Sie dürfen nie gewinnen

Popper

Karl Popper

Von Volker Zastrow erschien auf „FAZ.NET“ eine bemerkenswerte Reflexion über Aspekte der Philosophie des Juden Karl Popper (1).

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Popper und der Terror

Die offene Gesellschaft hat immer Feinde

Karl Popper wäre über die Anschläge von Frankreich kaum überrascht. Der Philosoph verstand, warum Menschen bis zur Unmenschlichkeit gegen die offene Gesellschaft kämpfen. Es ist an der Zeit, sich bewusst zu werden, wo wir stehen – und wohin wir wollen.

Überall auf der Welt nennt man Taten wie das Massaker von Paris „unmenschlich“. Schon im Altertum war es üblich, grausame Verbrechen als „tierisch“ zu bezeichnen, aber „unmenschlich“ sagt auf merkwürdig unlogische Weise doch genauer, was eigentlich gemeint ist. Jeder versteht sofort. In nahezu allen Sprachen werden besonders grausame Verbrechen unmenschlich genannt, sei es nun auf Deutsch oder Persisch, Chinesisch oder Französisch, Arabisch, Suaheli, Englisch oder Türkisch – und das heißt doch, dass es auf der ganzen Welt, in ganz unterschiedlichen Kulturen und sogar in den unterschiedlichsten historischen Epochen, grundlegende Übereinstimmung darüber gibt, dass unmenschlich handelt, wer Massenmord begeht, Unbewaffnete tötet, Wehrlose quält und so weiter.

Selbst im Kampf und Krieg soll das noch gelten; international ist es zum Beispiel in der Genfer Konvention niedergelegt. Aber es sind nicht Normen oder Konventionen, denen sich das sichere Gefühl verdankt, dass es unmenschlich ist, jemanden mit Stiefeln ins Gesicht zu treten, der am Boden liegt. Geschweige denn eine ganze Redaktion niederzumähen, die nur mit Tinte und Feder bewaffnet ist, oder Unschuldige als Geiseln zu nehmen.

Seit es Menschen gibt, begehen sie unmenschliche Taten, überall auf der Welt. Warum nennen Menschen wider alle Logik so hartnäckig „unmenschlich“, was Menschen so hartnäckig tun? Aus Mitgefühl. Doch wohl auch aus Grauen.

Grauen ist etwas anderes als Furcht, es ist mehr als nur die Angst und der Schrecken, die solche Taten verbreiten. Im Grunde ist das Grauen Mitgefühl für den Täter – ein Gefühl, dass man eigentlich nicht fühlen kann, weil es Mitgefühl für ein Objekt ist, das sich aufgelöst hat. Deshalb Grauen. Es gilt dem Täter, einem Menschen, dem es nicht mehr gelten kann, weil der einen zwingt mitanzusehen, wie er sein Leben verwirkt. Das Selbstmordattentat bringt das auf den Punkt. Aber auch anderen Terroranschlägen ist diese Botschaft eingeschrieben: dass die Täter sich selbst nichts wert sind. Der Mensch gilt ihnen nichts, weil sie sich selbst nichts gelten. Solche Verachtung des Lebens ist gerade kein Martyrium, kein Opfer, kein Heldentum.

Ist es möglich, sich so ganz und gar auszulöschen, aus der Menschheit auszutragen? Im ersten Psalm steht, dass es Menschen gibt, die wie Bäume an Bächen sind und Früchte tragen, andere jedoch wie Spreu, die der Wind verweht. Deren Leben wäre demnach wie ungelebt. Wann wird es gelebt, wann sind wir menschlich? Jeder weiß das: durch Güte, Liebe, Mitgefühl. Religionen formulieren diese Einsicht nicht viel anders als Philosophen: in der Bergpredigt des Christentums die Absage an Vergeltung und das Gebot der Feindesliebe. Damit sind aber nicht wohlschmeckende Nachspeisen wie Eierkuchen und Freudefriede gemeint, sondern dass man auf die Backen kriegt. Bei Sokrates heißt der entscheidende Satz, Unrecht leiden sei besser als Unrecht tun.

