sie liberaler sind, manchmal aber auch, weil sie konservativ sind und diese Bewegung als Innovation beziehungsweise Reformation ablehnen.

Wissenschaftler und Politiker diskutieren über Präventionsprogramme. Auch Muslime wollen ihren Beitrag dazu leisten. Wie könnte eine effektive Strategie aussehen?

Sie werden nie eine sich ohnmächtig fühlende Jugend davor schützen können, in den Radikalismus abzudriften. Sie einen moderaten Islam lehren zu wollen, ist aus zwei Gründen absurd. Erstens lehnen diese jungen Menschen ihre Eltern und die traditionellen Imame und Gelehrten ab, also werden sie ihnen erst gar nicht zuhören. Zweitens suchen sie nach politisch radikalen Aktionen. Sie kommen nicht aus religiösen Bedürfnissen zum Salafismus, sie scheren sich nicht um Theologie, sie suchen eine Brüderlichkeit, die sie von der umgebenden Gesellschaft abschottet. Außerdem bietet der Salafismus ihnen das Abenteuer des Dschihad.

Kann das gut ausgehen?

Viele Dschihadisten werden so enden wie die RAF-Leute: tot, hoffnungslos oder Reue bekundend, weil einige von ihnen die Dummheit und tragischen Konsequenzen ihres Traumes erkennen werden. Heute bin ich gut befreundet mit einigen ehemaligen arabischen Dschihadisten, die in den 80er Jahren nach Afghanistan gingen. Damals war auch ich dort, und man brachte Menschen wie mich um. Ich habe mich nicht verändert, aber sie haben ihre Lehren aus den zahlreichen Bürgerkriegen gezogen, in denen sich Muslime untereinander bekriegten. Gestern Afghanistan, heute Syrien.

Trotzdem dominiert beim Versuch, die islamische Theologie in Deutschland offiziell zu verankern, augenblicklich die Meinung, dass Muslime ihre Religion reformieren müssten. Einige Politiker bringen auch unmissverständlich zum Ausdruck, dass man liberale Muslime unterstützen müsste, um radikalen Muslimen entgegenzuwirken. Halten Sie das für sinnvoll?

Radikalisierung ist keine theologische Angelegenheit. Sie müssen auch kein liberaler Muslim sein, um ein guter Staatsbürger zu sein. Wir haben viele konservative Katholiken, Protestanten und Juden, die alle gute Staatsbürger sind. Die Salafisten, die sich etwa in Ägypten den Säkularisten und der Armee angeschlossen haben, um gemeinsam die Muslimbrüder zu bekämpfen, sind in religiöser Hinsicht keineswegs liberal geworden. Darüber hinaus sind viele liberale Säkularisten in Ägypten und Tunesien nicht alle Demokraten. Sie wollen nur die Religion aus dem öffentlichen Raum verbannen, was übrigens auch in Frankreich passiert. Leute, die Ausschau nach einem muslimischen Martin Luther halten, haben nie Luther gelesen. Sie wären entsetzt, wenn sie es tun würden. Und Papst Franziskus ist auch kein liberaler Katholik. Er ist in theologischer Hinsicht so konservativ wie Papst Benedikt. Er hat eine liberale Haltung gegenüber der Gesellschaft, aber er denkt nicht liberal.

Was bedeutet das für unser Verständnis von Religion?

Wir sollten aufhören, Theologie, Religiosität und politische Standpunkte miteinander zu vermischen. Wenn wir von den Muslimen fordern, dass sie Religion von Politik trennen, sollten wir sie nicht gleichzeitig zwingen, eine neue, politisch akzeptable Theologie erfinden.

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Time am 3. Februar 2014

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1) http://www.tagesspiegel.de/kultur/salafisten-in-deutschland-gottlose-radikalitaet/9421714.html

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11 Antworten to “Im Interview: Olivier Roy”

  1. Sophist X Says:

    Aus dem Text kann man lesen, dass es ohne die Salafisten keine oder kaum Probleme mit dem Islam und mit Moslems geben würde. Das ist Irrsinn. Diese Abart der Salafisten eignet sich aber hervorragend, sich öffentlich zu distanzieren und so von den etwas subtileren Formen des Jihad abzulenken.
    Eine wäre zum Beispiel der Etikettenschwindel, den die Presse mit diesen salafistischen Holzköpfen veranstaltet.
    Dieser besteht, wie es der Artikel demonstriert, darin, sie als das Hauptproblem zu präsentieren, dass man nur zu lösen braucht.

