Enthauptungen als Massenspektakel

PierreVogel

Pierre Vogel in seinem IS-IS-Pullover. Das Foto stammt angeblich von seiner eigenen Facebookseite und ist demnach keine Montage (1). Indes bestehen Zweifel darüber, ob Vogel ein gemäßigter oder ein moderater SA-lafist ist.

Frederike Haupt geht heute auf „FAZ.NET“ der Frage nach, inwieweit die Massenhinrichtungen des IS-IS als Volksbelustigung goutiert werden (2).

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Terrormiliz „Islamischer Staat“

Soziale Netzwerke als Waffen

Die Dschihadisten des „Islamischen Staat“ zeigen, wie soziale Netzwerke zum Medium des Terrorismus werden: Sie inszenieren Hinrichtungen nicht maximal blutrünstig – sondern als makabere Unterhaltungsshow.

Die IS-Terroristen lieben die sozialen Netzwerke. Sie benutzen sie als Waffe – und treffen damit Menschen auf der ganzen Welt. Es ist sogar so, dass diese Menschen sich freiwillig vom Terror treffen lassen.

Die Terroristen enthaupten Geiseln und stellen Videos davon ins Netz. Allein die Hinrichtung von James Foley wurde auf einer Internetseite, die solche Filme duldet, bisher 1,3 Millionen Mal angesehen. Plus die Klicks bei anderen Portalen. Warum wollen so viele Menschen so etwas Schreckliches sehen?

Menschen haben schon immer gern bei Enthauptungen zugeschaut – unter bestimmten Bedingungen. Uns gefällt alles, was eine „besondere Dramatik“ hat, deswegen muss heute alles „besonders dramatisch“ sein: Dschungelcamps, Autodesign, Joghurt. Eine sehr dramatische Hinrichtungsart ist das Köpfen. Nicht nur das Opfer steht im Mittelpunkt, sondern auch der Henker. Jemandem den Kopf abzuschlagen kostet eigentlich übermenschlich viel Überwindung, außerdem enorme Körperkraft. Erschießen, Vergiften, Ertränken oder Steinigen sind anders – man macht sich die Hände nicht blutig. Die Belohnung für den Henker ist der Kopf. Eine krassere Trophäe gibt es nicht.

Hinrichtungen sind ein altbewährtes Mittel

Menschen köpfen einander, seit sie das Werkzeug dafür haben. Erst nahmen sie das Beil, später, als sie schmieden konnten, auch das Schwert. Im alten Rom war es ganz normal, Verurteilte zu köpfen. Deswegen hält Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit, das Richtschwert in der Hand. Es hat allerdings einen guten Grund, dass es gerade ein Schwert ist und nicht, nur zum Beispiel, eine Säge. Die öffentliche Enthauptung sollte möglichst schnell geschehen, mit einem einzigen Streich. Wie das Publikum reagierte, wenn das nicht gelang, beschreibt der Autor Karl Bruno Leder in seinem Buch über die Todesstrafe: Die Leute quengelten, randalierten oder warfen Steine auf den Henker. Wer sich eben noch auf die Show gefreut hatte, fühlte nun das verdrängte Mitgefühl in sich aufsteigen. Man wollte sich keine unberechenbaren Grausamkeiten zumuten. Es konnte schon reichen, dass der Henker den Todgeweihten grob schubste.

Die Henker wiederum machten Fehler, weil sie Angst hatten, Fehler zu machen. Sie soffen sich vor den Hinrichtungen Mut an, und so besoffen hauten sie gelegentlich daneben. Leder erwähnt einen Fall aus dem Jahr 1641, bei dem der Henker fast gesteinigt worden wäre. In Nürnberg sollte er eine Frau köpfen. Doch er verfehlte den Hals und schlug ihr stattdessen „ein Stück so groß wie ein Taler von dem Kopf weg“. Schwer verwundet begann die Sünderin auf einmal, um ihr Leben zu betteln. Aber es half nichts. Der Henker schlug sie auf den Boden und schnitt ihr den Kopf auf der Erde ab. Das Volk raste vor Wut. So hatte es sich die „besondere Dramatik“ nicht vorgestellt. Die Erfindung der Guillotine wurde euphorisch gefeiert, weil das Fallbeil Unfälle unwahrscheinlicher machte.

Zu brutale Videos schrecken ab

Terroristen wollen ihre Opfer nicht schonen. Sie wollen Schrecken verbreiten. Allerdings konzentrierten sie sich bisher stärker auf den Schrecken als auf dessen Verbreitung. Sie begingen zwar die grausamsten Verbrechen – aber bedachten oft nicht, dass vielen Menschen der Anblick zu brutal war. So war es zum Beispiel bei der Enthauptung des israelisch-amerikanischen Journalisten David Pearl vor zwölf Jahren. Er war in Pakistan entführt worden. In Internetforen warnen Leute bis heute davor, das Video seiner Hinrichtung anzuschauen. Nicht, weil da ein Mensch vor aller Augen ermordet wird. Sondern, weil es „extrem gewalttätig und grausam“ sei und vor allem mit verstörenden Geräuschen. So beschreibt es ein Nutzer auf der amerikanischen Seite Reddit. Andere berichten von kaum bekannten Hinrichtungsfilmen, bei denen die Geräusche das Schlimmste gewesen seien.