Auf dieses Wort Sokrates’ gründet Karl R. Popper sein 1945 erschienenes Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. Das Buch war die bedeutendste Programmschrift des Antitotalitarismus. Nach dem Ende des Kalten Krieges scheint es in Vergessenheit zu geraten – schien doch der Totalitarismus in seinen beiden aktuelleren Erscheinungsformen, nämlich Kommunismus und Faschismus, überwunden. Doch in unseren Tagen führt kein Weg mehr an der Einsicht vorbei, dass die offene Gesellschaft kein Geschenk des Himmels ist, sondern immer neu errungen und wertgeschätzt werden muss – wie das Leben selbst.

Popper hat die Schwelle des 21. Jahrhunderts nicht mehr erlebt, doch ihn hätte das nicht überrascht. Seine These war ja gerade, dass der Widerstreit zwischen offener und geschlossener Gesellschaftsordnung im Menschen selbst angelegt ist, genauer gesagt: in seinen Bedürfnissen nach dem „verlorenen Gruppengeist des Stammes“ einerseits und andererseits dem Streben nach Freiheit. Popper, der als humanistisch gebildeter Sozialist begann und dann zum liberalen Denker wurde, fasst diesen Konflikt in dem Satz zusammen: „Wir tragen das Kreuz dafür, dass wir menschlich sind.“ Lassen wir ihn auszugsweise selbst zu Wort kommen.

„Wir können niemals zur angeblichen Unschuld und Schönheit der geschlossenen Gesellschaft zurückkehren. Unser Traum vom Himmel lässt sich auf Erden nicht verwirklichen. Wenn wir erst mit der Unterdrückung von Vernunft und Wahrheit beginnen, dann müssen wir mit der brutalsten und heftigsten Zerstörung all dessen enden, das menschlich ist. Es gibt keine Rückkehr zu einem harmonischen Naturzustand. Wenn wir uns zurückwenden, dann müssen wir den ganzen Weg gehen – wir müssen zu Bestien werden. Aber wenn wir Menschen bleiben wollen, dann gibt es nur einen Weg, den Weg in die offene Gesellschaft.

Obwohl sich Popper in eine Tradition stellte, die er bis auf Perikles und Sokrates zurückführte, hatte er selbst doch einige umwälzende Einsichten in die Diskussion gebracht. Er selbst nannte sein Projekt „kritischen Rationalismus“, aber man könnte es auch eine Theorie der Bescheidenheit nennen; Popper suchte sozusagen nach der einfachsten, nicht nach der großartigsten Lösung für die Fragen, die ihn beschäftigten. Allemal der am wenigsten pracht- oder prunkvollen. Seine Vorschläge, bisweilen in einem Meer der Beredsamkeit nicht ganz leicht aufzufinden, sind letztlich von genialer Einfachheit. So will er als wissenschaftliche Theorie nur gelten lassen, was „falsifizierbar“, also widerleglich ist. Ewige Wahrheiten gehören diesem Bereich nicht an. Und ähnlich einfach – für manche vielleicht schockierend simpel – benennt Popper den entscheidenden Vorzug der Demokratie: dass man die Mächtigen abwählen kann.

Das hilft allen auszuhalten, dass die Gesellschaft sich ständig verändert, dass sie neue Wege erprobt und sich dabei immer wieder korrigieren muss. Und dass Lebensstile, Meinungen, Überzeugungen und sogar Religionen wie wild herumflitzen und dabei auch heftig aufeinanderprallen. In einer solchen Gesellschaft gibt es das Recht, aber keine verbindlichen Zurechtweisungen, und der Weg führt, so Popper, „ins Unbekannte, ins Ungewisse, ins Unsichere“.