  2. Tobi Says:

    Olivier Roy, das war doch der „Wissenschaftler“, der 1992 das Buch „L’Échec de l’Islam“ zu deutsch: „Das Scheitern des politischen Islams“ veröffentlicht hat. Darin verkündet er, – welch eine Überraschung – dass der politische Islam endgültig gescheitert sei.

    Da Olivier Roi stets das verkündet, was das linksgrüne akademische Establishment so hören will, haben auch völlige Fehlschläge, wie das oben genannte Buch, seiner Reputation keinen Abbruch getan.

    Als „Islam-Experte“ kann man ihn meines Erachtens völlig vergessen: Es geht ihm nicht darum den Islam zu erklären, sondern darum Anklang bei einem bestimmten Publikum zu finden.

  3. Time Says:

    Hallo Tobi und Sophist,

    ich stimme Ihnen/Euch im Wesentlichen zu, aber den Vergleich mit der RAF, die ja zahlenmäßig erheblich kleiner war, finde ich interessant. Auch dies:

    „Sie werden nie eine sich ohnmächtig fühlende Jugend davor schützen können, in den Radikalismus abzudriften. Sie einen moderaten Islam lehren zu wollen, ist aus zwei Gründen absurd. Erstens lehnen diese jungen Menschen ihre Eltern und die traditionellen Imame und Gelehrten ab, also werden sie ihnen erst gar nicht zuhören. Zweitens suchen sie nach politisch radikalen Aktionen. Sie kommen nicht aus religiösen Bedürfnissen zum Salafismus, sie scheren sich nicht um Theologie, sie suchen eine Brüderlichkeit, die sie von der umgebenden Gesellschaft abschottet. Außerdem bietet der Salafismus ihnen das Abenteuer des Dschihad.“

    Wobei hinzugefügt werden muss, dass eben die mohammedanistischen Grundlagentexte radikale Aktionen und den Jihad fordern. Aber auch dies ist recht deutlich:

    „Viele Dschihadisten werden so enden wie die RAF-Leute: tot, hoffnungslos oder Reue bekundend, weil einige von ihnen die Dummheit und tragischen Konsequenzen ihres Traumes erkennen werden.“

    Ich grüße Sie/Euch,

    Time

  4. Jakobiner Says:

    Fernsehtip: Heute (Di) abend im ARD Report Mainz über die Gülenbewegung.Das Landesamt für Verfassungsschutz Badenwürtemberg überlegt nun endlich die Hizmetbewegung Gülens beobachten zu lassen–auch wenn Leo Brux da wieder Gift und Galle wie bei der Milli Görus geifern wird.
    Zur Zeit wird auch noch der iranische Außenminister Zarif zu Interviews in deutschen Medien herumgereicht. Erst auf Phönix, nun in der FAZ.Seine Botschaft allerortens: Islam und Iran ist Frieden!Duie FAZ hatte zukletzt auch noch ein Interview mit Gülen, in dem der Wolf ordentlich Kreide frass.

  5. Tobi Says:

    Hallo Time,

    was Olivier Roy da versucht rüberzubringen, ist, dass nicht der Islam die Jugendlichen radikalisiert, sondern die sozialen Verhältnisse.

    Das ist marxistische Denke pur, denn nach Marx sind Religionen ja nur „Opium fürs Volk“, ansonsten sind völlig wirkungsloser Hokuspokus.

    Was nach marxistischer Lehre zählt, sind die „Herrschafts- und Produktionsverhältnisse“. Weil das abe4r schnell sehr marxistisch klingt, sagen heutige Linke lieber die sozialen Verhältnisse oder schlicht „die Gesellschaft“, gemeint ist aber das selbe.

    Merkwürdigerweise nehmen Linke politische Weltanschauungen sehr ernst, „religiöse“ Weltanschauungen jedoch nicht.

    Dabei ist der westliche Religionsbegriff ein kulturelles Konstrukt, das das Christentum im Blick hatte und alles, was irgendwie Ähnlichkeit damit hat, zur „Religion“ erklärte.

