SIE sind nicht manieriert sondern KONKRET

Jihadbaby

Im bolschewistischen Marginalorgan „Konkret“ hat Leo Fischer eine Glosse platzieren können, die den Manierismus linken Denkens angesichts des grassierenden Nazislahms auf die Schippe nimmt (1).

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Fatwahn

Der Islamische Staat (IS) hat in den letzten Wochen nicht nur im Diesseits an Boden verloren – auch in Sachen Hermeneutik gibt es Gegenwind, gehen sich Schriftgelehrte gegenseitig an die Bärte. Der Grund: die Verbrennung des jordanischen Kampfpiloten Muaz al Kasaesbeh. Vom Propheten selbst nämlich stammt der Ausspruch: „Niemand darf mit dem Feuer bestrafen außer Gott.“ Eindeutiger geht’s nicht, und um so peinlicher das PR-Malheur für den IS, der sonst dezidiert für eine wörtliche Interpretation des Koran eintritt. Schon wenige Stunden nach Veröffentlichung des Videos, nach zahllosen Protesten auch anderer salafistischer Gruppierungen, sah er sich gezwungen, die Verbrennung zu legitimieren.

Das IS-eigene „Ministerium für Rechtsgutachten und Forschung“ veröffentlichte dazu eine Fatwa, wie „Spiegel Online“ berichtet (2): „Der Ausspruch des Propheten sei nicht wörtlich als ein Verbot der Verbrennung gemeint, sondern ,Ausdruck menschlicher Demut’, heißt es in dem Schreiben. Soll heißen: Weil das Höllenfeuer unter Gottes Kontrolle steht, ist der Einsatz des Feuers gegen Feinde auf Erden noch lange nicht verboten.“ Auch eine andere Überlieferung wird herangezogen: „Die Mitglieder eines arabischen Stammes sollen zu Lebzeiten des Propheten zum Islam übergetreten sein, wandten sich aber später von der jungen Glaubensgemeinschaft ab. Daraufhin habe Mohammed angeordnet, die Abtrünnigen zu verfolgen, ihnen glühende Eisen in die Augen zu stechen und sie so lange zu verstümmeln, bis sie sterben.“ Doch steckt auch hier der Scheitan im Detail: Sind glühende Eisen schon „Feuer“? Meint „Feuer“ nur „Höllenfeuer“ oder auch einen handelsüblichen Haushaltsbrand? Was erlaubt der Terminus „bestrafen“ – eine Tötung oder nur eine Verstümmelung mit Todesfolge? Und was heißt das Wörtchen „wörtlich“ in dem schwammigen Begriff „wörtliche Interpretation“?

Innerhalb kürzester Zeit ist eine Vielzahl literaturanalytischer Schulen im IS entstanden. Eine diskursanalytische Strömung sieht den „Körper“ eines Gefangenen lediglich als linguistisches Konstrukt, den man erst dekonstruktiv aufzudröseln habe, bevor man dies mit Messern tun dürfe. Theoretiker eines „AK Kritischer Salafismus“ weisen hingegen auf die kulturindustrielle Komponente von Verbrennungsvideos hin und setzen sich darüber hinaus dafür ein, Muezzins in Zwölftonkomposition zu schulen.

In der „Ökumenischen Akademie des Islamischen Staats“ formiert sich überdies das Projekt „Strafen in gerechter Sprache“, das historischen Anachronismen in künftigen Fatwas vorbeugen möchte: So soll fortan die Bezeichnung „Ungläubix“ verhindern, dass sich Kriegsgefangene vor ihrer Verurteilung sexuell diskriminiert fühlen. Das Ministerium für Rechtsgutachten ließ sich nicht lumpen – und verurteilte alle diese Gruppen schon vor der Gründung präventiv zum Tode. Die Exekution lässt aber auf sich warten: Die Henker sind sich nicht sicher, ob diese Fatwa nicht etwa nur metaphorisch gemeint war oder mit Hans Blumenberg nur ihre eigene Unlesbarkeit thematisiert hat.

