Naipaul: eine noch heftigere Leidenschaft

Malaysia_Karte

Von Pakistan reiste Vidiadhar Surajprasad Naipaul weiter nach Malaysia. Hier erste Betrachtungen:

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Malaysia 1

naipaulVon Indien oder dem indo-pakistanischen Subkontinent aus verbreitete sich die Religion nach Südostasien. Hinduismus und Buddhismus entwickelten sich zuerst. Sie regten die großen Zivilisationen von Kambodscha und Java an, deren Monumente – Angkor‚ Borobudur – zu den Weltwundern gehören. Diese indischen Religionen, lehrt man uns, wurden nicht durch Armeen oder Kolonialisten verbreitet, sondern durch Händler und Priester. Und solcher Art waren die indischen Reisenden, die im vierzehnten oder fünfzehnten Jahrhundert, nachdem der Islam in den Subkontinent gelangt war, begannen, den Islam nach Indonesien und Malaysia zu bringen.

Nach Südostasien kam der Islam als weitere Religion Indiens. Eine arabische Invasion wie in Sind fand nicht statt; die einheimische Kriegerkaste wurde nicht systematisch abgeschlachtet; keine arabischen Militärkolonien wurden errichtet; keine Beute wurde verteilt; weder Schatz noch Sklaven wurden an einen Kalifen im Irak oder in Syrien geschickt; es gab keinen Zoll, keine Steuern für Ungläubige. Es gab keine Katastrophe, die gefestigte Weltordnung wurde nicht über Nacht abgeschafft. Der Islam verbreitete sich als Idee – ein Prophet, eine göttliche Offenbarung, Himmel und Hölle, eine von Gott gut geheißene Gesetzessammlung – und vermischte sich mit älteren Ideen. Heute kommen die Missionare, um diese Mischreligion zu reinigen, und immer noch kommen vorn Subkontinent – und besonders aus Pakistan – die eifrigsten Missionare.

Sie bringen keine Nachricht von der Militärherrschaft, der auf Auslandsüberweisungen fußenden Wirtschaft, vom Verlust des Gesetzes, von der Tragödie der Bihari-Moslems‚ die nun weder von Bangladesh noch von Pakistan erwünscht sind. Diese Ereignisse haben mit dem Islam nichts zu tun, und diese Männer bringen nur Nachricht vom Islam und den Feinden des Islams. Sie bieten Leidenschaft, und zwar die besondere Leidenschaft der Moslems vom Subkontinent: die Leidenschaft von Menschen, die sich trotz Pakistan als bedrohte Minderheit fühlen, die Leidenschaft von Menschen, die mit ihrer Ansicht von Geschichte als „vergnüglicher Geschichte der Eroberung“ längst aufgehört haben, sich als Eroberer zu fühlen, und vor allem die Leidenschaft von Moslems, die sich am Rand der wahren moslemischen Welt fühlen. Die Entfernung Persiens von Arabien schuf den Schia-Glauben und die Überzeugung der Perser, dass ihr Islam reiner sei als der der Araber. Die Distanz der indischen Moslems von Arabien ist noch größer als die der Perser, und ihre Leidenschaft ist genauso heftig, wenn nicht noch heftiger.

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Time am 17.  Oktober 2014

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V. S. Naipaul, „Eine islamische Reise“ von 1981,
DTV München 2002, S. 247 ff.

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2 Antworten to “Naipaul: eine noch heftigere Leidenschaft”

  1. charlie Says:

    Lieber TIME
    Danke für Herrn Naipuls Reiseberichte. Erhellend, ob seiner Unbedarftheit.

  2. Time Says:

    Hallo Charlie!

    1981 hatte ich vom Mohammedanismus keine Ahnung. Er interessierte mich nicht, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass er ein Problem sein könne.

    Naipaul hat das alles schon damals gesehen, auch die Ursachen, und die weitere Entwicklung geahnt. Das beeindruckt mich sehr, 33 Jahre, nachdem er sein Buch verfasst hat.

    Davon abgesehen mag ich seine präzise Ausdrucksweise und Zeitlosigkeit der Betrachtung, die deutlich werden lässt, dass das Problem aus dem Kloran gekrochen kommt.

    Time

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