    Beim Buddhismus, der auch ohne Gott auskommt, oder beim Konfuzianismus wird es dann immer haariger. Der Konfuzianismus beispielsweise ist eine Staatsphilosophie, die ähnlich zugeschnitten ist wie andere Herrschaftsideologien, darunter auch der Kommunismus in leninistisch-stalinistischer Form.

    Orthodoxer Islam ist von Anfang an beides, „Religion“ und Politik. Mohammed war genauso gut Staatsgründer, Staatsmann, Gesetzgeber, Kriegsherr und Sklavenjäger, wie er „Prophet“ war.

    Der orthodoxe Islam, wie er in den vier sunnitischen Rechtsschulen vorliegt, hat das dann systematisiert und kodifiziert.

    Dieser orthodoxe Islam unterscheidet sich als Normensystem nur wenig vom „Salafismus“, der einzige Unterschied ist, dass viele nominelle Angehörige der sunnitischen Orthodoxie nicht versuchen diese eins zu eins umzusetzen.

    Sunnitischen Orthodoxie konsequent umgesetzt, sieht aus wie Afghanistan unter den Taliban, wie Arabien unter den Saudis, wie Gaza unter der Hamas oder wie Somalia unter den al-Schabab-Milizen.

    Was sunnitischen Islam allein gemäßigt macht, ist die lasche Einstellung vieler seiner Anhänger.

    Wären es die allen die „sozialen Verhältnisse“, müssten sich Hindus oder Orientchristen im Westen ähnlich radikalisieren wie Muslime, das tun sie aber nicht, weil ihre Weltanschauung, ihre „Religion“, derartiges wie der orthodoxe Islam nicht im Angebot hat.

    Was Leute wie Olivier Roy so brandgefährlich macht, ist, dass sie vergleichsweise überzeugend ihre linke Ideologie unters Volk bringen, die den Islam für unschuldig erklärt und den bösen Westen verantwortlich macht für die schlimmen Verhältnisse, die dazu führen, dass die armen Muslim-Hascherln keine andere Wahl haben als Terroristen zu werden.

    Der unten verlinkte Artikel von Olivier Roy zeugt etwas deutlicher worum es ihm geht: nämlich den Islam zu entlasten und die soziale Verhältnisse für allein schuldig zu erklären:

    http://www.fr-online.de/kultur/interview-lasst-uns-aufhoeren–ueber-religion-zu-reden-,1472786,3321968.html

    Über eine Antwort auf meinen Kommentar würde ich mich übrigens sehr freuen.

    Gruß

    Tobi

  6. Time Says:

    Hallo Tobi,

    ich gebe Ihnen im Prinzip in allen Ihrer Ausführungen Recht, nur würde ich es nicht so scharf nach Entweder-oder-Manier formulieren.

    Warum soll man bei der Erforschung der Radikalisierung mohammedanistischer junger Männer keinen Blick auf ihre Bildungsgeschichte und beruflichen Perspektiven werfen?

    Zwar können im Kern alle Aspekte des Mohammedanismus auf die zutiefst grausamen und menschenfeindlichen Grundlagentexte des Mohammedanismus zurückgeführt werden, und der „orthodoxe Islam“ unterscheidet „sich als Normensystem nur wenig vom ,Salafismus’“, wie Sie richtig darstellen.

    Man muss aber m.E., auch wenn man sich als „Zivilist“ und „Theoretiker“ begreift, letztendlich in politischen und wohl auch militärischen Kategorien denken bzw. diesen zuarbeiten. Hier hilft es nicht weiter, den Gegner als unüberwindlichen und kompakten Monolithen zu sehen. Es müssen vielmehr Differenzen ausfindig gemacht werden, „Haarrisse“, durch die wir einsickern können, um ihn von innen zu sprengen, um das mal bildhaft auszudrücken. In diesem Sinne ist z.B. mein Beitrag „Das gibt Ärger“ zu verstehen (1).

    Worin ich Ihnen nicht zustimme, ist, dass Roy „brandgefährlich“ sein soll. Er hat doch das Recht, seine Meinung zu äußern wie alle Bürger. Er ruft nicht zur Gewalt gegen den Westen und seine Institutionen und Bürger auf, im Gegenteil: Er äußert die Erwartung, recht bald eine ganze Reihe einst gewalttätiger und jetzt toter SA-lafisten aufgebahrt zu sehen. Das ist gut. Sein (rhetorisches) Denkverbot wiederum ist natürlich Unsinn.

