Das Ende des Nazislahm (#2)

Fracking

Vor einem halben Jahr hatte ich Ihnen hier einen Aufsatz über die politischen und ökonomischen Folgen des Fracking vorgelegt (1). Ein aktueller Artikel auf „FAZ.NET“ von Winand von Petersdorff führt weiter in das Thema ein (2).

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Veränderte Fördertechniken

In der neuen Ölwelt

Was wäre eigentlich, wenn es mehr Öl als genug gäbe und trotzdem immer weniger verbraucht würde? Es spricht einiges dafür, dass es so kommen wird.

Der Tag, an dem das neue Ölzeitalter offenkundig wurde, war der 27. November 2014. Die Vereinigten Staaten feierten Thanksgiving, ein Tag der Truthähne, Kürbisse und der Familie und nicht gerade des Rohöls. Doch an jenem Donnerstag beendete die Organisation der Erdöl exportierenden Länder Opec ihre turnusgemäße Zusammenkunft in Wien mit einer wichtigen Mitteilung: Ihre Mitglieder würden die Ölförderung nicht drosseln, sondern auf dem alten Niveau halten, trotz des schon Monate währenden Preisverfalls.

Die Mitteilung war formal gehalten, nichts deutete äußerlich auf die Brisanz. Das Ölkartell Opec stellte an diesem Tag seine Bemühungen ein, die Preise unter Kontrolle zu bringen. 1960 war die Vereinigung just zu dem Zweck gegründet worden, das Rohöl nicht zu billig werden zu lassen. 1973 zeigte die Organisation ihre Macht, als sie ihre Förderung drosselte, den Ölpreis um 70 Prozent nach oben trieb und eine Rezession in vielen Ländern auslöste. Die Opec war im Zenit. Und heute? Heute überlässt sie die Preisbildung den Märkten. Vorerst.

Sofort nachdem die Opec ihr Statement veröffentlicht hatte, fiel der Preis für Rohöl, der schon seit Juni gesunken war, wie ein Stein. Später pendelte er sich zwischen 50 Dollar und 60 Dollar je Fass (159 Liter) ein. Der Preisrutsch beendete eine dreieinhalbjährige Phase, in der das Fass im Schnitt 110 Dollar gekostet hatte. Nie in der Geschichte war der Preis für Rohöl so lange so hoch gewesen. Und nie zuvor war er dabei so stabil geblieben wie in jenen dreieinhalb Jahren. Kein Wunder, dass sich das Gefühl eingeschlichen hatte, der Ölpreis habe sein natürliches Gleichgewicht gefunden und der historisch hohe Preis reflektiere die Endlichkeit des Rohstoffs.

Dabei war alles ein einziger großer Zufall. Christof Rühl, Chefökonom der Abu Dhabi Investment Authority, erklärt das so: Zwei Revolutionen haben sich in ihrer Wirkung neutralisiert. Die eine war politisch, fand in Nordafrika statt und setzte den eminent wichtigen Öllieferanten Libyen zeitweise außer Gefecht. Weil zudem verschärfte Sanktionen gegen Iran ihren Tribut forderten, fehlten plötzlich drei bis fünf Prozent des geplanten Ölangebots auf dem Markt in einer Zeit, in der die Nachfrage von den durstigen Schwellenländern beflügelt stieg. Das war der Stoff für eine ungekannte Preisexplosion weit über 111 Dollar hinaus.

„Opec hat den Frackern den Krieg erklärt“

Doch wie durch ein Wunder entfaltete just in jener Phase die zweite technische Revolution ihre Wirkung: die amerikanische Ölschieferrevolution, die Ausbeutung von unkonventionellen Vorkommen, vor allem im Schiefergestein, mit unkonventionellen Methoden. Genauer: die Kombination von Fracking und horizontalem Bohren. Noch im ersten Quartal 2011 war die Ölförderung der Vereinigten Staaten leicht geschrumpft. Drei Jahre später reichte die Fördermenge des Landes aus, um Verluste von Libyen, Iran und anderen Lieferanten auszugleichen.

Heute können die Vereinigten Staaten rund zehn Prozent der globalen Nachfrage decken, sie fördern so viel wie in den Rekordjahren zwischen 1968 und 1973. Amerikas Fracker haben fast im Alleingang die Verhältnisse auf den Kopf gestellt. Weil gleichzeitig weniger verbraucht wurde als erwartet, schwimmt die Welt plötzlich in Öl.