Ein Mann schildert, wie es war, sich die Enthauptung von Eugene Armstrong 2004 im Irak anzugucken. „Zehn Jahre ist das her, und ich sehe immer noch vor mir, wie das Blut aus seinem Hals strömt, höre immer noch das dumpfe Stöhnen.“ Sein Fazit: Wer das anklickt, wird seines Lebens nicht mehr froh. Ein paar Freaks klicken dann natürlich erst recht. Aber viele, die solche Videos gucken, ticken so wie die Leute im Mittelalter: Sie wollen eine Show sehen, aber keine Todesqualen. Das haben die IS-Terroristen verstanden.

Schwester Tooba ist keine Kriegerin

Vor zwei Wochen verbreitete sich auf Twitter die Nachricht, dass die IS-Leute ein neues Hinrichtungsvideo ins Netz gestellt haben. Darin werde der Brite Alan Henning geköpft. Auch Schwester Tooba las davon. Sie ist 20, studiert Anglistik in London und zeigt als Profilbild bei Twitter eine Burka. „Alhamdulillah“, twitterte sie, das heißt Gott sei Dank. Außerdem schrieb sie, dass die meisten Muslime heute viel zu weich zu den Ungläubigen seien. Schwester Tooba suchte den Film im Internet. „Ist das neue Material verfügbar?“, fragte sie einen anderen Twitterer. Der antwortete: „Wenn ich es poste, wird mein Profil gesperrt.“ Wo könne sie es denn sonst finden, fragte Schwester Tooba. Auf Youtube war es auch schon gesperrt worden. Sie suchte weiter.

Das ist eigentlich irrsinnig, denn wenn man sich anguckt, was Schwester Tooba sonst schreibt, steht da nichts von Folter und Mord. Sie träumt von Kindern und twittert ein Foto von kulleräugigen Zwillingen. Dazu einen Smiley mit Herzchenaugen. Oder sie schreibt auf der Seite ask.fm. Da können Leute ihr anonym Fragen stellen: ob man als Muslima Piercings haben darf (Ohren und Nase, aber nur unter der Bedingung, dass sie in der Öffentlichkeit verhüllt bleiben) oder wie man über den Tod der Mutter hinwegkommt (Geduld und Gebet).

Schwester Tooba ist keine Kriegerin. Die meisten anderen, die sich solche Videos anschauen, auch nicht. Viele der Millionen Zuschauer verabscheuen die Terroristen und können auf einen „Islamischen Staat“ gut verzichten; das schreiben sie in die Nutzerkommentare unter die Videos. Aber es fasziniert sie, wie die IS-Kämpfer das Köpfen inszenieren. Nicht maximal blutrünstig, sondern als Unterhaltungsshow.

Wie ein Bösewicht aus einem Comic

Der Henker tritt als eine Art Popstar auf. Man nennt ihn „Jihadi John“, nach John Lennon. Ja, genau: Imagine all the people, living life in peace. Seine Terrorzelle heißt „The Beatles“. Das haben sich ehemalige Geiseln ausgedacht, die lebend davongekommen sind, wegen des britischen Akzents ihrer vier Peiniger. John, Paul, Ringo, George. Mehr als die Stimmen kannten die Geiseln nicht, die „Beatles“ waren vermummt. Ringo Starr, der echte, sagte der Zeitung „Daily Mail“, die Spitznamen seien Bullshit. Was die IS-Terroristen täten, verstoße gegen alles, wofür die Beatles stünden. Die Terroristen konnten sich freuen: Ein Weltstar hatte sie zu seinen größten Feinden erklärt. Als wären die Namen nicht schlimm genug, schrieben Journalisten später noch das „Jihadi“ vor „John“. Nun klang es wie der Böse in einem Superheldencomic.

In den Videos steht dieser Mann irgendwo in der Wüste; wahrscheinlich in Syrien, in der Nähe der Stadt Raqqa. Er trägt schwarze Kleidung, und auch sein Kopf ist schwarz verhüllt, nur ein Sehschlitz bleibt frei. In der Hand hält er die Mordwaffe: ein schlichtes Messer. Neben ihm kniet sein Opfer. Immer trägt es ein orangefarbenes Gewand, so wie die Muslime in Guantánamo. Diese Kostümierung nützt dem IS vor allem in den sozialen Netzwerken. Sie hilft dabei, den Terror zu verbreiten.

Hunderte Fans der Terroristen veröffentlichen täglich die immergleichen alten Bilder aus den Gefängnissen Guantánamo und Abu Ghraib. Besonders beliebt sind die Horrorfotos, die zeigen, wie amerikanische Soldaten ihre Gefangenen folterten und demütigten. Nackt an der Wand, angeleint auf dem Boden, blutend, kotverschmiert. Ein Bild kommt besonders oft: das World Press Photo von 2003. Es wurde in einem Lager der Amerikaner in Nadschaf aufgenommen. Ein gefangener Iraker sitzt auf dem Boden, sein Kopf steckt in einem schwarzen Plastiksack. Die Arme hat er tröstend um seinen kleinen Sohn geschlungen. Völlig erschöpft lehnt der Vierjährige an der Brust des Vaters. Wenn wieder ein neues Hinrichtungsvideo aufgetaucht ist, posten die Leute noch mehr solcher Bilder.

