Naipaul: Zur Vernichtung von Sind

Sind

Heute möchte ich ihnen eine weitere Passage aus V.S. Naipauls „Eine islamische Reise“ vorlegen:

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Pakistan 3

naipaulIn der Vorstellung des Islams strömen die Araber des siebten Jahrhunderts, von der Botschaft des Propheten entflammt, aus Arabien und verbreiten sich nach Osten und Westen, werfen in Verfall geratene Königreiche nieder und setzen den neuen Glauben durch. Sie rücken schnell vor. Im Westen dringen sie in das westgotische Spanien ein, im Osten ziehen sie im selben Jahr über Persien hinaus, um das große hinduistisch-buddhistische Königreich Sind zu überfallen. Die Symmetrie der Expansion untermauert die Vorstellung von einer elementaren Energie, einem Lavafluss des Glaubens. Aber die arabische Darstellung der Eroberung Sinds – enthalten in dem Buch Schah-Name, das ich in einem neuaufgelegten Taschenbuch der englischen Übersetzung (erstmals I901 in Karatschi erschienen) in Pakistan las – erzählt eine weniger apokalyptische Geschichte.

Die Araber mußten hart kämpfen. Sie wandten irgendwann zwischen 634 und 644, während der Herrschaft des zweiten Kalifen oder Nachfolgers des Propheten, ihre Aufmerksamkeit Sind zu und unternahmen in den nächsten sechzig oder siebzig Jahren zehn Versuche, es zu erobern. Das Ziel der letzten Invasion war, wie das Schah-Name klarmachte, nicht die Verbreitung des Glaubens. Die Invasion war ein kommerziell-imperialistisches Unternehmen, das Profit zeigen musste. Religion war ein untergeordnetes Motiv, aber erst einmal wurde von den eroberten Völkern nicht die Bekehrung zum Islam verlangt, sondern Zoll und Steuern, Schätze, Sklaven und Frauen.

Die Invasion wurde von Kufa aus von Hadjdjadj, dem Provinzgouverneur des Irak, überwacht. Als er während des Feldzugs den Kopf des geschlagenen Königs von Sind zusammen mit sechzigtausend Sklaven und dem für den Herrscher bestimmten fünften Teil der Beute aus Sind erhielt, „legte er seine Stirn auf den Boden und brachte Dankgebete dar, beugte zweimal die Knie vor Gott, pries ihn und sagte: ,Nun habe ich alle Schätze, ob offen oder verborgen, und sämtlichen anderen Reichtum und das Weltreich. Er bestellte die Einwohner Kufas in die berühmte Moschee dieser Stadt und teilte ihnen von der Kanzel aus mit: ,Gute Nachrichten und Glück für die Menschen Syriens und Arabiens, die ich zur Eroberung Sinds und dem Besitz der ungeheuren Reichtümer beglückwünsche… die der große und allmächtige Gott ihnen verliehen hat.’“ Den Islam anzunehmen stand den bezwungenen Menschen frei. Aber die Eroberer waren Araber, und das Weltreich war ihres.

Es gibt Ähnlichkeiten mit der Eroberung Mexikos und Perus durch die Spanier, und sie sind nicht zufällig. Die arabische Eroberung Spaniens, die zur selben Zeit vonstatten ging wie die Eroberung Sinds, prägte Spanien. Achthundert Jahre später verhielten sich die spanischen Conquistadores in der neuen Welt mit ihrem Glauben, Fanatismus, ihrer Zähigkeit, Armut und Gier wie die Araber. Das Schah-Name ist in vieler Hinsicht wie „Die wahrhafte Geschichte und Eroberung von Mexiko“ von Bernal Diaz‚ dem spanischen Soldaten, der im hohen Alter über seine Feldzüge mit Cortez in Mexiko 1520 und später schrieb. Das Thema beider Werke ist dasselbe: Eine imperialistische Macht mit einem starken Sendungsbewusstsein und einer umfassenden Kenntnis der Welt zerstört eine abgelegene Kultur, die nur sich selbst kennt und noch nicht einmal andeutungsweise versteht, gegen was sie kämpft. Die Welt-Eroberer, Errichter langlebiger Systeme, haben einen größeren Überblick; die Menschen sind durch umfassendere Ideen aneinandergebunden. Die Menschen, die unterworfen werden sollen, sehen weniger, wissen weniger; ihre abgestuften oder zersplitterten Gesellschaften sind bereit zur Übernahme. Und interessanterweise waren sowohl 1520 in Mexiko wie 710 in Sind die Menschen durch Prophezeiungen von Eroberung geschwächt.

Es gibt einen Unterschied zwischen der Eroberung von Mexiko und dem Schah-Name. Bernal Diaz, der Spanier, schrieb über Ereignisse, an denen er teilgenommen hatte. Das Schah-Name

ist arabische oder moslemische Genredichtung – eine „vergnügliche Geschichte der Eroberung“ – und wurde fünfhundert Jahre nach der Eroberung Sinds geschrieben. Der Autor war ein Perser, seine Quelle ein arabisches Manuskript, das von der Familie des Eroberers Bin Qasim aufbewahrt worden war.

Die dazwischenliegenden fünf Jahrhunderte haben der persischen Schilderung keine zusätzliche moralische oder historische Perspektive hinzugefügt, kein neues Verwundern oder Mitleid, keine Vorstellung von dem, was grausam und was nicht grausam ist, wie selbst Bernal Diaz, der Spanier, sie hatte. Für den Perser, der 1216 schrieb, sind die arabischen Eroberungen „die Eroberungen von Khurasan, Adscham (Persien), Irak, Scham (Syrien), Rum (Byzanz) und Hind (Indien) etwas Ruhmvolles, sie stellen die Geschichte der Ausbreitung der wahren Zivilisation dar. Über die Eroberung zu lesen ist vergnüglich, weil die Eroberung auf geistiger Redlichkeit und weltlicher Vorzüglichkeit beruht… auf die gelehrte Philosophen und edelmütige Könige stolz wären, denn alle Menschen gelangen zu einer Annäherung an die Vollkommenheit, indem sie den Glauben der Menschen Arabiens als den wahren anerkennen.“

In dieser Lobpreisung der Eroberung steckt eine Ironie: nicht viele Jahre nach der Niederschrift dieser Worte sollten die vorrückenden Mongolen in Persien und dem Irak eintreffen, und die arabische Zivilisation, die das Schab-Name feierte, sollte zerstört, auf Jahrhunderte zum Schweigen gebracht werden.

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Time am 15. September 2014

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V.S. Naipaul, „Eine islamische Reise“ von 1981, DTV München 2002, S. 197ff.

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