Die Opec hatte das genauso wenig kommen sehen wie die meisten anderen Beobachter. Doch das Kartell hat schon Schlimmeres überstanden. Jetzt lässt es unter der Führung Saudi-Arabiens den Sturzflug der Preise zu, der allen Ölgesellschaften auf der Welt weh tut, eigenen Opec-Mitgliedern wie Venezuela besonders. Der Verdacht kommt auf, die Saudis, die sich das leisten können, wollen die amerikanische Konkurrenz aus dem Markt drängen. „Opec hat den Frackern den Krieg erklärt“, ist die dramatische Schlagzeile zu dieser Entwicklung. Exxon-Chef Rex Tillerson sieht das allerdings nüchterner. Auf der jüngsten Ölkonferenz in Houston sagte er: „Die Saudis testen ganz klassisch den Markt.“

Auf dem ersten Blick ist die Situation für die Branche tatsächlich nicht neu. Die alten Fahrensleute der Industrie hatten sich damit abgefunden. Sie waren eben in einer Boom-und-Bust-Branche unterwegs: Mal ging es hoch, mal ging es runter immer schön dem Schweinezyklus entlang. Weltweit regieren die Ölkonzerne klassisch auf den Preisverfall. Sie kürzen Kosten und geben die teuersten Förderprojekte auf, in der Tiefsee, in kalten Regionen oder politisch instabilen Ländern. Die Beschneidung macht sich gewöhnlich nach zehn Jahren bemerkbar. Denn so viel Zeit brauchten die Großprojekte, um ins Laufen zu kommen. Dann wird das Öl knapp, die Preise steigen rapide, sobald alle mitbekommen hatten, was los ist.

Die Förderungstechnik wird immer besser und effizienter

Doch diesmal könnte es anders kommen. Ein entscheidender Faktor ist die überraschende Zähigkeit von Amerikas Frackern. Können sie überleben mit einem halbierten Ölpreis? Die Zeichen deuten darauf hin. Entgegen der allgemeinen Erwartung haben die amerikanischen Produzenten nach den letzten verfügbaren Zahlen ihre Förderung weiter gesteigert. Gleichzeitig aber hat die Industrie binnen eines Jahres die Hälfte ihre Fördertürme abgebaut. Die verbliebenen 900 schaffen somit das Doppelte.

Aber da geht noch mehr. Die Ölförderer schauen gerade genau hin, wie ihre Kollegen vom Schiefergas mit dem Preissturz für Erdgas überleben. Ein Mann kann davon berichten. Er heißt Steve Mueller und ist der Chef der Firma Southwestern Energy, Amerikas drittgrößter Gasförderer. Der ausgebildete Geologe Mueller spricht davon, wie das Mooresche Gesetz Einzug in seine Branche gefunden hat. Dieses Gesetz ist so eine Art Faustformel, derzufolge sich alle zwei Jahre die Leistung von Computerchips verdoppelt bei sinkenden Kosten. Anfang 2007 zählte die Schiefergas-Branche in Amerika 1500 Bohranlagen für Gasvorkommen, heute sind es 250, die Erdgasproduktion hat sich nichtsdestotrotz vergrößert.

Muellers Firma braucht heute sechs Tage, um ein Vorkommen anzubohren und mit der Ausbeutung zu beginnen, der Rekord waren drei Tage. Sieben Jahre zuvor brauchte er dafür noch dreimal so lange. Und es kostet weniger, ein Vorkommen anzubohren als vor sieben Jahren. Welche Industrie kann das von sich sagen? Die Entwicklung ist nach Muellers Einschätzung noch nicht zu Ende. „Wir haben etwas Unwiderstehliches in Gang gesetzt. Es wird nur noch besser“, sagt der Unternehmer. Der Gaspreis hat sich in den Vereinigten Staaten seit 2013 halbiert, während die Förderung weiter stieg. Die Vereinigten Staaten werden in absehbarer Zeit Gasexporteur.

Ob sich diese Entwicklung für die junge amerikanische Ölindustrie wiederholen lässt, ist noch nicht ganz klar. Doch in Houston sprechen jetzt alle von der Automation und Industrialisierung der Ölförderung. Bei diesen Entwicklungen kommen dann Unternehmen wie die Siemens AG ins Spiel. Deren Amerika-Chef Eric Spiegel spricht von dem Ziel der unbemannten Bohranlage, die von einem Kontrollzentrum aus gesteuert wird. Doch Siemens könnte noch in anderer Weise zu sparen helfen. Im Moment werden die Ölanlagen mit Dieselmotoren betrieben. In Zukunft könnten die Ölfracker das häufig anfallende Gas einfangen, statt es abzufackeln, und damit eine Turbine betreiben, die Strom für die Bohranlage liefert. Siemens hat solche Turbinen im Sortiment. Das Beispiel zeigt, da ist noch viel zu holen.

