Jafar Panahis „Taxi“

Panahi

Vor fünf Jahren hatte ich Ihnen erstmals einen Text über den iranischen Filmemacher Jafar Panahi vorgelegt (1). Er hat jetzt den Goldenen Bären der Berlinale gewonnen. Lesen Sie einen Bericht von Markus Lippold von N-TV (2).

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Goldener Bär für „Taxi“

Berlin setzt das richtige Zeichen

Jafar Panahi ist mit einem Berufsverbot belegt. Doch er trotzt dem iranischen Regime, dreht weiter Filme und schmuggelt sie außer Landes. Nun gewinnt „Taxi“ den Goldenen Bären der Berlinale – völlig zu Recht.

Der iranische Regisseur Jafar Panahi montiert eine kleine Kamera auf das Armaturenbrett seines Autos und dreht damit einen Film. Pahani spielt sich darin selbst – als Fahrer des Autos. Er lässt Fahrgäste einsteigen und diskutieren, er fährt ein Unfallopfer zum Krankenhaus und lässt sich illegale DVDs andrehen, holt schließlich seine Nichte von der Schule ab und spricht mit einer Menschenrechtsanwältin. Auf dem kleinen Raum des Autos entsteht ein witziges, aber auch nachdenkliches und beklemmendes Porträt seines Landes.

„Taxi“ heißt dieser Film und er hat gerade den Goldenen Bären der diesjährigen Berlinale gewonnen. Die Entscheidung der Jury unter Leitung des US-Regisseurs Darren Aronofsky ist aber nicht nur eine gerechtfertigte künstlerische Entscheidung, sondern auch ein begrüßenswertes politisches Signal. Denn „Taxi“ dürfte es eigentlich gar nicht geben.

2010 wurde Panahi im Iran wegen „Propaganda gegen das System“ zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Er musste die Haft zwar bisher nicht antreten, doch er wurde auch mit einem 20-jährigen Berufs- und Ausreiseverbot belegt. Er darf also den Iran nicht verlassen – sein Jurysitz auf der Berlinale 2011 blieb deshalb leer und er konnte nun auch nicht den Goldenen Bären entgegennehmen.

Stattdessen kam seine junge Nichte auf die Bühne, nahm den Bären und brach in Tränen aus. Auch sie spielt in „Taxi“ mit. Im Auto erzählt sie ihrem Onkel, dass sie für die Schule einen Kurzfilm drehen soll. Dann liest sie die Liste der Regeln vor, die ihnen die Lehrerin mitgegeben hat. Darin steht etwa, dass die islamische Kleiderordnung beachtet werden muss, dass sich Männer und Frauen nicht berühren dürfen. Aber auch Schwarzmalerei ist verboten. Schnell wird der Nichte klar, dass es nicht leicht ist, einen realistischen Film über den Iran zu drehen, wenn sie gleichzeitig die Wirklichkeit nicht abbilden darf.

Noch mutiger, noch kritischer

Doch Panahi thematisiert in „Taxi“ nicht nur seine eigene Lage und die anderer iranischer Filmemacher. Er geht noch weiter. So lässt er etwa einen Mann und eine Frau in dem Taxi streiten, ob man Diebe hinrichten sollte. „Ja“, sagt der Mann – die Frau hält dagegen, dass die Diebe oft nur aus Not handeln würden und verweist darauf, dass der Iran nach China das Land mit den meisten Hinrichtungen ist.

Zuletzt steigt schließlich eine Anwältin ein. Sie ist auf den Weg zu einer jungen Frau, die in Haft sitzt, weil sie eine Sportveranstaltung besuchen wollte, was Frauen im Iran verboten ist. Offen spricht die Anwältin über die Schikanen gegen die Inhaftierte und ihre aussichtslose Lage. Es ist das gleiche Schicksal, dass die Hauptfigur in Panahis Film „Offside“ erleidet, für den der Regisseur 2006 einen Silbernen Bär gewann. Dies ist nicht nur eine Anklage gegen die Repressalien des iranischen Systems, sondern für Panahi auch eine Selbstvergewisserung, wie realistisch sein damaliger Film war.

„Offside“ war Panahis letzter Film vor Verurteilung und Berufsverbot. Aufhalten ließ er sich aber nicht. Schon 2011 wurde bei den Filmfestspielen in Cannes „Dies ist kein Film“ aufgeführt, den er in einem Kuchen außer Landes schmuggelte. Die Dokumentation zeigt einen Tag im Leben Panahis, während er auf das Urteil wartet. 2013 ging es weiter mit „Geschlossener Vorhang“, der auf der Berlinale lief und den Silbernen Bären für das beste Drehbuch erhielt. Nun folgte also „Taxi“, der noch einmal mutiger, noch einmal kritischer ist.

Alle drei Filme eint nicht nur, dass sie außer Landes geschmuggelt werden mussten. Sie spielen auch auf engstem Raum – in Panahis Wohnung, in einem Haus am Kaspischen Meer und in einem Auto. Doch während bei den beiden Vorgängern die Enge beklemmend wirkte, wird sie in „Taxi“ durchbrochen. Denn das Auto fährt durch Teheran, es bewegt sich durch die Gesellschaft, sammelt Eindrücke und Stimmen. Es ist ein äußerst vitales Lebenszeichen.

So ehrt die Jury der Berlinale nicht nur einen gelungenen Film, der trotz der Lage des Regisseurs und seiner kritischen Aussage überraschend humorvoll daherkommt. Geehrt wird auch ein Regisseur, der für Meinungsfreiheit eintritt und den Drohungen und Repressionen der Teheraner Regierung trotzt. Diese könnte ihn jederzeit ins Gefängnis stecken. Doch der Preis verschafft Panahi eine Öffentlichkeit, die ihn vor Schlimmerem bewahren könnte. Man kann der Jury zu ihrer Entscheidung nur gratulieren.

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Time am 15. Februar 2015

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/03/05/das-regime-schlagt-um-sich/
2) http://www.n-tv.de/leute/Berlin-setzt-das-richtige-Zeichen-article14517051.html

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Eine Antwort to “Jafar Panahis „Taxi“”

  1. charlie Says:

    „Die Iraner“, sind und waren, Kraft schöpfend aus ihrer großen Persischen Historie, mutiger in der Ork-Hemisphäre. Dieses große Volk hat Israelis-ins-Meer-treiben-wollende-Mullahs wahrhaft nicht verdient! Genauso wenig wie jahrhundertelange Tork-Okkupation. Best grats and wishes to Mr. Pahani

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