Im Interview: Thomas Hestermann

Hestermann

Das Dimmi-Magazin „Qantara“ brachte ein Interview von Dschnanan Topschtu (Canan Topçu) mit dem Medienwissenschaftler Thomas Hestermann (1).

Tork Topschtu ist höchst medienkritisch, was bedeutet, dass es für ihn zu wenig Mohammedanismus in den Medien gibt. Nur bestimmte „Stars“ tauchten s.E. wieder und wieder auf, dabei würden die Verbrechen des satanischen Klo H. Metzel doch von allen Orks verehrt, und nicht jeder sehe aus wie der fette Aiman. Die anderen Orks hätten auch das Recht, ihre Verehrung des Massenmörders in jedes deutsche Wohnzimmer zu tragen.

Hestermann, Fernsehjournalist und Professor für Journalismus an der Hochschule Macromedia in Hamburg und Berlin, lässt sich durch das Tork jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Guter Mann!

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„Die einen wollen nicht, die anderen sind nicht geeignet“

Warum treten in deutschen Talk-Shows immer dieselben muslimischen Persönlichkeiten auf? Ist es reine Absicht, dass undifferenzierte Positionen wiedergegeben werden? Warum fehlen Experten und Intellektuelle? Darüber sprach Canan Topçu mit dem Journalismus-Professor Thomas Hestermann.

Herr Hestermann, es gibt kaum einen Tag, an dem sich im deutschen Fernsehen eine Talksendung nicht der Islam-Debatte widmet. Als Zuschauer mit muslimischem Hintergrund gewinnt man den Eindruck, dass die Macher dieser Formate miteinander konkurrieren…

Thomas Hestermann: Das ist doch positiv! Es wird über den Islam, die Muslime und auch islamistischen Extremismus diskutiert. Diese Themen bewegen derzeit viele Menschen. Der Diskurs wird öffentlich geführt, es wird öffentlich darüber gestritten. Es gibt in den Medien immer Themenkonjunkturen. Derzeit dominieren die Islam-Debatten, irgendwann ist dieser Hype wieder vorbei.

Nach welchen Kriterien wählt die Redaktion einer TV-Talksendung ihre Gäste aus?

Hestermann: Eine Talksendung ist eine Inszenierung, eine Art Theaterstück, bei der es zwar einen Regisseur gibt, aber die Schauspieler ihr Drehbuch selbst mitbringen. Die Redaktionen recherchieren, welche Positionen ihre Gäste an einer anderen Stelle geäußert haben, aber sie können nur ungefähr abschätzen, welche Rolle sie in der Sendung übernehmen werden. Diese Person muss eine Etikette haben – etwa ein Amt oder eine bestimmte Funktion haben oder ein Buch geschrieben haben, gut auftreten können und eine klare Position vertreten. Die Redaktionen schauen danach, ob ein Gast eine gewisse Prominenz hat. Dabei kommt die Selbstreferenz ins Spiel. Der Journalismus bildet sich selbst immer wieder ab: Wenn jemand in einer Talk-Sendung eine furiose Position übernommen und gut geredet hat, dann wird er wieder eingeladen. Und solch ein Auftritt veranlasst wiederum andere Talk-Redaktionen, diese Person auch einzuladen. Es geht also nicht vorrangig darum, neue Gäste zu präsentieren. Allein mit Namen und Gesichtern, die keiner kennt, kann man keine Sendung bewerben – das lässt sich nur sehr dosiert einsetzen. Um das beispielhaft an der Islam-Debatte zu konkretisieren: Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime oder die Religionspädagogin Lamya Kaddor werden immer wieder eingeladen, weil sie medientauglich sind und ihre Positionen auf markante Weise vertreten.

Medientauglichkeit ist also das Kriterium, um im Fernsehen für und über Muslime in Deutschland zu sprechen?

Hestermann: Für eine TV-Talksendung spielt die Erzählkraft eine wichtige Rolle. Es gibt zu wenige, die dieses Kriterium erfüllen und Einladungen annehmen. In den Islam-Debatten ist das noch schwieriger als bei anderen Themen. Es gibt viele Personen mit Kompetenz, theologisches Wissen und Kenntnis der gesellschaftlichen Entwicklungen, sie können aber nicht gut sprechen und erklären. Um als Gast in Frage zu kommen, muss man eloquent sein, gut auftreten können und klare Positionen vertreten – und diese Kriterien erfüllen Talk-Gäste wie Kaddor und Mazyek. Die Redaktionen suchen danach aus, wer etwas zu sagen hat, wer eine eindeutige Meinung vertritt. Es geht nicht vorrangig darum, für wie viele Menschen sie sprechen und welche Gruppen sie repräsentieren. Die TV-Talk-Sendungen funktionieren nach dem Heiß-Kalt-Muster; zusammengebracht werden interessante Gäste mit klarer Kante und mit polarisierenden Positionen. Dass Personen unverwechselbar sind – das ist wichtig für Medien: Gäste mit USP, unique selling proposition, wie es im Fachjargon heißt, also einem Alleinstellungsmerkmal.

