Wir müssen uns unser Überleben verdienen

Amir Eshel

Von Jörg Lau stammt ein Gespräch mit dem israelischen Luftwaffengeneral Amir Eshel aus der „Zeit“ (1).

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Der Luftkrieger

Nie war Israel so stark wie heute und doch so angreifbar – General Amir Eshel über das Land, dem er dient, und die moralischen Kosten des Krieges

„Wir haben keine Angst. Wir sind stark.“ Der General sagt das immer wieder. Doch dann schiebt er Sätze wie diese hinterher: „Wir sind nicht von Freunden umgeben wie Sie hier in Deutschland. Wir müssen uns unser Überleben immer wieder verdienen.“

Stärke und Verletzlichkeit liegen nur ein paar Atemzüge auseinander, wenn Amir Eshel, Sohn von Holocaust-Überlebenden, über sein Land spricht. Der drahtige Mann mit dem kurz geschorenen grauen Haar ist seit drei Jahren Kommandant der israelischen Luftwaffe. Als er sich vor fast 40 Jahren entschloss, Kampfpilot zu werden, war Israel noch immer vom Jom-Kippur-Krieg traumatisiert: Nur knapp war das Land einem vernichtenden Überraschungsangriff der Ägypter und Syrer – und damit dem Untergang – entkommen. Eine solche Attacke wäre heute undenkbar. Das liegt vor allem an der Luftwaffe. Wer sie führt, ist für die Israelis wichtiger als der Regierungschef. Kampfpiloten wie Amir Eshel werden verehrt. Die Luftwaffe ist die Lebensversicherung ihres Landes. Ohne Luftüberlegenheit gäbe es den winzigen Staat ohne Pufferzone und Hinterland längst nicht mehr.

Keine Macht in seiner Nachbarschaft kann es heute mit dem jüdischen Staat aufnehmen. Er gewinnt militärisch alle Auseinandersetzungen – wie zuletzt in Gaza. Einen anderen Kampf aber droht Israel zu verlieren: den um die öffentliche Meinung. Immer effektiver Kriege zu führen, die man immer schlechter erklären kann, das ist Amir Eshels Dilemma.

Der General hat seit Jahren kein Interview in internationalen Medien gegeben. Es spricht für den Ernst der Lage, dass er sich bei diesem Treffen in einem Berliner Hotel Zeit nimmt.

Es läuft nicht gut für das Land, dessen Sicherheit heute maßgeblich in Eshels Händen liegt. Das Verhältnis zu den Amerikanern hat Premierminister Benjamin Netanjahu ramponiert. Eine Boykottbewegung gegen die Besatzung des Westjordanlands gewinnt in Europa an Zustimmung. Die Weltmächte einigen sich womöglich mit Israels Erzfeind Iran über dessen Atomprogramm. Und die Vereinten Nationen werden in diesen Tagen einen Bericht über den letztjährigen Krieg im Gazastreifen veröffentlichen. Er wird, wie alle UN-Dokumente über Israel, sehr kritisch ausfallen. Wegen der vielen zivilen Opfer des Bombardements wird dann auch Amir Eshel als Luftwaffenchef im Fokus stehen.

Dann ist da noch die Sache mit Deutschland, nach den USA der wichtigste Partner Israels. Man hat zwar eben erst 50 Jahre diplomatische Beziehungen gefeiert, Eshel war mit dabei. Abseits von Feierlichkeiten jedoch macht sich wechselseitiges Unverständnis breit. Hinter verschlossenen Türen giftet man sich immer öfter an. Die Deutschen fordern: Schließt endlich Frieden mit den Palästinensern, beendet die Besatzung, und macht uns bitte nicht den Deal mit den Iranern kaputt! Die Israelis kontern: Ihr versteht unsere Region nicht, ihr wollt nicht sehen, dass die Palästinenser zu zerstritten für den Frieden sind, und ihr lasst euch von den Ajatollahs über den Tisch ziehen! Die Deutschen sehen heute vor allem Israels Stärke, die Israelis ihre neue Verletzlichkeit.

„Ich muss hier immer wieder erklären“, sagt der General, „wie sich ein kleines Land fühlt, dessen Existenzrecht immer noch bestritten wird.“ Israels Bedrohungslage, so Eshel, habe sich dramatisch verändert. Die arabischen Staaten, die es in der Vergangenheit hätten vernichten wollen, hätten teils mit Israel Frieden geschlossen wie Ägypten und Jordanien, teils seien sie zusammengebrochen wie der Irak und Syrien, teils befänden sie sich – wie die Golf-Monarchien – de facto „in einer stillen Allianz mit uns“ gegen die schiitische Vormacht Iran. Die wahre Gefahr gehe heute von „halbstaatlichen terroristischen Organisationen“ wie Hisbollah und Hamas aus: „Beide sind Teil der Politik in ihren Ländern, aber sie haben auch Zigtausende Raketen, Luftabwehr, sogar Drohnen. Dazu kommen noch der ‚Islamische Staat‘, Al-Kaida und andere Extremisten. Und alle haben Israel auf der To-do-Liste.“

Um Israel herum drohe der Krieg zwischen Sunniten und Schiiten die Region zu verzehren: „Der Iran steckt tief im irakischen Konflikt, ebenso in Syrien, im Jemen, in Bahrain und im Libanon. Hisbollah ist dort immer stärker geworden, weil der Iran sie als Stellvertreter aufbaut. Milliarden wurden in deren Bewaffnung investiert.“ Die Iraner, fürchtet der General, würden in den Verhandlungen mit den Weltmächten nur „taktische Zugeständnisse machen und die atomare Entwicklung allenfalls verlangsamen“. Auch die Araber verstünden, dass „wir alle von den Iranern in die Würgezange genommen werden“. Das Nuklearprogramm des Irans diene „der Unterstützung seiner regionalen Ambitionen“. Je länger der General über den Iran redet, umso mehr entsteht das Bild einer skrupellosen, aber rational agierenden Möchtegern-Großmacht. Der Iran, sagt er, habe aus dem Sturz Gaddafis gelernt, dass Atomwaffen immun machten. Mit anderen Worten: Das Atomprogramm ist ein Mittel des Überlebens und der Machtentfaltung. Der General spricht über Teherans Ambitionen nicht in apokalyptischen Tönen wie die israelischen Regierungsvertreter.

