Im Interview: Feo Aladag

Feo_Aladag

„FAZ.net“ brachte heute ein Interview (1) von Johanna Adorjan mit der Regisseurin Feo Aladag (2) über ihren aktuellen Afghanistan-Film.

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Unsere Frau in Afghanistan

In ihrem neuen Film „Zwischen Welten“ erzählt die Regisseurin Feo Aladag Schicksale von Bundeswehrsoldaten und Übersetzern in Afghanistan. Wie dreht man in einem Kriegsgebiet einen Spielfilm?

Wie kamen Sie auf die Idee, einen Film über Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz zu machen?

In irgendeiner Zeitung hatte ich ein Foto gesehen, das ich so interessant fand, dass ich es mir rausgerissen habe. Darauf war ein Bundeswehrsoldat in Kampfuniform im Einsatzgebiet zu sehen. Da wirbelte Staub auf, irgendeine Wüstenlandschaft. Ich fand es ein gutes Foto. Von der Lichtstimmung, vom Aufbau, aber irgendetwas daran hat mich eben auch irritiert. Das war 2002, 2003, als der Einsatz in Afghanistan losging und die Bilder noch ungewohnt waren. Damals wurde im Bekanntenkreis natürlich viel darüber diskutiert, ob Deutschland nicht hätte nein sagen sollen. Und dann hab’ ich darüber nachzudenken begonnen, warum so ein Unverständnis dem Einzelnen gegenüber herrscht, der in diesen Einsatz geht. Und mich gefragt, warum es keinen Kinofilm gibt, der in der Jetztzeit von einem deutschen Soldaten erzählt. Und das liegt natürlich auf der Hand.

Weil?

Weil die Gefahr natürlich groß ist, dass das Ganze zu patriotisch wirkt. Und dass man damit gefährlich nah an die deutsche Geschichte rückt vielleicht. Ich fand das aber nicht fair.

Kannten Sie jemanden bei der Bundeswehr?

Nein. Ich kannte eher Zivildienstleistende. Aber das Thema hat mich nicht mehr losgelassen. Es hat mich berührt, dass Menschen, die sich für etwas einsetzen, was die Gesellschaft trägt, dafür nicht nur keine Anerkennung bekommen, sondern kritisiert werden. Und ich habe mir überlegt, was man in einem Film erzählen könnte, um einen Anstoß zu geben, darüber anders nachzudenken.

Und dann kamen Sie auf die Geschichte zwischen einem deutschen Soldaten und seinem afghanischen Dolmetscher.

Mir war schnell klar, dass ich die afghanische Seite mit erzählen muss. Und ich wollte unbedingt auch vom jungen, heutigen Afghanistan erzählen. Alles andere ergab sich durch meine Recherchereisen, bei denen ich vor Ort mit Soldaten unterwegs war.

Das klingt so abstrakt. Ist es nicht leichter, von etwas zu erzählen, das man kennt? Sie haben sich lauter Sachen ausgesucht, die Sie nicht aus eigener Anschauung kannten: Bundeswehr, Afghanistan, noch dazu so eine Männerwelt.

Das hat mich ja genau gereizt. Es war ein journalistischer Zugang in der Recherche. Ich musste mir diese Welt erst erschließen.

Das heißt: Am Anfang stand nicht die Idee für eine Geschichte, am Anfang stand ein Thema?

Der Ausgangspunkt war eine Atmosphäre, die ich mir vorgestellt habe, die sich dann im Laufe der Recherche noch mal ganz stark gewandelt hat. Vor allem durch meine erste Reise nach Afghanistan.

Wie geht das, so eine erste Reise? Wen spricht man da an, oder fährt man da auf eigene Faust hin?