Man kann mit einer solchen Gesellschaft nicht in tiefem Einvernehmen leben – jedenfalls nicht, wenn man Erwartungen an sie richtet, für die vielleicht ein Uterus der ideale Lebensraum wäre, aber nicht Staaten, die den Menschenrechten verpflichtet sind. Anders gesagt: Es gibt in einer offenen Gesellschaft keinen Anspruch darauf, im Mittelpunkt zu stehen, versorgt zu werden und auch noch recht zu haben. Terrorismus ist die ultimative Rechthaberei; es klingt leider wie ein Kalauer, ist aber keiner.

Ein bisschen Wärme bietet Poppers eiskalt klingender „kritischer Rationalismus“ trotzdem. Denn eigentlich ist er die politische Theorie der Güte. Und Güte ist eben doch stark. Unmenschliche Taten simulieren nur Stärke, und sie jagen vor allem den Schwachen furchtbare Angst ein. Dabei können die Feinde der offenen Gesellschaft noch nicht einmal aushalten, wenn jemand anderer Meinung ist. Oder überhaupt anders ist. Sie können die eigene Schwäche nicht ertragen. Sie dürfen nie gewinnen.

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Time am 12. Januar 2015

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1) http://www.faz.net/aktuell/politik/popper-und-der-terror-gegen-die-offene-gesellschaft-13363168.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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8 Antworten to “Sie dürfen nie gewinnen”

  1. vitzli Says:

    Zastrow labert ziemlich dämlich am thema vorbei und instrumentalisiert popper, von dem er nichts verstanden hat.

    popper meinte mit „offener gesellschaft“ ja nicht, daß jeder reinmarschieren kann. das unterschlägt zastrow.

    wenn man millionen von menschen hereinwinkt, die religionsideologisch alles andere als eine „offene gesellschaft“ wollen, und mittlerweile so stark sind, daß sie die aufgefundene mehr oder weniger „offene gesellschaft“ im ideologischen würdegriff haben, dann nutzt der tägliche kampf um die OG, wie sie sich zastrow wohl vorstellt, nichts. er will uns diesen immer schwieriger werdenen kampf zumuten, ohne über die ursache (moslemeinwanderung – die geborenen feinde der offenen gesellschaft) zu reden.

    das hat auch popper nicht gemeint.

    was will also der laberer zastrow von popper?

  2. Sophist X Says:

    Mir wir nicht klar, auf was sich Zastrow da bezieht. Dieser Riemen passt überall und nirgends.

    Im Grunde ist das Grauen Mitgefühl für den Täter – ein Gefühl, dass man eigentlich nicht fühlen kann, weil es Mitgefühl für ein Objekt ist, das sich aufgelöst hat. Deshalb Grauen. Es gilt dem Täter, einem Menschen, dem es nicht mehr gelten kann, weil der einen zwingt mitanzusehen, wie er sein Leben verwirkt. Das Selbstmordattentat bringt das auf den Punkt. Aber auch anderen Terroranschlägen ist diese Botschaft eingeschrieben: dass die Täter sich selbst nichts wert sind. Der Mensch gilt ihnen nichts, weil sie sich selbst nichts gelten.

    Das ist alles kompletter Quark. Falls nicht, möge jemand aufklären.

    Das Grauen gilt sicher nicht dem Täter. Das geht schon begrifflich nicht.
    Es funktioniert mit einer Krücke, wenn man, wie Zastrow, Mitgefühl (Für den Täter!) und Grauen zusammenrührt, aber das ist eine nicht nachvollziehbare Analogie und damit bleibt die Grundaussage völlig doof.

    Den Rest lasse ich mal so liegen, es wird sonst unlesbar.

  3. Time Says:

    Hallo,

    wenn man sich vornimmt, einen Irrglauben zu dekonstruieren, der seit 1400 Jahren die Menschheit quält, ist revolutionäre Ungeduld m.E. unangebracht. Wir brauchten mehrere Jahre, um den Mohammedanismus als dritte totalitäre Ideologie unserer Zeit zu identifizieren und zu kommunizieren. Begriffe wie „Islamfaschismus“ sind noch relativ neu. Zastrow folgt diesem Gedanken und führt dafür mit Popper einen der bedeutendsten Philosophen der Moderne ins Feld. Es ist klar, dass er den Begriff als solchen vermeiden muss, ebenso wie er von „Terrorismus“ spricht anstelle von mohammedanistischem Terrorismus oder Jihad. Würde er dies tun, wäre sein Artikel nicht in der FAZ erschienen, aber wir wissen alle auch so, was gemeint ist.

