Im Interview: Markus Hilgert

Hilgert

Bei „FAZ.NET“ (1) gibt es heute ein Interview von Tilman Spreckelsen mit dem Altorientalisten und Chef des Vorderasiatischen Museums in Berlin Markus Hilgert (2).

Anders als er bin ich der Ansicht, dass man Raubgrabungen und den Ausverkauf der antiken Schätze der Region eher noch fördern sollte.

Als Käufer sollten Regierungsorganisationen des Westens auftreten. Zwar würden die Werke leider aus ihrem „archäologischen Zusammenhang“ gerissen, da dies aber derzeit die einzige Möglichkeit zu sein scheint, sie vor ihrer totalen Vernichtung durch die mohammedanistischen Barbaren zu schützen, sollten wir nicht kleckern sondern klotzen.

Dämonwache

IS-Vandalismus im Nordirak

Das Zerstörungswerk hat viele Väter

FAZ: Zerstörungen in den assyrischen Städten Hatra und Nimrud, im Antikenmuseum von Mossul und in der Bibliothek der Stadt: die Nachrichten, alle von Anfang März des Jahres, über Vandalismus im Einflussbereich des IS erreichen uns über unterschiedliche Kanäle. Welchen kann man trauen und wieweit?

Hilgert: Aktuell ist die Nachrichtenlage für die im Nordirak betroffenen Orte sehr problematisch und teilweise widersprüchlich. An eine unabhängige Evaluierung der möglichen Schäden ist aufgrund der politischen Situation in diesen Gebieten gegenwärtig nicht zu denken. Aufschlussreich wird sicher die Auswertung der jüngsten Satellitenbilder sein, weil sich damit zumindest ein Eindruck von den Zerstörungen an archäologischen Ausgrabungsstätten gewinnen lässt. Was uns diese Bilder natürlich nicht verraten können, ist, wie viele archäologische Objekte aus Museen oder im Rahmen von Plünderungen an Ausgrabungsstätten zerstört oder entwendet worden sind. Da illegal ausgegrabene Objekte nirgendwo registriert sind, wird sich gerade der Verlust an Kulturzeugnissen nie genau quantifizieren lassen. Aus diesem Grund sind Raubgrabungen in mehrfacher Hinsicht äußerst schwerwiegende Straftaten, denn sie vernichten nicht nur die Objekte und ihren Fundzusammenhang, sondern machen es auch nahezu unmöglich, diesen Schaden wissenschaftlich zu bewerten. Mit jeder antiken Skulptur, mit jedem Keilschrifttext, mit jeder illuminierten Handschrift wird immer eine ganze Welt zerstört, das sollten wir nicht vergessen.

Was kann man also über die Zerstörungen wenigstens vermuten: Welche Orte sind betroffen und in welchem Ausmaß?

Ich denke, wir müssen die Nachrichten aus Mossul, Niniveh, Nimrud, Dur-Scharrukin und Hatra ernst nehmen, und wir sind gut beraten, wenn wir das Schlimmste befürchten. Ich will mich aber angesichts der noch lückenhaften Informationen nicht an Spekulationen darüber beteiligen, was genau zerstört worden sein oder noch zerstört werden könnte. Um unsererseits geeignete Strategien und Instrumente zum Schutz von Kulturgütern etwa im Irak oder in Syrien zu entwickeln, ist es aus meiner Sicht ohnehin zweckmäßiger, davon auszugehen, dass in Situationen politischer Instabilität und militärischer Konflikte sämtliche materiellen und immateriellen Kulturgüter in den fraglichen Gebieten akut bedroht sind.

Also Museen und archäologische Stätten?

Nicht nur. Das gilt auch für Archive und Bibliotheken sowie für alle Einrichtungen, die mit der Erforschung, Bewahrung und Vermittlung von Kulturgütern befasst sind. Und gerade aus Mossul wissen wir, dass dort vor wenigen Wochen auch Tausende von seltenen Manuskripten, Büchern und anderen Druckerzeugnissen vernichtet worden sind.

Ninive

Geht es bei diesen Zerstörungen nur um das derzeitige Einflussgebiet des IS?

Nein, definitiv nicht. Auch hier ist es wichtig, sich den größeren Zusammenhang zu verdeutlichen, selbst wenn die jüngsten Bilder und Berichte aus dem Nordirak unsere Aufmerksamkeit natürlich besonders beanspruchen. Am Beispiel der rezenten Zerstörung von Unesco-Welterbestätten, historischen Baudenkmälern, archäologischen Stätten und Museen in Syrien können wir nachvollziehen, dass nicht nur der IS dafür verantwortlich ist, sondern dass wir es mit einem Zusammenwirken von unterschiedlichen Faktoren und Akteuren zu tun haben.

Was sind das für Akteure?

Neben mutwilligem, politisch oder religiös motiviertem Vandalismus treten dort vielfach auch Schäden durch Kampfhandlungen auf – denken Sie an das Unesco-Weltkulturerbe, die Burg Krak des Chevaliers, die im syrischen Bürgerkrieg zerstört worden ist. Es geht aber vor allen Dingen auch um gezielte Raubgrabungen und Plünderungen mit dem Ziel, die gestohlenen Objekte im illegalen Handel zu verkaufen. Hier profitieren die Täter von der Tatsache, dass Kulturgüter in politisch instabilen Situationen oft nicht konsequent geschützt werden können. Aus Syrien wissen wir, dass die dafür Verantwortlichen nicht nur in den Reihen militanter Islamisten, sondern auch unter den Angehörigen kämpfender Einheiten oder im Bereich der organisierten Kriminalität zu suchen sind. Und die seit zwei Jahrzehnten zu beobachtende Vernichtung archäologischer Stätten im Zentral- und Südirak ist allein das Werk von Personen, die dem illegalen Handel mit Kulturgütern zuarbeiten. Dieser Handel ist die größte Bedrohung für das Kulturerbe in der gesamten Region.

Können wir etwas dagegen tun, oder sind wir komplett machtlos?

Wir sind keineswegs machtlos, im Gegenteil. Zunächst müssen wir dazu beitragen, dass der irakischen Regierung schnellstmöglich alle Informationen zugänglich gemacht werden, die eine zuverlässige Bewertung der jüngsten Kulturgutverluste im Nordirak ermöglichen. Gleichzeitig müssen wir alles daransetzen, den weltweiten illegalen Handel mit Kulturgütern zu bekämpfen. Genau dies erwarten Staaten wie der Irak und Syrien von uns in erster Linie.

Handtasche

Wo stehen wir dabei gegenwärtig?

Deutschland ist hier mit der anstehenden Novellierung des Kulturgutschutzgesetzes und der von Staatsministerin Monika Grütters angekündigten Zertifizierungspflicht für alle gehandelten archäologischen Kulturgüter auf einem guten Weg. Klar ist aber auch, dass die Einfuhr von Kulturgut auch innerhalb der Europäischen Union flächendeckend gesetzlich geregelt werden muss. Für Lebensmittel, die in die EU eingeführt werden, ist dies eine Selbstverständlichkeit – warum also nicht auch für Kulturgüter?

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Time am 18. März 2015

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1) http://www.faz.net/aktuell/wissen/islamistischer-kulturfrevel-das-zerstoerungswerk-hat-viele-vaeter-13483001.html
2) http://www.tagesspiegel.de/kultur/berliner-museumsinsel-an-den-ufern-von-babylon/9623712.html

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