Nicht der erste – nicht der letzte Völkermord

1komma5Millionen

Im „Tagesspiegel“ findet heute Stephan-Andreas Casdorff starke Worte gegen die unterwürfige Haltung der Bundesregierung gegenüber dem Völkermord der Torks an den Armeniern und der verleugnenden Haltung der torkischen Regierung (1).

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Was es war? Völkermord!

Ob die Verbrechen des Osmanischen Reichs an den Armeniern Völkermord waren, oder nicht, ist nicht Historikern vorbehalten, wie die Bundesregierung glauben macht. Sie muss sich klar dazu erklären. Ein Kommentar.

Diplomatie ist nicht nur die Kunst des ziselierten Wortes. Bei manchem ist absolute Klarheit geboten. Wie im Fall des Völkermords an den Armeniern. Jawohl, Völkermord!

Denn das ist, was vor 100 Jahren geschah: Im Osmanischen Reich wurden auf Befehl der Regierung mehr als eine Million Armenier deportiert, sie wurden ermordet oder verhungerten und verdursteten in der Wüste. Es brauchte eigentlich weiß Gott nicht erst den Papst, das einen Genozid zu nennen. Recht hat er. Und nicht er allein. Vor Franziskus haben Frankreich, Italien, Polen und viele Länder mehr dazu klare Worte gefunden. Manche, darunter Griechenland, stellen die Leugnung des Genozids sogar unter Strafe.

Deutsche Offiziere waren Mitwisser, waren Mittäter. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, hat dieser Tage darauf hingewiesen. Es wird doch nur zu gern verdrängt, dass Adolf Hitler diesen Völkermord zum Vorbild für die Vernichtung der Juden genommen hat. Wie schrecklich, dass Schuster daran erinnern muss, in diesem Jahr, 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, von Buchenwald.

Darum ist es Zeit, dass sich die Türkei, ja doch, und wir Deutsche uns unserer Verantwortung stellen. Am 24. April, dem Gedenktag, ist im Bundestag die Gelegenheit dazu: zu absoluter Klarheit. Am besten in einer Regierungserklärung von Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Das wäre angemessen. Nicht angemessen ist, wenn die Regierung erklärt, wie gerade geschehen, dass das Urteil über dieses Verbrechen Historikern vorbehalten sein sollte. Was ohnedies schon eine gewagte These ist. Politiker entscheiden zuweilen schon Historisches und auch über ihre Haltung zu Historischem.

Erschreckende Einstellung zu historischem Unrecht

Dass die Türkei in diesem Fall geradezu eine internationale Verschwörung gegen sich wittert, zeigt eine erstaunliche, genauer: eine erschreckende Einstellung zu historischem Unrecht und der Notwendigkeit seiner Aufarbeitung. Subjektive Reinigung eines Geschichtsbildes darf ihr nicht gestattet werden. Das wäre falsche Rücksichtnahme. Wo doch nur der, der sich seiner Vergangenheit stellt, eine gute Zukunft erringen kann. Das ist eine andere Form von politischer Hygiene – und zwingend, wenn die Türkei immer noch im modernen Europa ankommen will.

Was wiederum zurückführt zum Anspruch an Deutschland. Wie gut, dass die Union das Thema noch einmal mitnimmt in die koalitionären Beratungen. Nicht weil es der Opposition, weil es Linken und Grünen unerwünschte Angriffsflächen bietet, das wäre bloß taktisch, sondern weil sich tatsächlich keiner mit dieser seltsam unentschlossenen Haltung zufriedengeben sollte. Dazu ein Beispiel, eines, das die Bundesregierung durchaus desavouieren kann: Zu den Gedenkfeiern am 24. April in Eriwan kommt für Frankreich Staatspräsident François Hollande – Deutschland soll nur von einem Staatsminister aus dem Auswärtigen Amt vertreten werden? Das kann nicht das letzte Wort sein.

Am Vorabend gibt es einen ökumenischen Gottesdienst in Berlin. Möglicherweise wird Bundespräsident Joachim Gauck den Völkermord beim Namen nennen. Das Staatsoberhaupt spricht in unser aller Namen. Es wäre unwürdig, wenn sich Bundesregierung und Bundestag ihm nicht anschließen wollten.

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Time am 16. April 2015

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1) http://www.tagesspiegel.de/politik/armenien-was-es-war-voelkermord/11648172.html

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7 Antworten to “Nicht der erste – nicht der letzte Völkermord”

  1. Kanalratte Says:

    Deutschland verbietet es den Holocaust zu leugnen, leugnet aber selbst den Völkermord an den Armeniern….Das muss man erstmal verstehen.

  2. Frankstein Says:

    Deutschalnd kann den Holocaust nicht leugnen, weil es ja mittlerweile 1 Billion Euro Schmerzensgeld dafür gezahlt hat. Kann man einen Mietvertrag leugnen, wenn man 60 Jahre Miete und Nebenkosten gezahlt hat ? Deutschland sollte auch an die Armenier Miete zahlen, das würde die Anerkennung erleichtern. Man gönnt sich ja sonst nichts.

  3. charlie Says:

    Judenhasser haben hier wahrlich nichts verloren!

  4. Frankstein Says:

    Je suis non Charlie !

  5. charlie Says:

    Interessant, dass sich gewisse Leute angesprochen fühlen!

  6. Frankstein Says:

    „Papa, Charlie hat gesagt “ wahrlich“.“ Grübel, grübel.., da war doch was ?
    „Wahrlich, wahrlich ich sage dir: Der Hahn wird nicht krähen, bis du mich dreimal habest verleugnet. ….Ihr werdet mich suchen; und wie ich zu den Juden sagte: „Wo ich hin gehe, da könnet ihr nicht hin kommen“, sage ich jetzt auch euch. „

  7. Frankstein Says:

    Was die Deutschen hier – wieder einmal- bewirken, gleicht dem Öffnen der Büchse der Pandora. Es kann nur EINEN Völkermord geben ! Diesen Begriff zu verwässern, indem man die Deportation und Vernichtung einer Million Menschen gleichsetzt, öffnet Raum für weitere Diskussionen, die absolut nicht zielführend sind. Sogleich rückt die Bombardierung Deutschlands ( Raid over Germany= geschätzt 2-4 Millionen Frauen/Kinder/alte Männer) und Japans (Doolittle Raid/Little Big Men= geschätzte 2-3 Millionen ebenso) in den Blickpunkt. Ebenso die Vertreibung der Deutschen aus ihren Ostgebieten, die Russen, Franzosen, Engländer und Amis gemeinsam verantworten. Die von den Engländern zu verantwortenden Hungerepedemien in Indien und Pakistan genauso, wie die Bekämpfung des Boxeraufstandes oder die Burenjagd der englischen Lanzenreiter. Was aber waren
    der 30-jährige Krieg, die Vernichtung der Sachsen oder die römischen Eroberungszüge ? Was ist ein Teil-Völkermord ? Die Vernichtung nur der Alten/Frauen und Kinder ? Einen kompletten vollendeten Völkermord hat es ja wohl in der Geschichte nicht gegeben, oder vielleicht doch ? Ist der letzte Mohikaner nicht der letzte seines Volkes ? Kann man von einem Volk sprechen, dass seiner Selbstverwaltung, seiner Gestaltungsmöglichkeiten und aller völkischen Merkmale verlustig ging ? Die Vernichtung völkischer Gemeinschaften ist Völkermord. Wie er auch gerade in Deutschland zu beobachten ist. Man muss Gauck dankbar sein, dass er in seiner bodenlosen Einfältigkeit die Diskussion neu eröffnet.

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