Naipaul: Verarbeitung des Verlustes

Orgie

Von sich selbst können die Orks nicht genug auf diesem Planeten sehen, der unter der Last dieser gierigen Heuschrecken ächzt. Freiheit, Gleichberechtigung und fröhliche Parties hingegen hingegen sind ihnen ein Greuel.

Im vorliegenden Abschnitt geht Vidiadhar Surajprasad Naipaul auf den psychologischen Hintergrund seines malayischen, nazislahmischen Gesprächspartners ein.

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naipaulMalaysia 6

Mohammed ließ zwei Schriftstücke da, die ich mir anschauen sollte. Eins war ein Essay, den er geschrieben hatte: „Schwächen des Modernismus: Der Trend zur Naddab (Renaissance) in der moslemischen Welt“. Er war im Stil der islamischen Missionare geschrieben. Ein Abschnitt war überschrieben „Der Bankrott des Westens – Laster und Lust, Alkohol und Frauen, wilde Parties und verführerische Umgebung“‚ ein anderer war überschrieben „Die Vollkommenheit des Islams“.

Es lag eine Logik darin. Der Westen, der Mohammed die akademische Bildung verschafft hatte, stand der Kritik, in der er ihn unterwiesen hatte, offen. Der Islam, der diese Bildung nicht zur Verfügung gestellt hatte, der nur restaurativen Glauben zur Verfügung stellte, war von Kritik ausgenommen.

Das zweite Schriftstück, das Mohammed mir daließ, war ein mit Bleistift beschriebenes Papier, das er für unser Treffen vorbereitet hatte. Es war ein Entwurf dessen, was er über die Neustrukturierung Malaysias gesagt hatte, und es war genauso abstrakt. Sein „Glaubenssystem“ verlangte nach der Anbetung Allahs, für das „Gesellschaftssystem“ wollte er Freiheit, keine Korruption und keinen Amtsmissbrauch in Ministerien, den Schutz von Frau und Familie, keine Prostitution und Vergnügungsviertel‚ das „Wirtschaftssystem“ insistierte auf moralischen Verdiensten, ohne Korruption, ohne Glücksspiel, ohne Ausbeutung der Armen und Niedrigem. Aber am Ende hatte das Papier noch eine Pointe. Mohammeds letzter Absatz über das „politische System“ seines idealen Staates rief nach einer Imam-ähnlichen Führung: Das Kalifat ist Gottes Stellvertretung auf Erden.

Er rief in Wirklichkeit nach jemandem wie Ayatollah Khomeini. Khomeini herrschte im Iran als Stellvertreter Gottes. Mohammeds Wunsch war es, dass jemand wie Khomeini in Malaysia herrschen sollte. Es war sein einziger konkreter Vorschlag.

Dahin hatten seine malayische und moslemische Leidenschaft, seine Kenntnis der Geschichte, das beginnende Selbstbewusstsein und intellektuelle Leben ihn geführt. Er hatte keine Ahnung von Reform oder irgendeinem Verbesserungsprozess. Mit dem Konkreten befasste er sich nicht. Es war schwer für ihn, der sich auf anderer Leute Worte und Gedanken stützte und diese Gedanken seinen eigenen wortlosen Emotionen anpasste, konkret zu sein. Er wollte nur, daß die Welt so plötzlich neu geschaffen und neu in Besitz genommen wurde‚ wie sie ihm (in seiner Erinnerung des Dorfjungen, der zur Missionsschule neben dem Friedhof ging) weggenommen worden war. Das war die Verheißung seines Islams.

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Time am 22. November 2014

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V. S. Naipaul, „Eine islamische Reise“ von 1981,
DTV München 2002, S. 416 f.

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