Kein Blutvergießen und kein Todeskampf

Die IS-Kämpfer tun so, als seien die Hinrichtungen eine gerechte Strafe. Sie zwingen ihre Geiseln sogar dazu, kurze Texte zu sprechen. Alle müssen sagen, dass Barack Obama oder David Cameron verantwortlich seien für ihren Tod. Die Terroristen sorgen dafür, dass ihre Opfer sie öffentlich von jeder Schuld freisprechen. Und sie bringen noch etwas zusammen, was nicht zusammenpasst: Ihre Mordvideos zeigen den Mord nicht. Sie wissen schon, warum.

Die Enthauptung mit einem Messer ist äußerst qualvoll für das Opfer. Viele Zuschauer wären empört, wenn sie das sehen müssten – so wie das Publikum bei den misslungenen Enthauptungen mit dem Schwert. Deswegen zeigen die IS-Terroristen in ihren Filmen zwar, wie der schwarze Mann das Messer an die Kehle des Opfers setzt. Jeder begreift sofort, wie kalt der Mörder ist. Aber dann wird der Bildschirm schwarz. Kein Blutschwall, kein Ton, kein Todeskampf. Kürzlich postete ein IS-Mann auf Twitter ein schwarzes Bild. „Imagine“, schrieb er.

Ein Kind mit einem abgeschlagenen Kopf

Am Ende der Videos kommt doch noch ein Bild: der Kopf des Ermordeten. Das ist grauenvoll genug. Aber für viele nicht zu grauenvoll. Für alle anderen hat sich einer der Terroristen etwas Besonderes ausgedacht. Vor einigen Wochen twitterte er ein Foto. Der Mann, ein Australier, war zum Islam konvertiert und IS-Kämpfer geworden. Seinen siebenjährigen Sohn hatte er mit nach Syrien genommen. Das Twitterfoto zeigt das Kind: ein süßer, dunkelblonder Junge mit Schirmmütze und bunter Plastikuhr. In den Händen hält er den abgeschlagenen Kopf eines syrischen Soldaten. Der Vater textete dazu: „Das ist mein Junge!“

Zeitungen verbreiteten das Foto, zum Beispiel die „Bild“ und die „Daily Mail“. Den Kopf des Toten überdeckten sie zwar mit einem schwarzen Rechteck. Doch dem Motiv konnten sie nicht widerstehen. Millionen Menschen auf der ganzen Welt sahen, dass die Terroristen wieder jemanden geköpft hatten. Diesmal keinen Ausländer, sondern einen Syrer. Diesmal ohne Video, dafür mit einem Foto. Und doch zeigten die Terroristen, was sie immer zeigen: ihren Willen, Unschuldige zu vernichten. Und sie zeigten es wie immer: so, dass die Welt es sieht. Das Schlimmste stand im Gesicht des kleinen Jungen. Er lächelte fast.

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Time am 20. Oktober 2014

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1) https://www.facebook.com/1455782671361187/photos/p.1458823204390467/1458823204390467/?type=1&theater
2) http://www.faz.net/aktuell/politik/is-nutzt-soziale-netzwerke-als-medium-des-terrorismus-13216504.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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4 Antworten to “Enthauptungen als Massenspektakel”

  1. JF Says:

    „Sie inszenieren Hinrichtungen nicht maximal blutrünstig – sondern als makabere Unterhaltungsshow.“ Mei, so wie früher halt. Mit Bratwurstverkauf und Gauklern. Blöder Fortschritt, wer will den schon?

  2. loewe Says:

    BBC Doku: Die Wissenschaft es Tötens:

  3. charlie Says:

    Hat Mokloschweinebacke in seinem Dreckspamphlet verfügt soziale, ungläubige Netze zu missbrauchen, oder hatte dieser Anal-phabet Kenntnis von Strom, Feuer, Licht und Quantenphysik? Lest im Koran, dort wurde die Relativitätstheorie beschrieben. Mehrdimensionale Räume hatten dort ebenfalls ihren Platz. Selbst intellektuell herausfordernde Rätsel wie: getrocknete Kamelscheiße brennt, hat Mokinderficker vorausgesehen. Welch großer, unverstandener Geist wurde dem weltweiten Moslempöbel zum Fraß vorgeworfen. Sorry, meine Kotzkeramik harrt meiner Gegenwart…

  4. charlie Says:

    Da Vögel Fluchttiere sind, flieht auch unser aller bekannter ex-Boxer vor dem Djihad und damit verbundener Beglückung der einzig 72-jährigen Jungfrau. Manche Vögel sind feige, und ehrlose Schweine, womit den intelligenten, sozialen, paarhufigen Mitgeschöpfen Unrecht getan wird.

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