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Time am 28. Februar 2015

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1) http://www.konkret-magazin.de/hefte/heftarchiv/id-2015/heft-32015/articles/fatwahn.html
2) http://www.spiegel.de/politik/ausland/is-islamischer-staat-muslime-protestieren-gegen-verbrennung-von-pilot-a-1016693.html

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2 Antworten to “SIE sind nicht manieriert sondern KONKRET”

  1. Sophist X Says:

    Die hiesigen esoterischen Genderdiskussionen mit den theologischen Wehwechen der Moslems beim Abmurksen zu verquirlen ist eine überaus gelungene Pointe.
    Gremliza ist mir schon vor Jahren als Kritiker des Moslemismus aufgefallen, wobei ich aber sein Blatt wegen des Preises und der dort sonst üblichen Themen so gut wie nie in die Hand nehme.
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    „Daraufhin habe Mohammed angeordnet, die Abtrünnigen zu verfolgen, ihnen glühende Eisen in die Augen zu stechen und sie so lange zu verstümmeln, bis sie sterben.“

    Da kann man schon staunen, welche interessanten Details aus dem glorreichen Leben Mohammeds die Spiegel-Leser da serviert bekommen.

  2. Sincity Says:

    Ganz interessante Debatte in den USA: Ein Artikel im The Atlantic über den IS, der behauptet, dieser sei auf den Islam zurückzuführen

    http://www.theatlantic.com/features/archive/2015/02/what-isis-really-wants/384980/

    und die Gegenposition von Berger bei der Obamanahen Brookings Institution:

    .M. Berger | February 18, 2015 5:18pm
    Enough about Islam: Why religion is not the most useful way to understand ISIS

    A new article about ISIS in The Atlantic has reignited the perennial debate over the relationship between jihadist terrorism and the religion of Islam.

    The article, by Graeme Wood, repeatedly emphasizes the “Islamic” in Islamic State, calling out what it describes as “well-intentioned but dishonest campaign to deny the Islamic State’s medieval religious nature.”

    “The reality is that the Islamic State is Islamic.Very Islamic,” Wood writes.

    The Ku Klux Klan is also white. Very white. The problem with framing discussions of extremism in this manner is that, for many people, it extends into causality and a too-intimate merging of a mainstream demographic with the identity-based extremists who claim to be its exclusive guardians.

    Wood’s piece rolls out, coincidentally, the same week that the White House convenes a massive summit on countering violent extremism (CVE), which is uncoincidentally also focused on Muslims and Islam, albeit with gentle but disingenuous disclaimers. Actions speak louder than words, and the White House’s CVE strategy shows it is clearly only interested in tackling Muslim extremism.

    What is the relationship between Christianity and Christian Identity? What does being German mean to Nazi ideology? What about the neo-Nazi movement Golden Dawn, a Greek identity movement heavily influenced by German Nazism? Should we understand that as German or Greek? How does Hinduism inform Abhinav Bharat, and how does Abhinav Bharat inform our understanding of Hinduism?

    The 969 Movement in Myanmar is led by a Buddhist monk, and its very name refers to the Buddha and his teachings. It is very Buddhist. But is its xenophobia very Buddhist? Is a graduate-level understanding of Buddhism our only path to understanding the persecution of Muslims in Myanmar?

    These are complicated issues, of course. Whiteness and white supremacy are, in fact, intertwined, and it was Germany that gave birth to the Nazi movement. Islamic extremists arise from the Muslim world, and there is no question that a variety of conditions in the Muslim world have contributed to the problem.

    Understanding whiteness is relevant to understanding white supremacy, just as understanding Islam is relevant to jihadism. And to be sure, religion matters to ISIS. A lot. But the concept of an exclusive identity matters far more, to the point that ISIS will engage in virtually unlimited theological gymnastics to justify it.

    For identity-based extremist groups, one function of extreme religious observance is to serve as an identity marker, a signal to establish who is part of the in-group and who is part of the out-group.

    Religion is therefore of primal importance in the narrative created by an extremist group’s adherents, but a group’s extremism does not naturally proceed from its claimed religious basis.

    While radicalization is a multifaceted process, with many dimensions and attendant complexities, the establishment of an exclusionary identity group is a nearly universal characteristic, whether the extremists are Christian, Muslim, Jewish, Hindu or Buddhist, and whether the extremists are religious, racial, or nationalist.

    It’s important, even critical, to understand how ISIS’s religious beliefs inform its actions, particularly its apocalyptic elements, which again help distinguish it from mainstream religiosity. Millenarian sects may (or may not) rely on religious texts as importance sources, but their defining quality, and what makes them dangerous, is an unshakeable belief that history is coming to an end.

    Millenarian beliefs are often wedded to identity-based extremism through the narrative device of a chosen group that will triumph in an apocalyptic war or survive an apocalyptic disaster. Again, the traits of these groups are remarkably consistent across a variety of belief structures. Their commonality is their Millenarianism, not the theological background from which those End Times beliefs are derived.

    To understand and counter ISIS’s threat and appeal, frame it properly. Identity-based extremism and millenarian apocalyptic cults provide a far more useful framework for understanding ISIS than Islam does.

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