No Sympathy for the Devil

DeppJones

Alfred Hackensberger schrieb vorgestern für die „Welt“ über eine Ich-Bombe made in Germany (1).

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Erinnerung an einen Jungen auf dem Weg in den Tod

Der IS meldet das Selbstmordattentat eines Deutschen. Als unser Reporter Alfred Hackensberger dessen Foto sieht, erkennt er den jungen Mann. Er traf ihn vor Monaten am Rand des Irrsinns.

Man hat ihn hergerichtet, mit einer Art Baskenmütze auf dem Kopf, an der Stirnseite das Emblem der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Er trägt eine Brille und selbstverständlich einen Bart, wie ihn Islamisten nach dem Vorbild des Propheten für obligatorisch halten. Im Gesicht trägt er ein breites, glückliches Lachen, den Zeigefinger hält er nach oben gerichtet. Das soll bedeuten: Es gibt nur einen Gott im Himmel.

Mit diesem Foto verkündete der IS am 18. Mai den sogenannten Märtyrertod von Abu Mohammed al-Almani im Kurznachrichtendienst Twitter. Der Deutsche hatte sich in einem Lastwagen, beladen mit 1,5 Tonnen Sprengstoff, westlich der irakischen Stadt Baidschi an einem Kontrollpunkt der Armee in die Luft gejagt. „Das führte zu Dutzenden von Toten und Verwundeten, zwei Geländewagen und ein Bulldozer verbrannten.“ So bilanzierten die IS-Extremisten stolz den Erfolg ihres Helden.

Reiseroute für Dschihadisten aus aller Welt: der Weg über Sanliurfa nach Syrien, den auch Sven genommen haben dürfte

Vor nicht einmal einem Jahr trug Abu Mohammed noch keinen Bart und war ein schüchterner, ja verängstigt wirkender junger Mann Anfang 20. Er stellte sich mit einem ganz normalen deutschen Vornamen vor, Sven vielleicht. Von einem Bedürfnis nach Heldentum war ihm nichts anzumerken. Nervös rutschte er auf seinem Stuhl im Foyer eines Hotels in Sanliurfa hin und her.

Die Stadt in der Osttürkei ist ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt für radikale Islamisten. Hier treffen Rekruten aus aller Welt ein und werden dann von Kontaktleuten über die nur 52 Kilometer entfernte Grenze nach Syrien in den Bürgerkrieg geschmuggelt. Die Witwe eines der Paris-Attentäter, Hayat Boumeddienne, verbrachte hier einige Tage, bevor sie beim IS Zuflucht fand.

Die türkischen Behörden tun nichts gegen den Strom ausländischer Kämpfer. In öffentlichen Krankenhäusern werden sogar verwundete Dschihadisten behandelt und können danach unbehelligt zurück nach Syrien. Laut Berichten des deutschen Verfassungsschutzes sollen seit 2011 mindestens 650 radikale Islamisten aus Deutschland nach Syrien gegangen sein. Viele von ihnen dürften von Sanliurfa aus über die Grenze geschmuggelt worden sein, so wie der junge Mann, der als Abu Mohammed der Deutsche bekannt werden sollte.

Damals, im Sommer 2014, sitzt Sven im Hotelfoyer und scheint nicht recht zu wissen, wie er die Wartezeit vor seiner großen, letzten Reise totschlagen soll. Die Eingangshalle ist nicht sehr groß, ein bisschen zu eng für die wuchtigen Sofas und Sessel, die Spiegel an den Wänden. Die Polster sind abgewetzt. Aber der Raum ist sauber. „Ich bin schon so oft in der Innenstadt rumgelaufen, irgendwann ist Schluss“, erzählt er. Er stammt aus einer Kleinstadt in Baden-Württemberg. Er mache hier nur Urlaub, behauptet er dann, ohne gefragt worden zu sein. „Freunde haben mir das Flugticket nach Istanbul zum Geburtstag geschenkt.“ Mit dem Bus sei er dann die mehr als 1200 Kilometer nach Sanliurfa in den Osten der Türkei gefahren, obwohl er für seinen angeblichen Urlaub nicht mal eine Woche Zeit hat.