Eine Freundin kannte jemanden, der für die Bundeswehr gearbeitet hat. Den habe ich zum Interview getroffen, und er hat gesagt, ich erklär’ dir jetzt erst mal, wie der Laden läuft. Und dann haben wir Basisarbeit gemacht. Welche Dienstgrade gibt es, solche Sachen. Das war ja für mich eine total fremde Welt. Was heißt BMVg und so weiter. Bundesministerium für Verteidigung. Und das ist eben nicht gleich Bundeswehr. Da muss man zwischen den Strukturen unterscheiden. All das hab’ ich wie in einem Kurzstudium gelernt. Und dann muss man ja erst mal Zugang bekommen. Ganz praktisch: zu Bundeswehrsoldaten. Vor Ort am besten. Dafür brauchte ich eine Erlaubnis aus Berlin. Und dabei war es aber enorm wichtig, unabhängig zu bleiben. Ich musste zu jedem Zeitpunkt dieses Projekts neutral sein. Um nicht instrumentalisiert werden zu können.

Sie meinen, damit das Ganze nicht zu einer Art Werbefilm für die Bundeswehr wird?

Genau, wenn die Nähe zu groß ist. Da muss man schon aufpassen, dass man seine Distanz behält.

Die erste Reise war also schon mit der Bundeswehr.

Ja. Es hat viel Vorarbeit gebraucht, diese Erlaubnis zu bekommen. Ich wollte ja mit auf Patrouille, mit raus. Und eben nicht nur eine kleine embedded Journalistenstandardtour, wo man dann mal eine Minipatrouille von einer Stunde mitlaufen darf. Dass ich das machen durfte, war absolut wesentlich für die Entstehung dieses Projekts.

Irgendjemanden haben Sie also überzeugt.

Ich glaube mehrere.

Und die hatten keine Angst?

Doch, die war natürlich immer da. Aber es ist ja auch klar, dass es Bedenken gibt, wenn die andere Seite keine inhaltliche Mitsprache hat. Es wäre auch traurig, wenn denen egal wäre, was für ein Film am Ende rauskommt. Aber das Grundvertrauen war wohl da. Und das kann ich gar nicht genug herausstreichen: dass dieses Grundvertrauen in Deutschland möglich ist – dass es mir und meinem Team ermöglicht wurde, diesen Film so zu machen, spricht extrem für unsere Demokratie. Ich meine, wo sonst wäre so etwas möglich?

Dass die Sie nicht kontrolliert haben?

Ja. Oder zensiert. Ich sage nicht, dass die Arbeit einfach war. Für mich als Produzentin war die größte Arbeit genau diese Vorproduktion: wie schafft man die Rahmenbedingungen und sorgt dafür, dass auch alles so abläuft wie abgesprochen. Ohne inhaltliche Einmischung. Das war oft schwieriger als die Dreharbeiten selbst.

Hatten die denn das Drehbuch gelesen?

Nein. Eben nicht. Das war es ja. Offensichtlich habe ich in den Gesprächen hinreichend klargestellt, um was es mir geht: dass ich Empathie schaffen möchte, ohne zu heroisieren – und dass ich dazu natürlich auch Sachen in Frage stellen muss.

Der Film wertet nicht. Er handelt davon, inwieweit jemand im Rahmen eines Systems frei handeln kann.

Genau. Wie frei sind wir? Welche Verantwortung haben wir? Das sind Fragen des Films.

Die Orte, an denen gedreht wurde, kennt man aus den Nachrichten. Gehen da nicht manchmal Minen hoch? Ist so ein Filmteam für die Bundeswehr dann kein Extrastress? Dass die jetzt auch das noch sichern müssen?

Die Bundeswehr hat uns nicht gesichert, das ist auch nicht ihr Auftrag. Es gab sicher Tage, wo die sich gedacht haben, mein Gott, warum haben wir das jetzt auch noch an der Backe? Aber wir waren ja relativ frei. Wir haben zusammen mit unserem afghanischen Team draußen gedreht.

Und das ist nicht gefährlich?

Wir haben hauptsächlich in der sogenannten Blue Box gearbeitet. Die Blue Box ist ein Raum um Mazar-i-Sharif herum, der engmaschig luftüberwacht ist. Wir hatten afghanischen Schutz durch die ANP, die Afghan National Police, sowie durch den afghanischen Geheimdienst. Und die Bundeswehr wusste immer, wo wir sind. Wir standen in einem ständigen Austausch über die aktuelle Sicherheitslage mit allen. Wenn was passiert wäre, dann wäre die Bundeswehr wohl auch da gewesen. Mein Team hat im Camp gewohnt, ich außerhalb. Wir hatten Informationen von allen Seiten, bevor wir wo hingefahren sind. Natürlich gab es Tage, wo wir gesagt haben, da drehen wir heute lieber nicht. Wir sind nie ein Risiko eingegangen.

