Massenphänomen Islamterror

FAZ

Markus Wehner beleuchtet auf „FAZ.NET“ die Attentate in Lyon, Sousse und Kuweit-City (1). Counterjihadisten wissen: Diese haben nichts mit dem Mohammedanismus zu tun.

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Terror im Alleingang

Das Muster des IS

Ein einzelner Mann, eine Waffe und der Wille zum Töten Ungläubiger: Mehr braucht es nicht, um Schrecken zu verbreiten und den Terror des „Islamischen Staats“ allein fortzuführen. Auch die jüngsten Anschläge demonstrieren: Der IS wird zum terroristischen Massenphänomen.

Der Tod kam unerwartet, aus heiterem Himmel. Weder die westlichen Touristen am Strand und im Hotel im tunesischen Sousse konnten ahnen, dass er kommt, noch die gläubigen Schiiten in Kuweit-Stadt, die sich in einer Moschee zum Freitagsgebet versammelt hatten. Am Ende des Tages waren fast 70 Menschen tot.

Zu beiden Terrorattacken hat sich der „Islamische Staat“ bekannt. Waren die Anschläge abgesprochen, etwa gar zusammen mit jenem in Frankreich? Das lässt sich bisher nicht beweisen. Sicher ist: Ihre Ziele waren nicht zufällig, die Ausführung war es nicht und auch nicht der Zeitpunkt. So fanden die Anschläge am ersten Freitag des muslimischen Fastenmonats Ramadan statt.

Für Muslime ist der Ramadan ein Monat der religiösen Einkehr. Für die radikalen Islamisten ist er ein Monat des Kampfes. Nur drei Tage vor den Anschlägen hatte Abu Mohammed al Adnani, der Sprecher des IS, dazu aufgerufen, im Ramadan den Dschihad, den Heiligen Krieg, mit besonderem Eifer zu führen. Im Vergleich zu anderen Monaten werde der Märtyrertod im Fastenmonat zehnfach belohnt. Deswegen solle der Ramadan „ein Monat des Desasters für alle Ungläubigen“ werden, für die christlichen Kreuzzügler aus dem Westen und für alle Muslime, die dem IS als abtrünnig gelten.

Attacke auf „abscheulichen Hort der Prostitution“

In Tunesien hat ein 23 Jahre alter Student aus dem Norden des Landes erst am Strand und dann in einem Hotel mit einem Schnellfeuergewehr um sich geschossen und ein Blutbad unter den Gästen angerichtet. Die Waffe hatte er, getarnt als Badefreund, in einem Sonnenschirm versteckt. Da er am Freitagmittag während des Ramadans und am Strand vor zwei großen Hotels zuschlug, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass er nichtfastende „Ungläubige“ aus dem Westen treffen würde. Ein „Soldat des Kalifats“ habe den „abscheulichen Hort der Prostitution, des Lasters und Unglaubens“ attackiert, ließ der IS über Twitter wissen. Der bisher schwerste Terroranschlag trifft ein Land, das als einziges sich anschickte, den demokratischen Aufbruch des Arabischen Frühlings wenigstens in Teilen zu retten. Gerade deshalb ist Tunesien ein Ziel des IS-Terrors. Denn dort wurde versucht, ein Gegenmodell zu den arabischen Diktaturen einerseits und den islamistischen Regimen andererseits zu verwirklichen. Dieser Versuch ist jetzt in Frage gestellt. Präsident Beji Caid Essebsi war auch mit dem Versprechen angetreten, den Terror zu besiegen; er ist als Politiker nun schwer beschädigt.

Tausende junge tunesische Männer haben sich in den vergangenen Jahren dem IS angeschlossen, es ist die größte nationale Gruppe nach den Terrorkämpfern aus Saudi-Arabien. Sie führen den Krieg des IS im Irak und in Syrien, aber sie schlagen auch in ihrem Heimatland zu. Zudem ist Al Qaida in Tunesien stark vertreten. Die Terrororganisation hatte ebenso wie der IS zu Attacken auf Touristen aufgerufen. Waffen sind in dem nordafrikanischen Land leicht zu bekommen, weil die Grenze nach Libyen nicht vollständig kontrolliert werden kann. Ziel ist es, Tunesien als Staat scheitern zu lassen, wie es heute schon in Libyen der Fall ist, wo der IS immer mehr an Einfluss gewinnt.

Drei Anschläge von einzelnen jungen Männern

Galt der Angriff in Tunesien den Christen aus dem Westen, so trifft die Attacke in Kuweit die „ungläubigen“ Schiiten. In einer schiitischen Moschee in der Hauptstadt sprengte sich ein Selbstmordattentäter in die Luft, tötete mehr als 27 Menschen und verletzte mehr als 200. Der IS, der aus extremistischen Sunniten besteht, hat sich den erbitterten Streit zwischen den beiden Hauptrichtungen des Islams zu eigen gemacht. In Kuweit trägt er ihn in ein Land, das der schiitischen Minderheit weitgehende Rechte eingeräumt hat. Indem er den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten befeuert, destabilisiert er auch die arabischen Monarchien am Golf.

In Tunesien, in Kuweit und auch in Frankreich schlug jeweils ein einzelner junger Mann zu. Ob die Täter losgeschickt wurden oder sich selbst zu dieser Tat entschlossen, ist noch unklar. Klar ist: Sie gingen so vor, wie es seit Monaten vom IS und von Al Qaida propagiert wird. Die Terrornetzwerke rufen ihre Anhänger im Internet und in Magazinen dazu auf, nicht auf das Kommando von oben zu warten, sondern selbst mit einfachsten Mitteln zuzuschlagen. Eine Kalaschnikow, eine Pistole, ein Messer oder auch ein Auto, das man in eine Menschenmenge auf einem belebten Platz oder in einen Weihnachtsmarkt lenkt, reichen aus, um den persönlichen Beitrag für den globalen Sieg des wahren Islams zu leisten und zum Märtyrer zu werden.

Spontan ausführbarer Terror ohne Führungskraft

Große Anschläge mit mehren Explosionen wie am 11. September 2001 in Amerika, wie danach in London oder Madrid, fordern lange Vorbereitungen, an denen ein Netzwerk von Helfern beteiligt ist. Sie können leicht schiefgehen. Doch nun verbreiten die Anschläge Einzelner, die kaum Planung benötigen, ebenso viel Panik und Schrecken. Sie können spontan ausgeführt werden, und sie sind für die Sicherheitsbehörden kaum zu verhindern. Das ist das Muster des Terrors, mit dem wir es in den kommenden Monaten vor allem zu tun haben werden.

Der Zustrom ausländischer Kämpfer aus Europa und auch aus Deutschland in die vom IS beherrschten Gebiete ist bisher ungebrochen. Von 15 Jahren aufwärts reisen junge Männer und immer mehr junge Frauen in das selbsternannte Kalifat. Viele kommen zurück. Jene Anhänger, die hierbleiben, werden in eingängigen Propagandafilmen dazu aufgerufen, im eigenen Land zuzuschlagen. Sollten die jüngsten Anschläge nicht koordiniert sein, so muss uns das fast noch mehr beunruhigen, als wenn sie es gewesen sind. Der IS ist nicht mehr die klassische hierarchische Terrorgruppe mit Anführern, Offizieren und Helfern, sondern ein terroristisches Massenphänomen.

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Time am 28. Juni 2015

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1) http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/terror-im-alleingang-das-muster-des-is-13672306.html

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