    Herzliche Grüße

    von Time

    ______

    1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2014/01/28/das-gibt-arger/

  7. Tobi Says:

    Hallo Time,

    ich habe mit keinem Wort gesagt, dass ich das Recht von Olivier Roy seine Meinung zu sagen, irgendwie einschränken möchte.

    Dass ich das, was er sagt, für „brandgefährlich“ halte, rührt auch weniger daher, dass das, was er sagt, so außergewöhnlich wäre, sondern daher, dass er in akademischen Kreisen einen gewaltigen Einfluss hat.

    Ich bin übrigens ein sehr großer Anhänger von Meinungsfreiheit, von dem, was die Amerikaner „free speech“ nennen.

    Ganz vergleichbar für die englischsprachige Welt ist übrigens John Esposito, meines Erachtens ebenso ein gewissenloser Karrierist und Opportunist wie Olivier Roy.

    Ich erlebe täglich an der Uni wie das ideologische „Gift“ dort in den Köpfen vergleichsweise naiver Studenten verankert wird. Eine Gegenrede ist an heutigen Unis in Deutschland kaum noch möglich, denn wer das tut, wird gnadenlos ausgegrenzt und hat seine Karriere bereits im Studium beendet, egal wie gut er auch immer sein mag.

    Eine divide-et-impera-Politik ist an sich keine schlechte Idee, nur funktioniert das mit der ganz großen Masse der Muslime nicht.

    Analysiert man das Moralsystem des orthodoxen Islams, das in diesem Punkt mit der Stammesmentalität weiter Teile der Bevölkerung in der islamischen Welt übereinstimmt, stellt man fest, dass der oberste Wert, der alles andere überlagert, das Einstehen für die eigene Gruppe ist.

    In einer brutalisierten Welt, die die islamischen Welt die meiste Zeit war und heute noch über sehr weite Strecken ist, ist Gruppensolidarität eine überlebenswichtige Tugend, wenn es nicht sogar DIE entscheidende Eigenschaft ist, um nicht unterzugehen.

    Die ʿĀd und die Thamud sind zwei im Koran erwähnte Völker, die untergegangen sind, weil sie nicht auf ihre jeweiligen Propheten gehört haben.

    Die Vorstellung, dass Sippen, Clans, Stämme und ganze Völker untergehen können, ist in der islamischen Welt sehr allgegenwärtig. Der Selbstbehauptungswille ist nicht zuletzt deshalb sehr ausgeprägt.

    Das ist es auch, was meines Erachtens immer stärker die Integration oder Assimilation von Muslimen im Westen verhindert.

    Viele Muslime wissen mehr oder minder bewusst, dass ihr eigenes System scheiße ist, aber sie sind sich immer sicherer, dass es siegen wird und dass das System des Westens dem Untergang geweiht ist.

    Nicht zuletzt deshalb entledigt man sich nicht seiner traditionellen Bindungen. Man will ja auf der Seite der Sieger stehen und nicht der Verlierer. Außerdem braucht man seine Leute ja noch, wenn es hart auf hart kommt. Dazu kommt, dass Gruppensolidarität Muslimen von Kindesbeinen an eingetrichtert wird. Nichts ist schlimmer als die eigene Solidargemeinschaft zu verraten.

    Westler, die nach gut und böse, nach Recht und Gerechtigkeit urteilen, statt so, dass die eigene Seite gewinnt, werden zunehmend als ekelhaft und dekadent angesehen, mit denen will man nichts zu tun haben, auch wenn sie vieles haben, was glänzend und verlockend wirkt.

    Man muss tief in die muslimische Seele eindringen, Islamsprachen lernen, besonders Arabisch, um das Denken von Muslime zu verstehen. Je mehr man das macht, umsomehr erschließt sich einem die Logik, die hinter dem System Islam steht. Bei einigen wenigen Islamkritiker geht das dann soweit, dass ihnen die Mängel des heutigen westlichen Systems so zum Druck wird, das irgendwann sogar zum Islam konvertieren.