Sie wurden allerdings von Islamisten bedroht. Was ist da genau passiert?

Wir haben an der Uni gedreht, und da wurde genau zu diesem Zeitpunkt eine Klasse von Scharia-Studenten unterrichtet, junge Männer, die das Scharia-Recht studieren. Nach ihrem Unterrichtsende sind sie über den Campus gegangen und haben gesehen, dass wir dort drehten. Nach Scharia-Recht soll Kultur unter dem Scharia-Recht stehen und nicht unter dem afghanischen, nationalen Recht. Und diese Studenten hatten ein Problem mit uns. Sie dachten, wir hätten ihre Frauen auf eine für sie unangebrachte Art und Weise gefilmt. Ich habe ihnen dann gezeigt, was wir gedreht haben, und wir haben miteinander gesprochen. Aber es war trotzdem eine sehr unangenehme Situation.

Inwiefern?

Es gab Proteste und Tumult. Wir haben uns schnell zurückgezogen und mussten aufpassen, welche Art von Abgang wir wählen, weil es wichtig ist, dass man so etwas nicht auf die Straße trägt. Sonst kann es schnell sehr ungemütlich werden.

Kannte sich Ronald Zehrfeld aus, wie man eine Waffe richtig hält et cetera?

Nein, wir haben die Schauspieler in einen Crashkurs geschickt. Eine Art Grundausbildung in sehr, sehr verkürzter Form. Die waren in einem Ausbildungszentrum der Bundeswehr und haben eine relativ harte Woche absolviert. Die mussten da richtig ran. Beim Dreh wurde von unseren Beratern dann sehr darauf geachtet, dass die Handzeichen stimmen, oder wie man Patrouille läuft – in welchem Abstand läufst du zum Nächsten, wie ist der Umgang mit Sprache. Oft gab es Diskussionen, wo wir gesagt haben, ja, aber das brauchen wir jetzt anders aus filmischen Gründen, und dann hieß es, ist dann aber falsch. Und ich wollte ja auch nichts ins Bild setzen, was kompletter Käse ist.

Liegt auch ein gewisser Reiz daran, als Regisseurin so ein Männerthema zu verfilmen? „Zero Dark Thirty“ wurde ja auch von einer Frau gedreht…

Ja, klar. Das war jetzt mein zweiter Film. Und man weiß ja, der zweite wird in Deutschland immer fürchterlich zerkloppt. Deshalb habe ich mir ein Thema ausgesucht, das für mich etwas Zwingendes hatte. Und bei dem ich mir nach den Recherchen zugetraut habe, zumindest die richtigen Fragen zu stellen. Ich hatte aber auch Phasen des Zweifelns, ob ich als Frau Männercharaktere erzählen kann. Ich fand die Arbeit jedenfalls sehr spannend und muss sagen, ich habe viel gelernt.

Über Männer?

Ja, wirklich über Männer. Alleine schon dadurch, dass ich bei vielen Gesprächen dabei war, gerade bei Bundeswehrsoldaten, wenn die Jungs untereinander waren.

Und?

Ich fand das sehr berührend. Zu erleben, wie unglaublich fürsorglich die miteinander umgehen. So – hast du deine Malaria-Tablette schon geschluckt? So wahnsinnig lieb. Wenn da so ein kleines Team von fünf Mann ist, wie sehr die aufeinander aufpassen. Das hat uns, glaube ich, alle beeindruckt, dieser spezielle Zusammenhalt, den es da gibt. Und so gerne ich mit Frauen zusammenarbeite, so gerne arbeite ich auch mit Männern, gerade auch weil es manchmal so schön unkompliziert ist.

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Time am 28. März 2014

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/die-regisseurin-feo-aladag-spricht-ueber-ihren-film-zwischen-welten-12859265.html
2) http://de.wikipedia.org/wiki/Feo_Aladag

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