Das Argument, es gibt nicht viele Muslime, die gut sprechen und gut argumentieren können, kann ich schwer nachvollziehen. Meine Wahrnehmung ist eine andere…

Hestermann: Dass immer dieselben Personen in den Talk-Sendungen präsent sind, hat sicherlich auch etwas damit zu tun, dass viele von denen, die zu Islam-Debatten eingeladen werden, nicht kommen. Sie lehnen ihre Teilnahme ab, weil sie sich vorrangig als Schriftsteller oder Schauspielerinnen oder Politiker verstehen und nicht als Vertreter des Islams – schade, dass sie dann in solchen Debatten fehlen! Andere lehnen ab, weil sie sich mit dem Format der Sendung nicht anfreunden können, weil sie nicht dauernd unterbrochen werden wollen und mehr Zeit haben möchten, um ihre Argumente auszuführen. Sie möchten komplexe Sachverhalte nicht verknappt in so genannten Sound Bites, also Ton-Häppchen, wiedergeben. Diese Verknappung machen viele Experten und Intellektuelle nicht mit – eben auch viele islamische Theologen, Islamwissenschaftler oder andere Sachkundige. Wenn man sich die genannten Kriterien für den Fernsehauftritt vergegenwärtigt, dann bleiben im Bezug auf die Islam-Debatte nicht viele übrig, mit denen eine Talk-Sendung bestritten werden kann. Die einen wollen nicht, andere sind nicht geeignet.

Dass immer wieder dieselben Personen als „Islam-Vertreter“ in TV-Talks zu Wort kommen, verwundert viele Muslime, ja es verstimmt sie sogar, weil sie sich von diesen Personen nicht vertreten fühlen. Manch einer unterstellt den Machern dieser Sendungen böse Absichten…

Hestermann: Man sollte von Mitarbeitern einer Talk-Redaktion nicht universelles Wissen erwarten und ihnen nicht ideologische Gründe bei der Wahl der Gäste unterstellen. Die Themen der Sendungen müssen sich an der Aktualität orientieren, oft ist die Zeit für eine intensive Vorbereitung nicht da. Eine Redaktion, die heute eine Sendung macht über die Zukunft der Rentenkasse, dann über Konflikte mit Computer-Kids und sich zwischendurch der Frage nach islamistisch motivierter Terrorgefahr widmet, kann nicht alles berücksichtigen. Da wird halt schnell auf die Liste derer zurückgegriffen, die sich als Gäste bewährt haben. Wer die TV-Talk-Sendungen kritisiert, sollte sich auch die Zwänge des Mediums und des Formats vergegenwärtigen.

Es gibt viele Zuschauer aus den muslimischen Communities, die haben den Eindruck, dass die Macher der TV-Talksendungen gar kein Interesse daran hätten, die Vielfalt der Stimmen innerhalb der muslimischen Communities wiederzugeben…

Hestermann: Die Neugier im deutschen Journalismus sollte nicht unterschätzt werden – die Neugier der Redakteure an den vier Millionen Menschen mit muslimischen Glauben, die in diesem Land leben und die zu uns gehören. Man will diesen Menschen Gehör geben, ihnen das Wort erteilen. Bisher gibt es eher eine Angebotsknappheit an guten Talk-Gästen. Die einen wollen nicht, die anderen müssen es erst noch trainieren. Anstatt die Redaktionen wegen der Auswahl der Gäste zu kritisieren, sollten sie es Mayzek, Kaddor und den anderen nachmachen, die derzeit in den Talk-Sendungen präsent sind. Anstatt mit Missmut auf die Stars aus dem Kreis der Muslime im deutschen Fernsehen zu schauen, sollten sie aus den Puschen kommen! Wenn sich Menschen muslimischen Glaubens durch Personen im deutschen Fernsehen nicht vertreten fühlen, dann sollten sie aktiv werden; entweder sich in den bestehenden Verbänden organisieren, andere Organisationen oder Initiativen gründen. Also nicht jammern, sondern mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen auf sich aufmerksam machen. Sie müssen allerdings ihre Standpunkte gut artikulieren können. Das Handwerk, gute Fragen zu stellen, kann man übrigens genauso lernen, wie gute Antworten zu geben. Es geht nun einmal im Fernsehen nicht nur um Meinung und Position, sondern auch um Performance und Sprachkompetenz. Das ist wichtig in diesem Medium, davon lebt es. Wenn in einer Talk-Sendung Leute sitzen, die nicht die Zähne auseinanderkriegen, die nicht gut formulieren können und die langweilig daher kommen, dann bleibt kein Zuschauer dran.

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Time am 11. Februar 2015

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1) http://de.qantara.de/inhalt/interview-mit-dem-medienwissenschaftler-thomas-hestermann-die-einen-wollen-nicht-die-anderen

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2 Antworten to “Im Interview: Thomas Hestermann”

  1. Sophist X Says:

    Topschuh hat somit selbst gemerkt, was passiert, wenn man jemanden interviewt, der seinen Stoff kennt. Man kommt mit den vorgefertigten Phrasen nicht so weit wie üblich.
    Immerhin konnte Topschuh akzeptieren, dass es nicht an der Islamophobie der Medien liegt, sondern an mangelnder Bereitschaft zum Talkshow-Dschihad seiner Leute. Ohne diese indirekte message wäre der Text wohl im Archiv gelandet.

  2. charlie Says:

    Meine Güte, Herr Hestermann. Eloquente Gesprächsgäste wie Herrn Mazyek, der für 15 Mio. Musels meint sich äußern zu müssen? Realistischer wären Talkrunden mit Gästen, deren jeder zweite Satz mit:“ichfiggedeinemudda…“ beginnt und mit:“Allah, Hure, Schlampe, Kartoffel, Opfa“ endet. Demzufolge bleiben nur die ewig gleichen verhüllten und bärtigen Gesichter im TV.

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