Warum aufwärts – warum abwärts?

Aufwärts

„Die Welt“ brachte am 8. November eine Lobeshymne auf den Neoliberalismus von Stephan Wackwitz (1), der ein Buch von Philipp Ther vorstellte (Philipp Ther: Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa. Suhrkamp, Berlin. 431 S., 26,95 €.).

Wir lesen anschaulich, inwiefern und warum dieses Wirtschaftsmodell in Osteuropa zum Erfolg geführt hat, in Chile aber nicht ganz so überzeugend war.

Und wie Sie sich denken können, habe ich Wackwitzens Text vor allem mit Blick auf die mohammedanistische Sphäre gelesen.

Und wie Sie sich weiterhin denken können, sehe ich für die Orks schwarz – tiefschwarz, kohlrabenschwarz, pechschwarz!

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Sternstunde des Neoliberalismus

Jetzt wächst, was zusammengehört: Philipp Ther erzählt von der Wiedergeburt Osteuropas aus dem Geist der wirtschaftlichen Öffnung

Manchmal gehören soziologische Sachverhalte sozusagen zur Familie. Als ich 1999 beruflich nach Polen ging, war ich dort ein sehr reicher Mann. Ich hatte mit meinem BAT-Gehalt zehn- bis zwanzigmal mehr Geld zur Verfügung als jeder und jede andere in meinem schnell zustandegekommenen Krakauer Freundes- und Bekanntenkreis. Als ich 2005 von Krakau nach Bratislava ging, hatte sich meine Freundin F. gerade vom Erlös eines einzigen Gemäldes ihres berühmten Vaters, dessen Bilder sich der national und international interessant gewordene polnische Kunstmarkt inzwischen etwas kosten ließ, eine Wohnung in der Berliner Augustenstraße gekauft, einfach so und weil sie sich dort für ein Wochenende manchmal gerne aufhält. Ich hätte mir das nicht leisten können.

In Bratislava dann lernte ich N. und S. kennen, einen Maler und eine Fotografin, die mit ihren beiden Kindern in einer großen, aber bohemehaft bescheidenen Etagenwohnung auf den Karpatenhügeln über der Donau lebten. Als sie mich drei Jahre später in New York besuchen kamen, gaben sie für einen Abend zu dritt im Carlyle – es war einer jener sagenumwobenen Montage, an denen Woody Allen in einem der beiden Cafés dort spielt – ohne mit der Wimper zu zucken weit über tausend Dollar aus. Mir standen die Haare zu Berge. Inzwischen haben sich die beiden, die mit ihren künstlerischen Berufen bei den Sammlern und Werbekunden in der slowakischen Boom-Ökonomie gut im Geschäft sind, ein wunderschönes Atelier- und Wohnhaus im Umland von Bratislava gebaut. Während ich von mir inzwischen wenigstens sagen kann, dass ich es zu einer kleinen Ruhestandswohnung in Berlin gebracht habe. In einer Stadt übrigens, die 1989 der Inbegriff von Reichtum und Lebensglanz in der Region gewesen ist, während sie heute – arm, aber sexy – im Winter oft nicht das Geld hat, die Bürgersteige schneefrei zu halten. Während Prag und Warschau allen denkbaren Wirtschaftsparametern zufolge weit an der deutschen Hauptstadt vorbeigezogen sind.

Solche Geschichten (sie gehören zur gemeinsamen Zeithistorie einer seit 1989 entstandenen mitteleuropäischen Wirtschaftsregion) hört man in Berlin nicht gern; und in München glaubt man sie einem oft schon gar nicht oder tut sie als Kuriosum ab. Sie sind aber Indikatoren einer „Ko-Transformation“ Europas, die die deutsche Öffentlichkeit (in Österreich, vor allem in Wien, hat man weniger lang geschlafen) allmählich staunend zur Kenntnis nimmt. „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent“ heißt ein Buch des Historikers Philipp Ther, der am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien lehrt und einem solide und unterhaltsam erklären kann, was in den fünfundzwanzig Jahren seit dem Fall der Berliner Mauer mit uns allen passiert ist.

Der Held dieses Wirtschaftskrimis heißt Neoliberalismus, und er hat in unseren progressiven Kreisen eine schlechte Presse. Ganz unbegründet ist das nicht. Die wirtschaftswissenschaftlichen Lehren der „Chicago School“ und der „Mount Pelerin Society“ wurden – in den Jahren nach 1974 in Chile – zum ersten Mal unter den Bedingungen einer faschistischen Militärdiktatur ausprobiert. Und seine Grundsätze – bedingungslose Öffnung der Nationalwirtschaften zum Weltmarkt, Abbau staatlicher Subventionen und Regularien, Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen, Steuersenkungen, Einschränkung des Sozialstaats, Freigabe der Preise – scheinen zumindest ein Grund für den unproduktiven und riskanten Casino-Kapitalismus, der seit Beginn des Jahrhunderts die Weltwirtschaft abwechselnd befeuert und bedroht.

In der unmittelbar zurückliegenden Wirtschaftsgeschichte Europas aber haben die Vorstellungen August von Hayeks, Ludwig von Mieses und Alexander Rüstows ein wirkliches gesellschaftspolitisches Wunder bewirkt, nämlich die Transformation Mitteleuropas aus einem heruntergewirtschafteten Experimentierfeld sozialistischer Utopie in eine Zone stabiler und erfolgreicher Demokratien (aus deren Reihe freilich Ungarn in letzter Zeit wieder ausscheren zu wollen scheint).

Die Jahre von 1989 bis 2005 waren the finest hour des Neoliberalismus. Leszek Balcerowicz, Finanzminister der ersten postkommunistischen Regierung des Ostblocks, wagte den Großen Sprung als erster. Seine „Schocktherapie“ katapultierte Polen nach einer relativ kurzen Zeit voller Blut, Schweiß und Tränen in die moderne Welt. Wo das Land seither in einer Weise wirtschaftlich, politisch und kulturell bella figura macht, die 1989 kein Mensch für möglich gehalten hätte. Parallelgeschichten ereigneten sich in Tschechien, in der Slowakei, im Baltikum, in Ungarn und sogar in Außenposten der westlichen Welt wie dem kaukasischen Georgien.

Denn es gibt offenbar, wofür man in Deutschland kein Organ hat, weil abgesunkenes marxistisches Bildungsgut immer noch weithin das Bewusstsein der gebildeten Stände bestimmt, sehr verschiedene Spielarten des Neoliberalismus (und des Kapitalismus überhaupt). Und nicht alle führen die Gesellschaft ins Elend. Philipp Ther, der sich in Mitteleuropa exzellent auskennt, zeichnet die Ko-Transformation Europas – die Veränderung des Ostens, die zugleich eine seltener wahrgenommene Veränderung des Westens gewesen ist – mit historischer und wirtschaftswissenschaftlicher Erudition, brillant formuliert und kundenfreundlich portioniert nach. Er ist kein Apostel, Eiferer oder Prophet. Er verschweigt nicht, dass die neoliberale Rosskur hohe Kosten mit sich gebracht hat und dass sie, vor allem auf dem Land, für alte Menschen und für diejenigen Bürger Mitteleuropas, die sich mental nicht rechtzeitig auf die neuen Verhältnisse einstellen konnten, sehr schmerzhaft gewesen ist.

Nicht alle konnten von diesen Veränderungen profitieren. Aber man muss nur einmal im Auto über die polnisch-ukrainische Grenze fahren oder von Tbilissi nach Moskau fliegen, um den Unterschied zwischen einer chancenreichen und einer hoffnungslosen Gesellschaft atmosphärisch zu spüren. Man sieht den Unterschied in den Gesichtern der Menschen in der U-Bahn und in der Haltung der Beamten an der Grenze. Das Fahrgestell des Autos spürt ihn an der unterschiedlichen Qualität des Straßenbelags. Man glaubt in den Landschaften und den Städten der jenseitigen Länder schlechter atmen zu können als auf der Innenseite der neoliberalen Welt und man atmet auf, wenn man wieder zurückkommt. „Tbilisi, the City that loves you“ lautet der Slogan, der einen in der georgischen Hauptstadt schon am Flughafen willkommen heißt. Eine Zeitlang bekam man von den freundlichen Grenzbeamten und -beamtinnen bei der Einreise nach Georgien eine kleine Flasche Wein geschenkt. Und dass man als EU-Bürger dort kein Visum brauchte, daran hatte man sich bereits gewöhnt.

Ann Applebaum hat im Online-Magazin „Slate“ vor ein paar Wochen den zugleich naheliegenden und überraschenden Gedanken entwickelt, dass es kein anderes politisches Großprojekt der westlichen Welt gibt, das so erfolgreich und so segensreich gewesen ist wie die Transformation Mittelosteuropas. Der Nord-Süd-Ausgleich, dem sich Willy Brandt und die internationale Sozialdemokratie nach der erfolgreich beendeten Entspannungspolitik widmeten, ist weitgehend versandet und durch die im tiers-monde weithin herrschende Korruption sinnlos geworden. Die Interventionen des Westens in der islamischen Sphäre haben durchweg katastrophale Ergebnisse gezeitigt. Während derweil der verachtete Neoliberalismus zwar nicht überall die versprochenen blühenden Landschaften verwirklicht, aber greifbare und bleibende positive Wirkungen entfaltet hat. Insofern kann Philipp Thers schönes und kluges Buch über die neue Ordnung auf dem alten Kontinent auch die derzeit in der westlichen Welt und vor allem in Deutschland unangenehm wirksame Propagandalüge des Kreml entkräften, nach der die Ausdehnung der westlichen Welt bis an die russischen Grenzen die eigentliche Ursache der neuen russischen Imperialpolitik sei.

Die Menschen selber in diesen Ländern haben sich für die Lebensweise des Westens entschieden und sie sich unter großen Opfern erkämpft. Ihr Selbstbestimmungsrecht wiegt schwerer als irgendwelche Versprechungen, die westliche Politiker während der Verhandlungen mit dem bankrotten Sowjetreich angeblich abgegeben haben. Die historische Aufgabe der Öffentlichkeit im Westen besteht heute darin, sich diesen neuen Freunden unserer Wirtschafts- und Lebensform mit Interesse und in Solidarität zuzuwenden. Thers Buch kann uns dabei helfen.

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Time am 14. November 2014

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1) http://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article134125776/Sternstunde-des-Neoliberalismus.html

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