Naipaul: wenig mehr als Wut

Waran

Wir nähern uns dem Ende von Vidiadhar Surajprasad Naipauls Reise durch vier mohammedanistische Staaten.

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naipaulIndonesien 1

Der Islam, der zu diesen Dörfern kam – aufpoliert mit neuen und geborgten Vorstellungen von der Verderbtheit der Maschinen, dem Missbrauch ausländischer Hilfe – war der Islam, der Ende des zwanzigsten Jahrhunderts seine politischen Wurzeln neu entdeckt hatte. Der Prophet hatte einen Staat gegründet. Er hatte den Menschen die Vorstellung von Gleichheit und Einheit gegeben. Die Herrschaftsstreitigkeiten, die seinen Staat früh befallen hatten, waren in die Theologie der Religion eingedrungen, so dass diese Religion, die die Tage der Menschen mit Ritualen und Andachtszeremonien füllte, die das Leben nach dem Tode predigte, den Menschen gleichzeitig das schärfste Gefühl für menschliche Ungerechtigkeit gab und das zum Teil der Religion erhob.

Dieser Islam des späten zwanzigsten Jahrhunderts schien politische Themen aufzugreifen. Aber er hatte den gleichen Mangel wie seine Ursprünge – den Mangel, der sich durch die ganze islamische Geschicht zog: auf die politischen Fragen, die er aufwarf, gab er keine politischen oder praktischen Antworten. Er bot nur den Glauben. Er bot nur den Propheten, der alles regeln würde, den es aber nicht mehr gab. Dieser politische Islam war Wut, Anarchie.

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Time am 30. November 2014

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V. S. Naipaul, „Eine islamische Reise“ von 1981,
DTV München 2002, S. 508

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