Vielleicht hat das damit zu tun, dass er der Herr über die Pläne ist, den Iran notfalls mit Gewalt zu stoppen. Israels Luftwaffe hat 1967 die arabischen Armeen durch einen Präventivschlag am Boden vernichtet. Sie hat 1981 einen Atomreaktor im Irak zerstört und 2007 einen weiteren in Syrien. Der Iran sei zwar ein anderer Fall, viel schwieriger durchzuführen. Doch ohne die Drohung mit dem Präventivschlag, davon ist der General überzeugt, hätte es keine Sanktionen und niemals ernste Verhandlungen mit dem Iran gegeben. Eshel hat immer wieder betont, für eine Bombardierung der iranischen Atomanlagen brauchte Israel nicht nur die technischen Fähigkeiten, sondern vor allem auch Legitimität. Je näher nun eine Einigung in den Atomverhandlungen rückt, um so unwahrscheinlicher wird es, dass Eshel die Pläne für einen Luftschlag aus dem Safe holen muss. Unglücklich wirkt er darüber nicht.

Er ist kein Scharfmacher. Aber auch er ist, wie nahezu die gesamte israelische Führung, in diesen Tagen unterwegs, um vor den Folgen eines schlechten Deals zu warnen. Weder in Washington noch in Berlin hört man diese Bedenken gern. Die Amerikaner und auch die Deutschen wollen fast schon verzweifelt den Erfolg der Verhandlungen, und sie haben sich damit, so sieht es General Eshel, in eine schlechte Verhandlungsposition gebracht: Unter dem Schutzschirm der Einigung mit den Weltmächten könnten die Iraner in der ganzen Region noch mehr provozieren – denn keiner wird den Deal gefährden.

Israel spüre den iranischen Machtwillen schon jetzt. Irans Klienten Hisbollah und Hamas könnten ihr erklärtes Ziel, Israel zu vernichten, zwar nicht auf direktem Wege erreichen, sagt Eshel. Ihre Strategie bestehe darin, Israel eine Kriegführung aufzuzwingen, „die unsere Legitimität untergräbt“. Sie hätten darum vor Jahren begonnen, „die gesamte militärische Infrastruktur in die Wohngebiete zu verlagern. Die Bevölkerung wird zum menschlichen Schutzschild. Viele Dörfer im Südlibanon werden derzeit in Militäranlagen mit unterirdischen Raketenstellungen, Gefechtsständen und Waffendepots umgebaut. So sieht es auch in ganzen Stadtteilen von Beirut aus.“ Aber ist es dann nicht falsch, so zu reagieren wie im vergangenen Jahr in Gaza, als unter massivem Bombardement in 50 Tagen über 2.200 Menschen starben, vermutlich die Hälfte davon Zivilisten? Tappt Israel so nicht in die von den Terroristen gestellte Falle?

„Was sollen wir denn bitte Ihrer Meinung nach tun? Stillhalten? Wir informieren die Bevölkerung durch verschiedene Maßnahmen und geben ihr eine Chance, sich in Sicherheit zu bringen. Wir rufen Menschen in den betroffenen Gebäuden an, wir schicken SMS, wir warnen mit leichten Explosionen vor, dass gleich ein Angriff kommt. All dies, um die Opfer unter Zivilisten zu reduzieren. Aber wir werden uns durch die unethische Kriegführung der anderen Seite nicht unsererseits Wehrlosigkeit aufzwingen lassen. Wenn ich die Gelegenheit habe, eine Kommandozentrale von Hamas mitten in einem Wohnblock in Gaza auszuschalten, dann zögere ich nicht.“

Wie oft kann man Kriege führen, in denen die Macht mit der überlegenen Feuerkraft als der hässliche Goliath erscheint?

Der General ist jetzt aufgebracht. Es gehe hier nicht bloß um PR. Verhältnismäßigkeit sei „nicht bloß wegen der Außenwirkung“ geboten: „Wenn unsere Operationen von den Soldaten nicht mehr mitgetragen werden, weil sie ihr Gesicht im Spiegel nicht mehr ertragen können, dann wird das ganze System erschüttert, dann sind wir am Ende. Wir wollen uns nicht selbst hassen müssen, wenn wir morgens in die Kaserne gehen.“ Die existenzielle Gefahr bestehe heute nicht in einem vernichtenden Angriff, sondern in einem „Abnutzungskrieg, der auf unsere Moral und Lebensweise zielt“.

Es treffe ihn persönlich, wenn er zu hören bekomme, „die Juden waren Opfer, und jetzt ergreifen sie die Gelegenheit, sich zu rächen“. Es ist das einzige Mal, dass Eshel laut wird: „Ich will keinen moralischen Rabatt! Die Welt muss sich unsere reale Situation anschauen. Dieser Konflikt hat nicht vorgestern angefangen. Es gibt keinen schnellen Ausweg. Das Militär kann nur Werkzeuge für die Politik bereitstellen. Ich glaube nicht an eine militärische Lösung. In diesem Krieg wird keine Seite je kapitulieren.“

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Time am 7. Juli 2015

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1) http://www.zeit.de/2015/25/israel-militaer-amir-eshel

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