    Ähnlich übrigens ein Artikel von Michael Martens mit dem Titel „Was der Islam mit dem Islam zu tun hat“ unter http://www.faz.net/aktuell/politik/was-die-anschlaege-von-paris-mit-dem-islam-zu-tun-haben-13362901.html

    Martens repliziert eine Parole des Counterjihad. Auch wenn er später im Text feststellt: „Im Koran finden sich Belege für Menschenliebe und Menschenhass, weshalb niemand die Zitatschlachten von Jubelsuren gegen Sudelsuren gewinnen kann. Es kommt nicht darauf an, was im Koran steht. Sondern darauf, wie das Geschriebene interpretiert wird.“, was natürlich Unfug ist, so bleibt die counterjihadische Parole.

    Bei Zastrow kommt dazu ein markiges Schlusswort:

    „Unmenschliche Taten simulieren nur Stärke, und sie jagen vor allem den Schwachen furchtbare Angst ein. Dabei können die Feinde der offenen Gesellschaft noch nicht einmal aushalten, wenn jemand anderer Meinung ist. Oder überhaupt anders ist. Sie können die eigene Schwäche nicht ertragen. Sie dürfen nie gewinnen.“

    Die Feinde der offenen Gesellschaft, zu der es keine Alternative für die Menschheit gibt, dürfen nie gewinnen!

    Das ist doch ein starkes Programm.

    Ich grüße euch herzlich,

    Time

  4. Sophist X Says:

    Gebongt.

  5. vitzli Says:

    ich bin anderer meinung.

    zastrow benennt die wahre ursache der gefahren für die offene gesellschaft nicht: die massive einwanderung von moslems.

    damit vertuscht er ganz im sinne der herrschenden und lenkt auf falsche fährten. (der moslemimport soll also weitergehen, wir sollen nur ein bischen mehr auf unsere offene gesellschaft aufpassen!)

    ob die unterstellten hehren motive INSGEHEIM vorliegen, wissen wir nicht. ich bezweifele das.

  6. Time Says:

    Für die USA und Israel war/ist massive Einwanderung z.B. ein Segen.

    Es geht nicht um Einwanderung, sondern um den Nazislahm!

    Ich versuche seit Jahren, mich auf ein EINZIGES Thema zu konzentrieren: Die totale Dekonstruktion des Mohammedanismus.

    Alles andere verwischt m.E., macht uns schwach und verhindert, dass wir der eigentlichen Gefahr ins Auge sehen.

    PS: Der Import von Orks muss allerdringendst gestoppt werden!

  7. vitzli Says:

    ich wiederhole mich gerne:

    wenn du 500 hierzulande menschen mühsam davon übezeugst, daß der islam problematisch ist, und währenddessen gleichzeitig 50.000 frische moslems mit gestärktem glauben einwandern, kannst du dir selber ausrechnen, wer wen dekonstruiert.

    zastrow ist aber wesentlich problematischer: er UNTERSTÜTZT mit seinem artikel die einwanderung der moslems (was ja keine ursache darstellt, so seine schreibe). er will nur, daß wir uns besser verteidigen, ein völlig verlorenes unterfangen angesichts der einwandernden moslemmassen.

    die usa sortiert ihre einwanderer (aber allmählich schwächeln die auch), wir importieren fast nur analphabeten und ausbildungslose.

    wenn moslems ihren glauben im orient ausleben wollen, ist dagegen auch nichts einzuwenden. das geht uns nämlich nichts an.

    dein ziel riecht nach kulturimperialismus 😀

    gruß

    vp.

  8. Time Says:

    Du solltest Dich vielleicht mal mit dem japanischen Nationalspiel „Go“ beschäftigen!

    Ich bin übrigens ein Kulturimperialist – und das ist gut so! 😉

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