    Es gibt eine Erfahrung, die viele Islamkritiker machen, meines Erachtens sogar die meisten: Ihnen geht die Sicherheit, dass der Westen gewinnen wird, verloren. Das führt oft zu Verbitterung und einer unschönen Verkrampfung (Kybeline ist ein sehr gutes Beispiel dafür, aber Michael Mannheimer und Michel Stürzenberger sind da zu nennen) oder dazu, dass man auf Teufel komm raus nach einer hoffnungmachenden Lösung sucht, auch wenn das, was dann rauskommt, für die meisten kaum noch erstrebenswert wirkt (Manfred Kleine-Hartlage ist das das Paradebeispiel).

    Ich kenne die oben genannten zu Teil persönlich und kann nachfühlen, was sie umtreibt, sehe auch ihr teilweis heldenhaftes Tun, dennoch halte ich es nicht für der Sache dienlich. Einer locker-lässiger Ton, wie hier in der MoT, würde vielen Islamkritikern und der Islamkritik insgesamt gut tun, da bin ich mir ziemlich sicher.

    Aber ich schreibe schon wieder viele zu viel.

    Gruß

    Tobi

  8. Time Says:

    Lieber Tobi,

    ich schätze Sie als einen exzellenten Kommentator und Insider und bin stolz darauf, Sie hin und wieder als meinen Gast zu haben.

    Sie schreiben:

    „Die Vorstellung, dass Sippen, Clans, Stämme und ganze Völker untergehen können, ist in der islamischen Welt sehr allgegenwärtig. Der Selbstbehauptungswille ist nicht zuletzt deshalb sehr ausgeprägt.“

    Das habe ich auch schon beobachtet.

    Hier wäre vielleicht das Vorgehen sinnvoll, die jeweiligen Clans nicht als mohammedanistische Strukturen sondern eben vor allem als familiäre anzusprechen. Das geht. Es gibt immer die glasklare, kompromisslose theoretische Ebene (die ich Orks gegenüber niemals betrete) und andererseits die praktische und verwaschene Ebene realer Politik.

    Hier sind diffuse Individuen wie Roy ggf. hilfreich, weil sie eine zu extreme Konzentration auf die Wahrheit, auf den Kern (dass z.B. Klo H. Metzel Sklavenjäger usw. war), aufbrechen und solchermaßen (politisches) Handeln – für das ein teilweises Ausschalten DER Wahrheit und der Maximalziele erforderlich ist – ermöglichen.

    Das ist m.E. ein Spiel auf Zeit. Der Konflikt wird in den nächsten 50 Jahren – ohne mich – endgültig entschieden werden, und da bin ich doch mal ganz Linker und sage „Venceremos“ – WIR werden siegen!

    Ich grüße Sie,

    Time

  9. Jakobiner Says:

    1)Zu Tobi:

    „Merkwürdigerweise nehmen Linke politische Weltanschauungen sehr ernst, “religiöse” Weltanschauungen jedoch nicht.“

    Da gibt es auch etwas Bewegung. Die antideutsche Bewegung um Bahamas und Jungle World kritisiert die traditionelle marxistische Linke dafür, dass sie kaum Ideologiekritik betrieben hat, sondern einfach immer nur ökonomische Ursachen als letzte Wurzekl sah. Den Holocaust aber ökonomisch erklären zu wollen, ist eine eher fraglcihe Angelegenheit. Zwar ist es richtig, dass Wirtschaftskrisen, die dem Kapitalismus innewohnen, radikale ideologische Kräfte nach oben bringen, es erklärt aber noch lange nicht, warum gerade diese Ideologien solchen Anklang finden und wie sie dann unter anderem auch auf die Ökobnomie und die Gesellschaft zurückwirken.Man mogelt sich also etwas um eine inhaltliche Analyse der Ideologie herum.Aber Tobis Beobachtung, dass religiösen Weltanschauungen linkerseits wenig Beachtung geschenkt wurde, stimmt schon.Das hängt wahrscheinlich aber auch damit zusammen, dass sie nur als Opium des Volkes, also eine Art Valium und Downer, nicht jedoch als politischer und aggressiver Brandbeschleuniger gesehen wurde.