Offenbar merkt er, wie unglaubwürdig seine Geschichte klingt. Er fügt hinzu: „Ich kenne hier auch Freunde, die ich besuche.“ Er sei nur im Hotel abgestiegen, weil er bei ihnen nicht übernachten könne. „Im Haus gibt es auch Frauen, und dann kann ein fremder Mann nicht über Nacht bleiben“, sagt er und fügt an: „Das ist Islam. “ Es ist ein ganz bestimmter Islam, aber es ist offenbar die eine, einfache Art von Glauben, die er für sich entdeckt hat.

Nachdem er das gesagt hat, wird Sven noch nervöser. Er hat keine Lust mehr auf die Unterhaltung. Seine Bewegungen werden fahrig. Verkrampft hält er eine fast leere Wasserflasche unterm Arm geklemmt. Aber er will auch kein Aufsehen erregen. Vielleicht fürchtet er, dass er sich mit seiner frommen Bemerkung verdächtig gemacht hat. „Ich weiß, ich sehe schlecht aus“, sagt er dann plötzlich. Tatsächlich ist er mehr als blass. „Ich habe mir etwas eingefangen. Die ganze Nacht habe ich nicht geschlafen, ich war nur auf der Toilette.“

Mit seinem löchrigen, schmutzigen T-Shirt und seinen Jeans könnte Sven als Rucksacktourist durchgehen, der mit dem Bus die Türkei kennenlernen will. Nur, er hat einen monströs großen, blauen Koffer dabei, der augenscheinlich bis zum Bersten voll gepackt ist. „Viele Geschenke für die Freunde“, sagt er. So wie es aussieht, wiegt das Gepäckstück mindestens 50 Kilo. Zu viel für Geschenke. Gerade richtig für alles, was ein junger Mann für ein neues Leben braucht. „Morgen geht es nach Istanbul zurück“, sagt Sven und fügt entschuldigend hinzu: „Sorry, ich muss wieder auf mein Zimmer. Mir geht es nicht gut.“ Der Schmuggler, der ihn am nächsten Tag über die Grenze brachte, wird ihn angesichts des Gewichts verflucht haben.

Der Portier an der Rezeption schaut Sven nach. „Wir haben ständig junge Männer, die so seltsam sind wie dieser Deutsche“, sagte der untersetzte Mittdreißiger. „Sie sagen, sie machen Urlaub, aber hier gibt es nicht viel zu sehen und auch kein Meer.“ Gerade heute hätten wieder zwei junge Männer von den Philippinen eingecheckt. „Die beiden sind ähnlich seltsam. Sie wollen nur eine oder höchstens zwei Nächte bleiben.“

Auch Sven checkt bald wieder aus. Um acht Uhr morgens nach seiner zweiten Nacht holt ihn ein Taxi ab. „Ich habe es ihm bestellt“, sagt der Rezeptionist. „Er ist zum Fernbus gefahren.“ Aber Sven will wahrscheinlich nicht nach Istanbul. Der Busbahnhof ist ein beliebter Treffpunkt von Schmugglern. Doch erst, als Monate später sein Foto im Internet auftaucht, wird klar, wie es mit ihm weiterging. Am Busbahnhof werden sie ihn abgeholt und nach Syrien gebracht haben. Dort dürfte er einige Wochen Kampftraining und Religionsunterricht erhalten haben.

In dieser Zeit wird vermutlich auch geklärt, ob er für ein Selbstmordattentat geeignet ist. Es sind oft eher die Schwächlichen, die dafür eingesetzt werden. Nicht die starken, agilen, die auf dem Schlachtfeld zu gebrauchen sind. Damals in der Hotel-Lobby ist Sven noch wie ein Hase zusammengezuckt, als mal mit einem Knall der Strom ausfiel. Ob sie ihm seine Schreckhaftigkeit abtrainiert haben, bevor er in den Tod ging? Auf dem Foto scheint es so. Aber das bedeutet nichts.

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Time am 26. Mai 2015

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1) http://www.welt.de/politik/ausland/article141430562/Erinnerung-an-einen-Jungen-auf-dem-Weg-in-den-Tod.html

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2 Antworten to “No Sympathy for the Devil”

  1. sohnes Says:

    Anstatt meinen Kommentar nach ein paar Tagen unauffällig zu löschen zog die Welt es dieses Mal vor, ihn von vorneherein nicht zu veröffentlichen, obwohl er keine unflätige Sprache enthielt. War halt politisch nicht korrekt.

  2. Time Says:

    Vielleicht schreiben Sie mehr in der MoT?

    Ihr Publikum ist hier erheblich kleiner aber auch erheblich konzentrierter.

    MfG von Time

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