Kommt der „Peak demand“?

Deutlich wird aber auch, dass eine völlig neue Art der Ölindustrie in Amerika entstanden ist. Sie folgt nicht den jahrelangen Investitionszyklen der alten Ölgiganten. Die amerikanischen Fracker sind schnell und können auf Marktveränderungen sofort reagieren. Fracking beruht auf der Ausbeutung vieler kleiner kurzlebiger Vorkommen mit vergleichsweise billigen Anlagen. Wenn es nichts zu verdienen gibt, können die Unternehmen die Arbeit schnell unterbrechen, um sie fast genauso schnell wiederaufzunehmen, wenn wieder Gewinne winken. Energieökonom Rühl weist darauf hin, dass die amerikanischen Förderer aktuell 6000 Ölvorkommen angebohrt, aber noch nicht gefrackt hätten. Das können sie aber sofort, sobald der Markt entsprechendes Verlangen äußert.

Bleibt das Rohöl also auf Dauer billig? Nicht, wenn die Politik dominiert. All die Faktoren, die auf die Phase von 2011 bis 2014 entscheidend beeinflusst haben, sind immer noch wirkungsvoll. Die politischen Unruhen, die Libyen und Syrien betroffen haben, greifen inzwischen auf dem Jemen und Saudi-Arabien über mit noch nicht absehbaren Folgen. Saudi-Arabien selbst hat die finanzielle Ausdauer, die Produktion zu drosseln, um höhere Preise durchzusetzen.

Nur, die Politik wirkt auch entgegengesetzt. Während Niedrigpreise private Firmen entmutigen, könnten Länder wie Russland oder Venezuela, deren Staatshaushalte am Öl hängen, animiert sein, die Produktion zu erhöhen. Sie brauchen das Geld um jeden Preis.

Saudi-Arabien hat mit dem Verzicht der Drosselung der Produktion wenigstens seinen Marktanteil gehalten und kann mit niedrigen Preisen lange leben.

Eines allerdings fürchten die Saudis noch stärker als Konkurrenz: Das sind die Verbraucher. Die Produktionspläne der Ölländer beruhen darauf, dass die Nachfrage weiter steigt. Es gibt aber Zeichen, dass sie das nicht im erwarteten Ausmaß tun wird. „Peak Demand“ heißt das Wort dafür. Die Industrieländer haben nach einer Prognose der Mineralölkonzern BP ihren Nachfragehöhepunkt womöglich hinter sich. Weitere Länder haben nach Angaben des Internationalen Währungsfonds den Preisverfall des Öls genutzt, die Benzinsubventionen zu streichen, und damit den Effekt vermieden, dass Verbraucher wegen des billigen Treibstoffs länger Auto fahren.

Noch spannender ist aber, was gerade in China passiert, das in den Plänen der Ölförderer die wichtigste Rolle spielt. Die Volkswirtschaft wächst langsamer, und sie verändert sich langsam: von einem Land der Industrie hin zu einem Land der Dienstleistung. Am Ende bestellt China weniger Rohöl. Und die Öllieferanten der Welt haben sich womöglich schon wieder verspekuliert.

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Time am 10. Mai 2015

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2014/12/09/ihre-tage-sind-gezahlt/
2) http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/zu-viel-rohoel-dank-fracking-peak-demand-winkt-statt-peak-oil-13582458.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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2 Antworten to “Das Ende des Nazislahm (#2)”

  1. Sophist X Says:

    Es ist immer wieder eine reine Freude, zu sehen, wie die modernen spenden- und steuerfinanzierten Nostradamusse, Rasputins und Endzeit-Propheten schief gelegen haben, wie die ganzen Jahrtausende zuvor.
    Einen Lerneffekt der Verantwortlichen erwarte ich freilich nicht.

  2. Thomas Holm Says:

    Geriete jedoch der Golf zw. Iran u. d. GCC in Brand, dann koennte ein asiatisches Rennen um den Zugriff auf die Restfossilien einsetzen.
    Russland waere dann Moderator und Ressource fuer China u. Indien.
    Mithin Ausstatter und Schiedsrichter fuer einen Ersten Weltkrieg der Dritten Welt, 100 Jahre nach Europa – endlich ein halbwegs leninistischer Imperialismuskrieg um Ressourcenzugang. Bestimmt wird es Putin nicht versaumen, hierfuer einen Mangel an westlicher Fuehrung verantwortlich zu machen.

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