    2)Neues vom Bully Brux: Inzwischen sieht er sich gewzungen, sich von seinem zuvor hochgelobten Sultan Erdogan zu distanzieren–so schreibt er:

    „Leo Brux meint:
    5. Februar 2014 um 16:07

    pinetop,
    ich habe etwa vor drei Jahren angefangen, mich von Erdogan und seiner Politik zu distanzieren. Zuerst nur halb, mit Hinweis auf seine zunehmende Tendenz, die Meinungsfreiheit zu bekämpfen, die Medien einzuschränken. Ab seiner Gezipark-Reaktion und seiner klaren Erklärung, gegen Gewaltenteilung (also gegen Demokratie) zu sein, bin ich zum unbedingten Gegner, zum Feind geworden. “

    Und was ist die Conclusio für ihn? Eine Gül-AKP und die Gülenbewegung als demokratische Alternative–der Mann ist ein Serientäter!!!

  10. Jakobiner Says:

    Zu Tobi:

    Ich glaube zudem,dass die Unterschätzung religiöser Bewegungen auch damit zusammen hing, dass der Säkluarismus seit dem 19. Jahrhundert ständig auf dem Vormarsch war, das Christentum zudem durch die Säkularisierung gedämpft wurde, der Kommunsismus und damit eben auch der Atheismus am Vormarsch war.bevor es erst ab 1928 mit der Muslimbruderschaft von Hassan Al-Banna weltweit erstmals wieder eine Bewegung gab, die einen politischen Islam wollte. Dazu brauchte es bis 1979, dass erstmals eine Theokratie im Iran errichtet wurde. Die hindunatioanlaistische BJP erstrebte niemals eine Theokratie, spielte jedoch mit dem Hinduismus, in China kam die Falungong erst ab 1989 auf und in den USA und vielen 3. Weltstaaten die Evangelikalen erst seit den 1980ermkt der Reaganwende.Von daher gab es auch keinen Grund, religiöse Bewegungen als politisch gefährlich zu sehen.Aber das wurde nebenbei nicht nur von Linken so gesehen, sondern auch von Liberalen und säkularen Konservativen bis hin zu Barry Goldwater, der zwar strammrechts war, aber ein Antievangelist.In den USA versuchte ja auch nur einmal ein Evangelikaer US-Präsident zu werden und einen christlichen Gottesstaat zu begründen: Pat Robertson–er wurde aber vom säkularen, moderatchristlöichen Bush senior abgeschossen. Erst mit Bush junior kam wieder ein Wiedergeborener an die Staatsmacht und sorgte eben auch für viel Unheil, indem er den Nahen Osten demokratisieren wollte, dabei die säkularen Despoten schwächte und den politischem Islam erst so richtig Aufwind gab.

  11. mathieu Says:

    Jakobiner:
    Das Links-Rechts-Denken interessiert doch nur die, die selbst darin ideologisch befangen sind. Sie versuchen dann Erkenntnisse irgendwie kompatibel zu machen, selbst wenn sie am Ende mit ihren Ansichten eher der Seite entsprechen, der sie gar nicht zugehören wollen. Wenn man dann mal auf offensichtliche Widersprüche hinweist, erhält man eine recht primitive Definition wie etwa: Rechte wollen die Demokratie abschaffen – Linke nur den Kapitalismus.
    So allen Ernstes von der Friedrich-Ebert-Stiftung verbreitet, die sich auf einen mir unbekannten Herrn Stöss beruft.

    Was ein ideologisches Konzept ist, ist allenfalls der Marxismus, dem man schon deshalb skeptisch begegnen sollte, weil sein Begründer so lange tot ist. Es gibt bei Marx eklatante ökonomische Fehler, die man quasi mathematisch nachweisen kann, was bei den Marxisten aber nur wildes Umsichschlagen auslöst, so wie bei Mohammedanern, wenn man ihnen sagt, der Chef war vielleicht doch nicht in allem hundertprozentig perfekt.

    Vor allem aber war Marx kein genialer Philosoph und sein mit ein paar daher geworfenen Sätzen behaupteter Materialismus, auf dem das von dir und Tobi beschriebene Problem beruht, haben alle anderen bedeutenden Philosophen besser und tiefer erforscht ohne es lösen zu können.
    Die meisten Marxisten können ja nicht mal den Satz mit dem Opium des Volkes richtig widerkäuen.

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