Furchtbare Realität

david-grossman

Von dem linken Israeli David Grossman (1) erschien heute – übersetzt von Helene Seidler – auf „FAZ.NET“ ein Kommentar, der sich mit den psychischen und sozialen Folgen des mohammedanistischen Terrors auseinandersetzt (2).

_____

Die Folgen des Terrors

Mit dem Bösen in Berührung gebracht

Der Terror zerstört nicht nur Menschenleben, er nährt auch Furcht und Misstrauen in jedem Einzelnen. Dabei droht der liberalen Gesellschaft etwas Entscheidendes verloren zu gehen.

Allmählich beginnen die Bürger Europas zu begreifen, was der islamistische Terror über sie zu bringen droht. Vielleicht wagen noch nicht alle, sich das einzugestehen, vielleicht verleiht das Zusammensein bei Massendemonstrationen ein Gefühl der Sicherheit und Gemeinschaft, doch im tiefsten Inneren richtet sich die von den Terroristen geschaffene neue Realität bereits ein.

Ich rede hier nicht von den unzähligen Durchsuchungen am Eingang zum Kino, zum Restaurant, zum Fußballstadion oder zum Flughafen; nicht von den lähmenden Verkehrsstaus, die entstehen, wann immer ein verdächtiges Objekt gesichtet wird; nicht von all den ärgerlichen Beeinträchtigungen des täglichen Lebens. Ich rede von der Erfahrung, dass das Leben unter Terrorbedrohung den einzelnen Menschen und damit die ganze Gesellschaft verunstaltet. Von der Notwendigkeit, stets auf der Hut, stets misstrauisch zu sein. Jedes Bild friedlicher Routine prüfen zu müssen, als berge es einen doppelten Boden. Von der Angst vor dem Bekannten und dem Unbekannten.

Ich rede vom Wissen, dass man seine Lieben vor der blinden Willkür des Terrors nicht schützen kann. Und davon, dass man sich, apathisch resignierend, an die nach jedem Attentat schärfer und häufiger werdenden Sicherheitsmaßnahmen gewöhnt, dass man automatisch jeden, der einem entgegenkommt, blitzschnell einordnet, um aufgrund seiner Hautfarbe, Kleidung, Aussprache augenblicklich die von ihm ausgehende Gefahr einzuschätzen. Ich rede davon, dass man an sich selbst entdeckt, wie schwer es ist, der rassistischen Denkweise entgegenzuwirken, wenn man in einem Klima des Terrors lebt. Wer einer der „verdächtigen“ ethnischen Gruppen angehört, wird eine bisher ungekannte Erniedrigung erfahren: die Kränkung des von vornherein und im Nachhinein Verdächtigen.

Begegnung mit dem eigenen Bösen

Denn die wirklich zerstörerische Kraft des Terrors beruht darauf, dass er den Menschen letzten Endes mit jenem Bösen in Berührung bringt, das der Mensch selbst in sich birgt. Mit dem Niedrigen, dem Animalischen, Chaotischen. Das gilt für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft als Ganzes.

Der Terror sucht im Allgemeinen keinen Dialog – und der Terror der Mörder von Paris ganz gewiss nicht. Er will die Gesellschaft, gegen die er agiert, am Ende zerbrechen. Er möchte die Beziehungen und Übereinkünfte zerstören, die die Menschen trotz aller Unterschiede vereinen. Beziehungen, die unter großen Anstrengungen und nicht immer mit Erfolg zwischen Menschen verschiedener Gruppenzugehörigkeiten geknüpft worden sind und die sich stabilisiert haben, Übereinkünfte, wie sie die Welt, die aufgeklärt sein möchte, anerkennt und praktiziert: Gleichheit, Menschenwürde, freie Meinungsäußerung, Demokratie – die größten Errungenschaften der Menschheit.

Gefährdete Gruppen müssen geschützt werden

Auf deren Stimme aber, auf die klare Stimme der gemäßigten, nüchternen, dialogbereiten Muslime, sollte in diesen Tagen die ganze Welt hören. Sie sind besser als alle anderen geeignet, dem erschütterten Europa das verlorene Gleichgewicht zurückzugeben. Sie sind jene, die jetzt aufstehen und uns allen in Erinnerung rufen müssen, dass dieser Krieg nicht zwischen dem Islam und dem Christentum (oder dem Judentum) geführt wird, sondern zwischen fanatischen Extremisten und Menschen, die erkannt haben, dass der Weg der Toleranz der einzige ist, der in unserer Wirklichkeit mit ihren vielen Kulturen, Ethnien und Religionen Leben verspricht.

Vor allem aber stehen die Staaten, die zur Zielscheibe des islamistischen Terrors geworden sind (und welcher westliche Staat wäre das heute nicht?), ab sofort in der Pflicht, die nun höchst gefährdeten Gruppen zu schützen. Zu ihnen gehören Journalisten und Intellektuelle, die im Krieg um die Meinungsfreiheit in der Feuerlinie stehen, und zu ihnen gehören die jüdischen Minderheiten allerorten.

Die Existenzangst, die die europäischen Juden ergriffen hat, weist eine furchtbare historische Dimension auf. Ja, es stimmt: Die Umstände sind heute völlig andere als vor 75 Jahren, die Antennen für die jüdische Befindlichkeit empfindlicher als damals. Dennoch sollte sich jeder vernünftige Mensch fragen, ob er die Vorstellung, dass Juden in Europa auf dem Weg zur Synagoge, zur Schule und zum Kindergarten von Polizisten bewacht werden müssen, für erträglich hält und was sie oder er tun kann, um die Realität zu ändern, die uns in diese Lage gebracht hat.

_____

Time am 17. Januar 2015

_____

1) http://de.wikipedia.org/wiki/David_Grossman
2) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kommentar-von-david-grossman-mit-dem-boesen-in-beruehrung-gebracht-13372302.html

Schlagwörter: ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: